laut.de-Kritik

Fantastische Bilder aus vergangen geglaubten Zeiten.

Review von

Zusammen mit den bluegrassigen Americana-Jungs von Old Crow Medicine Show und der zehnköpfigen Hippiekommune von Edward Sharpe gehen Mumford & Sons auf große US-Tour. Doch nicht wie üblich per Bus, sondern per Expressbahn.

Der erste Stop der Kolonne ist Oakland in Kalifornien. Scheinbar kaum angekommen legen hier die Zeros einen traumhaften Auftritt im Sonnenuntergang aufs Parkett."It's like we left all of our baggage at home and we just brought our instruments.", erzählen uns zwei Jungs der Mumford-Truppe.

Die drei Bands nutzen auf der Fahrt jede Gelegenheit zum Jammen und Proben; egal ob allein oder alle zusammen. So finden sich viele neue Spielereien und Eindrücke in den Songs wieder. Marcus Mumford beispielsweise erzählt von seiner neu entdeckten Liebe zur Countrymusik durch die "Old Crows". Außer der Mucke finden die Musiker gegenseitig auch noch andere Gemeinsamkeiten, die vielleicht nicht sofort ins Ohr springen: Flecken auf den Hosen der Mumfords und gemeinsam erlebtes Duschverhalten der anderen beiden Bands werfen als nette Anekdoten ein angenehm menschliches Licht auf die unwirklich scheinenden Szenerien des Films.

In San Pedro, ebenfalls in Kalifornien, geben sich Mumford & Sons schließlich das erste Mal im Film die Ehre. Immer öfter versammeln sich danach die Musiker in allen möglichen Kombinationen, um immer wieder aufs neue einen Ausflug in fremde musikalische Gefilde zu wagen und dies in ihr eigenes Spiel mit einfließen zu lassen. Bestes Beispiel dafür ist die von einer vorangegangenen Jamsession mit den Old Crows beeinflusste, Version von "All Wash Out", das die Zeros inmitten einer Einöde zum besten geben.

Tempe in Arizona wird schließlich zum Schauplatz einer leidenschaftlichen Darbietung von "Little Lion Man". Dabei immer im Hintergrund: Der Zug, in den alle Musiker unter lauten Zurufen der Fans wieder verschwinden, um in die nächste Stadt zu tingeln.

Nach insgesamt 1533 Meilen trudelt der Express ins texanische Marfa ein. Und endlich stellen auch die Jungs von Old Crow Medicine Show ihr Können unter Beweis. Passend zum texanischen Cowboy-Flair spielen sie hier ihren uralt klingenden Streichersound zu klassischen Zeilen über Tennesse und andere legendäre Orte der Countrymusik.

Kurz vor der texanischen Hauptstadt Austin gibt es den ersten unplanmäßigen Halt: ein Fan gelangt an Bord und wird - mitten in der Wüste - von der Polizei hinaus komplimentiert. Doch trotz dieser Überraschung bleibt alles beim Altbewährten: eine neue Stadt, ein neues Konzert. Wie in einer Miniversion von Woodstock spielen kurz darauf Edward Sharpe & The Magnetic Zeros vor ländlicher Kulisse ihren großen Hit "Home".

Passend dazu gibt es zwischen den Konzertaufnahmen kurze Szenen eines Ausflugs zum See. Wie bei einer großen Familie wird hier beieinander gesessen, geschwommen und gelacht.

Kurz darauf folgt eine etwas andere Szene: Mumford & Sons finden sich zusammen mit einer großen Marchingband in einer Turnhalle ein und bespielen sich anschließend gegenseitig mit Märschen und Folk. Natürlich ziehen anschließend alle zusammen auf die Straßen, um letztlich auf einer großen Bühne beides vor großem Publikum zu vereinen. Besonders sehenswert ist hier der gekonnte Schnitt des Regisseures Emmet Malloy, bei dem sich innerhalb eines Songs die gesamte Kulisse nach und nach verändert.

Nach mittlerweile 2477 Meilen findet sich die Zuggesellschaft in New Orleans, der Heimatstadt des Jazz zum letzten Mal zum großen Finale ein. Zusammen geben sie ein spannungsvolles Resümée ihrer Reise zum Besten. "This Train Is Bound To Glory" ist der Song, der sich immer wieder in den Aufnahmen zum Film findet. Aus zahlreichen Spielarten des Country, Folk und Jazz entsteht ein herrlich funkelndes Gesamtbild der etwas anderen Tournee. Mit ihrem Tanz, ihrem mitreißendem Spiel und ihren spannenden Jameinlagen jagen Old Crow Medicine Man, Edward Sharpe & The Magnetic Zeros und Mumford & Sons einen Höhepunkt nach dem anderen. Dazu gehören natürlich auch ausartende Soli von Akkordeon, Geige, Bass, Bläsern und Percussion bei dem sich so mancher Teil der großen Gruppe vor Begeisterung am Boden wälzt.

"Big Easy Express" ist eine wohlig-warme Verfilmung eines musikalischen Traumes: dem Leben auf Tour. Es wird wenig gesprochen und viel musiziert. Es geht um die Liebe zur Folkmusik und um die Romantik des Musikerlebens auf einer Reise von Kalifornien nach New Orleans. Über die vielen Klischees, die im Laufe des Films immer wieder an die Oberfläche treten, kann man bei soviel Liebe zum Detail locker mal ein Auge zudrücken. Denn schließlich erschafft der Regisseur mit lang vergessen geglaubten Techniken eine märchenhafte Geschichte, die jeden Folk-Fan mitten ins Herz treffen sollten.

Trackliste

  1. 1. Shoreline Railyards - Oakland, California
  2. 2. Ports O'Call - San Pedro, California
  3. 3. 5th & Farmer Raildepot - Tempe, Arizona
  4. 4. El Cosmico - Marfa, Texas
  5. 5. Plaza Saltillo Station - Austin, Texas
  6. 6. Woldenburg Park Xing - New Orleans, Louisiana

2 Kommentare

  • Vor 2 Jahren

    Science Fiction Of All Those Yesterdays

    sorry, komme nicht klar mit dem stoff. verklärte bilder aus einer zeit, die so nicht gewesen sein kann.
    sozusagen in auftrag gegeben von der "nordamerikanischen contry administration ". geeignet im vorabendprogramm aka "my little farm".

    neil young und crazy horse hatten neulich "americana" aufgelegt. das war wenigstens musikalisch interessant, weil alte kamellen gekonnt neu aufbereitet wurden.

  • Vor einem Jahr

    Fantastischer Film, der eine bemerkenswerte Tour aufmerksam und eindringlich beobachtet. Klar ist er ein wenig verträumt, aber was soll eine Reisereportage über amerikanische Country-, Folk- und Hippiekultur auch anderes sein?