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Bereits um die Jahrtausendwende schreibt das Jazzecho: "Till Brönner als den emporstrebenden deutschen Nachwuchstrompeter schlechthin zu bezeichnen ist mittlerweile hinfällig, da er mehr Platten verkauft haben dürfte als jeder andere deutsche Jazztrompeter. Er spielt in der internationalen Oberliga und pflegt Kontakte zur New Yorker Jazzszene, die ja bekanntlich den Weltmarkt bestimmt." Heute gilt der Echo-Preisträger 2007 als der bekannsteste deutsche Jazzexport.
1971 in Viersen geboren, erlebt Till mit Louis Armstrong und Charlie Parker erste prickelnde Momente: "Als ich zum ersten Mal Bebop hörte, Charlie Parker, das war eine Initial-Zündung. Ich war 13, und es war fast so etwas wie die erste erotische Erfahrung. Ich dachte: So etwas Unanständiges kann man eigentlich nicht machen. Die Musik war wie eine Frau, die mich anbaggert."
Till stammt aus einer Musikerfamilie. Nach einer wohlbehüteten Kindheit absolviert er zuerst eine klassische Ausbildung, um anschließend Jazztrompete an der Kölner Musikhochschule zu studieren. Nach nur drei Semestern überzeugt er als 20-Jähriger bei einem Vorspiel den Chef des Berliner RIAS-Tanzorchesters, und hat damit die erste Hürde genommen.
Bereits zwei Jahre später debütiert er als Bandleader mit der Mainstream-Aufnahme "Generations of Jazz", und zieht damit erste Insider-Aufmerksamkeit auf sich. Auf "My Secret Love" widmet er sich kölschem Karnevalsgut. Größeres Interesse wird allerdings seinem dritten Album "German Songs" zuteil. Darauf nimmt er sich alter UFA-Schlager an, die er mit einer Mischung aus Streichorchester und Jazzquartett instrumentiert.
Seine internationale Anerkennung erfährt er 1995 mit dem Fusion-Jazz Album "Midnight". An der Seite der Jazzlegenden Dennis Chambers (dr) und Michael Brecker (sax) etabliert er sich im staatenübergreifenden Vergleich. Seine ungeheure stilistische Vielfältigkeit setzt er mit "Love", einem Album voller samtiger Jazzeleganz, fort. Darauf präsentiert er erstmals seine zerbrechliche Stimme, und arbeitet damit dem Album "Chattin With Chet" vor. 2002 produziert er für Hildegard Knef deren Album "Aber Schön War Es Doch" und kollaboriert mit P-Funk-Legende Bootsy Collins ("Play With Bootsy").
Der Titel "David Beckham des Jazz" ist zwar eigentlich für Jamie Cullum reserviert. Im Falle Till Brönners darf dieser Vergleich aber beruhigt ein weiteres Mal bemüht werden. Als leichtfüßiger Könner seines Faches, verzaubert er die Frauenherzen reihenweise. "Blue Eyed Soul" (2002), "That Summer" (2004), "Oceana" (2006) und "Rio" (2008) stellen das mit einer gehaltvollen Smoothjazzdusche eindrücklich unter Beweis.
Bei aller Liebäugelei mit massentauglichen Formaten verliert Till Brönner den Blick für seine Wurzeln jedoch nicht aus den Augen. "Der wichtigste Faktor im Jazz ist die Freiheit, sich in der Minute, in der Sekunde zu überlegen, was man jetzt eigentlich machen möchte. Wir spielen jeden Abend ein anderes Konzert. Jede Nummer klingt jeden Abend anders. Das bleibt Improvisation und Improvisation ist sehr wichtig. Dann ist es ja fast egal, ob es Jazz oder Pop oder Hip Hop oder Klassik ist."
Der Juror und Star-Trompeter über seine Rolle bei "X Factor" und sein neues Album.
Till Brönner ist ein Tausendsassa im deutschen Showbiz. Souveräner Jazz-Pop-Guru für die einen. Smoother Fürst des kommerziellen Ausverkaufs für die anderen. Künstlerischer Fotograf einerseits; Vox-Castingshow-Juror andererseits. Genug drängende Fragen also.
