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"Ich bin viele", suggeriert Tori Amos mit ihren visuellen, irritierend artifiziell anmutenden Inszenierungen in ihren hochwertigen Booklets immer wieder, zuletzt auf dem vor Spielfreude strotzendem Vorgänger "American Doll Posse". Die Destruktion patriarchalisch geprägter Weiblichkeitsbilder steht häufig Zentrum ihrer visuellen und musikalischen Darstellungen, gekoppelt an die Ambivalenz des erotischen Begehrens und die Infragestellung gesellschaftlicher, moralischer und religiöser Werte.
Daraus resultiert auch auf ihrem zehnten Studioalbum die differenzierte Thematisierung unterschiedlichster menschlicher Schicksale in der modernen, emotional verkümmerten Gesellschaft. Musikalisch agiert Tori auf gewohnt hohem Niveau und erfreut den geneigten Hörer mit 17 Songs, die diesmal weniger überschäumend ihre Spuren hinterlassen.
Dumpfe Drums, wabernde Synthieklänge und Klavierakkorde in Moll prägen den trübe gestimmten Opener, in welchem Tori die Protagonistin mit Angst einflößendem Gesang ihre nächtlichen erotischen Eskapaden aussprechen lässt. Ob das aus finanziellen Erwägungen heraus geschieht oder sie schlicht ihrer Lust folgt, bleibt dem Urteil des Hörers überlassen.
Die gutlaunige Hit-Single "Welcome To England" tendiert dagegen mit wunderbarer Melodie zum vom Klavier gestützten Barock-Pop, das rauere "Strong Black Vine" gefällt mit facettenreichem Gesang und düsteren Streicher-Sätzen. Mit "Flavor" erinnert sie zu elektronischem Beat und Piano tatsächlich vage an Madonna, ebenso im lieblichen, zur Akustischen instrumentierten "500 Miles" und dem mit Synthieflächen unterlegten "Starling". Allesamt beackern diese Songs das Feld des smarten Dream Pop.
Bei aller klanglichen Vielschichtigkeit setzt sie mit "Maybe California", das an "Hey Jupiter" vom "Boys For Pele"-Album anknüpft, "Curtain Call" "Mary Jane" und dem dramatischen "Ophelia" auf intime Nummern, ihre Stimme und den Bösendorfer Flügel. Für mich sind das nach wie vor die eindringlichsten Tori Amos-Momente.
Während sich "Police Me" sich zu Drums, Streichern, E-Gitarre und sphärischer Keyboardlinie kratzbürstig seinen Weg bahnt und der Titeltrack "Abnormally Attracted To Sin" psychedelische Züge trägt, glänzt das grandios melodramatische "That Guy" mit wunderbarem Streicher-Arrangement zum Schlagzeug ganz hell. Stimmlich ist sie sowieso immer ein Ereignis.
Irgendwie ist es, wie es immer war: Tori Amos kann musikalisch nicht enttäuschen, auch wenn sie mittlerweile an Faszinationskraft eingebüßt hat und ihr musikalischen Korsett nur sachte öffnet.
Sie tendiert mit diesem durchweg ansprechenden Werk weitgehend zur wohlig klingenden Ohrgängigkeit und setzt auf eine pointierte und synthielastigere Instrumentierung. Damit erfindet sie den Pop nicht neu, erschließt sich für ihr zukünftiges Songwriting aber durchaus neue Möglichkeiten.
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