laut.de-Kritik

Facettenreichtum auf allen Ebenen.

Review von

Weniger ist mehr, hört man aus Mündern derer, die die reduzierte Überschaubarkeit einer überladenen Unübersichtlichkeit vorziehen. Tori Amos setzt dagegen: mehr ist mehr! Das äußert sich nicht nur in der Inszenierung ihrer Person auf Vorder- und Rückseite des Cover-Artworks, das sie in der Rolle von fünf verschiedenen Kunstfiguren zeigt. Tori ist Pip, Santa, Isabele und Claude, die allesamt an Göttinnen der griechischen Mythologie angelehnt sind, und natürlich die wahrhaftige Tori, die ihr neuntes Album selbst komponiert und produziert hat. Dieses Bild einer multiplen, mit allen Tugenden ausgestatteten Persönlichkeit verweist auf die Komplexität der Frau, die sich einer konkreten Zuordnung entzieht.

Tori Amos spricht einem differenzierten Feminismus das Wort, dessen Konzept sich auch auf das Ausmaß des Albums auswirkt; 23 vielseitige Lieder, einige davon recht kurz, erwarten den geneigten Hörer. Facettenreichtum auf allen Ebenen.

Auch wenn "American Doll Posse" ein teilweise üppig instrumentiertes Band-Album ist, steht der Börsendorfer-Flügel nach wie vor im Zentrum. Ganz sanft setzt sie ihn im Opener "Yo George" ein, um mit George Bush abzurechnen. So vehement politisch artikuliert Tori Amos sich später nur noch in "Dark Side Of The Sun". Der rhythmisch-fröhlichen Stomp-Nummer "Big Wheel" folgt die an die 80er Jahre erinnernde, flächig mit Synthesizer instrumentierte Single "Bouncing Off The Clouds" und das von Rock-Gitarren getragene, übersteigerte "Teenage Hustling". Ungewohnt breiter Einsatz von E-Gitarren findet sich auch in "You Can Bring Your Dog", "Body and Soul" oder dem verstörenden "Code Red". Die verschlungenen Melodiebögen und die außergewöhnliche Stimme Toris funktionieren auch im Rock-Kontext prima.

Wer die intime, unmittelbare Tori Amos mag, kommt im weiteren Verlauf auf seine Kosten. Ruhigeren Stücken wie dem wunderbaren "Digital Ghost", dem großartig arrangierten "Mr. Bad Man" oder dem mit Beatles-Harmonien ausgestatteten "Programmable Soda" schließen sich eindringliche Balladen wie das mit Streichern unterlegte "Girl Disappearing", "Father's Son", "Roosterspur Bridge" und "Almost Rosey" an. Da ist es wieder, das Klavier spielende Mädchen von einst, das sich viele zurück gewünscht haben. Zwischen diesen grandiosen Momenten stößt man auf eher unauffällige Pop-Songs ("Secret Spell", "Beauty Of Speed") und kurze, aber nicht weniger beeindruckende Nummern wie das verspielte, tangolastige "Velvet Revolution" oder das aggressive Sprechstück "Fat Slut", das nach 41 Sekunden plötzlich abbricht.

Es ist ein gewaltiger Output, den die mittlerweile 43-jährige Tori Amos auf "American Doll Posse" dem Hörer präsentiert. 23 Lieder, die sich durch unangestrengte Vielseitigkeit auszeichnen und Absehbarkeit konzeptuell vermeiden. Trotz dieser Fülle an Songs bleibt das Werk jederzeit popaffin und zugänglich und offenbart das enorme Können einer Künstlerin, die höchsten popmusikalischen Ansprüchen gerecht wird.

Und wenn allenthalben zu lesen ist, dass zu viele Songs einer intensiven Aneignung eher hinderlich sind, so freue ich mich daran, mal wieder ein 80-minütiges, langlebiges Pop-Album in Händen zu halten, das sein hohes Niveau über ganz weite Strecken hält. Ist ja schon selten genug der Fall. Und manchmal ist mehr eben doch mehr.

