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Sie sind die angry young men des deutschen Indie-Pop, die Musterknaben der sogenannten Hamburger Schule - Tocotronic zählen zu den wichtigsten deutschen Bands der 90er Jahre.
Ende 1993 gründen die Hamburger Punkmusiker Jan Müller (Baßgitarre), Arne Zank (Schlagzeug) und der aus Freiburg zugezogene Gitarrist und Sänger Dirk von Lowtzow Tocotronic (benannt nach einem Gameboy-Vorläufer) und starten damit ein Pop-Phänomen nahezu britischen Ausmaßes. Die seinerzeit in Selbstreferenz erstarrte Hamburger Musikszene feiert erste Konzerte der Band wie eine Offenbarung: Die eigenwilligen Frisuren, der Cordhosen-Werbe-T-Shirt-Trainingsjacken-Stil, die Höflichkeit der Ansagen werden gewürdigt und bewundert. Der Fanclub Megatronic gründet sich, noch bevor ein einziger Tocotronic-Ton auf Platte verewigt ist.
Die Band veröffentlicht im Selbstverlag Rock-O-Tronic eine Single, deren Titelzeile "Ich Möchte Teil Einer Jugendbewegung Sein" sich kurze Zeit später auf Häuserwänden und in einem Blumfeld-Song wieder findet. Über Blumfeld-Kopf Jochen Distelmeyer entsteht der Kontakt zum Label L'Age D'Or, das den Vertrieb der Single und zugehöriger T-Shirts übernimmt.
Anfang '95 erscheint das Debüt-Album "Digital Ist Besser" und setzt einen Meilenstein in der deutschsprachigen Indie-Pop-Geschichte: Trashiger Post-Grunge à la Dinosaur Jr., versehen mit identifikationsstiftenden Texten, teils punkiges Sloganeering, teils rührend-melancholische Momentaufnahmen vom Jugendalltag. Die popintellektuelle Presse bejubelt den Ausdruck einer neuen Generation und dieses Mal sieht das auch die Generation so: Eine zweiwöchige Club-Tour trägt den Namen Tocotronic über die Stadtgrenzen Hamburgs ins Bewusstsein junger, wütender Menschen.
Ganz Indie-Deutschland kann sich auf diese Platte einigen und reibt sich verwundert die Augen, als bereits im Juli ein weiteres (Mini-)Album erscheint. Um das Stück "Michael Ende, Du Hast Mein Leben Zerstört" entwickelt sich eine skurile Geschichte: Die TAZ druckt den Text als Nachruf auf den im August '95 verstorbenen Schriftsteller. Daraufhin geht im Labelbüro ein mysteriöses Droh-Fax ein. Die Band beschließt, das Lied nie wieder zu spielen.
Mit dem dritten Album "Wir Kommen Um Uns Zu Beschweren" steigen Tocotronic im Frühjahr '96 als erste Lado-Band in die deutschen Charts ein. Ermöglicht wird dieser Verkaufserfolg durch einen Vertriebsdeal mit dem Majorlabel Motor. Melancholischer und selbstreflexiver als auf den Vorgängern gelingt es den Tocos, dem Fluch der dritten Platte, die für viele Hamburger Bands zuvor das Aus bedeutete, zu entgehen. Die Konzerttour führt jetzt durch größere Hallen und Theater. Der Musiksender Viva will Tocotronic den "Comet" verleihen. Die Band bedankt sich auf der Preisverleihung gewohnt artig und lehnt ab.
Für die Aufnahmen zu "Es Ist Egal, Aber" geht es erstmals raus aus Hamburg in ein westfranzösisches Kaff. Das Album markiert einen Wendepunkt: Die Texte nehmen mehr Abstand, die Musik wird differenzierter, sogar Streicher finden ihren Platz.
Danach folgt eine für Tocotronic-Verhältnisse ungewöhnlich lange Veröffentlichungspause. Geschlagene eineinhalb Jahre dauert die Arbeit an "K.O.O.K.", unterbrochen von einer kleinen US-Tour und Produzententätigkeiten für die Band Jonas. Im Juli '99 erscheint das fünfte Toco-Album, der deutlichste Bruch bis dahin. Die Songs verharren jetzt im Midtempo, entfernen sich von der klassischen Strophe-Refrain-Songstruktur, die Texte gewinnen an Abstraktion. Und auch der Look ist erwachsener geworden, die Werbe-T-Shirts sind eher Suede-artigen Hemden und schwarzen Kunstlederjacken gewichen. Im folgenden Jahr geht man sogar noch einen Schritt weiter: ein Remixalbum "K.O.O.K. - Variationen" erscheint, auf welchem hauptsächlich elektronische Versionen der K.O.O.K. Stücke enthalten sind.
Das nächste "reguläre" Studioalbum lässt bis zum Juni 2002 auf sich warten. Der Titel: "Tocotronic". So nennen Bands entweder ihre Debut-Scheiben oder Meisterwerke. Die Kritiker vollführen Freudensprünge und jubeln das ausgereiften Werk in die Höhe, während die alten Fans sich endgültig von der Band verabschieden, da kein Song mit "Ich" anfängt und noch weniger rumgeheult wird als auf dem Vorgänger. Der Band kann das egal sein, verfolgt sie doch einen straigten Weg zur etablierten und kunstvollen deutschen Rock-Band, die sich vor allem über die letzten drei Jahre hinweg ständig weiterentwickelt: weg vom Rock hin zum Pop, scheint an der Elbe das neue Motto zu sein.
Kurz nach der Veröffentlichung der Jubliäums-DVD-Box "10th Anniversary" im Dezember 2003 müssen sich die Ur-Fans der Hamburger endgültig von ihrem angestammten Band-Bild verabschieden. Der US-Amerikaner Rick McPhail, der die Band seit 2000 bei ihren Live-Auftritten an der Gitarre und am Keyboard unterstützt, wird offiziell vierter Tocotronic. Auf dem siebten Album der Hamburger ist sein Einfluss den auch gleich deutlich zu hören.
Im Januar 2005 erscheint "Pure Vernunft Darf Niemals Siegen" und steigt prompt auf Platz 3 der Charts ein und kann sich dort insgesamt neun Wochen halten. Das lyrische "Ich" kehrt zurück in einen Songtitel ("Ich habe Stimmen Gehört") und auch die verloren geglaubte Wut kommt zum Ausdruck. Mit "Aber Hier Leben, Nein Danke" entsagen die nunmehr vier Tocos der Deutschtümelei und stellen sich gegen schick gewordene Diskussion von Radio-Quoten oder "Wir sind wieder wer"-Gefühlen. Das Album-Arrangement fällt weit weniger ausschweifend aus, als beim weißen Vorgänger, die Poesie hält weiter Einzug.
Im November des gleichen Jahres veröffentlichen Tocotronic mit "The Best Of Tocotronic" einen Querschnitt durch alle sieben Alben. In limitierter Auflage erscheint die Best Of im Doppelpack mit längst verschollen geglaubten Raritäten aus der Vergangenheit, etwa der ersten Proberaumaufnahme von 1993 ("Die Idee Ist Gut, Doch Die Welt Noch Nicht Bereit"). Des weiteren enthält die Bonus-CD Lieder der ersten vergriffenen 7"-EP ("Meine Freundin Und Ihr Freund", "Wir Sind Hier Nicht In Seattle, Dirk", "Letztes Jahr Im Sommer", "Hamburg Rockt"), Beiträge für andere nie veröffentlichte Compilations ("Weiter") sowie Demo- und Liveaufnahmen.
Schon Ende 2006 rumort es in der Gerüchteküche, zuerst heißt es, die Tocos würden schon Anfang 2007 ein neues Album herausbringen. Ganz so schnell geht es dann doch nicht. Im Juli erscheint das neue Album "Kapitulation". L'Age D'Or ist mittlerweile pleite, das Quartett Anfang des Jahres bei Universal untergekommen.
Dort erscheint 2010 "Schall Und Wahn" als dritter Teil der Berlin-Trilogie, die mit "Pure Vernunft ..." ihren Anfang nahm. Und zum ersten Mal in der zu diesem Zeitpunkt 17-jährigen Bandgeschichte gelingt Tocotronic mit dem Album der Sprung an die Spitze der deutschen Albumcharts.
Anfang 2013 stellt das Video zum Song "Auf Dem Pfad Der Dämmerung" dann den ersten Vorboten der neuen Platte "Wie Wir Leben Wollen" dar, die Ende Januar erscheint.
Dirk und Jan über Aufnahmetechniken, Ironie und Imperative im Pop und die Smiths.
Zum zwanzigjährigen Jubiläum veröffentlichen Tocotronic in dieser Woche ihr zehntes Album. Ein Gespräch über das Glück des Zufalls, moderne Zeiten und alte Technik sowie das Leben in der Zitatehölle.
"Möchtest du eine Cola Light?", fragt Dirk von Lowtzow seinen Bandkollegen Jan Müller, während sich beide an einen Konferenztisch im siebten Stock des Berliner Universal-Gebäudes zum Interview mit uns niederlassen. "Frag doch erst unseren Gast", macht der Bassist ihn auf seinen Mangel an Etikette aufmerksam. "Ja, das hätte ich jetzt dann auch", gibt der Sänger kleinlaut zurück. "Also: Cola, Cola Light, Wasser, Kaffee?"
Ich entscheide mich für das Erstgenannte und antworte "Eine richtige Cola hätte ich gern." Worauf sich Jan wiederum bei Dirk beschwert: "Die wurde mir gar nicht angeboten." Dirk schüttelt den Kopf: "Du kriegst doch keine richtige Cola. Bist du verrückt?"
Kurzes Lachen und dann gehts los: Tocotronic wirken auf der letzten aus unzähligen Interviews bestehenden Etappe vor der Veröffentlichung ihres Albums "Wie wir leben wollen" entspannt und aufgeräumt. Gerade kommen sie vom Mittagessen und einem Interview in einer benachbarten Radiostation zurück, jetzt folgen bis kurz nach sechs am Abend weitere Gesprächstermine. Vielleicht kein schlechter Einstieg, zunächst zu erfragen, wie denn das werte Befinden damit ist.
Ihr seid für "Wie wir leben wollen" jetzt im Promotionmarathon. Beschreibt doch mal den Grad eurer Genervtheit?
Dirk von Lowtzow: Das sind wir im Moment überhaupt nicht, denn wir machen das so häppchenweise. Wir haben Anfang der Woche geprobt und heute machen wir beide wieder ein paar Interviews. Wir sind frisch, fromm, fröhlich, frei. Im Vergleich zu vielen Künstlern im Showbusiness hält es sich bei uns immer noch die Waage. Wenn wir alle zwei, drei Jahre ein Album rausbringen, hat man halt ein paar Tage sehr geballt Interviews.
Das kann ein bisschen neurotisierend sein, weil man eben nicht gewohnt ist, das zu machen im Gegensatz zu anderen Leuten in der Unterhaltungsindustrie. Filmschauspielerinnen und Filmschauspieler beispielsweise müssen für jeden Film die Promotion und so weiter und so fort ...
Jan Müller: Oder die Politiker und die Sportler.
Die stehen ja permanent im Fokus und denen wird dauernd ein Mikrofon unter die Nase gehalten. Das ist bei euch anders. Selbstgewählt?
DvL: Nein, aber es stimmt, worauf du hinaus willst mit deiner Frage: Wir legen sehr viel Wert darauf, dass man auch ein Privatleben hat. Und wir legen nicht unbedingt Wert auf gesteigerte Öffentlichkeit, abgesehen von der Auskunft darüber, was wir musikalisch machen, vulgo: Uns zieht's nicht gerade auf rote Teppiche und ins Rampenlicht und ähnliche Scheußlichkeiten.
Ist das auch der eher anstrengende Teil der Arbeit am neuen Album? Nach Aufnahme und Fertigstellung der Welt erklären zu müssen, was das Ganze eigentlich soll?
JM: Anstrengend wird das nur, wenn dieser Anspruch zu stark ist. Es ist ja bei manchen Journalisten so: "Erklärt mal, erklärt mal!" Im Idealfall ist es aber so, dass ein Album für sich steht und gar keiner weiteren Erklärung bedarf. Darüberhinaus haben wir schon das Bedürfnis, über die Umstände, wie das entstanden ist oder was für Hintergründe dieser und jener Song haben, zu sprechen. Ich erlebe es so, dass das alles zusammengehört und eine gewisse Dramaturgie hat: Erst entstehen die Songs, dann werden sie im Proberaum arrangiert und aufgenommen, dann kümmert man sich um das ganze Design der Veröffentlichung.
