laut.de-Kritik

Komplizierte Gedanken, wahnsinnige Beats.

Review von

Irgendwie kennt doch jeder diese Art Freunde. Mit ihnen erlebt man die verrücktesten Dinge, hat eine super Zeit und nach den Trinkgelagen einen mordsmäßigen Kater. Mit ihnen hat man so viel Spaß, dass der Alltag oft einfach liegen bleibt. So oft, dass einem bewusst wird, dass es so nicht weitergehen kann. Für Veedel Kaztro sind diese Freunde "Frank Und Die Jungs": "Ich hab ein' Einfall wie ich all meine Probleme auf ein' Schlag beende doch vergess ihn, denn ich hab auf einmal wieder Frank am Handy".

Schon in den ersten Tracks wird deutlich, dass Veedel Kaztro diese Platte primär für sich geschrieben hat. Es scheint, als wäre ihm der Kopf etwas zu voll geworden. Also fährt er nach Berlin und schließt sich sechs Tage lang zusammen mit Teka, einem Teil des Deutsch-Rap derzeit umkrempelnden KitschKrieg Kollektiv, im Studio ein. Heraus kommt ein Album, das komplizierte Gedanken genauso einfängt wie den Sound von 2017. Jedoch mit ein paar Abstrichen.

Zur Beatlandschaft lässt sich eigentlich nicht viel sagen, außer: Wahnsinn. Teka tobt sich aus, spielt mit Boombap-Elementen genauso wie mit Trap-Raketen. Doch immer erklingt da dieses synthetische Universum, dessen Reggae-Wurzeln immer mal wieder an die Oberfläche treten. Er erschafft diesen so klassischen KitschKrieg-Sound, dessen Weltall-kalte Klänge einen warm umarmen und ganz sanft in die Tiefe der eigenen Melancholie tragen. Nicht umsonst rappt Veedel: "Kann mich endlich mitteiln, weil Teka einen Beat aufmacht".

Am dringendsten erscheint dabei die Auseinandersetzung mit seinem Umfeld. Einerseits sind seine Freunde wirklich "Gute Jungs". Keine "Karrieretypen so wie Trump oder Stalin / gedrillt von ihrem Ego oder Vati / doch die Jungs sind ganz anders, haben Herz und Verstand / aber leider werden sie verkannt". Andererseits merkt Veedel, wie sie ihn runterziehen: "Häng nur rum in schlechten Kreisen und du deutest nie die Zeichen / dieser Zug kann nur entgleisen / erst der Hype, dann altes Eisen / erst dein Freund, dann dein Feind". Doch er ist sich unsicher, ob er ohne das "Schulterklopfen" seiner Freunde überhaupt kann, wie er mit geborgten Tocotronic-Zeilen feststellt. Denn eigentlich sind diese Menschen schon ziemlich lang ein Teil seines Lebens.

Veedel treibt jedoch noch mehr um. Neben einer schmerzhaften Trennung in "Schlaf Nicht Ein", verarbeitet er in "Weg" die schmerzhafte Wut über den Suizid eines Freundes, den er bereits im letzten Büdchen Tape thematisierte. Dabei findet der Kölner poetische Zeilen, um seine Gefühle auszudrücken: "Und die Welt dreht sich weiter, genau wie zuvor, nur mit etwas mehr Schwermut in meinem Humor".

Auch Gesellschaftskritik findet ihren Weg auf die Platte. Veedel thematisiert das Gefühl der "Ohnmacht" gegenüber der Ungerechtigkeit der Welt und kritisiert gleichermaßen die eigene Verantwortung für ebenjene. "Einkaufen" bricht dabei völlig aus dem Rap-Kontext aus, statt sich reimender Lines trägt Veedel einen rhythmischen Text vor, der die Problematik unserer Gesellschaft in all ihrer Dringlichkeit verdeutlicht.

Er beschreibt, wie er in eines dieser "Shoppingdörfer" fährt und sich nach anfänglichem Unwohlsein bereits mit dem ersten Kauf völlig in das System integriert. Während er dann überlegt, ob er nicht in die Herstellungsländer fahren sollte, um die Menschen dort bei ihrer Arbeit zu entlasten, brechen Wörter aus ihm heraus, deren Ehrlichkeit erschütternd ist: "doch dann betrachtete ich und befühlte meine viel zu weichen, weißen Finger und mir wurde klar, dass ich mit dem Tempo der Menschen niemals mithalten könnte".

Zwar kommt die Message des Albums sofort an, doch irgendwie fehlt was. "Frank Und Die Jungs" wirkt leider an sehr vielen Stellen ziemlich ungeschliffen. Einige Textpassagen werden zu oft wiederholt und an anderen Stellen, wie beispielsweise in "Ohnmacht", klingt Veedels Gesangseinlage eher nach Vorsingen im Musikunterricht als nach leidenschaftlicher Musikalität. Auch wirken die Songs textlich zu überladen, was besonders bei Autotune-Effekten und cloudigen Beats zu einem stressigen Hörerlebnis führt. Auch der merkwürdige Party-Song "Arsch" hinterlässt keinen allzu glänzenden Eindruck.

Fast wünscht man sich, Veedel hätte sich bei der Produktion mehr Zeit gelassen, um so vielleicht die ein oder andere Textzeile noch zu streichen und den Beats etwas mehr Raum zu geben. So hätte vielleicht auch ein noch besseres Zusammenspiel zwischen Text und Beat stattfinden können, was an einigen Stellen leider ziemlich gepresst wirkt. Dennoch ist "Frank Und Die Jungs" ein Album, das zum Nachdenken anregt. Und das ist schon mal Einiges wert.

Trackliste

  1. 1. Frank Und Die Jungs
  2. 2. Ohnmacht
  3. 3. Gute Jungs
  4. 4. Schulden
  5. 5. Schulterklopfen
  6. 6. Weg
  7. 7. Glanz
  8. 8. Arsch
  9. 9. Schlaf Nicht Ein
  10. 10. Einkaufen
  11. 11. Rheinischer Singsang

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