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Es ist ein schwieriges Unterfangen, zu erklären, warum man eine U2-Platte gut findet, obwohl man sie dann doch nur zehn Mal hört und ins Regal stellt. So gings mir mit "How To Dismantle An Atomic Bomb", das ich 2004 zu allem Überfluss auch noch in die Nähe des U2-Überalbums "Achtung Baby" rückte.
So weit konnte es kommen, weil die Platte im Rückblick einfach um Längen besser geriet als die bloße Stadionrock-Rückbesinnung "All That You Can't Leave Behind" (2000) und kein Mensch damals ahnen konnte, dass U2 irgendwann mal wieder so was wie Mut oder gar Risiko in Sachen Songwriting entwickeln würden.
Gestört hats niemanden, weil ja die U2-People, die das 80er-Manifest "The Joshua Tree" dem Ideen-Feuerwerk "Achtung Baby" vorziehen, eh klar in der Mehrheit sind und die Band für ihre letzten beiden Alben sage und schreibe 15 (!) Grammy-Auszeichnungen eingefahren hat.
All diese Fakten sprächen eigentlich dafür, den bereits überaus bequemen Treppenlift ins Rock'n'Roll-Nirwana noch etwas auszustaffieren. Stattdessen blicken U2 auf den Horizont des laut.de-Haussees, halten inne, wie man es im gesetzten Alter eben tut, um dann aus völlig irrationalen Motiven ins kalte Wasser zu springen.
"No Line On The Horizon" bringt sie tatsächlich wieder alle zusammen. Die Puristen, die Analysten, die vergraulten Zweifler und Missionarsmüden, ewige Joshua-Freunde und hartgesottene Baby-Liebhaber, Krautrock-Fans und Radio-Mitsummer.
Krautrock? Gut, wir wollen mal nicht übertreiben, zumal am selben Tag das neue Faust-Album erscheint. Aber ganz offenkundig hat ihr erstmals ins Songwriting miteinbezogene Langzeit-Producer Brian Eno mit den Jungs mächtig an der Atmosphäre geschraubt und teilweise gar krautig anmutende, schwer kontemplative Soundscapes gebastelt, die es so vorher bei U2 nicht gab ("Fez - Being Born", "White As Snow", "Cedars Of Lebanon").
Dass das frühe Treffen mit "dem weisen Rick Rubin" (Larry Mullen) keine Früchte davon trug, weil dessen Aufnahmeteam "nicht einfach nur rumhockt und wartet, dass was passiert", ist schon beim Auftakt scheißegal.
"No Line On The Horizon" begnügt sich mit zwei Akkorden, die Bono für den furiosesten Albumstart seit (sorry) "Achtung Baby" nutzt, bevor die Monotonie im Refrain sanft aufgebrochen wird und Edge in der zweiten Strophe mit viel Gefühl die Zügel lockert. Nicht zu vergessen bereits hier Enos fliegende Synthieteppiche, auf denen die Band sich es sogar erlauben kann, einen geilen "Oh-oh-oh-oh"-Part à la "Pride (In The Name Of Love)" einzustreuen.
Schon hier wird deutlich: Es regiert nicht mehr der Wille, unbedingt etwas beweisen zu müssen. Man ist vielmehr stolz auf die eigene Historie und nutzt nur das Beste aus sämtlichen Schaffensphasen als Ausgangsmaterial für neue Experimente. "The sweetest melody is the one you haven't heard", wie Bono an einer Stelle selbst feststellt.
Endlich hat man auch nicht mehr ständig das Gefühl, die Band diene dem Sänger vor allem als Vehikel seiner Aktivistenparolen. Schon in der Single fand sich die Zeile "I don't want to talk about the wars between the nations". In "Stand Up Comedy" parodiert er sich stellenweise selbst ("Josephine, be careful of small men with big ideas"), was sehr passend mit dem ungestümen Funkrock zusammen geht.
Die Nummer klingt frappant nach einem Chili Peppers-Rip-Off, Jahrgang "By The Way", obwohl The Edge weiter hartnäckig behauptet, nicht zu Herrn Frusciante, sondern zu Nick Zinner (Yeah Yeah Yeahs) aufzuschauen. Was man aber auch anderswo nicht merkt.
Anderswo erinnert die Gitarrenarbeit nämlich höchstens an The Edge und zwar an jenen von so ziemlich allen Jahrgängen. "Magnificent" ist einer dieser tricky Poprock-Songs, den U2-Fans lieben und U2-Hasser hassen. Mit der wirren Vorabsingle "Get On Your Boots", die viel suchte und wenig fand, hat das Album nicht mehr allzu viel gemein.
Zwar ist mir der Refrain der Halb-Ballade "Moment Of Surrender" und Edges komisches Mark Knopfler-Solo dann doch too much, aber Bonos Herzblut in den Strophen macht das fast schon wieder wett.
Außerdem folgt gleich danach "Unknown Caller", der beste Song der ersten Hälfte, mit riesigem "Joshua Tree"-Ausrufezeichen und einem epischem Edge. Das Krautrock-Gefasel vom Textanfang greift dann erst mit "Fez - Being Born" so richtig: Hätten es die Jungs nicht schon in Interviews verraten, würde man als Rezensent nun mutmaßen, dass die irische Millionärstruppe in der marokkanischen Stadt einfach mit den Instrumenten auf den Studio-Hof gegangen ist und unter freiem Himmel in den Tag hinein gespielt hat.
Dieses Gefühl der Entfesselung reicht von den ambienten Stücken "Fez - Being Born", dem grandiosen "White As Snow" über das klassische "Breathe" hin zum atemberaubend-minimalen "Cedars Of Lebanon", getragen von einer Art Spoken Word-Performance Bonos.
Was lernen wir daraus? Hinterm Lebenswerk gehts eben doch weiter. Und die Worte von Basser Adam klingen plötzlich gar nicht mehr abenteuerlich: "Ich mag eigentlich keine Akkordwechsel. Wenn ich nur eine Note rhythmisch anspiele, und genau dies wieder und wieder tue, für immer … das ist Glück. Das ist wahres Glück für mich".
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