Und diese Pressetermine gehören auch dazu. Es hat einen Grund, warum das so abläuft. Das läuft dann alles auf die Konzerte zu und das ist nochmal ein Höhepunkt. Aber ich finde, alle diese Punkte bergen natürlich anstrengende und auch sehr schöne Seiten. Das gehört für mich auch zusammen. Wenn nichts anstregend wäre, dann wäre es auch sehr langweilig.
DvL: Wobei ich von mir jetzt schon behaupten kann, dass es Teilaspekte dessen gibt, was wir machen, die ich schöner finde als das hier. Mit Verlaub gesagt.
Ist dabei auch schon ein Kampf um die Deutungsrichtung des neuen Albums da? Ihr habt vorab vor allem die besondere Aufnahmetechnik und die verwendeten Instrumente in den Vordergrund gestellt: Dass das jetzt was Neues war, was Besonderes, auch für euch natürlich.
DvL: Also, wir haben es nicht so in den Vordergrund gestellt. Ich glaube, es ist für viele Journalistinnen und Journalisten eine gute Geschichte oder ein guter Aufhänger, weil es sehr sehr schwierig ist, über Musik zu schreiben und Worte dafür zu finden.
Ja gut, aber in Vorabaussendungen eurer Plattenfirma wurde diese Aufnahmetechnik in den Vordergrund gestellt. Und die Berichterstattung der Presse hat das aufgegriffen. Was war zuerst da?
DvL: Es ist eben eine außergewöhnliche Sache, dass wir diese Vierspurtechnik gewählt haben, zusammen mit Moses Schneider, unserem Produzenten. In Deutschland macht das einfach kein Schwein. Es war ein ziemliches Wagnis, aber es hat sich gelohnt. Das hielten wir für mitteilenswert, auch vom Ergebnis her. Wir finden, dass das Album einfach fantastisch klingt und vielleicht – ohne jetzt zu selbstüberzeugt zu klingen – auch klanglich und von der Produktion her heraussticht.
Darüberhinaus habt ihr in den Vorabaussendungen ein Zitat der französischen Literaturwissenschaftlerin Hélène Cixous verwendet: "Schreiben ist eine Höllenfahrt und der Einstieg darin ist der eigene Körper." Und dann eben auch gesagt: Thema des Albums ist der Körper. Also gebt ihr schon eine Lesart vor. Im Gegensatz dazu sagt ihr aber auch: "Wir machen ja nur Musik und das Ergebnis dessen soll für sich stehen." Wie passt das zusammen?
DvL: Nein, das ist nicht ganz richtig. Diesen Text, auf den du ansprichst, haben wir selber geschrieben, der ist unterzeichnet mit Tocotronic. Es war uns schon wichtig, in aller Kürze auf diese Aspekte hinzuweisen. Zum einen hinsichtlich der Thematik der Platte, bei der es ganz grob vereinfacht um zwei Themenbereiche geht: Den des Körpers und den der Befreiung. Dem vorangestellt haben wir dieses schöne Zitat von Hélène Cixous.
Ich glaube jeder Mensch, der schreibt, sei es jetzt Poesie oder Prosa oder auch journalistische und theoretische Texte, weiß, was dieses Schreiben ist: Es ist eine Art Höllenfahrt, weil es sehr tief reingeht oder man da viel aus sich herausholt. Es war, wie so vieles bei uns, natürlich auch ein Zufall, dass wir auf das Zitat gestoßen sind und es schon ein Lied gab mit dem Titel "Höllenfahrt am Nachmittag". Das hat einfach gepasst.
Der Zufall scheint bei diesem Album sowieso eine große Rolle gespielt zu haben. Die Geschichte mit dem Vierspurgerät ging ja angeblich so: Euer Produzent Moses Schneider liest ein Buch über die Aufnahmetechnik der klassischen Beatles-Platten und stolpert dann über die Candy-Bomber-Studios, wo genau so ein Gerät herumsteht ...
JM: Das war so ein Zufall. Moses hat dieses Buch gelesen und Rick, unser Gitarrist, der auch ein Studio in Hamburg hat, hat das gelesen, deshalb passte das einfach gut. Es hat ja schon einen Grund, wenn sich zwei Leute, einer aus der Band und einer aus dem direkten Umfeld der Band damit beschäftigen.
DvL: Vieles, was bei uns sehr in Stein gemeißelt erscheint oder sehr ausgeklügelt oder konzeptuell, ist im Grunde genommen Zufall. Du darfst nicht vergessen: Von diesen Vierspurgeräten gibt es überhaupt noch fünf auf der Welt, die funktionieren. Natürlich ist es ein toller Zufall, dass eine davon ausgerechnet in Berlin im Candy-Bomber-Studio steht. Da kam alles zusammen, um mal wieder eine neue Tür aufzustoßen. Das waren sehr glückliche Fügungen.
Das empfinde ich auch als ein wichtiges Prinzip in der Kunst allgemein: Dass es einen aleatorischen Faktor gibt, dass man Sachen zulässt und sich davon leiten lässt. So war es bei uns von Anfang an. Das ist etwas, was auch im Gegensatz zu einer Art Rockmusik steht im Sinne eines erlernbaren Berufs. Wo man als Musiker heute erstmal auf die Pop-Uni geht und dann lernt, Business-Pläne zu erstellen und so etwas.
Jeder soll selbst entscheiden, wie er das angeht, aber für uns war es schön, dass wir in viele Dinge einfach reingeschlittert sind. Unsere ganze – in Anführungszeichen – Karriere beruht auf dem Zufall, dass Jan und ich uns kennengelernt haben, weil wir zur gleichen Zeit am gleichen Ort waren und ich über Jan dann Arne kennengelernt habe. Gut, man kann auch sagen, dass das ganze Leben eine Aneinanderreihung von Zufällen ist, aber in diesem Fall scheint es mir schon erwähnungsbedürftig zu sein.
Du hast bezüglich der Aufnahmetechnik gesagt: Das macht ja heute kein Schwein mehr.
DvL: Nöö. (lacht)
War das also auch eine bewusste Absage an moderne Zeiten und moderne Technik? Zu sagen, wir machen das jetzt mal ganz anders, um zu zeigen: Es geht auch so.
JM: Wir sind da nicht so sehr vom Allgemeinen ausgegangen, sondern von uns selber. Wir versuchen, Routinen zu vermeiden und das war jetzt ein sicherer Weg, Routinen zu vermeiden und sich abzugrenzen von den letzten drei Platten. Klar: Das ist eine ganz tolle hochwertige Technik, die aber etwas in Vergessenheit geraten ist oder verdrängt wurde, weil andere Möglichkeiten schneller sind. Die moderne Technik lässt an jedem Zeitpunkt alle Wege offen, diese Art der Technik aber nicht. Man muss Entscheidungen früh fällen und das hat Moses und uns auch interessiert.
Wie hat denn diese Technik euer Songwriting beeinflusst? Oder war es so, dass die Songs schon fertig waren und dann gesagt wurde: Jetzt gehen wir damit ins Studio und spielen die einfach ein?
JM: Ganz so war es nicht. Die ersten Songs sind entstanden, bevor diese Idee ins Spiel kam mit der Vierspur-Maschine. Aber es war erst ein Teil. Drei, vier Lieder, oder?
DvL: Ja, so ungefähr.
JM: Aber das hat dann schon einen Einfluss ausgeübt. Wir haben begonnen, uns mit den erwähnten Beatles und den Beach Boys auseinanderzusetzen und uns gefragt: Wie wurde denn das aufgenommen?
DvL: Es gab auch von Anfang an beim Songwriting den Wunsch, jetzt in eine etwas weniger, ich sag mal, rockige Richtung zu gehen.
JM: Die letzten drei Alben, vor allem "Kapitulation" und "Schall und Wahn", sind für unsere Verhältnisse sehr rockig. Das haben wir dort ganz bewusst eingesetzt, weil wir wussten, wir würden viel mit natürlichen Räumen und Übersprechungen arbeiten. Und genauso wussten wir jetzt, dass wir viel mit künstlichen Räumen und Hallsachen arbeiten. Das hat in jedem Fall die Arrangements beeinflusst, auch schon das Songwriting.
DvL: Wir waren als Band schon immer sehr gespalten. Es gab immer ein Faible für Rock und Punk oder auch Hardcore und Garagenrock. Für dieses sehr eruptive und laute. Aber wir hatten auch immer ein Faible für die kleineren, schrulligen Pop-Entwürfe oder für das bisschen funkelnde, glamouröse, was Pop anhaftet. Das war von Anfang an in der Band, weil wir von Grunge beeinflusste Gitarrenmusik gemacht haben, gleichzeitig aber unser Outfit und der konzeptuelle Überbau viel stärker von Pop oder von so etwas wie Art School Pop beeinflusst wurde.
Durch die Art sie aufzunehmen, ging es auf den letzten drei Alben in eine rockige Richtung. Das hat auch das Livespiel beeinflusst, und unser Livespiel wiederum die Platten, Stichwort: Crazy Horse-Gitarrensoli. Jetzt hat uns eben so eine Art – im weitesten Sinne – Psychedelic-Pop-Folk stärker interessiert und das passte sehr gut zu dieser Aufnahmetechnik.
JM: Nein, man musste nur sehr gründlich sein.
DvL: Ja doch, es gibt sehr viele Akustikgitarren. Es war für mich als Songwriter, Gitarrist und Rhythmusgitarrist eine Herausforderung, bestimmte Picking-Techniken zu erlernen. Das Album ist auch das mit den ausgefeiltesten Bassmelodien überhaupt. Wir haben wahnsinnig lange an den Basslinien gefeilt, weil da jeder Ton sitzen muss. Das war auch eine ziemliche Herausforderung.
JM: Wobei ich das eher als Verfeinerung sehen würde. Das war auch der Zeit geschuldet, die wir dafür hatten. Ich konnte mich länger damit beschäftigen und es hat mich interessiert, das Instrument auch mit den Gesangslinien abzustimmen. Bei den letzten Platten waren die Texte noch nicht so weit fertig, dass das so detailliert möglich war. Es hat auch wirklich Spaß gemacht, mit Tonhöhen und Textbedeutungen so zu spielen, dass es aufeinander eingeht.
DvL: Gleiches gilt natürlich auch für das Schlagzeug und für Ricks Solo-Gitarre. Das kommt auch daher, dass wir auf dem Album mehr Platz haben. Bei den Live-Aufnahmen vom letzten Album sind die Basslinien auch super, aber es ist ein wahnsinniges Geschwurbsel und Gemache und ...
JM: Differenziert eben.
DvL: Das ist auch der Aufnahmetechnik geschuldet. Dieses Vierspur-Band ist sehr gesättigt, es geht sehr weit in den Bassbereich runter. Etwas, was bei heutigen Produktionen auch durch dieses MP3-Format selten wahrgenommen wird. Es war auch Ziel des Albums, diesen Bass weiter in den Vordergrund zu schieben und dafür etwas weniger von der typischen Singer/Songwriter-Gitarre von mir zu haben. Oder die durch eine Akustikgitarre zu ersetzen, die eine andere Körperlichkeit hat.
So sind wir etwas weggekommen von diesen rockigen, sehr von meiner rechten Hand geprägten, durchgescrummten Gitarrensounds, hin zu etwas, was luftiger, offener ist, psychedelischer. Wo man mehr mit anderen Instrumenten arbeiten und damit auch mal eine durchgeschlagene Rhythmusgitarre ersetzen kann. Auch der Gesang bekommt dadurch viel mehr Platz und steht freier. Das sind alles Prinzipien und Ideen, die man aus den frühen Beatles- oder Beach Boys-Produktionen raushören kann. Damals haben die Produzenten sozusagen aus der Not eine Tugend gemacht, was diesen Aufnahmen immer noch diesen unverwechselbaren Charakter verleiht.
Das Schöne daran ist, dass es nicht rückbezüglich ist, dass es nicht nostalgisch ist. Es ist ja keine Garagen-Rock-Platte oder eine 60s-Platte. Darum ging's uns nicht. So eine Retro-Anmutung oder Patina wird ja heutzutage oft künstlich hergestellt, also den Sachen mittels digitaler Technik verliehen. Bei uns war es umgekehrt: Wir hatten das Gefühl, dass der Sound dieser Geräte super zeitgemäß klingt. Das ist toll daran.
Weil du gerade das Phänomen MP3 erwähnt hast: Neulich bin ich auf eine Karikatur gestoßen, in der der moderne Produktionsprozess von Musik dargestellt wird. Es gibt ganz teure und leistungsstarke Geräte für die Aufnahme, das Mixen und das Mastern und am Ende kommt alles als MP3 für 99 Cent beim Konsumenten an, der das dann über die Mini-Kopfhörer seines Mobiltelefons hört.