Mit seinem aktuellen Album "At The End Of The Day" erfüllt sich Brönner nun einen lang gehegten Traum: ein reines Popalbum voller Interpretationen der eigenen Lieblingstracks von Bach über Bowie zu den Killers. Mal wieder zwischen allen Stühlen? An einem herbstlichen Mittag treffe ich den eloquenten Meister der Trompete in Berlin zu einem Plausch über den X-Factor, die neue Platte und die Frage, wann Brönner endlich sein Bitches Brew macht.
Moin Till, bevor wir ins Detail gehen: Die Bemusterung mit deiner neuen CD hat bislang nicht so gut funktioniert. Man bekam im Vorfeld lediglich einen Internetplayer plus Stream, der zwar nicht alle Lieder einwandfrei abspielte, aber dafür den Rechner total langsam macht. Da war eine vernünftige Vorbereitung nur unter Survivalbedingungen möglich.
Ich habe das eben auch in einem anderen Interview angedeutet bekommen. Da war auch jemand not amused darüber. Ich habe damit persönlich ja nichts zu tun. Bin aber immer wieder erstaunt, welche technischen Möglichkeiten es mittlerweile gibt. Das Einzige, was scheinbar nie funktioniert oder zur Verfügung steht, ist eine Alternative. Das macht mich manchmal auch fertig. Ich versteh' dich gut. Ganz ehrlich, eine Bemusterung mit einem eher sinnlichen Produkt, Cover, Fotos usw., so unpersönlich über die Rechneroberfläche zu machen, finde ich schwierig. Da mag ich ausnahmsweise altmodisches Denken mein eigen nennen.
Da rennst du bei mir offene Türen ein. Wir sind ja auch gleichaltrig. Also bitte schiebt mir das Album mal hinterher für die Review. Sonst wird man ja wahnsinnig.
Ich glaube, das ist wirklich die leichteste Übung. Ist mir auch ein Anliegen, weil ich weiß, dass hier ja auch um eine echte Review geht.
Dann lass uns mal loslegen. Bevor ich nun meinen Eindruck von dem Album schildere, erzähl mir doch bitte aus deiner Sicht, wie ordnest du "End Of The Day" in die Diskographie ein? Und warum ist die Platte genau diese Platte geworden?
Nun ist es bei mir zum Glück nicht so, wie bei jemandem, der z.B. einen Film fertig gestellt hat und unter immensem Druck steht. Bei dem alle möglichen Leute schon Prognosen abgegeben haben, dass es bestimmt nichts werde. Ist es der richtige oder falsche Zeitpunkt? All diese strategischen Fragen, die dazu führen, dass derjenige nur noch davon spricht, dass das aktuelle Werk nun das Wichtigste seines Lebens sei. Genau das ist bei mir nämlich nie der Fall. Ich bin gar nicht in der Lage über meine Musik so einordnend zu sprechen. Schon gar nicht so frisch nach Fertigstellung. Das einzige, was ich manchmal feststelle, ist, dass ich manchmal nach ein zwei Jahren – frühestens übrigens – irgendwo über meine Musik stolpere, weil sie über Lautsprecher gespielt wird. Manchmal höre ich da aus der Entfernung etwas, was mir doch ganz gut gefällt oder, im schlimmsten Fall so etwas wie Verwunderung oder Argwohn auslöst. Dass ich sage, 'Hm, das hast du damals gemacht?' Das schönste Erlebnis ist aber, wenn man sich selbst nicht gleich erkennt und das gut findet, was man da gerade hört.
Ach komm, das passiert dir doch nicht im Ernst?
Doch das passiert auch, gerade bei Instrumentaltracks. Es sind doch mitlerweile auch schon so 12-13 Alben. Dazu kommen noch Alben, auf denen ich etwas gespielt habe. Da denke ich dann manchmal: Ach guck mal an, das bist ja dann doch du. Das ist mir wirklich schon mehrmals passiert. Und dann bin ich in der Situation, die Klänge so wie Hörer beurteilen zu können. Das finde ich ganz gut. Insofern kann ich das Album jetzt noch gar nicht beurteilen.
Mit der Antwort hast du dir ja elegant fast ein wenig selbst die Schulter geklopft. Dann lass es mich anders versuchen. Für mich als Hörer klang es en wenig so, als wenn es fast das Anschlussalbum an "That Summer" hätte sein können.
