laut.de-Kritik

Akustisches Clickbaiting auf Autotune.

Review von

"Ich war drei Jahre weg, weil alles scheiße lief." Im einleitenden "3 Jahre Weg (Intro)" setzt Veysel zur Vergangenheitsbewältigung an. Ohne konkrete Gründe zu nennen, verließ der Essener Anfang 2015 das Label Azzlackz. Natürlich weiß der Rapper, dass Hip Hop-Fans - wie ihre Mütter bei Royals und Adel - nach Gossip- und Beef-Geschichten ihrer Idole gieren.

Also wirft Veysel den ersten Köder aus: "Handy vibriert, ich heb' ab, es war Aykut, der sprach: 'Ich mach' dir baba Deal, du brauchst keinen Vertrag'. Hab' vertraut, zugestimmt und nicht weitergefragt." Doch Veysel bleibt vage: "Dass ich das Label verließ, hatte 'nen Grund." Um diesen zu erfahren, muss der Hörer dranbleiben. Die akustische Version von Clickbaiting.

Wohin die musikalische Reise geht, demonstrierte Veysel bereits ausgiebig in seinen Videoauskopplungen "Kleiner Cabrón" und "Bam Bam". Da die hiesigen Straßenrap-Claims mittlerweile abgesteckt sind, muss Veysel nach einer wenig bedienten Nische Ausschau halten. Während die Azzlackz dem Credo "Hart, aber herzlich" folgen, Alles Oder Nix für smoothe Songs mit 90er-Jahre-Bezug stehen und die 187 Strassenbande sich mit politisch unkorrekter Rohheit rühmt, setzt Veysel auf Gangsterrap mit Hitpotential.

Am konsequentesten setzt er seine Verkaufsschlager-Mentalität in "Besser Als 50 Cent" um. Obwohl Veysel wenig massentauglich seinen Lifestyle zwischen Schlampen und Schusswaffengebrauch zelebriert, generiert er mit etwas technischer Hilfe einen durchaus eingängigen Refrain: "Bruder, sag mal ehrlich, wer will keinen dicken Benz? Veysel schreibt die Hooks besser als 50 Cent." Über den Wahrheitsgehalt dieser Aussage mag jeder selbst urteilen, seine Fans goutierten das dazugehörige Video immerhin mit drei Millionen Klicks in den ersten drei Wochen.

"Album Nummer 2, jetzt ist Veysel ein Star", frohlockt der Hauptdarsteller noch auf "Besser Als 50 Cent", nur um im folgenden Stück missmutig zu unterstreichen: "Ficke jeden, der sich für ein'n Star hält." Ein weiteres Beispiel für die im Street-Rap nahezu obligatorischen Widersprüche. Zumindest wartet "Bargeld" mit weiteren Hinweisen zur eingangs erwähnten Klatsch-Schnitzeljagd auf: "Die Straße hat kein'n Beat, Deutschrap ist ein Spiel, weil jeder darin lügt. Für mich war das zuviel. Einer dieser Gründe, warum ich nicht unterschrieb." Veysel hält die Spannung hoch.

Wie so viele diesjährige Deutschrap-Veröffentlichungen krankt leider auch "Hitman" an grenzwertiger Software-Nutzung zur Tonhöhenkorrektur. Zu oft sitzt Veysel dem Irrglauben auf, Hip Hop mit Pop-Appeal hervorzubringen, in dem er seine komplette Vocal-Spur mit einer Autotune-Glasur überzieht ("Räuber und Gendarme", "Übernehmen"). Mit dieser Spielart könnte Veysel auch gleich bei der KMN Gang um Zuna und Miami Yacine vorstellig werden.

Neben allerhand Trap-Produktionen ("Bam Bam", Alles Geschmuggelt", "Bela Boyz", "Gib Ab") lugt "Geldklammer" mit ruhiger Spieluhr in Half-Time sowie scheinbar unumgänglichen Vogelgeräuschen ("Scurr, scurr, scurr, scurr.") in Richtung Cloud-Rap. Dabei ist die von allem Ballast befreite, ziellos vor sich hin wabernde, postmoderne Grundhaltung des Subgenres eigentlich der Jugend vorbehalten. Zumindest verkörpern Lil Pump oder Haiyti diese glaubwürdiger. Veysel bringt die erforderliche Lockerheit dagegen nicht mit: "Ich kann nicht anders, kann nicht auf der Stelle bleiben, sonst werden sie mir noch das Innere der Zelle zeigen."

Mit "Übernehmen" endet ein durchwachsenes Album, das zweifelsohne viele Anhänger begeistern wird. Und was ist ihm nun bei den Azzlackz widerfahren? Welche Vorkommnisse resultierten im dramatischen Bruch mit den Vorzeige-Frankfurtern? Veysel verzichtet auf die Auflösung des Cliffhangers, hält das im Intro gegebene Versprechen leider nicht. Auch in diesem Punkt gleicht "Hitman" also den gängigen RapUpdate-Klickködern.

Trackliste

  1. 1. 3 Jahre Weg (Intro)
  2. 2. Bam Bam
  3. 3. Alles Geschmuggelt
  4. 4. Besser Als 50 Cent
  5. 5. Bargeld
  6. 6. Kleiner Cabrón
  7. 7. Räuber Und Gendarme
  8. 8. Nichts Zu Verlieren (mit Macloud)
  9. 9. Bela Boyz (mit Torro West)
  10. 10. Gib Ab
  11. 11. Yakuza (mit Luciano)
  12. 12. Geldklammer
  13. 13. Spielgeld (mit Eunique)
  14. 14. Übernehmen

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6 Kommentare

  • Vor 12 Tagen

    Album ziemlich 08/15. Kein Plan woher dieser mini-Hype von Veysel her kam, aber seine Musik isses jetzt nicht wert.

  • Vor 12 Tagen

    Hab nur den ersten Track gehört. Langweilig.

  • Vor 12 Tagen

    Dadurch, dass Veysel bei 4 Blocks überraschenderweise zu den glaubwürdigsten Charakteren gehörte und auch so immer recht sympathisch war, ist seine jetzige Trap-Schiene komischerweise doch irgendwie verschmerzbarer als bei anderen, die auf den Zug aufspringen. Yakuza fand ich cool, Album hör ich mir trotzdem nicht an.

  • Vor 12 Tagen

    1/5 hämmere ich in die Tasten voller Enttäuschung

    Was ist das für ein schlecht produzierter Billigschrott??

    Audiovisuell war so gut, so frisch, so zeitlos und jetzt dieser gleichgeschaltete Rotz der nicht..überhaupt nicht gut klingt

    So funktioniert die gesamte Veysel-Marke null. Die haben da alle enorme Ladehemmung.So einen miesen Beatgeschmack mit zeitgleich ideen- wie lustlosen Auftritt hätte ich Veysel nicht zugetraut. Unter diesen Gesichtspunkten wirkt das durchwachsene Mosh-Album richtig gut und auf dessen Feature klingt Veysel auch so wie es sein muss

  • Vor 12 Tagen

    3/5 ja neeeeee...es gab zeiten da hätte mrs.fromm so einen dreck im vorbeigehen mit 1/5 vernichtet. wo sind bloß die zeiten geblieben, als sowas aus prinzip schlecht bewertet wurde? album is schrott...mixtape und album aus azzlackz zeiten von wesentlich höherer quali

  • Vor 9 Tagen

    Endlich mal was Neues! Endlich mal wieder ein Rapper, der Migrant ist und der damit prahlt, ein Gangster und der Geilste zu sein. So was gab es kaum bisher.