DvL: What can you do? Das scheint der Weg zu sein, wie die Leute heutzutage Musik konsumieren möchten.
Gut, aber ist das aus eurer Sicht nicht etwas schade? Immerhin habt ihr ja viel Mühe aufgebracht, Feinheiten herauszuarbeiten, die im Endeffekt von vielen gar nicht wahrgenommen werden.
DvL: Ach, das klingt auch autoritär und ein bisschen spießig. Der Impuls, den Rockmusik geben kann, sollte doch unabhängig vom Abspielgerät sein. Ich hatte als Teenager auch epiphanieartige Erlebnisse mit David Bowie-Platten und nur einen Kofferplattenspieler, worüber ich sonst Kinderhörspielplatten gehört habe. Das war sicher auch nicht so im Sinne der Aufnahme. (lacht)
JM: Das ist auch die Kunst: Dass die Musik überall funktioniert, und wenn man sie in guter Qualität wahrnehmen will, es auch diese Möglichkeit gibt. Aber ja, mir tut's manchmal schon weh – da klinge ich jetzt wie ein alter Mann – wenn ich Jugendliche sehe, die mit ihren blechernen Handylautsprechern Musik hören. Es ist dennoch interessant, dass die Musik für die Leute ja funktioniert. Das klingt natürlich irgendwann scheußlich, aber ...
DvL: Viel Musik ist natürlich auch darauf hinproduziert.
JM: Und das macht die Sache interessant. Dass es da wieder eine Rückkopplung gibt.
DvL: Ein eigenes Genre fast.
JM: Nicht nur ein eigenes Genre, sondern dass die Musikproduktion sich darauf einstellt. Und dem verweigern wir uns schon, weil unsere Platte natürlich überhaupt nicht für MP3 optimiert ist. Das geht von der Aufnahme und dem Songwriting bis hin zum Mastering. Das ist ja auch so eine Sache: Es gibt ja heute einen Lautstärkekampf. Alles ist darauf ausgelegt, dass es möglichst laut ist und wer am lautesten wahrnehmbar ist, der ist am ehesten wahrnehmbar. Das machen wir ganz bewusst anders.
Mal zum Design der Platte: Jan, die Worte "Wie wir leben wollen" auf dem Cover stammen aus Briefen einer Frau, die Du während Deines Zivildienstes betreut hast, mit der Du eine Brieffreundschaft geführt hast und die 1994 verstorben ist. Warum hast Du gerade ihre Handschrift verwendet?
JM: Der erste dieser Briefe ist schon im Magazin eines Freundes veröffentlicht worden. Parallel dazu hatte ich mit der Band abgesprochen, daraus das Design des Albums zu gestalten. Es erschien einfach sehr passend, weil diese Schrift im besten Sinne sehr lebendig ist und sowohl inhaltlich in den Briefen als auch vom Schriftbild her viele Gefühle, mit denen sich Rock- oder Popbands befassen, von Wut über Verzweiflung bis hin zu Liebe in diesem Schriftbild erkennbar sind. Computerschrift oder normale, gesetzte Schrift hat doch etwas sehr Formatiertes und diese Schrift überhaupt nicht, weil jeder Buchstabe sein eigenes Gefühl hat.
DvL: Sie ist auch sehr roh und das passt einfach auch schön zu den Inhalten des Albums.
JM: Und so haben wir das ganze Design des Albums gehalten. Es ist nicht auf Hochglanz gedruckt, wovon wir ja sonst immer Fans waren: Rohe Inhalte zu nehmen und die auf polierte Materialien zu ziehen. Zum Beispiel haben wir ja bei der "Sag alles ab"-Single auch eine Schmierschrift mit Bleistift verwendet und dann hochkopiert, aber auf Hochglanz. Diesmal wollten wir einen anderen Weg gehen, mit Papier und Pappe, was eine gewisse Rohheit wiederspiegelt.
JM: Im Idealfall, ja.
Aber wie entsteht so etwas? Lasse ich einen Song wie "Die Revolte ist in mir" ganz bewusst mit den Worten beginnen "Erfolgreiche Freunde, Geißel der Menschheit", weil ich weiß, dass sich dann viele an Morrissey erinnert fühlen? Oder schleicht sich das einfach so unbemerkt rein?
DvL: Zum Großteil schleicht sich das so ein. Manche Sachen werden aber bewusst zitiert, weil man Fan von etwas ist und man das irgendwie featuren will: Das ist toll, hört es, lest es oder schaut es euch an. Jetzt fallen mir natürlich wieder keine Beispiele ein, das ist echt so: Blackout. Andere Sachen passieren unbewusst. Und wieder manche Dinge, auf die uns andere Leute stoßen, hat man gar nicht gewusst. Da kommt man auch nicht drauf.
Aber diese Debatte um Referenzialität von Popmusik finde ich ehrlich gesagt ein bisschen überflüssig oder doppelt gemoppelt. Popmusik ist ein extrem referenzielles Genre, einfach weil man bei fast jeder Rock- oder Popband irgendwelche Verweise findet. Manche Bands benennen sich nach Büchern, nach Filmen, geschichtlichen Ereignissen oder was auch immer. Es ist dem Genre einfach immanent, dass es referenziell ist und zwar schon seit Elvis-Zeiten. Das als Thema zu benutzen, finde ich deshalb immer nur so mittel erregend.
Und zu Morrissey: Allein schon die Band The Smiths. Ihre Cover verweisen auf Filme von Paul Morrissey, Morrissey hat sich selbst nach ihm benannt. Es gibt unzählige Literaturzitate bei den Smiths, Plattencover aus Jean Cocteau-Filmen und so weiter und so fort. Die Smiths sind das Paradebeispiel einer extrem referenziellen Band. Wir sind da beileibe kein Einzelfall.
Nein, sicherlich nicht. Mir ging es nur um die Frage, wie so etwas entsteht und wie ihr das als Mittel einsetzt.
JM: Also es gibt alle drei Möglichkeiten, denke ich mal.
DvL: Was natürlich noch dazukommt: Musikalisch, und das ist auch kein Geheimnis, wenn man das ausplaudert, sind nun wirklich alle möglichen Akkord-Progressionen und Harmoniewechsel in der Rockmusik irgendwo schonmal gemacht worden. Also so viele Möglichkeiten gibts da auch nicht mehr. Deshalb bietet es sich an, dass man zitiert und variiert. In der klassischen Musik ist es ja bis hin zur Zwölftonmusik ziemlich ähnlich gelaufen.
Im Interview mit dem Rolling Stone hast Du gesagt: Pop der berühre, sei dezidiert nichts Autoritäres, keine Vorschrift. Den Satz musste ich mir gleich anstreichen, denn auf mich hatten die Slogans und Aufforderungen, die sich ja zuhauf auf euren früheren Platten finden, auch oft vorschriftenhaft gewirkt, und damit einhergehend auch ein Stück weit autoritär. Oder täusche ich mich da?
DvL: Ja (lacht). Du meinst Sätze wie "Sag alles ab" oder "Stürmt das Schloss" und so ...
JM: Imperative!
DvL: Genau. Also wenn, dann sind das Imperative oder Appelle oder vielleicht Propaganda. Ja, es hat etwas propagandistisches. Das sind Formen, die uns Spaß machen und die sich meist auch mit den etwas lauteren und schnelleren Stücken verbinden lassen. Gleichwohl scheint es mir schwer möglich, eine Aufforderung wie "Sag alles ab" als autoritär zu verstehen, weil es natürlich ein Paradoxon ist: Eine autoritär vorgebrachte Aufforderung dazu, nichts zu tun, ist ungewöhnlich. Meiner Meinung nach speist sich daraus vielleicht auch der Witz der Sache.
Was bei uns nicht unterschätzt werden sollte: Wir sind nie ironisch oder so. Das würde ja bedeuten, dass man etwas sagt, aber etwas anderes damit meint. Das sind wir nicht. Aber wir neigen zur Übertreibung. Es sind bewusst oft Gags oder meinetwegen Albernheiten, die uns inspirieren. Mir würde es im Herzen wehtun, wenn das jemand als autoritär empfinden würde, weil es an sich schon jegliche Autorität unterläuft.
Nun gut, in jedem Fall ist es etwas, was ich aus eurem neuen Album nicht heraushöre. Vielmehr beinhaltet der Titelsong "Wie wir leben wollen" einen klaren Verweis auf das Angebothafte dieser Platte. Es sei keine Erzählung, nur ein Protokoll schließend in einen Vorschlag: "Wir können davon lernen, wie wir leben wollen." Mal ganz naiv gefragt: Wer ist denn dieses "wir"? Seid ihr das, oder alle?
DvL: Och, das erinnert mich ein bisschen an die Parodie des "Wort zum Sonntag" von Otto Waalkes: Wer ist wir? Was sind wir? Wir alle? Oder sind wir gar vier? Also ... (lacht)
JM: Jeder, der sich angesprochen fühlt, kann das sein.
DvL: Genau. Das ist ein bisschen so die Art, wie man selber über Texte nicht reden kann, weil man das vielleicht auch ...
JM: Gar nicht so bewusst, so intentiös verfasst.
DvL: Ja, und die Art darüber zu kommunizieren, erinnert mich merklich an literaturwissenschaftliche Seminare, wo Studenten zusammensitzen und über ihre Gefühle bei den Texten reden. Das ist etwas, mit dem ich wahnsinnig schlecht etwas anfangen kann. Wer sind wir? I don't know.
Ein albernes Gespräch über Schall und Wahn, Kunst und Social Networking.
Dirk von Lowtzow und Jan Müller sprechen über die Einflüsse von Literatur und Bildender Kunst, über neue Freiheiten beim Majorlabel und die Anbindung der Musik an die Gegenwart, also an Terror und Angst.
Berlin, Friedrichshain. Einen wahren Interview-Marathon haben Dirk von Lowtzow und Jan Müller hinter sich. Vier Tage lang standen sie bereits Rede und Antwort, entsprechend albern kaschieren sie ihre Müdigkeit und die immer gleichen Fragen der Journalisten.
Die Begrüßung ist überschwänglich, Dirk kümmert sich dienstbeflissen um die Jacke, rückt des Interviewers Stuhl zurecht und erkundigt sich nach dem Befinden. "Darf es noch eine Traube sein? Etwas zu trinken? Ist sonst alles in Ordnung?"
Es ist ungewöhnlich, euch im Universal-Gebäude anzutreffen.
Dirk: Wieso?
Ihr geltet doch als Freigeister ...
Dirk: Ach, die haben hier sehr viele Räume, alles ist sehr großzügig gestaltet, und wir haben davon abgesehen, die Interviews in Cafés zu machen, weil man danach mit den Nerven zerrüttet ist. Wegen der lauten Espresso-Maschine, den Kindern ...
Jan: Aber worauf deine Frage ja abzielt: Wir fühlen uns ins unserer künstlerischen Freiheit freier als je zuvor. Das war schon eine bewusste Entscheidung nach dieser ganzen Misere mit L'age d'or. Die Alternative wäre gewesen, mit der eigenen Plattenfirma die Sachen zu verkaufen, aber dann wird man da zum Händler und das ist nicht wirklich frei.
Dirk: Wenn man dann ein Lied schreibt, denkt man schon daran, ob es sich verkaufen lässt. Und das will man ja vermeiden.
Jan: Klingt paradox, aber die Freiheit ist doch größer geworden.
Interessanterweise stellt sich die erste Single "Macht Es Nicht Selbst" auch gleich gegen den DIY-Gedanken, oder?
Dirk: Das ist nicht ganz richtig. Es geht nicht gegen DIY an sich, sondern gegen die permanente Forderung im zeitgenössischen Kapitalismus, sich selbst kreativ zu mobilisieren. Dieses aus sich selber Herausschöpfen und diese Authentizität im Schaffen, die ja zur Ideologie erhoben wurde. DIY ist ja das, wo wir herkommen. Das ist auch ein Paradoxon, weil wir alles selber machen. Aber sonst machts ja auch niemand (lacht). Und sonst gehts ja auch schief.
Es ist also nicht gegen DIY aus dem Punk gerichtet, wo es auch immer ein Mittel zum Zweck war. Heutzutage wird sowieso permanent gefordert, dass alle alles selber machen und immer am Start sind. Aber klar: ist auch viel Blödelei dabei. Wir sind ein Blödel-Club.
Hat mich spontan an Baumarktwerbungen erinnert.
