Porträt

laut.de-Biographie

Todd Rundgren

"Todd Rundgren ist ein wahres Genie. Und dieses Wort nutze ich wirklich nicht oft." Das sagt Jim Steinman über den Multiinstrumentalisten aus Philadelphia. Er hat recht. Obwohl Rundgren nicht immer in der allerersten Reihe öffentlicher Wahrnehmung sitzt, prägt er seit den frühen 70er Jahren große Teile der Popkultur mit.

Todd Rundgren - Global Aktuelles Album
Todd Rundgren Global
Ein wahrlich farbengeiles Antidepressivum.

Hierbei stehen seine Verdienste als Producer oder Multimedia-Pionier gleichberechtigt neben dem umfangreichen Output als federführendes Bandmitglied oder Solokünstler. Ähnlich wie beim jüngeren Steven Wilson ist die künstlerisch stets mitgestaltende Produzententätigkeit Rundgrens ein musikhistorisches Ausrufezeichen.

Drei Alben ragen hier besonders heraus. Mit dem legendären Debütalbum der New York Dolls trägt Rundgren 1973 entscheidend zum Urknall des Punkrock bei. Die rohe Platte beeinflusst die Entwicklung des Genres gleichermaßen in Amerika (Ramones) und Europa (Sex Pistols). Mit Meatloafs Rockoper "Bat Out Of Hell" (1977) gelang ihm nicht nur einer der größten Megaseller aller Zeiten. Ebenso spielt Rundgren die komplette Leadgitarre.

Für Patti Smiths legendäre Postpunk-LP "Wave" (u.A. "Dancing Barefoot") übernahm er - neben Produktion und Engineering - zusätzlich einige Bassgitarren-Parts. Doch das eigene Schaffen steht solchen Glanzlichtern kaum nach. Das frühe Songwriting ist in hohem Maße geprägt von den poppigen Harmonien der Beatles und der Psychedelik zeitgenössischer Pink Floyd-Stücke.

Aus diesen Zutaten mischt Rundgren - versetzt mit einer Flut eigener Ideen - große Frühwerke, wie "Runt". Zur damaligen Besetzung seiner Band gehören u.a. Hunt und Tony Sales, die späterhin Iggy Pops Meisterwerke "The Idiot" und "Lust For Life" einspielen und ab 1988 zu Bowies Tin Machine gehören.

Ganz anderen Zutaten wendet sich Rundgren ab 1972 für das tolle "Something/Anything?" zu. Der bis dato bekennende Abstinenzler experimentiert ausgiebig mit Drogen wie LSD, Peyote oder Psilos. Er ist einer der wenigen Künstler, der - wie seinerzeit Aldous Huxley - solche Substanzen zwischendurch zur Arbeit nutzt, ohne sie zum Lifestyle zu machen oder abhängig zu werden. Der Lohn solch disziplinierter Stimulation: die Hits "I Saw The Light" und "Hello It's Me".

Danach gerät seine Musik ab 1973 immer progressiver. Während Rundgren auf seinen Soloplatten dazu übergeht, alle Instrumente allein einzuspielen, lebt er mit der von ihm gegründeten Band Utopia ab 1974 die Teamplayerseite aus. Utopias Bandbreite stellt sich über die Jahre und diverse Alben als enorm heraus. Space Rock, Prog, Funk, Disko, Soul oder Pop! Nichts ist sicher vor den innovativen Explosionen Rundgrens. In dieser Phase gehört der Amerikaner auch zur ersten Riege echter Synthie-Pioniere. Während viele seiner Rock-Kollegen dem neuartigen Instrument noch kaum über den Weg trauen, verwendet er für Aufnahmen und on stage bis zu vier Synthesizer gleichzeitig, etwa auf "A Wizard, A True Star".

Zum Kontrast serviert er 1978 das knackige, recht pianolastige Popalbum "Hermit Of Mink Hollow", das mit "Can We Still Be Friends" einen autobiografischen Hit enthält - ein weiterer Höhepunkt seines Schaffens in den siebzigern. Die Single behandelt die erste Trennung von seiner Lebensgefährtin Bebe Buell, der Mutter von Liv Tyler. Letztere wuchs mütterlicherseits bis ins Teenageralter mit der Erzählung auf, wonach Rundgren nicht nur der gefühlte, sondern auch ihr echter Vater sei und nicht Steven Tyler.

