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Unheilig sind seit zehn Jahren fester Bestandteil der Schwarzkittelszene, vor allem in den Clubs. Mit dem aktuellen Output "Grosse Freiheit" nehmen sie nun erklärtermaßen Kurs auf die Charts. Der kommerzielle Durchbruch soll endlich her.
Um ein Haar hätte diese Platte das mit Abstand beste Werk der Berliner werden können. Doch der Konjunktiv ist bewusst gewählt: Wie so oft zuvor stellt das Trio sich gern selbst lyrisch und musikalisch ein Bein. Doch zunächst zur positiven Entwicklung.
Bandchef Der Graf präsentiert auf dem siebten Album ausführlich seine emotionale und empfindsame Seite. In diesen Momenten ist die qualitative Entwicklung von Text und Musik unüberhörbar. Die erfolgreiche Vorab-Single "Geboren um zu leben" macht Spaß als typische deutsche Gruftballade inklusive leichtem Marschrhythmus und eingängigem Kinderchor im Refrain.
"Fernweh" überzeugt endlich auch mal stimmlich. Der leicht dreampoppige Gothrock-Stil verdrängt den ganzen aufgesetzten NDH-Kasperkram vergangener akustischer Schandtaten mühelos.
"Sternbild" vollbringt gekonnt den Spagat zwischen wohldosiertem Pathos und schmachtender Sehnsucht. "Heimatstern" ist sicherlich einer der besten Unheilig-Songs überhaupt. Natürliche, sehr gefühlvolle Vokals erzählen diese etwas andere Liebesgeschichte zu sanften, spanisch angehauchten Gitarren. Endlich hat der gute Graf sich mal seiner adligen Verpflichtung erinnert und einen gänzlich unkitschig blaublütigen Text geschrieben.
"Dein Horizont trägt Trauer, mein ganzes Leben lang. Dein Herz lag unter Feuer, bis es dann zerbrach. Schuld ist deine Krone, Die du ewig trägst. Und doch für alle Zeit, an mich weiter gibst. Oh, Du tust mir mannschmal weh. Trotzdem ist es schön, dich einfach anzusehen."
Mit "Für immer" haben sie sogar einen veritablen Clubhit im Gepäck, der erfreulicherweise authentisch nach Unheilig klingt und jedes Epigonentum außen vor lässt. Das Titelstück glänzt als schunkelnde kleine Perle mit hanseatischem Flair.
Sehr schade und höchst verwunderlich, dass man diese Highlights einmal mehr mit hochnotpeinlichen Düsterkram-Fettnäpfchen und sklavischer Rammstein-Kopie konterkariert. "Unter Feuer" z.B. wäre eigentlich ein echter Dancefloorkracher. Die totale textliche und stimmliche Lindemannisierung bei der man selbstverständlich nicht stirbt, sondern "in Blitz und Donner untergeht". Abwärts bedient sich derart kräftig beim frühen Tanzmetal der "Herzeleid"-Phase, dass man es locker für ein Outtake oder eine B-Seite der Pyrorocker halten mag.
In solchen Momenten löst Der Graf sich bedauerlicherweise vollends auf. Erkennbarkeit und Kontur von Unheilig verschwinden zugunsten eines Malen-nach-Zahlen-Abziehbildes ohne die geringste Spur künstlerischer Eigenständigkeit.
In den Strophen von "Seenot" kopiert er die Phrasierung des Rammstein Fronters dermaßen detailgenau, dass sogar letzterer sich fragen mag, ob er das nicht selbst sei. Ganz furchtbar unnötig und quälend für den Hörer! Denn, liebe Unheilige: Rammstein gibt es schon. Wer es braucht, wird zum Original greifen.
"Halt mich" ist ähnlich symptomatisch für das grundlegende Missverständnis vieler teutonischer Darkwave- und Neue Deutsche Härte-Combos: Das stumpfe Runterpegeln der Stimme zu einem unnatürlich tief gepressten und sehr verwitterten Sprechgesang macht ein Lied weder dunkel noch bedrohlich oder gar atmosphärisch. Es wirkt im Ergebnis lediglich unfreiwillig komisch. Da ist sogar der gute alte Muppet Graf Zahl ungefähr 100 mal Angst einflößender und gothischer als sein verkrampftes Berliner Pendant.
Solch musikalischen Harakiri hätten Unheilig nicht im mindesten nötig. Zumal: Auf der letzten Tour hatte man doch mit den erfrischenden Goja Moon Rockahs eine Band an der eigenen Seite, die es vormacht, wie locker, individuell und dennoch szenekompatibel man sich entwickeln kann. Vielleicht erleben wir ja noch alle gemeinsam den schönen Tag, an dem Der Graf seine künstlerische Integrität nicht mehr selbst mit Füßen und aus dem Schatten der Linde tritt.
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