Dirk: Ja klar, das ist ja was, was man immer auf die ganze Gesellschaft ummünzen kann. Auch das oft zitierte, so genannte Networking ist ja die Heim- und Bastelarbeit unserer Zeit. Klingt ja schon so nach Makramee. Kennt ihr das? Diese Knüpftechniken aus dem textilen Werken in der Schule?
Jan: Das war schlimm!
Dirk: Das ist der absolute Mega-Horror. Diese schlimmen Dinge sind ja heute sozusagen zur Ideologie erhoben worden, dagegen protestieren wir.
Inzwischen ist "Schall und Wahn" zusammen mit "Kapitulation" und "Pure Vernunft darf niemals siegen" zu einer Trilogie erhoben worden. Wie kam das?
Jan: Wir haben gemerkt, dass es eine Trilogie geworden ist. Eigentlich erst im Laufe der Arbeit zu dieser Platte, weil es doch sehr viele Gemeinsamkeiten gibt. Angefangen beim Produzenten, bei den Aufnahmeorten, aber auch innerhalb dieser drei Alben gibt es eine Dramaturgie. Deshalb haben wir das ganz ernst gemeint (lacht ironisch): Trilogie, um das auch so ein bisschen zu erheben. Das klang ganz schön.
Dirk: Die drei Alben würden gut zueinander passen, würde man sie in einen Schuber stecken und als Berlin-Trilogie kennzeichnen. Allein von den Titeln her. Und auch die Stücke nehmen aufeinander Bezug. Oft entspringt das ja auch dem Spaß der Katalogisierung der eigenen Werkgruppen. Eine Trilogie würde schon Sinn machen. Sie sind auch relativ stringent entstanden. 2005, 2007 und 2010, also fünf Jahre.
Ihr habt von einer Kontinuität, einer Entwicklung gesprochen?
Jan: Im besten Fall kann man sagen, dass diese drei Alben These, Anti-These und Synthese sind. Das Album "Pure Vernunft ..." hat ja textlich eine ziemlich neue Thematik eröffnet, auch mit diesen Fantasiebegriffen, mit denen da operiert wurde. Hat aber im Gegensatz dazu einen recht trockenen Klang, war damals in einem kleinen Raum aufgenommen. "Kapitulation" wurde dann viel konkreter ...
Dirk: ... hatte fast was Diagnostisches ..
Jan: ... ja genau. Das war fast wie ne Punk-Platte, in dem Sinn, wie wir das machen würden. Und "Schall und Wahn" verbindet das tatsächlich jetzt beides miteinander, wagt sich aber klanglich noch mal einen Schritt weiter vor.
Dirk: Wenn man diese drei Alben als Berlin-Trilogie nacheinander hören würde, könnte man feststellen, dass sich die Räume immer sukzessive weiter öffnen. "Pure Vernunft ..." hatte eine sehr trackhafte Anmutung, sehr trocken, sehr dogmatisch in der Aufnahme, und "Kapitulation" ist schon viel offener, verzerrter, viel garagiger, und "Schall und Wahn" jetzt am opulentesten, wo die Räume ganz weit geöffnet sind.
Wo das Studio sozusagen noch stärker als Instrument eingesetzt wurde. Das ist eigentlich ein ganz hübscher Verlauf, wenn man sich die Mühe machen möchte, das mal anzuhören. (Gelächter).
Jan: (sarkastisch) Wenn man die Zeit hat!
Dirk: Wenn man die Zeit hat! Das ist ja heutzutage auch eine Frage der Zeit! Aber dann ist es glaube ich durchaus ein Hörerlebnis, das man mit dem Ring der Nibelungen vergleichen kann.
Jan: Oder Herr der Ringe.
Dirk: Naja, wir wollen ja bei der Musik bleiben.
Jan: Wagnerianisch?
Dirk: Nein, wir sind ja Anti-Wagnerianisch.
Jan: Obwohl die Ouvertüre vom Rheingold schon sehr gut ist.
Dirk: Ist aber auch das einzig Gute von Wagner!
Jan: Ja (lacht)!
Dirk: Die Rheingold-Ouvertüre Es-Dur finde ich das einzig Gute, was der geschrieben hat. Das lass ich jetzt mal so raushängen, unter Musikern. Der eine neidet dem anderen ja die Butter aufm Brot.
Dirk: Das ist ganz schön schrill. Es ist oft so, wenn man mit einem Album anfängt, ein Stück schreibt, dann kommt man auf was, zum Beispiel "Die Folter endet nie", das war eins der ersten Stücke, das ich geschrieben hatte. Das beginnt oft ganz unwillkürlich, da gibt es dann einen Epiphanie-mäßigen Moment, (macht ein Pistolengeräusch), da müsste man mal ... Man müsste mal ein Stück mit dem Titel "Die Folter endet nie" schreiben.
Wenn man dann einmal angefangen hat, auch wenn man nicht so intentional arbeitet, ergibt sich dann oft ein roter Faden, man sieht wohin das führt. Dann kann man den Weg natürlich auch beeinflussen, den man geht, und dann fand ich das so sehr schön, mit so einer Drastik in der Sprache zu arbeiten. Weil es erstens einfach Spaß macht, weil es einen guten Kontrast zur Musik setzt, und auch weil es etwas ist, was diesem Wellness-Gefühl widerspricht, was man vor allem bei deutschsprachiger Musik oft hört, bei der es so ein Zwang zum positiven Denken gibt, der nur in totaler Depression enden kann.
Und natürlich sind auch die Zeiten so, in denen man ist. Man ist ja konfrontiert mit Terror und Folter. Wenn auch nur unterbewusst, brennen sich diese Bilder auch ein. Man liest nicht Zeitung oder schaut CNN und schreibt dann ein Stück darüber, aber wenn diese Sachen sich über die Hintertür so einschleichen und sich in Poesie verwandeln, dann hat es ja durchaus auch etwas für sich. So eine Anbindung an die Gegenwart, in der man sich bewegt.
Es geht aber auch viel um Schwäche, Feigheit und Zweifel. Braucht es eine Betonung von diesen Dingen?
Dirk: Ich glaube, das ist sehr stark künstlerisches Programm. Das, verkürzt gesagt, auf mangelndes Selbstbewusstsein aufbaut. (lacht)
Jan: Und es geht ja auch viel um Umdeutung von Begriffen, seit jeher bei uns.
Dirk: Insofern bieten die sich an. Kunst, die keinen Zweifel kennt, ist für uns relativ uninteressant. Wir fanden immer Sachen interessanter, die gebrochen sind, oder die das eigene Unvermögen auch thematisieren. Von den ersten Stücken, die wir gemacht haben, 94'-95', wie "Hamburg Rockt", wo das eigene spieltechnische Unvermögen thematisiert wurde, diese Art von Selbstzweifeln, Scheitern - das hat uns immer interessiert.
Und in diesem mangelnden Selbstbewusstsein liegt ja auch eine Chance, nämlich dass man nicht zu sehr gefestigt wird in seiner eigenen Persönlichkeit und dass man somit auch für Einflüsse offen ist und so porös wird. Dass man sozusagen alle möglichen Stimmen von anderen Leuten durch sich sprechen lassen kann.
Es ist also nicht dagegen gerichtet, dass alles immer perfekt sein muss, dass Lebensläufe immer stringent zielgerichtet sein sollen?
Jan: Das war weniger unser Thema. Damit sind wir auch selber nicht so sehr konfrontiert, weil wir einfach unseren Weg gegangen sind.
Dirk: Dafür bewegt man sich auch zu sehr in so einer Kunstwelt.
Jan: Das wollte ich damit sagen. Man kann sich ja nicht irgendein Thema rausgreifen und sagen: Junge Menschen, die etwas anstreben, haben da Probleme, weil sie in Praktika geworfen werden. Da würde man ja anfangen, zielgruppenorientiert zu arbeiten. Das ist nicht unser Ansatz.
Dirk: Zumal das Probleme sind, die speziell auch junge Menschen betreffen und das würde ich vermessen finden, mit knapp 40 das Sprachrohr der Jugend sein zu wollen.
Jan: Naja obwohl, eigentlich muss ich sagen ... ich fühl mich noch wie 22. (Gelächter)
Dem Albumtitel liegt ein Zitat zugrunde. "Leben ist nichts mehr als eine Fabel, erzählt von einem Idioten, voll Schall und Wahn, die nichts bedeutet."
Dirk: William Shakespeare, "Macbeth", 5.Akt. Eine sehr schöne, eine der schönsten Szenen überhaupt.
Jan: Und die Ouvertüre von Rheingold. (Gelächter)
Dirk: Nein, wirklich ein toller Monolog. Und William Faulkner war offensichtlich der gleichen Ansicht und hat dann seinen Roman danach benannt. Das hat aber mit dem Album nichts weniger als den Titel gemein. Man könnte so eine gewisse atmosphärische Ähnlichkeit attestieren, dass es sehr fiebrig, delirierend ist, in dieser Art. Aber es ist keine Adaption des Romans.
Die Aussage des Albumcovers habe ich aber nicht ganz verstanden.
Jan: Der Blumenstrauß bringt schon sehr gut zum Ausdruck, wie die Platte klingt und was sie darstellt. Vielfalt, diese Bündelung in der Vase, sehr opulent. Dirk ist auf dieses Bild gestoßen, und darauf konnten wir uns alle ganz schnell einigen.
Dirk: Das Bild tauchte zu einem sehr frühen Zeitpunkt auf, es stammt von zwei niederländischen Künstlern, De Rijke und Willem de Roy. Ihre künstlerische Arbeit ist dieser Blumenstrauß. Es war also relativ früh klar, dass das unser Cover werden soll und dadurch für unseren Produzenten Moses Schneider sehr inspirierend, von diesem Bild ausgehend dann vielleicht auch die Soundarchitektur zu gestalten.
Ein anderes Merkmal dieser künstlerischen Arbeit ist, dass es keine großen Kontraste gibt, sondern nur Farbabstufungen. Keine Hierarchien, da gibt es diese Einheit. Das fanden wir für das Album so schön, dass die Einzelteile, also Gesang, Bass, Schlagzeug, Gitarre unhierarchisch miteinander verwoben sind.
Jan: Es hat einen Klangkörper. Natürlich gibt es in dieser Gesellschaft nie hierarchiefreien Raum, das wäre verlogen. Und klar, wenn nach einer Minute der Gesang bei dem ersten Lied losdonnert, ist das natürlich ein Moment wo eine Sache über der anderen steht. Aber so hat man es bisher noch nicht erreicht, dass die Band wirklich als ein Klangkörper agiert. Man versucht sich auch mit dem Thema Hierarchien zu beschäftigen und das neu zu mischen.
Dirk: Darum geht es jedenfalls in der künstlerischen Arbeit von De Rijke und de Roy. Und grundsätzlich kann man auch sagen, wir arbeiten sehr gerne mit bildenden Künstlern zusammen. Das hatten wir beim letzten Album schon mit Henrik Olesen. Das ist einfach ein sehr schöner Einfluss. Die Leute sind oft gute Freunde oder Bekannte von uns. Das ist eine Welt, mit der wir auch viel zu tun haben, die einem hilft, über den eigenen Rand zu gucken.
Wertungsfrei, auch wenn es ein bisschen überheblich klingt, sehen wir uns ja auch nicht so sehr als Musiker, sondern vielmehr als Künstler, die sich der Musik bedienen, nicht so sehr als Musiker, die Musik um ihrer selbst willen machen. Bei uns gabs schon immer diese Hinwendung auch zur bildenden Kunst, ist ja auch nichts Neues, wenn man an Musiker denkt.
Jan: Velvet Underground, um mal ein prominentes Beispiel zu nennen. (lacht)
Dirk: (Schweigen) ... Keine Ahnung, ich weiß es ehrlich gesagt nicht. (lacht)
Dazu passend ein Zitat über Hans Magnus Enzensberger, der gerade 80 Jahre alt geworden ist: "Er war immer ängstlich bemüht, nicht der Mehrheit zu gefallen."
Jan: Ich schätze den ja sehr, muss ich dazu sagen. So sehr er auch Kritik ausgesetzt war, mit seinen politischen Umschwüngen. Tolle Texte auch, er hat ja Songtexte geschrieben. Schön ist auch der Aufsatz über die Spiegel-Sprache des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel", aber das schweift ab.