Das Lied selbst wandelt sich im Laufe der Jahre immer mehr zum Schlüsseltrack und Kultsong. Robert Palmer covert es erfolgreich. Und Filmemacher setzen es gern ein. So unterschiedliche Streifen wie "Dumm & Dümmer" oder "Vanilla Sky" nutzen die emotionale Kraft des Liedes.

Die 80er sind für Rundgren ebenfalls ein gefundenes Fressen. Der stets modern denkende Technikfreak bringt mit "Time Heals" eines der ersten Musikvideos überhaupt auf den Markt. Sein Clip markiert neben wenigen anderen Videos den Beginn der Heavy Rotation auf MTV und erschließt ihm eine gänzlich neue Fangeneration.

Nebenbei entwickelt der Tausendsassa eines der ersten Mal- und Zeichenprogramme für PCs sowie einen der frühesten Bildschirmschoner. Sein wohl bekanntester Auftritt in den Medien gelingt ihm 1986 als Duettpartner von Bonnie Tyler im Video "Loving You's A Dirty Job But Somebody's Gotta Do It".

In jeder Dekade entdeckt der rastlose Soundtüftler neue Herausforderungen. So wendet er sich 1993 mit "No World Order" nicht nur Rap und Elektronik zu. Die Platte ist auch konzeptionell ihrer Zeit einen großen Schritt voraus und genießt den Ruf eines der modernsten Pre-Intertnet-Releaes überhaupt. Als interaktive Daten-CD besteht sie aus zahllosen Fragmenten, die erst miteinander zur Mosaik-Komposition erwachsen.

Durch Variation des Tempos, der Reihenfolge und des Klangbilds kann der Hörer den Charakter dieser Avantgarde-Symphonie nach eigenem Gusto beeinflussen. Als Edelgäste holt er sich für Remixes die Freunde Jerry Harrison (Talking Heads), Don Was (Iggy Pop, Rolling Stones), Hal Wilner (Lou Reed, Gavin Friday) und Bob Clearmountain ("Born In The USA") ins Haus.

Das Internet erweist sich für den Genius aus Pennsylvania erwartungsgemäß als wahrer Segen. Rundgren nutzt vor allem die sozialen Netzwerke ausgiebig für seine Zwecke. Dort bietet er regelmäßig Raritäten, Archivmaterial, Mixes, Statements und vor allem Livestreams kostenlos und öffentlich an.

Doch auch seine regulären - mittlerweile stets bei Indielabels veröffentlichten - CDs bescheren ihm qualitativ den dritten Frühling. Auf "State" kombiniert er 2013 wuchtige Progrock-Hymnen mit flirrender clubtauglicher Elektronik. 2015 folgt ein großartiger Doppelschlag. Fast zeitgleich bringt er die Alben "Global" und "Runddans" heraus. Beide fungieren als unterschiedliche Seiten derselben Medaille.

"Global" zeigt sich weniger sperrig als "State". Spacige Elemente treffen auf eingängig groovende Melodien, die Todd mal funky, dann wieder rockend ablöscht. Alle Instrumente plus Gesang spielt er selbst ein. Ganz anders die als Trio ersonnene Platte "Runddans". Zusammen mit Emil Nikolaisen und dem norwegischen Soundhexer Hans-Peter Lindstrøm transferiert Rundgren die Experimentierfreude von "A Wizard, A True Star" und der frühen Utopia lässig ins Post-Millenium.

So bleibt Rundgren auch im siebten Lebensjahrzeht kreativ und seiner ewigen musikalischen Neugier treu. Denn: Hinter jedem Baum lauert ein neues Monster."

Alben

Todd Rundgren - Global: Album-Cover
  • Leserwertung: 3 Punkt
  • Redaktionswertung: 4 Punkte

2015 Global

Kritik von Ulf Kubanke

Ein wahrlich farbengeiles Antidepressivum. (0 Kommentare)

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