laut.de-Kritik

Ist der Status zementiert, singt es sich ganz ungeniert!

Review von

Ist der Status zementiert, singt es sich ganz ungeniert! Diesem Motto folgten vergangene Woche die Rolling Stones, die auf "A Bigger Bang" gute alte Rock'n'Roll-Hausmannskost servieren. Jetzt tritt Tracy Chapman in ihre eigenen politisch und sozial engagierten Songwriter-Fußstapfen. Im Gegensatz zu den Stones hinterlässt sie mit ihrem neuen Album jedoch keine erkennbaren Spuren.

Mit akustischer Gitarre und gekonnter Melodieführung führt der Opener "Change" in ihre Welt aus empfindsamer Melancholie, trotzigem Aufbegehren und sensibler Reflexion. Die erste Singleauskopplung präsentiert sich locker-flockig-rockig. Ein klassischer Tracy Chapman, der beim ersten Hören überzeugt. Mit von der Partie: Red Hot Chili Peppers-Bassmann Flea, der dem Song einen sanften Tiefton-Druck verleiht. Gitarrist Joe Gore (Tom Waits, PJ Harvey, Eels) heizt dem Song dezent elektrisch ein. Produziert hat übrigens der hinlänglich bekannte Tchad Blake, der seine Qualitäten u.a. bei Peter Gabriel, Pearl Jam, Tom Waits, Bonnie Raitt, Elvis Costello und Los Lobos unter Beweis stellte.

Mit "Change" hat sich das kreative Potenzial von "Where You Live" jedoch schon erschöpft. "Talk To You" ruht ebenso träge wie "3000 Miles" auf dem Balladenbett, ohne sich im Schlaf umzudrehen. Auch nach mehrmaligem Hören kann ich diesen vor sich hin schlurfenden Songgreisen nichts abgewinnen. Ebenso ungreifbar und belanglos verhalten sich "Going Back" und "Don't Dwell". Diesen Möchte-Gern-Liedern fehlen die Hooklines, die Wiedererinnerungseffekte, die Ohrwurm- oder sonst irgendwie geartete Qualitäten. Es sind akustische Statements für eine bessere Welt oder gegen dies und das, die keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Sie sind einfach, ohne zu verweilen. Sie leben im Moment und werden schon während des Hörens wieder vergessen.

Erst mit "Never Yours" wird es etwas besser. Auf "America" hat Tracy dann endlich wieder was zu sagen. Musikalisch und auch textlich. "America" thematisiert 'die eskalierenden materiellen und moralischen Opfer des westlichen Imperialismus' und bereitet das Thema musikalisch halbwegs ordentlich auf. Aber auch diese Songs können den beklagenswerten Gesamteindruck nicht mehr retten.

Reduziert und sparsam offenbart sich "Love's Proof", der die oben erwähnte Mängelliste um Einfallslosigkeit und Unbedeutsamkeit ergänzt. "Before Easter" ist im Mid-Tempo-Bereich angesiedelt und gehört zu den besseren Songs, wobei auch er sich den gemachten Vorwürfen vorbehaltlos ausliefert. "Taken" ist mit Allerwelts-Singsang und uninspirierter Gitarrenbegleitung schlichtweg schlecht. Mit "Be And Be Not Afraid" schunkelt uns Tracy Chapman unbefriedigt aus ihrem siebten Studio-Album.

Es fehlen die melodiösen, harmonischen oder rhythmischen Anker. Die Dinge, die sich ins Gedächtnis einfräsen, die Hooks, die einen nicht mehr loslassen oder sonst halt irgendwas, an dem man sich festhalten kann. Das liefert leider nur der Opener "Change", und in Ansätzen "America". Der Rest schrammelt einfallslos vor sich hin. Natürlich ist, wo Tracy Chapman drauf steht, auch Tracy Chapman drin. Aber zum Meilenstein ihrer Karriere wird "Where You Live" sich nicht aufschwingen. Es gibt leider außer der Single "Change" keinen Song, der einen Kauf rechtfertigen würde.

Trackliste

  1. 1. Change (Album Version)
  2. 2. Talk To You (album Version)
  3. 3. 3,000 Miles (album Version)
  4. 4. Going Back (album Version)
  5. 5. Don't Dwell (album Version)
  6. 6. Never Yours (album Version)
  7. 7. America (album Version)
  8. 8. Love's Proof (album Version)
  9. 9. Before Easter (album Version)
  10. 10. Taken (album Version)
  11. 11. Be And Be Not Afraid (album Version)

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8 Kommentare

  • Vor 11 Jahren

    Wie es scheint haben dieses Album nicht viele im Regal stehen...
    Schade eigentlich.
    Ich muss sagen, dass Miss Chapman eine wunderbare Platte gelungen ist.
    Vielleicht mag sie diejenigen nicht überzeugen, die sich gern bedudeln lassen und Musik nur im Hintergrund laufen lassen, um der Stille zu entgehen. Aber, das kann mir egal sein. Ich will hier ja nicht missionieren.
    Ich liebe Tracy's Art, ihre Musik. Sehr gefühlvoll. Zurückhaltend und doch entschieden. Poetisch. Einfach und dennoch in ihrer Einfachheit virtuos.
    Das sind meine Eindrücke.
    Ich danke für's lesen.

  • Vor 11 Jahren

    Ichfinde auch das das neue Album klasse ist. Es sind zwar außer "Change" und "America" keine Knaller-Hits, aber alle Songs sind echt Tracy, und schließlich ist es das was sie ausmacht, oder?

  • Vor 11 Jahren

    Ich habe mir das Album gleich am Erscheinungstag gekauft. Und ich muss sagen, dass es nachhaltig auf mich wirkt. Ich kann es immer und immer wieder hören.
    Ich würde sogar soweit gehen, es als Tracy's bestes Album seit den letzten zehn Jahren zu deklarieren.