Dirk: Ich kenne den überhaupt nicht, kann da gar nichts zu sagen. Aber von wegen Zitaten: Da habe ich mal ein gutes gelesen, ich weiß nicht mehr, von wem das war, in irgendeiner Zeitung. 'Wir haben aus der Vermeidung eines größeren kommerziellen Erfolges eine eigene Kunstform gemacht.' Das fand ich sehr schön! (lacht)
Und das trifft es natürlich schon. Wir haben in uns drin schon immer so ein Anti-Gen oder ein Verweigerungs-Gen. Ich weiß nicht, ob man jetzt ins Psychoanalytische gehen sollte, aber es ist eine ans neurotische grenzende Angst, vereinnahmt zu werden.
Jan: Das ist glaube ich auch das bessere Stichwort. Eher Angst vor Vereinnahmung, als Angst vor Erfolg.
Dirk: So hatte ich das aber auch gedeutet.
Jan: Das meine ich aber generell, weil einem das oft unterstellt wird. Man wolle nicht erfolgreich sein. Dann wäre es mir ehrlich gesagt ein bisschen zu anstrengend.
Dirk: Mit Reichtümern überschüttet wollen wir natürlich schon werden, das ist klar. Aber bis jetzt hats nicht so ganz funktioniert. (lacht) Muss man leider auch offen aussprechen. Aber vielleicht auch ganz gut so. Vielleicht wäre man dann auch behäbig.
Ein aktuelles Thema ist natürlich auch Hamburg und der Protest der Künstler gegen die Gentrifizierung bestimmter Stadtviertel.
Dirk: Ja, da haben wir unseren Kaiser Wilhelm daruntergesetzt. Mehr war ja auch erst mal nicht verlangt. (Gelächter)
Jan: Es gab noch so ne Gala, oder sowas, da waren wir aber nicht dabei.
Dirk: Wir haben ja drei Wochen vorher in der "Roten Flora" gespielt.
Jan: Wir haben unsere Pflicht also erfüllt. Das ist natürlich ein Thema, an dem man nicht vorbeikommt, wenn man sich so wie wir, in Teilen, in Hamburg aufhält. Aber man muss auch so ein bisschen aufpassen, dass man nicht so in den Tiefen der direkten Politik versinkt. Weil die Zeit auch begrenzt ist, über die man verfügt.
Dirk: Wir sind als Band auch vier Individuen und als solche waren wir auch immer politisch interessiert.
Jan: Und wenn man über Sachen einen Konsens erzielt, wie jetzt zum Beispiel, wenn man zum Schluss kommt, dass es richtig wäre, genau jetzt zu diesem Zeitpunkt in der "Roten Flora" aufzutreten, wo wir unser Schaffen auch begonnen haben vor 16 Jahren, dann machen wir es natürlich auch.
Dirk: Wir machen auch relativ viele Sachen, die im politischen Kontext stattfinden, Benefizkonzerte oder so. Wir haben 2006 ein Konzert hier auf dem Alexanderplatz gemacht, gegen deutsche Opfermythen und so.
Jan: Man muss halt auch aufpassen. Es wird gerade an so eine Band wie uns sehr viel herangetragen. Und dann sind das auch oft so Mogelpackungen! Irgendwo, was weiß ich, wird man gebeten, Antifa mitzuspielen in einer beliebigen deutschen Stadt, und plötzlich sind da auch Parteien mit involviert und das finde ich dann ganz schwierig, wenn man da vor den Karren der Tagespolitik gespannt wird. Das möchte man doch vermeiden.
Dirk: Absolut! Aber gut, vieles ist auch eine Zeitfrage. Ich hatte vor zwei Wochen bei der Aktionswoche gegen Antisemitismus mitgemacht. Und es ist tatsächlich so, man sagt einer Sache zu, und das wird dann wirklich zu einem Rattenschwanz von Dingen, die wahnsinnig viel Zeit auffressen. Dann das Interview, dann das, dann muss man sich immer darum kümmern, dass bei so wichtigen Themen nichts verfälscht wird und so.
Also ich meine das wirklich konkret: Man muss da sehr aufpassen, dass man sich da auch nicht zu stark vereinnahmen lässt, weil man sehr schnell, so gut der Anlass auch sein mag, in dem Fall, bei der Aktionswoche gegen Antisemitismus, gibts ja überhaupt keine ambivalente Haltung dazu, aber es ist doch sehr zeitaufwändig zum Teil. Insofern muss man sehr vorsichtig, wachsam sein. Sonst findet man sich sehr schnell in Zusammenhängen, die ..
Jan: Das meinte ich ja. Dass man da sehr schnell in so Abgründe gezogen wird. Gerade in Hamburg, bei dieser "Not In Our Name"-Geschichte, da könnte man sich bestimmt sehr involvieren. Aber dafür fehlt uns wirklich gerade die Zeit.
Dirk: Aber es gibt ja sehr viele die das tun, insofern ...
Jan: Und man hat sich ja auch damit solidarisiert.
Dirk und Arne über die Kapitulation an sich, das Album, Orgon-Energie und Sex.
Nach einer etwas längeren Odyssee durch München erreichen wir schließlich das Arabella Sheraton Grand Hotel, um mit Dirk und Arne von Tocotronic über ihr neues Album "Kapitulation" zu sprechen.
Die Wartezeit nutzen wir dazu, das örtliche WC genauer unter die Lupe zu nehmen. In den Kabinen der Damentoiletten hängen überdimensionale Mülleimer an den Wänden, die man jedoch nicht mit einer ziehenden Bewegung zu öffnen hat, nein, man lege die Hand auf einen Sensor am Deckel, und Simsalabim öffnet sich die kleine Mülldeponie.
Typisch Wechsel zum Majorlabel, da macht man dann auf einmal Promo im Nobelhotel. Nach einer kleinen Weile erwarten uns jedoch Dirk und Arne, die sich uns sehr nett vorstellen und in ein kleines Konferenzzimmer im Untergeschoss des Hotels führen.
Zum Warmwerden: Wie würdet Ihr Eure Musik einer tauben Person beschreiben?
Dirk (wie aus der Pistole geschossen): So was können wir nicht.
Arne: Pop-Rock haben wir immer gesagt, bei Genrefragen.
D: Pop-Rock oder Rock-Pop
A: Das kann man selber gar nicht beurteilen, denn man macht das ja schon ewig und ist darin doch sehr verstrickt. Das kann man nicht in Worte fassen.
D: Taub muss die Person ja gar nicht sein. Man kennt das ja schon, wenn Leute einen mal ansprechen: "Ah, Sie hab ich mal im Deutsche Bahn-Magazin gesehen. Was machen Sie denn für Musik?" Da verstockt man sofort.
A: Da bleibt einem sofort die Zunge stehen. Kann man schwer beschreiben.
Wegen der fehlenden Distanz, oder weil den Leuten auch manchmal das Verständnis fehlt, wie beispielsweise bei einem DB-Magazin-Leser?
A: Man will das nicht selber noch beschreiben. Man will ja, dass die Leute das hören. Dafür macht man ja den Quatsch, dass man sich das Album letztendlich anhört. Man hat ja sehr viel rein gesteckt und dem ist sehr viel Prozesszeit vorausgegangen, bis man diese Form, gefunden hat. Diese Stücke und die Texte in der Musik und in diesem Sound und das alles dann auch noch zu erklären, ist an sich schon, obwohl wir hier bei einem Interview sitzen (lacht), ist total ...
D: Da scheitert man ja sowieso schon. Man macht ja etwas sehr Heterogenes und hat immer vermieden, eine Genremusik zu machen. Wenn man Genremusik macht, kann man das auch leichter erklären. Der Sänger von Iron Maiden kann glaub ich schon eher sagen: "Wir machen Heavy Metal", und das ist ja auch gut so (lacht). Bei uns wäre man sofort mit seiner eigenen Sprachlosigkeit konfrontiert.
A: Wenn Rick gute Laune hat, sagt er immer "adult-oriented Indie-Rock", und das finde ich auch nicht unzutreffend.
Was hat sich vom letzten Album zu diesem verändert?
D: Das ist auch eher etwas, was wir lieber Euch fragen würden, weil Ihr sollt das Album ja anhören, und wir haben es nur gemacht. Man kann ganz generell sagen, wir haben, was die Produktion angeht, versucht, genau das Gegenteil vom letzten Album zu machen. Beim letzten Album haben wir versucht, einen ganz transparenten, fast dogmatischen Sound zu machen, wie Linien am Boden und sehr streng formal. Formalistisch auf eine Art, die Stücke haben sich doch sehr an den Strukturen elektronischer Musik orientiert. Wie ein befreundeter Musiker einmal meinte: "Detroit Techno als Rockmusik gespielt".
Bei diesem Album war es genau das Gegenteil. Wir wollten den größtmöglichen Raumklang haben, es ist ein bisschen wie eine Klassikplatte aufgenommen. Wir haben Mikrofone verwendet, die man normalerweise bei den Aufnahmen von symphonischen Werken hat. Wir haben sehr viel Wert auf Dynamik gelegt und auf Vielfalt. So dass es langsame und schnelle Stücke gibt, dass es sehr heterogen ist. Im Gegensatz zur letzten Platte, bei der unsere Idee war, dass jedes Stück exakt gleich klingen soll.
A (lacht): Genau, und jedes Stück das möglichst gleiche Tempo hat.
Geht das denn, mit demselben Produzenten?
A: Total. Das war ja auch mit ihm zusammen entdeckt oder entwickelt, so kam man auf Ideen und hat Konzerte gespielt und weiter gearbeitet, ohne Unterbrechung. Er meinte: "Bei der nächsten Platte müsst Ihr mal den Verzerrer anmachen." Und dann hatte man das auch noch so im Kopf. So entstehen Stücke bei uns, dass sie sich so weiterschrauben, in der Debatte und den Gesprächen.
D: Und es gibt auch eine Kohärenz. Man hat schon früh angefangen, die Stücke zu schreiben, und mit Moses Schneider sitzt man ja oft zusammen. Wir haben ja schon Demos aufgenommen, und noch bevor man die Stücke arrangiert hat, hat man über Sachen geredet. Das ist einfach ein kohärenter Prozess, der immer weiter geht.
Uns ist beim Hören der Platte aufgefallen, dass im Gegensatz zu "Pure Vernunft Darf Niemals Siegen" wieder mehr Wut oder Zornigkeit in den Texten steckt. Woher kommt diese Wut?
D: Ich glaube, das Level der Wut und Empörung über bestimmte Sachen, mit denen man konfrontiert ist, bestimmte Ausformungen des Zeitgeistes, ist fast gleichgeblieben. Bei "Pure Vernunft" war der Weg ein trotziger, man hat gedacht, man kann dieser schnöden Alltagskultur und dieser Emokultur und diesem ganzen Befindlichkeitsterror, der um einen herum passiert, mit einer größtmöglichen Art von Manieriertheit begegnen. Das war dann fast trotzig, wie wenn man in einer spießigen Kleinstadt wohnt und im Fummel geht. Also so extra (lacht).
Bei der neuen Platte ist dieser Zorn tatsächlich etwas ungefilterter, wir haben versucht, eine Sprache zu wählen, die nicht so manieriert ist, nicht so exaltiert, na ja, exaltiert vielleicht schon, aber einfach klarer, distanzierter, objektiver und präziser ist, die sich mehr gegen das eigene Ich wendet und sich damit auseinandersetzt. Also die ganzen Dinge, um die es geht, schärfer stellt und nicht so in die Weite geht. Während wir es bei der letzten Platte super fanden, uns möglichst verschwurbelt auszudrücken, einfach auch als Trotz gegenüber diesen "Fakten, Fakten, Fakten".
Was für Ausprägungen des Zeitgeistes meinst Du denn?
D: Kulturell halt Sachen, mit denen man konfrontiert ist. Bei denen man sagt, man nimmt es um sich herum wahr, beispielsweise bei Musik oder Bildender Kunst. Es ärgert einen und spornt einen dazu an, genau das Gegenteil zu machen, weil das so wahnsinnig spießbürgerlich ist.
Gibt es da konkrete Sachen?
D: Da gibt es zu viel.
A: Da will man jetzt keine Bands nennen (kichert). Es gibt einiges, was die Aggressionen mobilisiert hat.
D: Aber das ist auch nicht so wichtig. Es wäre ja auch sehr reaktiv, wenn man sagt: das ist der Auslöser. Man macht das schon, um was zu geben oder auch ein Angebot zu machen, aber manchmal sind die Auslöser ganz banal, und man denkt sich: "Ich find das scheußlich und das muss man genau anders machen." Ich wollte sagen, der Grad der Wut ist bei uns eigentlich immer recht gleich. Manchmal äußert sich das eben in so einem trotzigen Anders-machen, und manchmal wird der Zorn relativ direkt vermittelt. Aggression hat bei uns schon immer eine große Rolle gespielt, leider (Dirk und Arne kichern).