Trackliste

  1. 1. Yo George
  2. 2. Big Wheel
  3. 3. Bouncing Off Clouds
  4. 4. Teenage Hustling
  5. 5. Digital Ghost
  6. 6. You Can Bring Your Dog
  7. 7. Mr. Bad Man
  8. 8. Fat Slut
  9. 9. Girl Disappearing
  10. 10. Secret Spell
  11. 11. Devils And Gods
  12. 12. Body And Soul
  13. 13. Father's Son
  14. 14. Programmable Soda
  15. 15. Code Red
  16. 16. Roosterspur Bridge
  17. 17. Beauty Of Speed
  18. 18. Almost Rosey
  19. 19. Velvet Revolution
  20. 20. Dark Side Of The Sun
  21. 21. Posse Bonus
  22. 22. Smokey Joe
  23. 23. Dragon

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14 Kommentare

  • Vor 10 Jahren

    Einfach nur ein wunderbares Album voller Schnörkel und Power. Wieder ein Album, dass an ihre alten heranreicht, nachdem sie sich auf den letzten Scheiben eher im Seichten bewegt hat, trotzdem es eher üppig instrumentiert ist.
    Ich kann meinem Vorschreiber nur zustimmen und freue mich, diese zeitlose Pop- und Rockperle mein Eigen nennen zu können.
    Ergänzend möchte ich noch auf den Bonustrack auf der DVD hinweisen, der verspielt und unkonvertionell daherkommt. Hat von seiner Art Ähnlichkeit mit "Father Lucifer" vom "Boys for Pele" - Album. Lohnt sich, diesen Track auch zu hören.
    Ich bin von der neuen Scheibe absolut angetan und behgeistert!!!

  • Vor 10 Jahren

    @nicknackeldick («
    Ich bin von der neuen Scheibe absolut angetan und begeistert!!! »):

    Da setz ich doch mal glatt meinen Wilhelm drunter.
    Die Platte ist wirklich wieder mal ein absoluter Knaller geworden.

  • Vor 10 Jahren

    Ich versuche diesem Album wirklich eine Chance zu geben, aber spätestens bei der Hälfte kommt Langeweile auf. Nach der Enttäuschung von Scarlet´s Walk und The Beekeeper war ich wieder voller Hoffnung als es hieß "die alte Tori sei zurückgekehrt" - leider kann ich auf dem neuen Album nicht wirklich viel davon erkennen. Okay, sie schlägt nun wieder etwas härtere Töne an als zuletzt, besser gesagt: sie versucht es. Aber irgendwie kaufe ich Mrs. Amos diese neue "Pop-Rock-Bitch-Seite" nicht ab.

    Man muss sich wohl langsam daran gewöhnen, dass nichts, was Tori Amos fabriziert und egal wie sehr sie sich dabei anstrengt, an Little Earthquakes, From the Choirgirl Hotel oder Boys for Pele herankommt.

    Ich lass mich aber gerne vom Gegenteil überzeugen ;-)

  • Vor 10 Jahren

    Wer älter wird, verändert sich, und es wird schwieriger, immer neue Pfade zu beschreiten. Vielleicht lässt sich deshalb hinter manchen Ideen und Gedanken und Liedern ein bewusstes Musikmachenwollen erkennen, weniger ein vom Gefühl gesteuertes, Ventil öffnendes Singen...

    trotzdem werde ich auch nach dem 9. Album ein Tori-Fan bleiben, alleine schon wegen "Smokey Joe", "Beauty of Speed", "Roosterspur Bridge", "Father´s Son"... und all den anderen Songs, die von den Lyrics, der Stimme, der Umsetzung und dem (immer noch vorhandenen) Gefühl kilometerhoch von so mancher anderer Pop-S*****e abheben. (Das schlechteste ihrer Alben ist für mich "Strange little girls", weil ich erstens Coverversionen eher ablehne und "Raining blood"... naja...

  • Vor 10 Jahren

    jetzt nach etwas zeit gefällts mir richtig gut, vorallem die songs gegen ende des albums sind groß. Und Devils And Gods hätte ruhig ein ganzer Song sein können. :(

  • Vor 10 Jahren

    @gephyon (« (Das schlechteste ihrer Alben ist für mich "Strange little girls", weil ich erstens Coverversionen eher ablehne und "Raining blood"... naja... »):

    :eek: :eek:

    Raing blood ist die beste Coverversion ever!!

    Okay, aber zurück zum Thema
    Nach ein paar Monaten finde ich immer noch, dass es eher eins ihrer "schlechteren" Alben´ist..
    Die Anzahl und Vielfältigkeit der Songs ist zwar schon klasse, aber es gibt wenige Songs, die mich wirklich faszinieren... da wären vielleicht noch Digital Ghost, Bouncing off clouds, Girl Disappearing, Father's son, Dark side of the sun und natürlich Smokey Joe
    Wären Velvet revolution und Devils and Gods noch etwas länger, wären's sogar noch zwei mehr.. :D:P
    American Doll Posse ist letztendlich einfach "nur" schön, aber nicht viel mehr...
    Deswegen greife ich, wenn ich mal in eine andere Welt verschwinden will ;) doch lieber zu Little earthquakes, From the choirgirl hotel und Under the pink (genau in der Reihenfolge) - oder am besten zur DVD WElcome to Sunny Florida :)

    hoffe das ist irgendwie verständlich^^