laut.de-Kritik

Grandiose Mixtur für Oldschoolaholics.

Review von

Journalismus wurde vom Sprechgesang schon immer gerne thematisiert. Da muss man nicht mal Samy DeLuxe bemühen, der einst ziemlich sauer in Richtung damaliger Juice-Redaktion zurückurinierte. Bekäme jeder deutsche Rapper wirklich das oft proklamierte Backspin-Cover, die Zeitschrift hätte mehr Titelbilder als Leser. Aktiv ins Geschehen griffen dagegen unter anderem Fiva MC, ABS und Mike Crush ein, die ihre eigenen "Schlagzeilen" schrieben. Das hingegen reicht Umse 2008 nicht mehr.

"Ein Mann, Ein Wort" ist eher nicht das Ding des Shootingstars. Schon die sehr ordentliche Gratis-EP "Smart Und Weise" ließ erahnen, dass Umse genug zu sagen hat, seine eigene Zeitung zu füllen. So erscheint das "Rheinische Blatt" stilecht mit "Titelbild", "Wirtschaftsteil", "Kontaktanzeigen" sowie dem obligatorischen "TV-Programm". Das äußerst charmante Konzept alleine befiehlt einem schon förmlich, der Scheibe höchste Aufmerksamkeit zu schenken.

Das lässige Spiel mit Worten eines Aphroe verbindet Umse mit Dendemanns Augenzwinkern, kreativ servierte Blumentopf-Alltagsgeschichten mit einer sehr ordentlichen Reimtechnik. Und im besten Kommentar-Stil vermischt der Rapper stets persönliche Erfahrungen mit scharfsinnigen Beobachtungen. Eine Mixtur, die trotz der eigentlich strengen Konzeptvorgaben auf volle Albenlänge einfach Spaß macht.

Rapfans von '98 aufgepasst: Umse cuttet sich quer durch die deutsche 90er-Jahre-Szene, ungeachtet jeglicher Loyalität zu Lagern oder Städten. Wer alle Wordcuts erkennt, darf sich einen "Oldschoolaholic"-Button an den Rucksack pinnen. Alleine dafür wird die regierende Coolness den 25-jährigen hassen. Hip Hop-Clown, Ewiggestriger, so Oldschool als hätten Torch und Toni L bei ihm die Schulbank gedrückt. Diese Vorwürfe werden unausweichlich kommen, und sie treffen voll ins Schwarze.

Doch scheiß drauf: Umse ist auf der Reise wegen Beats und Flows ("Land Und Leute"), er sieht trotz Regen Sonnenschein ("Wetter"), treibt "Sport" nur noch auf der Bühne vor der Crowd und zollt den heute schändlich vernachlässigten anderen Säulen des Hip Hop Respekt ("Kultur"). Dieser Mann befolgt Curses "10 Rap-Gesetze" schon fast akribisch genau.

Man nehme die Lupe und suche Kritikpunkte: Mit den Beats zu "Wirtschaft" und "Wissen" langweilt Labelkollege Deckah ein wenig, kaschiert den Fauxpas allerdings umgehend mit den Brechern "Land Und Leute" und "Sport". Auch die übrigen Beatbastler - Firstar, Tesk und DJ Radrum - liefern durch die Bank Instrumentals ab, die smooth und kraftvoll zugleich sind. Sampling statt der allgegenwärtigen Synthies, das spuckt dem Zeitgeist noch zusätzlich ins Gesicht.

Aber sonst? Auf Dauer strengt die Flut von Wordcuts, die selbst dem frühen Sepalot noch Schamesröte ins Gesicht triebe, den Hörer vermutlich ziemlich an. Und mir persönlich fehlt stellenweise der emotionale Tiefgang. Trotzdem: eine sehr gelungene Drucksache, diese "Rheinische Post" - kurzweilig, witzig, sympathisch. Fünf Alben dieses Formats pro Jahr, und deutscher Rap ist von den "Todesanzeigen" so weit entfernt wie Umse von einem eigenen Juice-Cover.

Trackliste

  1. 1. Titelblatt
  2. 2. Politik
  3. 3. Wirtschaft
  4. 4. Land Und Leute
  5. 5. Kultur
  6. 6. Wissen
  7. 7. Sport
  8. 8. Kontaktanzeigen
  9. 9. Stellenangebote
  10. 10. TV-Programm
  11. 11. Wetter
  12. 12. Todesanzeige

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LAUT.DE-PORTRÄT Umse

"Es braucht halt seine Zeit, bis die Soundästhetik reift." Umse hat die Ruhe weg. Während seine Fans seinem neuen Album entgegenfiebern, bastelt er …

28 Kommentare

  • Vor 9 Jahren

    Drei Jahre nach der Download-EP „Smart und weise“ und einem Auftritt als „MySpace-Most Wanted“ auf dem HipHop-Open 2007 veröffentlichte der Ratinger MC Umse dieser Tage sein Debüt-Album „Rheinisches Blatt“ über Tunnelblick Music.