A: Ist aber jetzt ein anderes Thema.
D: Ja, eher für den Therapeuten.
A: Das besprechen wir mit unseren Psychiatern, die auch demnächst mal kommen sollten (lacht).
D: Ich habe meinen schon bestellt.
D: Es wäre hält ein bisschen simplifizierend, wenn es nur reaktionär wäre. An sich ist es einfach ein wahnsinnig tolles Wort und es knallt auch total. Wir mögen solche Sachen. Man war auch schon immer begeistert, wenn man ein Buch sieht. das z.B. "Auslöschung" heißt wie bei Thomas Bernhard. Man fand solche Titel schon immer toll, weil sie so eine Kraft der Negation in sich tragen, was man eben spitze findet. So haben wir ja schon immer gearbeitet. "Kapitulation" ist in seiner Radikalität ganz besonders schön, und es ist auch ein sehr melodisches Wort. Und natürlich ist auch diese Idee der Aufgabe und des Waffenniederlegens und der Hingabe und des Nicht-mehr-machens eine wunderschöne Idee, gerade in der Kunst, die sonst von extremen Aktivismus geprägt ist.
Versteht ihr Kapitulieren als weiter gefassten Begriff? Denn militärische Kapitulation ist ja Niederlage pur.
A: Und gleichzeitig Beendigung des Krieges, was natürlich etwas Schreckliches ist.
Als ich den Albumtitel gelesen habe, musste ich gleich dran denken, dass ich Euch am 8. Mai 2005 in Berlin gesehen habe. (Am Vorabend des 8. Mai, dem Jahrestag der deutschen Kapitulation, spielte die Band als einer der Topacts bei "Deutschland, du Opfer", einer Veranstaltung der Berliner Wochenzeitung Jungle World und weiteren linken Gruppierungen.) Seht Ihr da Kontinuitäten in der Beschäftigung mit der Thematik?
D: Also, uns kam diese Veranstaltung dann wieder in den Sinn. Ich finde es immer gut, wenn es Leute gibt wie Dich, die sich so was dann auch merken und dann denken: "Ah, das könnte damit zu tun haben." Ist ja auch ein sehr schöner Zufall. Diese Veranstaltung war ganz klar antinationalistischer Ausrichtung und gegen die Verklärung von Deutschland als Opfer des Zweiten Weltkrieges, und das ist natürlich etwas, was wir 100%ig unterschreiben können und was mit unserer Auffassung total übereinstimmt. Als deutsche Band waren wir uns auch bewusst, dass wenn wir ein Album "Kapitulation" nennen, dieser antinationalistische Subtext da immer mitschwingen würde. Man bietet diese Lesart auch an und findet das auch super.
Nehmen die Fans das durchweg positiv auf? Oder kriegt Ihr auch mit, dass Fans mit dieser anti-deutschen Stimmung nicht einverstanden sind?
D: Anti-Deutsch würde ich nicht sagen. Das steht für etwas anderes. Das ist eine anti-nationalistische Haltung, aber anti-deutsch ist wieder eine Untergruppe, davon wollen wir uns distanzieren.
Ist das konsensfähig bei den Fans?
A: Das weiß man noch nicht. Keinen blassen Schimmer, wir haben gerade erst diese beiden Vorabkonzerte gemacht und die Platte ist noch nicht mal erschienen. Da kann man einfach nichts zu sagen.
D: Ich finde auch grundsätzlich diese Fragen nach "Wie seht Ihr das Verhältnis zu den Fans", das ist etwas, womit wir uns immer sehr schwer getan haben.
A: Man will das auch nicht so genau wissen. Man unterhält sich gerne mit einzelnen Leuten und führt gerne Gespräche. Aber was sind denn die Fans?
D: Das ist ja eine heterogene Masse.
A: Eben, und man will ja niemanden als Teil der Masse behandeln.
D: Es ist ja eben keine Masse, sondern im besten Fall eine Vielheit.
A: Man gehört ja eigentlich selber dazu und findet die Band richtig gut (kichert).
D: Man will die Leute nicht so über einen Kamm scheren, und man findet auch dieses hierarchische - hier Band, da Fan - und auch diesen dienstleisterischen Aspekt, das widert uns irgendwie an, denn man will die Leute ja nicht wie eine Art Kundschaft behandeln und denken: "Ja, kommt das auch gut an?" Wie sein eigener Produktmanager.
A: Da gibt es ja Leute, die machen das auch spitze (kichert wieder).
Was hat es mit Eurer Single "Sag Alles Ab" auf sich? Sie sticht ja deutlich aus dem Album heraus.
A: Das war eher eine Vorab-Spezial-Single. Wir dachten, als Single haut das auch nicht richtig hin, weil es ein sehr extremes Stück ist. Aber genau deshalb hat man das auch gerne rausgenommen, weil man sich da auch sehr gefreut hat, dass man mal ein aggressives, schnelles, rockiges Stück gemacht hat. Das man auch gut herausstellen kann und im besten Falle neugierig macht, auf das was kommt.
Dirk: Gerade auch, weil man damit nicht gerechnet hätte. Da hat man gedacht: "Das kommt doch ganz fetzig." (lacht)
A: Und das Stück ist auch in seiner Form als Single so wunderbar untauglich (lacht). Wir dachten auch, wir könnten daraus eine schöne Vinyl-Single machen, das mochte man auch schon immer gerne.
D: Man war auch sehr glücklich über das Lied, weil es so ungemein schwierig ist, aggressive, laute Rockmusik zu machen, ohne in die üblichen Redundanzen zu verfallen. Weil vieles, was da laut rockt und punk-rockt, ist ja der konservativste Kram überhaupt. Deshalb hat man auch lange Zeit so eine Abneigung dagegen gehabt. Hier hat sich das so schön ergeben, dass man eine Aussage, wie "Sag Alles Ab", die davon handelt, überhaupt nichts zu machen, mit größtmöglicher Dringlichkeit und appellativ in einem schnellen Rhythmus zu zwängen. Das Stück ist ja doch körperlich fordernd, ist eine schöne Drehung.
Zieht sich das Thema "Kapitulation" durch das ganze Album, wenn man Begriffe hört wie Ruin oder Absage oder Wehrlosigkeit?
D: Ja, das Format Album wird von uns ungemein geschätzt. Gerade heutzutage, wo Musik so stückweise konsumiert wird wie im Online-Bereich. Es ist halt eine Entwicklung, ich meine das völlig wertfrei, aber man schätzt diese Alben, die, im Englischen sagt man sentenced, sind, die eine Reihenfolge haben und die Stücke aufeinander aufbauen, die etwas miteinander zu tun haben. Wenn das Album die Form einer Erzählung annimmt und man es als Gesamtwerk begreifen kann. Das findet man schon sehr angenehm. Man arbeitet auch so. In dem Fall geht es um die Texte, und die schreibt man in einem Zeitraum von einem halben bis dreiviertel Jahr und so spiegeln sie auch das, was einen in dieser Zeit beschäftigt, wider. Wertungsfrei, bloß nicht falsch verstehen: Wie ein Schriftsteller auch, kennt man bestimmte Tricks, wie man eine Kohärenz herstellen kann, so dass es ein geschlossenes Werk gibt.
Eine Konzeptualität?
D: Strategien wie Konzeptualität fanden wir immer gut. Das hat uns schon immer interessiert. Jetzt müsste man erörtern, wann ein Album ein Konzeptalbum ist, aber das wissen wir selber nicht. Aber in gewisser Hinsicht konzeptuell geschlossen, thematisch einheitlich verknüpft, waren unsere Alben immer, weil man das so mag.
A: Ja, so schön findet.
Bei Eurem Song "Harmonie als Strategie" haben wir uns überlegt: Harmonie wofür? Denn wir verbinden Harmonie nicht mit Tocotronic.
D: Man muss dazu sagen, das ist nicht positiv gemeint. Der Satz ist eher so gemeint wie: "Religion ist Opium für das Volk", wie eine marxistische Maxime. Die Harmonie ist in diesem Fall negativ besetzt.
A: Harmonie gilt ja oft als Geschenk. So versuchte man das zu drehen, dass man es mit Strategie verbindet.
D: Ich glaube, es ist ein strategisches Mittel, permanente Harmonie erzeugen zu wollen. Und dieser Satz steht dann losgelöst als Maxime und hat mit dem Rest des Textes nicht wirklich was zu tun, außer auf einer ganz assoziativen Ebene. Da sind wir einem Idealbild von uns recht nahegekommen, ein Stück zu schreiben, das man selber nicht mehr versteht. Das wäre das Schönste, was man eigentlich erreichen kann (grinst).
D: Wir sind alle vier relativ große Fans von dem österreichischen Psychoanalytiker Wilhelm Reich, dem Entdecker der Orgon-Energie. Sein bekanntes Frühwerk ist "Die Massenpsychologie des Faschismus", das den Faschismus als Folge sexueller Unterdrückung darstellt. Er war auch Sexualforscher.
A: Kann man so sagen. Vielleicht auch noch was anderes. Sehr definiert über die sexuelle Unterdrückung.
D (lacht): Ein Wiener halt.
A: Viel Sex.
D: Und er hat die Orgon-Energie entdeckt, eine Energie, die uns permanent umgibt.
A: Er war auf der Suche nach der Lebensenergie. Als man beim letzten Album an Esoterik, Religion, Spiritualität interessiert war, kam man auf ihn. In vielen östlichen Religionen spricht man von der Lebensenergie, und er war auf der Suche, diese Energie nachzuweisen. Er war daran interessiert, wie das Verhältnis von Körper und Geist miteinander zusammen hängt. Er war der Meinung, diese Energie gefunden zu haben und auch wissenschaftlich nachgewiesen zu haben. Es ist aber immer noch sehr umstritten, ob ihm die Experimente in ihrer Wissenschaftlichkeit wirklich gelungen sind. Er hat die Energie dann Orgon-Energie, nach Orgasmus, weil sie dort sehr viel freigesetzt wird, benannt.
D: Total versext.
Aber wenn Ihr Euch jetzt mit Wissenschaft beschäftigt, ist das dann nicht der späte Sieg der puren Vernunft?
D (empört): Bei Wilhelm Reich wäre der Wissenschaftler doch sehr skeptisch, denn das ist eher Spiritualität und Esoterik.
A: Das Tragische ist, dass er der Wissenschaft einen wahnsinnig hohen Rang eingeräumt hat. Es ist ganz dramatisch.
D: Wilhelm Reich wurde als Jude in Deutschland verfolgt und auch später in den USA unter McCarthy, weil er in Deutschland Mitglied der kommunistischen Partei war. Er ist auch deshalb interessant, weil er die sehr seltene Verbindung, die uns auch so reizt, von Esoterik und Spiritualität und einer linken politischen Stoßrichtung verkörpert. Eine sehr interessante Figur, die leider im Wahnsinn geendet ist.
A: Man hat das Wort Orgon-Energie auch eingesetzt, um im Text assoziativ zu arbeiten. Man schreibt die Texte ja dann doch nicht wie wissenschaftliche Abhandlungen (lacht).
D: Na ja, na ja (grinst).
Das Wort ist sehr rausgestochen, wie auch die beiden Zitate, die wir gefunden haben "Ich bin ein Star, holt mich hier raus" und "Es ist alles nur geklaut".
D: Der Hintergrund ist, dass man sowieso sehr gerne diese Bastelarbeit macht, dass man Sachen in den Textentstehungsprozess mit aufnimmt, und dabei aber auch nicht unbedingt zwischen Hoch- und Trashkultur unterscheiden möchte, weil uns das so nervt. Wir sind da ein bisschen wie Elstern, und die sehen was das glitzert, und das eine ist nur ein Kügelchen Alufolie in der Sonne, und das andere ist ein Diamant. Wir finden beides gleich schön.
Der Satz: "Ich bin ein Star, holt mich hier raus" ist natürlich wunderschön. Für die Sendung haben wir uns hingegen nie interessiert, das ist einfach ein Fundstück. Das, wenn man sich elsternhaft bestimmter Dinge bedient, man ein Stück, wie das von den Prinzen, das "Alles nur geklaut" heißt, findet, und in unserem Stück kommt der Satz "Entschuldigung, das hab ich mir erlaubt" vor, das ist natürlich wahnsinnig komisch.
Ein Mitarbeiter unserer Redaktion hatte beim Anhören des Albums das Gefühl, dass es sehr nach Abschied klingt. Wie geht es denn weiter, wenn Ihr mit diesem Album durch seid?