Interessante Deutung. Vielleicht ist es aufgrund des Vocal Anteils so zu sehen. Auf beiden Alben wird viel gesungen. Aber die Songauswahl ist anders. Aber interessant. Es wird bestimmt einige Zeit dauern, bis ich zu dem Schluss komme, ob das so ist oder nicht.
Wir können bis dahin ja mal auf einige Songs eingehen. Im Opener gleich Beatles, "And I Love Her". Schwierig solche Sachen, weil einerseits so unglaublich Legenden geprägt und andererseits so zigtausendfach im Radio gehört. Warum wählst du ausgerechnet solch eine Nummer?
Es ist ja so, dass genau das eigentlich die Herausforderung darstellt. Es ist eben nicht so, dass wir einfach ins Studio gehen und sagen, wir machen das mal völlig ungezwungen und ohne nachzudenken. Im Gegenteil: Wir schmeißen auch viel weg. Aber die Versuche unternehmen wir allerdings. Es gibt ja Leute, die für sich in Anspruch nehmen, erst im Kopf alles durch zu denken und dann auch nur dass machen, wozu sie sich entschieden haben. Und da stehen sie dann zu. Ich bin geneigt, Dinge erst im Nachhinein zu beurteilen und zu empfinden. Aber genau dafür muss ich sie schließlich erstmal machen. Deswegen haben wir viele Songs aufgenommen, die wir nicht veröffentlichen. Versuch unternommen, aber das bringt es irgendwie nicht.
Das heißt, du hast jetzt also noch eine riesige Outtakesammlung in der Hinterhand, die das Licht der Welt erblicken könnte?
Keine riesige, aber auf jeden Fall doch bemerkenswert. Eben alles Versuche, die zum kreativen Prozess dazu gehören. Und Beatles? Da denken alle immer, das kann gar nicht gehen. Natürlich ist es immer Geschmacksache, ob einem die Version jetzt gefällt. Mir persönlich war wichtig, den enthaltenen melancholischen Aspekt zu betonen. Das kleine Fragezeichen, das ich an Musik immer so interessant finde, sollte ein wenig mehr ins Zentrum gerückt werden.
Dieser Aspekt rettet das Lied auch. Eigentlich in dieser Variante eher ein Liebeskummersong, oder?
Möglicherweise ja. Und versteh’ mich richtig. Ich verehre die Beatles bis ins Grab. Da gibt es keine Vergleiche. Aber Gegensätze finde ich in der Musik, aber auch in der Kunst allgemein am interessantesten. Mir hat Hildegard Knef einst gesagt: Wenn du im Film dafür sorgst, dass das, was da auf der Leinwand passiert, von der Musik noch verstärkt wird, kann es schnell langweilig werden. Aber einen hammerharten, zynischen Text mit einer leichtfüßigen Musik zu unterlegen, das wird durch Mark und Bein gehen. So wollten wir bei diesem Lied einfach mal eine andere Haltung einnehmen, aus der man auch sagen kann, ich liebe diese Frau. Das ist in der Musik doch wie in der Presse. Man sagt etwas, aber der Zusammenhang, in den es gestellt, kann noch mal viel verändern. Ein Mensch, der eine Liebeserklärung ausspricht, obwohl er gerade verlassen worden ist, macht einen ganz anderen Eindruck als der, der gerade darüber singt, wie reich beschenkt doch mit diese Frau ist. Es gibt also immer noch eine andere Seite. Da war mir daran gelegen.
Ich habe immer das Gefühl, da ist jetzt dieser Typ, der absolut seine eigene Stimme auf der Trompete gefunden hat, der mithin die Möglichkeit hat, genau seinen Platz zu nehmen, wie es andere große Instrumentalisten ebenso taten. Ich warte also immer darauf: Wann macht der Till denn mal sein "Bitches Brew" oder sein "Khmer"? Wann macht er denn mal eine Platte, auf der sich kein einziger Track befindet, den man auch im Kaufhaus spielen kann?
Hm!
Man findet doch beides tatsächlich auch auf dem neuen Album in Ansätzen wieder, obwohl es Cover sind. Auf der einen Seite höre ich deine Countryversion des Killers-Songs "Human". Das erinnerte mich aber leider eben eher an Texas Lightning.