    Neben einem liebevoll gestalteten Booklet im Stile einer Tageszeitung besticht das vorliegende Album auch durch eine gelungene musikalische Umsetzung des Konzeptes, in den einzelnen Tracks die Themen einer typischen Tageszeitung abzuhandeln. So nimmt sich Umse unter anderem gekonnt den Themen „Politik“, „Wirtschaft“ und „Wissen“, aber auch „Sport“, „Kultur“, „Kontaktanzeigen“ und „TV-Programm“ an. Dabei zeigt der Protagonist auf Beats von Deckah, Firstar, Tesk und DJ Radrum große Detailverliebtheit und verteilt implizit wie explizit („Kultur“) Respekt an die vier Elemente des HipHop ohne dabei die inhaltlichen Vorgaben der Songtitel zu verfehlen, welche er mit einem stets zwinkernden Auge erfüllt.

    Besonders die Verwendung zahlreicher Vokal-Schnitte aus der ersten goldenen Ära HipHops deutscher Machart machen „Rheinisches Blatt“ zu einem HipHop-Album klassischer Prägung, mit welchem die Fans der ersten Stunde definitiv ihre Freude haben werden. Die eher „oldschool“ gehaltenen instrumentalen Unterlagen für Umses künstlerisch wertvolle Texte tragen ebenfalls ihren Teil dazu bei. Jedoch sei auch jenen, die der sich ständig wiederholenden Synthie-Bretter langsam überdrüssig werden, der Kauf von „Rheinisches Blatt“ wärmstens ans Herz gelegt. Nicht zuletzt dank des bereits eingangs mit Lob bedachten Booklets bekommt der Konsument hier einen wirklichen Gegenwert für sein Geld.

    Wertung: 4/

    Quelle (http://herrmerkt.blogspot.com/2008/09/umse…)

  • Vor 9 Jahren

    Drei Jahre nach der Download-EP „Smart und weise“ und einem Auftritt als „MySpace-Most Wanted“ auf dem HipHop-Open 2007 veröffentlichte der Ratinger MC Umse dieser Tage sein Debüt-Album „Rheinisches Blatt“ über Tunnelblick Music.

    Neben einem liebevoll gestalteten Booklet im Stile einer Tageszeitung besticht das vorliegende Album auch durch eine gelungene musikalische Umsetzung des Konzeptes, in den einzelnen Tracks die Themen einer typischen Tageszeitung abzuhandeln. So nimmt sich Umse unter anderem gekonnt den Themen „Politik“, „Wirtschaft“ und „Wissen“, aber auch „Sport“, „Kultur“, „Kontaktanzeigen“ und „TV-Programm“ an. Dabei zeigt der Protagonist auf Beats von Deckah, Firstar, Tesk und DJ Radrum große Detailverliebtheit und verteilt implizit wie explizit („Kultur“) Respekt an die vier Elemente des HipHop ohne dabei die inhaltlichen Vorgaben der Songtitel zu verfehlen, welche er mit einem stets zwinkernden Auge erfüllt.

    Besonders die Verwendung zahlreicher Vokal-Schnitte aus der ersten goldenen Ära HipHops deutscher Machart machen „Rheinisches Blatt“ zu einem HipHop-Album klassischer Prägung, mit welchem die Fans der ersten Stunde definitiv ihre Freude haben werden. Die eher „oldschool“ gehaltenen instrumentalen Unterlagen für Umses künstlerisch wertvolle Texte tragen ebenfalls ihren Teil dazu bei. Jedoch sei auch jenen, die der sich ständig wiederholenden Synthie-Bretter langsam überdrüssig werden, der Kauf von „Rheinisches Blatt“ wärmstens ans Herz gelegt. Nicht zuletzt dank des bereits eingangs mit Lob bedachten Booklets bekommt der Konsument hier einen wirklichen Gegenwert für sein Geld.

    Wertung: 4/6

    Quelle (http://herrmerkt.blogspot.com/2008/09/umse…)

  • Vor 9 Jahren

    mal zum vergleich, was würdest du denn "smart und weise" für eine wertung geben, herr merkt?