D: Ich glaube, dann ist er uns so ein bisschen auf den Leim gegangen. Wir müssen weiter machen. Der Titel ist natürlich missverständlich in der Hinsicht, das fanden wir auch ganz schön.
A: Es gab auch schon Gerüchte, von Leuten, die sich Zitate ausgedacht haben, wie z.B. Arne hatte gesagt, die Stimmung sei ganz schlimm in der Band.
Aber das macht jetzt nicht den Eindruck.
A: Die Gerüchtküche ist ja was Ulkiges, aber das hat tatsächlich keinerlei Substanz.
Nach einer halben Stunde mit den beiden Tocos ist unsere Zeit abgelaufen und Dirk verabschiedet sich sehr schnell, da er ebenfalls die wunderschönen Toiletten aufsuchen muss.
Das Interview führten Mathias Möller und Anja Lindenlaub.
Seit zehn Jahren feiert die beliebte Hamburger Band Tocotronic nun schon ihre Reise durch das Popuniversum.
Mit ihrer aktuellen Platte "Pure Vernunft Darf Niemals Siegen" eröffnen sie das neue Jahr 2005 und sorgen wie immer für Gesprächsstoff. Nach sieben regulären Studioalben gibt es einiges zu erzählen: übers Älterwerden, alte und neue Hits, den aktuellen Bandzuwachs und deutschsprachige Musik im Allgemeinen.
Um den langen Promotag ein wenig aufzulockern, tragen wir mal wieder einen Kassettenrecorder mit uns herum, und wollen hören, was Tocotronic denn zu ihren deutschsprachigen Kollegen sagen. Höflich und charmant empfangen uns Arne und Dirk in einem Kölner Hotelzimmer.
Nach kühlen Getränken und einer kurzen Diskussion, ob man es wagen kann, in einem Nichtraucherzimmer zu rauchen (laut.de sagt ja!) läuft auch schon der erste Song. Während Dirk sich noch fragt, ob man die Lieder erraten muss, hat Arne schon nach ein paar Sekunden Interpret und Titel hinaus posaunt.
Goldene Zitronen – Alles was ich will (Nur die Regierung stürzen)
Arne: Ja, die Zitronen habe ich schon immer gern gehört.
Dirk: Ein wohlklingendes Stück.
Die Goldenen Zitronen hatten ja vor zwei Jahren ihr Bühnenjubiläum und dies mit einer "Gala" gebührend gefeiert (laut.de berichtete). Wie war es denn bei euch, ihr hattet ja auch gerade euren zehnjährigen Geburtstag. Gab es da auch eine große Party?
Dirk: Ja, wir haben besinnlich um den Adventskranz gesessen und uns Anekdoten aus alter Zeit erzählt. (lacht) Nee, im Ernst, wir haben das eigentlich unter den Tisch fallen lassen. Wir feiern ja sonst immer so exzessiv und wild. So'n bisschen wie mit Silvester. (lacht)
Arne: Wir haben ja eine DVD- und B-Seiten-Compilation herausgebracht für den doch dünnen Anlass (grins), aber nee, sonst haben wir nicht groß gefeiert. Wie die Feste halt so fallen ...
Tocotronic – Wir sind hier nicht in Seattle
Dirk. Oh nein, kenne ich, kenne ich! Bitte ausmachen. Ich dachte zuerst, das wäre Xanadu (alle lachen) Oder Lou Barlow ... Halt so schrumm, schrumm. Hach ja, wunderschönes Lied (schäm).
Hat sich denn für euch generell etwas in den zehn Jahren verändert? Also etwas, das einem direkt auffällt?
Arne: Wenn man in den Spiegel guckt, sicher. Aber das sind ja Lachfalten (grins).
Dirk: Ich hoffe, dass sich etwas verändert hat. Wenn man zehn Jahre in einer Band Musik macht, muss sich auch was tun, sonst ist es doch sehr stillstehend.
Hört ihr denn gerne eure alten Songs, oder ist das eher nicht so gut?
Dirk: Ich höre sie grundsätzlich nicht so wahnsinnig gerne. Aber wir müssen sie uns ja anhören. Wenn wir demnächst wieder auf Tour gehen, spielen wir natürlich auch unsere alten Songs.
Arne: Und dann recherchiert man natürlich, welche alten Lieder man mal wieder spielen könnte. Gerade die B-Seiten sind dabei interessant, und es überrascht einen immer wieder, weil man vieles auch einfach schon vergessen hat. Ansonsten ist das mit Vorsicht zu genießen.
Dirk: Ich finde ja das mit der Stimme schlimm. Die Musik kann ich mir eigentlich immer gut anhören, aber wenn man selbst gesungen hat ... das ist so ein bisschen wie seine eigene Stimme auf Tonbandaufnahmen zu hören. Bei den aktuellen Sachen ist das nicht so schlimm. Das kann ich mir schon anhören. Aber bei der Platte davor denke ich oft "Oh, ist das schief" (lacht).
Macht ihr euch während der Aufnahmen eigentlich Gedanken darüber, wie die Songs live auf der Bühne umzusetzen sind?
Dirk: Für die letzte Platte ("Tocotronic", Anm. d. Red.) waren wir wahnsinnig lange im Studio, etwa eineinhalb Jahre. Damals haben wir uns darüber überhaupt keine Gedanken gemacht, weil einen das ja doch nur hemmt. Wir wollten ausprobieren, wie weit man gehen kann, und uns selbst keine Grenzen setzen. Das hat dann u.a. dazu geführt, dass es gar nicht so leicht war, das live umzusetzen. Bei der neuen Platte haben wir nun diese glückliche Koinzidenz, dass die Songs live sehr gut umzusetzen sind, weil das Album auch live eingespielt wurde. Da fehlt dann nicht besonders viel, bis auf ein kleines Glöckchen vielleicht. Wir fanden das auch schon im Vorfeld gut, dass man es später gut reproduzieren kann.
Arne: Das vereinfacht die Sache natürlich, aber es ist ja eigentlich keine wesentliche Entscheidung.
Ja, das stimmt natürlich. Es ist allerdings schon beim letzten Album und der dazugehörigen Tour aufgefallen ...
Dirk: Da haben wir letztendlich einen Weg gefunden, das alles zurück zu übersetzen; in so ein Rockgefüge. Das lief ganz gut, war aber echt ganz schön anstrengend. Schließlich war da so viel Gebastel auf der Platte, verschiedene Sounds und so. Das war nicht ganz einfach.
Ihr habt jetzt auch Zuwachs bekommen. Rick McPhail spielt ab sofort die zweite Gitarre.
Dirk: Ja, das hat sich ganz natürlich ergeben. Wir haben ja schon vor der letzten Platte mit Rick live gespielt und gemeinsam geprobt. Und das hat sehr großen Spaß gemacht. Wir kennen uns einfach auch schon sehr lange und sind gut befreundet. Es erschien uns als das Natürlichste, wenn man eh miteinander spielt, dass wir diese Platte zu viert machen. Die Vorstellung, Phil nur als Gast- und Livemusiker mitzunehmen, fanden wir schäbig. Irgendwann muss derjenige als offizielles Bandmitglied dabei sein.
Angelika Express – Geh’ doch nach Berlin
(Fragezeichen bei beiden)
Ich gib euch mal 'nen Tipp. Die sind aus Köln.
(Immer noch nichts)
Angelika Express
Arne: Hach, ich wollte es gerade sagen. Ich kenne das Stück allerdings nicht. Ich hätte es nur geraten.
Das Stück bezieht sich ja auf die wahnsinnige Umzugsflucht von Köln nach Berlin. Habt ihr das auch mitbekommen? Gab oder gibt es das in Hamburg auch?
Dirk: Nun ja, ich bin ja selbst nach Berlin gezogen. Sitze hier quasi als lebendes Beispiel für diesen Songtext (lacht). Zwar nicht aus Köln, aber ich fühle mich dennoch sehr angesprochen.
Ach so, das wusste ich gar nicht. Buh! (alle lachen)
Arne: Das Wort zum Umzug. Der Song ist auf jeden Fall 'ne gute Idee.
Und ich frage mich: Was hat Berlin, was andere Städte nicht haben?
Dirk: Och, ist halt recht groß. Auch billiger zu wohnen, als in München zum Beispiel. Na ja, muss jeder selber wissen. Auf jeden Fall ist Berlin eine schöne Stadt. Kann man nicht anders sagen. Und Köln ist auch schön.
Hamburg ist auch schön. Und Sibirien auch (wow, was für ein Übergang). Ihr habt dort im Frühjahr 2004 gespielt. Wie kommt man dazu?
Arne: Wir wurden vom Goethe Institut eingeladen. Das war hoch interessant. Man wird von diesem Institut ganz reizend betreut. Du hast immer Dolmetscher dabei, und wir hatten sogar einen Tag frei, so dass wir uns die Umgebung angucken konnten. Wir waren dort nach den Aufnahmen zu "Pure Vernunft Darf Niemals Siegen" und haben dort fast ausschließlich die neuen Stücke gespielt. Das war natürlich sehr spannend für uns, und es hat auch gut geklappt.
Dirk: Eine gute Live-Umsetzung, um noch mal an das Thema von eben anzuknüpfen. Ein gelungener Test. Offen gesagt war es aber auch egal, weil die Leute eh nichts von uns kannten. (lacht)
Wie ist das generell im Ausland? Wo seid ihr am bekanntesten? Fragt man zum Beispiel Engländer nach deutschen Bands, nennen sie zuerst Tocotronic ...
Arne: Ja, die letzte Platte wurde im NME ganz gut besprochen, oder? Rough Trade organisierte den Vertrieb, allerdings nur im kleinen Rahmen.
Dirk: Wir haben zuletzt vor sieben oder acht Jahren in London gespielt. Das war auch das erste Mal und in Camden, dem damaligen Pop-Stadtteil schlechthin, da kamen tatsächlich auch Deutsche. Touristen und Touristinnen in voller Oasis-Montur. (lacht) Schon eher absurd. Ansonsten haben wir in Dänemark eine kleine Fangemeinde. Da spielen wir auch manchmal. Und in Holland und Belgien verkaufen sich auch Platten. Also überall dort, wo es ein Grundverständnis der deutschen Sprache gibt.
Sportfreunde Stiller – Kompliment
Dirk: Ganz schön fetzig. Ah ja, da rollen sich dann doch die Fußnägel.
Arne: An der Stimme erkenne ich sie, Sportfreunde Stiller.
Dirk: Aber das Stück kenne ich nicht.
Arne (zu Dirk): "Ich wollte dir nur mal eben sagen, dass du das Größte für mich bist".
Dirk: Oh, Danke!
Ja, die füllen ja plötzlich riesige Hallen ...
Dirk: Ja, schön. Und was willst du damit bezwecken, dass du uns das vorspielst?
Gar nichts. Wie ihr ja vielleicht bemerkt habt, geht es um das zur Zeit sehr beliebte Thema "deutschsprachige Musik", und außerdem passt jetzt wieder mein nächster Hammer-Übergang (grins): Was war das schönste Kompliment, das ihr jemals bekommen habt, bzw. welches war das Schönste, das ihr jemals erteilt habt?
Arne. Oh, da sind wir nicht immer ganz so gut ...
Dirk: Neulich hat mir ein Freund das Kompliment gemacht, dass die neue Platte eine "Giftschrank-Platte" ist. Das fand ich eine tolle Idee, ähnlich wie bei Büchern, die man als Kind nicht lesen darf.
Ist eine gute Beschreibung.
Dirk: Ja, irgendwie schon. So wie das verbotene Buch. Jugendgefährdend. Fand ich toll.
Arne: Ach ja, die Sporties.
Kennt ihr euch denn?
Arne: Ja, schon aus der Zeit, als die noch Stiller hießen. Da haben wir auch mal zusammen gespielt.
Dirk: Ja, eher flüchtig.
Blumfeld – Neuer Morgen
Beide gleichzeitig: Blumfeld.
Arne: Wunderbares Lied. Auch das Video.
Dirk: Ja, sehr schön.
Ihr musstet wahrscheinlich schon oft zur aktuellen Diskussion über deutschsprachige Musik, einer Deutsch-Quote und der so genannten Deutschtümelei Stellung beziehen. Wie beurteilt ihr das, bzw. wollt ihr dazu überhaupt noch etwas sagen?
Dirk: Deutschtümelei, Heimatduseligkeit und nationalistische Gefühle. Wir lehnen die Radioquote strikt ab.
Arne: Man muss da schon korrekt bleiben. Nationalistische Tendenzen kann man sicher erkennen.