Hoppla!
Und während ich mich fast noch ärgere, bringst du etwas später diese unfassbar großartige, zum niederkniende Version von Bowies "Space Oddity". Da frage ich mich schon: Was ist denn mit dem Mann los? Stehst du einen Tag mit dem falschen Fuß auf und denkst: Mensch, heute machen wir mal für Lidl die Mucke! Und am nächsten Tag kommt alles aus dem Herzen ohne jegliches Schielen auf die kommerzielle Seite? Die Frage wollte ich dir schon lange stellen.
Na, da ist es ja gut, dass wir mal die Gelegenheit bekommen. Ich weiß aber gar nicht, ob ich das hinreichend beantworten kann. Aber den Versuch ist es wert. Grundsätzlich habe ich eine Erfahrung gemacht. Was der eine als Lidl-Mucke wahrnimmt, empfindet ein anderer als etwas ganz anderes. Ich glaube, dass in meiner Brust zwei Herzen schlagen. Diese zwei Gegensätze werden aber durch einen roten Faden verbunden. Und diesen roten Faden zu erklären, ist mir immer relativ unangenehm, weil ich mir einbilde, dass man den gar nicht in Worte fassen kann. Wenn ich "Space Oddity" mit der Killers-Nummer vergleiche, dann ist natürlich klar, dass sich das unterscheiden wird; allein aufgrund der Tatsache, dass der Song instrumental interpretiert wird. Bei "Human" spiele ich nur kurz acht Takte Trompete und singe sie ansonsten.
Der ausschlaggebende Teilaspekt meiner Tätigkeit war folgender: Ich fand bei der Killers-Nummer einfach den Text wahnsinnig gut. Einfach nur als Melodie auf einem Instrument wäre es doch ebenso wahnsinnig banal gewesen. Also haben wir uns für Gesang entschieden. Aber in welcher Variation? Da haben wir uns bewusst für das traditionell amerikanische entschieden. Es gab auch schon einige Leute, die sagten, unsere Version klänge eigentlich wie das althergebrachte Original zur Killers-Nummer und nicht umgekehrt. Das gibt es eben als Reaktion auch. Während es bei "Space Oddity" völlig anders war. Da war mein Respekt vor Bowie, dieser Zeit und dieser kultigen Nummer einfach sehr groß. Da war schon klar, man muss es anders machen. Singen fiel für mich völlig aus. Es war mir bis eben auch nicht klar, ob eine reine Instrumentalversion überhaupt in Ansätzen an eine Wirkung würde heranreichen können, die zumindest die Verbeugung vor diesem Werk spürbar werden lässt. Ich freue mich sehr darüber, dass es was von dir so empfunden wird.
Für mich persönlich mit Ausnahme des Nick Drake-Songs "River Man" deine mit Abstand beste Interpretation überhaupt bis jetzt.
Danke, ich mag es ja auch, wenn man mit unterschiedlichen Songs auch eine solche Diskussion mit auslöst. Manches spaltet eben in vielerlei Hinsicht. Wenn ich dir sagen würde, wie viel Kritik ich für die Nick Drake Interpretation bekommen habe. Nach dem Motto, das könne man doch nicht machen und den Drake solle man einfach nur in Ruhe so für sich stehen lassen. Wie vermessen ist das denn vom Brönner?
Mit dem "Rio"-Album war es aber schon ein wenig anders. So viel Jobim gibt es da gar nicht. Ich glaube, es gibt kein missverstandeneres unter meiner Alben. Die Leute haben mir da echt unterstellt, jetzt fliegt der Brönner mal nach Rio und macht ein Bossa Nova-Album klar und das war es.
Nicht bei laut.de.
Es freut mich, das zu hören. Aber mehrheitlich war der Tenor eher oberflächlich. Es ging nicht darum, ob ein solches Bossa-Album mit Leuten wie Annie Lennox oder Aimee Mann eventuell in seiner Art noch nie dagewesen sein könnte. Wichtig war aber nicht, was und ob etwas dabei rausgekommen ist. Sowieso wird eigentlich immer nur über die Alben geschrieben, die am offensichtlichsten gerade promotet werden. Es gibt aber Werke, Aufnahmen und Alben von mir, die längst veröffentlich sind, über die aber niemand schreibt, weil zu unkommerziell.
