Da sind die Träume, da ist die Sehnsucht. "Und nun geht er ganz dicht an den Schaufenstern lang / und überprüft darin seinen Cowboy-Gang", beschrieb Udo Lindenberg 1974 im Song "Cowboy Rocker" die Gefühle eines suchenden Heranwachsenden. Am Song-Ende ruft er, auf der Moto Guzzi sitzend, seinem geliebten Mädchen zu: "Hey Baby, steig auf / Lass' uns nach Las Vegas, die Sonne putzen!" Lindenberg setzte die Gedanken, Hoffnungen und Verletzlichkeiten der Jugend meisterhaft um.
Manche/r träumt den Traum, wenigstens einmal die Sonne zu putzen, Großes zu erreichen und Wunder zu erleben, einer kam ihm künstlerisch sehr nah in jenen frühen siebziger Jahren. Doch die Geschichte des Udo Lindenberg schien bereits geschrieben.
Nun kommt "Stark Wie Zwei" als Lebens-Zusammenfassung voller Beobachtungen und Erkenntnissen und den stärksten Songs seit Lindengedenken. Mit der Start-Nummer "Ich Zieh Meinen Hut" bietet der Künstler einen ungeschminkten, hautnahen Rückblick auf Fehlnisse seines bisherigen Lebens. Vor allem aber fungiert er als Dankeschön an eine treue, hilfreiche Hand, die stets für ihn da war, auch in finsterster Nacht. In der ersten Single-Auskopplung "Wenn Du Durchhängst" winkt von fern der Udo-Klassiker "Horizont".
Für die ewige Hoffnung, die Sterblichkeit bedeute nicht das Ende, hält der Hamburger einen neuen, faszinierenden Grundgedanken bereit. In tiefer Trauer drückt Udo die geforderte Münze in die skelettierte Hand Charons, dem dunklen Fährmann des Todes. Für ihn dennoch kein endgültiger Abschied: Denn könnte es sein, dass Kraft und Energie der geliebten, entschwundenen Person auf ihn selbst überspringen? In diesem Falle wäre man dann "Stark Wie Zwei", wie der Titel-Song tröstlich vermittelt.
Rockig und mit groovenden Beats unterlegt, unterhält die Silbermond-Kollaboration "Der Deal" prächtig. Die zauberhafte Steffi Kloß und der Altrocker gäben ein gutes Paar ab - wenn sie denn wollten. Ihre Übereinkunft lautet allerdings: Mögen ja, lieben nein. Aus dieser selbst gezogenen Grenze besteht der Deal. Beide wissen: "Richtige Liebe ist zu gefährlich". Zwischen beiden knistert es, doch "Nur ein bisschen / Aber nicht zu viel". Freundschaft ist dem Alten wichtiger als das flüchtige Abenteuer.
Das Album begeistert neben Lindenbergs künstlerischer Wiederaufstehung besonders durch die Arbeit des Produzenten Andreas Herbig (u. a. Ich & Ich, Jennifer Rostock, A-ha). So klingt "Stark Wie Zwei" zwar zumeist wie ein klassischer Udo der siebziger Jahre, doch behutsam aufgefrischt und mit gut dosierten, zeitgemäßen Neuerungen ins Heute transferiert. Die musikalische Frischzellenkur scheint auf seine Text-Arbeit ebenfalls positiv abgefärbt zu haben.
Der in den vergangenen Jahren oft gequält und gekünstelt wirkende, ganz speziell schnoddrige Lindenberg-Jargon hält sich zurück und macht einer ernsthaften Umsetzung der Song-Themen Platz. Für den dann und wann nötigen Spaß findet der Künstler ebenfalls das passende Vers-Reim-Händchen. Wortspiele klingen endlich wieder pfiffig und und originell.
"Ganz Anders" präsentiert Jan Delay als Gaststar. Eigentlich ein Besprechungsfall für die geschätzte Kollegin Dani Fromm, da ich, vorsichtig formuliert, nicht der größte Fan des Hip Hoppers bin. Die Überraschung: Diese Zusammenarbeit enthält so viel mitreißende Elemente, dass ich mich gern begeistern lasse. Nuschel-Nöhler Lindi und Hip Hop-Fistel Jan - eine prächtige Kombination mitsamt zupackenden Beats. Und im Fade-Out beweist Jan Delay gutes Gespür für Funk und Atmosphäre.
Der herrliche Drogenhund-Nonsens "Chubby Checker" mit dem unverwechselbaren Helge Schneider entpuppt sich als weitere Klasse-Nummer: Ein Piano klimpert, Nebengeräusche schleichen sich ein, und ein flauschiger Jazz-Teppich lädt zum vergnügten Verweilen ein. Dass Rock'n'Roll und graue Schläfen sich nicht ausschließen müssen, beweist "Der Greis Ist Heiss". Gewisse Verlangen bleiben stets präsent, egal, in welchem Alter: "Baby, Baby / Gewähr mir mal / Den Gnadenstoß". Udos "Interview Mit Gott", fraglos gut gemeint und akzeptabel in Szene gesetzt, erinnert ein wenig an frühere, blauäugige Interventionen der Marke "Wozu Sind Kriege Da?".
"Nasses Gold" ist musikalisch wie textlich die wohl faszinierendste Lindenberg-Umsetzung zum Thema Alkohol seit "Unterm Säufermond". Der Künstler pfeift auf gesundheitsapostelige political correctness, denn er selbst weiß ohnehin nur zu genau, dass die "Gefährliche Whiskybraut" stets ein drohendes Messer im Gewande führt. Doch was wäre die Kunst ohne den heiß geliebten, hochprozentigen Stoff? Zu Recht verweist der Sänger hier auf Charles Bukowski. Und Alltags-Überleben ohne Sprit ist eine schwere Sache, besonders in diesen Tagen.
Für die "Verbotene Stadt" erschafft Trompeter Till Brönner eine stimmungsvolle, transparente Sound-Kulisse. Der Alben-Abschied winkt dem Hörer ruhig-zurückhaltend hinterher, und "Der Astronaut Muss Weiter".
Nein, Udo Lindenberg muss heute nicht mehr danach streben, eine weit entfernte "Sonne zu putzen". Sie ist ihm ohnehin längst nicht mehr so fern wie in jenen Tagen, als ein scheuer Cowboy-Rocker Selbstbewusstsein aus spiegelndem Schaufensterglas schöpfen musste. Das wahre Erkenntnislicht ist ihm heute - und mit diesem fantastischen Album - sehr viel näher. Etwa in Form einer mild wärmenden Abendsonne, die wohlwollend die Fenster einer gewissen Präsidenten-Suite in Hamburgs Atlantic-Hotel beleuchtet. Denn Udo weiß: Zur Erfüllung von Träumen und Sehnsüchten langen oft genug die vermeintlich kleinen Dinge.
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Bin interessiert, was laut zu Stark wie Zwei von sich gibt, nachdem eigentlich alles schon irgendwo nachzulesen ist