Dirk: Diese Tendenzen finden ja allgemein in die Kultur Eingang. Beim Film ist es doch nicht anders, siehe "Das Wunder von Bern" als deutsche Erweckungsmythologie, bis zu "Hitler menschlich gesehen". Und so etwas wie "Wir sind wir" und "Auferstanden aus Ruinen" ist einfach relativ unverhohlener Nationalismus. Als stramm links-sozialisierte Antinationalisten, die wir nun mal sind, und wie es uns in autonomen Jugendzentren seinerzeit eingeprügelt wurde, ekelt uns das natürlich an. (lacht)
Nein, es geht sicher darum, wie man aufgewachsen ist. Da tut man sich natürlich schwer, wenn Bands wie zum Beispiel Mia, die bestimmt ganz reizende Menschen sind und die ich persönlich nicht kenne (schmunzel), wenn die dann meinen, mit einem neuen Patriotismus, so bezeichnen sie es glaube ich, auffallen zu müssen. Mal eben im poppigen Gewand rufen: "Deutschland, man wird ja wohl mal sagen dürfen". Damit tut man sich schon schwer, auch wenn deren Beweggründe bestimmt nicht boshaft sind. Aber sie sind nationalistisch. Es gibt kein anderes Wort dafür, wenn man mit schwarz-rot-gold herumläuft.
Allerdings, vor allem wenn man sich auch noch die Haare so färbt ...
Dirk: Es ist einfach nur dämlich.
Virginia Jetzt! – Mein Sein
Arne: Das kenne ich gar nicht.
Dirk: Das kommt jetzt vielleicht so rüber, als wären wir zu sehr in unserer Musik versunken, weil wir fast kein Stück hier erkennen. (alle lachen) Ich habe keinen blassen Schimmer.
Das sind Virginia Jetzt!
Arne: Ach so, ja.
Wo liegt eurer Meinung nach generell der Unterschied zwischen den neuen deutschen Bands und den "alten Hasen"?
Dirk: Wir werden das relativ häufig gefragt, und man fühlt sich schon unbehaglich, darauf zu antworten, weil man sich dann so alt vorkommt ... als wäre man schon Methusalem.
Arne: Alt und Weise.
Dirk: Über jüngere deutsche Bands zu urteilen, ist eine Rolle, in der man sich nicht so wahnsinnig wohl fühlt. Ich glaube auch nicht, dass wir dazu berufen sind, weil das sehr weit weg ist und, wie eben im Witz gesagt, wir doch sehr mit uns beschäftigt sind. Natürlich gibt es viele Verbindungen zu Bands, wie eben zu Blumfeld, die uns schon immer begleiten und die aus dem selben Umfeld kommen.
Genau, es gab die Hamburger Schule, man kannte sich untereinander und hat auch gemeinsame Sachen gemacht.
(Im Hintergrund läuft nun Mia – Hungriges Herz)
Dirk: Ja, so etwas passiert auch immer noch. Man arbeitet ab und an zusammen, und es gibt einfach ... ach, da sind ja jetzt Mia (leicht irritiert).
Arne: Der Grand Prix-Hit.
Dirk: Was wollte ich sagen ?
Arne: Es gab ...
Dirk: Genau, das gab es eben schon immer. Und wenn man mal ganz offen ist: manchmal ist einfach auch ein bisschen Desinteresse dabei. Es gibt sicher große Unterschiede in der Herangehensweise verschiedener neuer deutscher Bands, anders als damals bei uns. Und das ist ja erst mal nichts Schlechtes.
Wir sind Helden – Guten Tag (die Reklamation)
Dirk: Das ist "Ca plane pour moi" von Wir sind Helden. (längere Pause)
(entschuldigend) Wir können dazu leider nicht viel sagen, weil wir die Songs nicht gut genug kennen. Das ist schon ein wunder Punkt, zumal wir uns im Vorfeld darüber unterhalten haben, was wir denn machen, wenn wir nach diesen Bands gefragt werden.
Ist ja nicht so schlimm. Dafür war es doch schon gut.
Arne: Man kann halt auch so wenig dazu sagen. Wie Dirk schon meinte, man fühlt sich in dieser Kritikerrolle unwohl. Das klingt dann schnell so unbescheiden. Und ein Stück weit lebt man einfach im Elfenbeinturm und bekommt von den meisten Sachen gar nichts mit.
Dirk: Insgesamt kann man aber schon sagen, dass uns dieser von den Medien mitinszenierte Boom der deutschen Musik ganz einfach Bauchschmerzen bereitet. Meistens geht es ja nicht von den einzelnen Bands aus, sondern von den Medien, die manches zusammen fassen, und da ist die nationalistische Tendenz einfach dabei. So nach dem Motto: wir haben jetzt endlich wieder Bands in Deutschland, die deutsch singen. Der Endpunkt ist dann diese unselige Quote. Das fängt ja schon bei dem Sampler an, auf dem ein "Deutschland ist erwacht"-Sticker klebt.
Arne: Da kriegt man das Kotzen. Die Neue Deutsche Welle entstand damals aus einer Zeit des Punkrock heraus und wurde später als beknackte Musikrichtung verkauft. Ganz schrecklich.
Dirk: Das ist halt die Vermarktung. Damit wird eben Schindluder betrieben. Grundsätzlich kann man natürlich nicht sagen, Musik aus Deutschland interessiert uns nicht. Ich finde es auch doof zu behaupten, ich höre nur Musik aus Nordengland oder Südspanien. Letztlich ist es doch Wurst, aus welchem Land die Musik kommt, ob deutsch oder nicht deutsch. Aber diese Diskussion darüber, dass es gut ist deutsch zu singen, da hakt es bei mir auch schon. Ich weiß wirklich nicht, was daran gut sein soll. Man kann als Musiker doch auch auf chinesisch singen.
Wir haben auch nie gesagt, dass es so herrlich ist, auf deutsch zu singen. Im Gegenteil, es ist eher schwierig, gute deutsche Texte zu schreiben. Darin liegt natürlich auch der Reiz, aber ich kann nicht so ein affirmatives Verhältnis zu dieser deutschen Sprache herstellen. Das geht nicht. Das kommt mir auch alles so kleinbürgerlich vor. Musik ist doch, kitschig gesagt, eine universelle Sprache. Rock'n'Roll.
Neonbabies – Blaue Augen
Arne: Das sind Ideal.
Fast. Neonbabies. Die haben das schon vorher gespielt.
Arne: Aha, die Version kenne ich gar nicht.
Dirk: Die beiden Humpe-Schwestern, die eine bei den Neonbabies, die andere bei Ideal. Damit sind wir aufgewachsen.
Mit was habt ihr eure Jugend verschwendet? Na, das ist doch mal wieder ein super Übergang, oder?
Dirk (lacht): Dazu müsste man Jugend erst mal definieren.
Arne: Ich habe eigentlich nie besonders viel deutsche Musik gehört.
Nee, ich meinte das jetzt auch eher allgemein.
Arne: Hmm, also Jan und ich haben schon sehr viel Zeit mit dem Studium des Deutschpunks verbracht. Aber das war eigentlich gar keine verschwendete Zeit.
Dirk: Das waren eher Lehr- und Wanderjahre an verschwendeter Zeit. (alle lachen)
Anajo – Monika Tanzband
Die kennt ihr wahrscheinlich auch nicht. Auch so eine neue deutsche Band, die aber ausnahmsweise mal richtig gut ist.
Arne: Das klingt ganz ulkig.
Dirk: Ja, das ist so C-64-Musik. Die höre ich immer sehr gerne.
Knarf Rellöm – Roc Stars
Arne: Ist das Knarf Rellöm? Das ist von der neuen Platte, die ich noch nicht gehört habe.
(alle lachen und applaudieren für Knarf)
Dazu gibt es auch ein tolles Video. A propos, ihr habt doch auch kürzlich euer Video zu "Aber hier leben, nein danke" gedreht. Arne: Ja, und es war sehr kalt.
Dirk: Wir haben ja außen gedreht, also so Open Air mäßig.
Arne: Eigentlich eine doofe Idee (lacht)
Dirk: Aber das wird bestimmt sehr schön.
Arne: Ja, es hat auch alles gut geklappt mit dem geladenen Publikum. (LADO hatte einige Tage zuvor einen Newsletter verschickt und zum Videodreh im "Planten & Bloomen" in Hamburg geladen, Anm. d. Red.)
Dirk: Die Leute waren sehr motiviert. Das sollte man an dieser Stelle noch einmal sagen, damit sie das lesen. Hut ab! So ein Dreh dauert wahnsinnig lange, und es ist teilweise auch ziemlich langweilig, weil so viel umgebaut wird, und dann steht man so in der Kälte herum. Also nochmals danke an alle.
Arne: Das fertige Video haben wir allerdings noch nicht gesehen.
Dirk: Im Januar wird es dann hoffentlich auch irgendwo zu sehen sein. Vielleicht auch auf Arte? (lacht)
Stimmt. Es gibt ja kaum noch Musikkanäle. Onyx gibt es mittlerweile auch nicht mehr, oder?
Arne: Nee, das ist jetzt so ein Präsentierkanal. Ist auch besser so.
Dirk: Ich gucke eigentlich gar nicht so viel Musikfernsehen. Immer wenn ich da mal reinschaue kommt dieses blöde Nashorn und der bekloppte Frosch. Das ist die totale Gehirnwäsche. Da bekomme ich zuviel und muss sofort Nerventee trinken.
Christian Kreuz – Lebenslänglich Disko
Arne: Klingt ein bisschen wie Abwärts.
Dirk: Oder Falco. (Pause) Ach, ist das der von Dakar & Grinser? Die Platte fand ich sehr witzig.
Geht ihr selber auch gerne tanzen?
Dirk: Ja, kommt schon mal vor. Aber dann lieber auf so Bumm Bumm-Musik.
Arne: In Köln natürlich im Studio 672. Da habe ich schon so einige Nächte durchgefeiert.
Arne Zank – Do you do (Love from A to Z)
Arne: Kenne ich.
Das hätte mich jetzt auch gewundert. Und Dirk kennt das auch?
Dirk: Nee. (grins)
Ihr habt ja alle eure Soloprojekte am Start, die meist sehr in diese elektronische Richtung tendieren. Da tobt ihr euch dann so richtig aus. Werden Tocotronic auch mehr diese Richtung einschlagen?
Dirk: Bei der letzten Platte waren wir schon sehr beeinflusst von der Struktur elektronischer Musik. Aber wir achten darauf, dass wir eine Rockband bleiben.
Arne: Man kann jetzt nicht sagen, machen wir mal ein Reggae-Album oder so. Aber wir wissen auch nicht, wohin der Wind uns wehen wird.
Es fällt aber auf, dass viele Gitarrenbands irgendwann mit elektronischen Klängen herum experimentieren.
Dirk: Die Wege der Rockmusik sind schon etwas ausgelatscht. Bei der letzten Platte merkten wir auch, dass man so eine gewisse Antipathie gegenüber Rockmusik verspüren kann. Wobei wir uns jetzt bei "Purer Vernunft Darf Niemals Siegen" sicher waren, dass es eine reine Rockplatte wird.
So, jetzt muss ich auch leider schon die vorletzte Frage stellen. (theatralisch) Das Jahr neigt sich dem Ende.
(alle lachen)
Arne: Oh je, was kommt denn jetzt?
Dirk: Jetzt kommen die besinnlichen Fragen.
Leider kann ich die Musik jetzt nicht mehr dazu spielen ... obwohl die gar nicht so besinnlich ist.
Arne: Last Christmas?
Was sind eure guten Vorsätze für 2005?
Dirk: Oh je, das sind wir schon mal gefragt worden, wir haben eigentlich nie Vorsätze.
Arne: Ich will irgendwann mit dem Rauchen aufhören, aber zur Jahreswende ist das Quatsch.
Was ist euer Album 2004?
Dirk: Ein Album von einem jungen, englischen Künstler auf dem deutschen Label Tomlab: Patrick Wolf. Das finde ich unglaublich gut.
Arne: Und eine Kölner Platte: "Yog Sothoth" von Workshop.
Gut, vielen Dank. Ich hoffe, es hat euch Spaß gemacht, trotz zu vieler deutscher Musik.
Arne: War super. Ist mal was anderes.
Dirk: Zu viel deutsche Musik ist gar nicht gesund.
Das Interview führte Jasmin Lütz.
K.O.O.K. - Variationen (2000)
Es Ist Egal, Aber (1997), Wir Kommen Um Uns Zu Beschweren (1996), Nach Der Verlorenen Zeit (1995), Digital Ist Besser (1995)
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