laut.de-Kritik

Frau, wasch meine Wunden!

Review von

Krummsäbel klirren unter der Erde, der Kampf zwischen den Dunkelelfen tobt. Helden werden geboren, Helden sterben, und während das abtrünnige Spitzohr Drizzt Do'Urden und seine Raubkatze Guenhwyvar die Überzahl ihrer Gegner derbe dezimieren, streckt ein Dreizehnjähriger 1989 die Faust unter der Leselampe hervor. "We rule the night / We rule the night / We rule the night / You and I."

Drei Jahre hat "We Rule The Night" vom Album "Noble Savage" da bereits auf dem Buckel, doch die Komposition von Sänger, Komponist und Virgin Steele-Bandleader David DeFeis erhebt sich noch heute gottgleich aus dem Ozean, Poseidon-Style. Allein im kraftstrotzenden Opener vereint DeFeis die Gefühle ganzer Romane in Musik und Stimme. Hier liegen Hass, Sehnsucht, Schmerz und Sieg nur einen kurzen Atemzug, ein Break, eine Bridge, eine Bassdrum voneinander entfernt.

Kräftig und zerbrechlich zugleich reitet, liebt, lacht, schmeichelt und schreit David seine Zeilen über die pathetischen Power Metal-Arrangements der US-Truppe. Der perfekte Soundtrack also für die Geschichte von R.A. Salvatore über die zerrissene Gestalt des Dunkelelfen, gefangen zwischen Vergangenheit, Blutsbrüdern, Liebe und Ehre.

Fantasy-Bücher lesen, während gleichzeitig melodischer Metal aus dem Walkman dröhnt, war damals so spektakulär wie heute "Der Hobbit" in 3D. (Zur Einschätzung für die Jüngeren: Wir Fantasy-Freunde ejakulierten schon bei Filmen wie "Willow" auf VHS.) Immerhin schlägt die majestätische Musik von Virgin Steele alle Soundtracks der Tolkien-Streifen um Längen wie ein Zweihänder den Dolch. Auch wenn viele Metal-Heads Peter Jackson am liebsten Blind Guardian-Platten unter die Drachenbettwäsche gelegt hätten: Wahre Virgin Steele-Jünger wissen, wo Wulfgar Schädel spaltet.

A propos Schädel spalten: Vaddern verstand natürlich nie, dass man sich nicht auf zwei Sachen konzentrieren musste, sondern die harten Riffs und bombastischen Chöre vor allem die Story untermalten, ja intensivierten. Und zwar auf Dauerrepeat. Wenn beim Midtempo-Tune "Thy Kingdom Come" im ersten Refrain "And dream for tomorrow / Take my hand, we'll be free / Ancient kingdoms in the sunset / In the darkness of our years / Never fade" vor Ehrfurcht die Knie trotz Frotteebettdecke beben und der Herzschlag schon in so jungen Jahren kurze Zeit aussetzt, dann ist man im Buch, ist man selbst Drizzt, der Held.

Zwei Alben brauchten Virgin Steele, um 1986 ihren Sound zu finden: Klassischer NWOBHM trifft auf orchestralen Bombast. Zwei Alben, um mein Leben zu stören wie Michael Ende das von Tocotronic. Wenn du als Kind nicht Feuerwehrmann werden, sondern als Dunkelelf die Weltretten willst, musst du scheitern. 4 minus, setzen.

"Hope is born, a changeling dawn / Bringing strange power / Transform, change form / Blend mind and matter"

Doch auch in der tiefsten Verzweiflung heilt die Band alle Wunden. Im Titeltrack und ewigen Live-Höhepunkt heulen die Gitarren im Wind, und Virgin Steele variieren das Tempo nach Belieben, ohne an Power zu verlieren oder gar in Prog-Gefrickel abzudriften. In Bridge und Refrain zeigt DeFeis seinem Frust den Fickfinder: "I conquered evil", und die Faust bleibt oben unter der Decke, auch als das Licht der Leselampe erlischt.

In den letzten zweieinhalb Minuten ertönt noch ein eigener Song, so erhaben, dass andere davon ganze Alben lang zehren, so erhaben, dass man sich noch heute unwürdig fühlt, diesem als einfacher Bürgerlicher zu lauschen.

Überraschend kommt ein langsamer Abgesang nach dem wilden Treiben nicht. Auch der Frontmann himself sagte im Zuge seines dritten Metal-Oper-Projektes "Visions Of Eden": "Ich denke nicht, dass es eine Metal-Oper ist. Es ist in Wahrheit ein Soundtrack zu einem Film, der noch gedreht werden muss. Und, beim Zeus, eines Tages werde ich diesen Film machen."

1986 half eben die eigene Fantasie des Hörers und Lesers. In "I'm On Fire" stürmt man mit wehenden Haaren den Angreifern entgegen, angetrieben von überraschend straightem Hardrock und dem Wechselspiel aus spitzen Schreien und kehligem Gesang. Im Kampfgetümmel angekommen, lümmelt man sich nicht in den Graben, sondern schwingt die Schwerter dank des schnellen "Fight Tooth And Nail" und fightet bis aufs Blut. Trotz Übermacht. Keine Gnade.

Die obligatorische Power-Ballade – wir sind immerhin in den 80ern – lindert den Schmerz der Schlacht. Frau, wasch meine Wunden! Oder wie DeFeis teils sanft, teils als Rob Halford-Mariah Carey-Hybrid singt: "I made it clear, I need you here." Doch Obacht: So manche Dame hat "The Evil in Her Eyes".

Am Ende jedoch siegt der Held, das Kind schläft selig. Der letzte Track "Angel Of Light" umarmt sieben Minuten lang mit Streichern, Pauken und großen Melodien Freund und Feind und schließt ein großes Werk gebührend ab. Drizzt steigt aus der Unterwelt empor und erfährt die verdiente Liebe. Bis heute, immer und immer wieder. Selbst die laut.de-Hartwurst Edele schrieb nach der dritten Luftgitarrenstunde im Wortlaut: "Meilenstein".

Epilog:

Das folgende, glattgebügelt aber geniale Album "Age Of Consent" erhielt in meiner Erinnerung nur vier von sieben Punkten oder so im Metal Hammer, kurze Zeit sah ich mich meinen Musikschreiberhelden Götz Kühnemund – ja, damals noch nicht bei Rock Hard, glaube ich - mit einer Streitaxt zerhacken, der Fantasy-Einfluss, ihr wisst Bescheid. Und während Virgin Steele ihre Geschichte konsequent weiter sponnen, wechselte ich zum Punk und später zum Rap. Doch bis heute liege ich ab und an abends unter der Decke, lese, höre und fühle. We Rule The Night. Schlaft gut.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. We Rule The Night
  2. 2. I'm On Fire
  3. 3. Thy Kingdom Come
  4. 4. Image Of A Faun At Twilight (Instrumental)
  5. 5. Noble Savage
  6. 6. Fight Tooth And Nail
  7. 7. The Evil In Her Eyes
  8. 8. Rock Me
  9. 9. Don't Close Your Eyes
  10. 10. The Angel Of Light

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