Du meinst Sachen wie deine "Jazz Seen"-Filmmusik?
Genau! Ich war auch Grammy-nominiert für "Get Well Soon". Das ist eine ganze Suite für ein Big Band Orchester. 20 Minuten habe ich darauf gespielt wie auf keinem Album zuvor. Das alles findet noch nicht mal den Hauch einer Erwähnung. Ich kann mit den ganzen Anwürfen viel ruhiger schlafen, weil ich weiß, dass diese Sachen existieren. Ich denke eben nicht, an mir sei konstant jemand Besseres verloren gegangen. Man sollte genauer hingucken. Denn was ich tue, reduziert sich nicht darauf, was veröffentlicht wird. Natürlich stehe ich dafür mit meiner Verantwortung ein. Aber es gibt eben viel mehr. Wenn ich Duo-Konzerte mit Freejazzer Günter 'Baby' Sommer gebe, wo wir uns wirklich gänzlich frei bewegen. Da steht dann nur als Vorgabe auf einem Blatt Papier große Geste oder Ed Blackwell. Dann erfährt das natürlich auch zu meinem Bedauern nicht diese Öffentlichkeit. Bei mir ist es scheinbar interessanter und übrigens für die Journaille auch kommerzieller, etwas zu featuren, wo die ganze große Label-Maschinerie dranhängt. Da ist denn dann natürlich auch einfacher und interessanter für viele, bei mir mal den Verriss zu schreiben. Aber solche Kritik geht eindeutig nicht an euch. Das sage ich ganz klar.
Du empfindest dich demnach als eine Art rotes Tuch für die Medien?
Ich glaube, dass wir immer unsere Reizfiguren haben. Und sollte ich eine auf diesem Gebiet sein, kann ich das gar nicht verhindern. Was machen wir denn, wenn ich in fünf Jahren mal schön bei ECM ein Album veröffentliche?
Warum nicht? Von so was spreche ich doch. Noch schön lecker 'nen selbst fotografierten See draufpacken und das eigene "Bitches Brew" machen.
Ich habe ja hoffentlich noch ein paar Jahre Zeit. Das einzige, was ich mir wirklich geschworen habe, ist, die Dinge dann zu machen, wenn ich Lust darauf habe und nicht eine Sekunde früher oder später. Aber es kann gut sein, dass so etwas passiert. Also Rückfrage an dich, Ulf, ganz persönlich: Glaubst du wirklich, es würde auch nur im Ansatz so wahrgenommen, wie wir beide jetzt darüber reden? Dass es vielleicht zum Gesamtkonzept des Back-Katalogs etwas beitragen könnte?
Ich bin mir da sehr sicher. Allerdings nicht, sofern du den großen Verkaufszahlenkick erwartest.
Nein, klar. Das wäre ja nicht erforderlich. Ich meine rein künstlerisch.
Es würde nach meinem Dafürhalten genau jene Scheibe sein, mit der du nach 50 oder 100 Jahren noch in der Erinnerung der Nachwelt herausragend präsent wärst. Es wäre eben dein "Khmer".
Wo du den Molvaer wiederholt ansprichst. Nils Petter hat doch ein ganz anderes Problem. Der hat vor "Khmer" eben keine Alben gemacht, die sein "Bitches Brew" waren. Und nachher eben auch nicht. Das heißt, aus Sicht der Öffentlichkeit hat Molvaer eigentlich immer nur ein Album vorzuweisen. Er hat nur "Khmer". Das kam sehr früh. Und ich beneide ihn wirklich nicht um diese Situation.
So gesehen bist du aber doch nunmehr erst recht auf der sicheren Seite.
Ich glaube, das musikalische Schaffen hat immer eine gewisse Zeitspanne im Leben. Lass es ca. 50 Jahre sein. In diesen 50 Jahren muss nun jeder Musiker sein Spektrum abarbeiten. Der eine fängt ganz früh an mit den Meisterwerken. Da entläd sich ganz viel. Dann hat er aber für den Rest der Strecke auch weniger Benzin zur Verfügung als die anderen. Die Strecke fahren, müssen wir alle. Nur wie viel Gas wir auf den ersten Kilometern geben und wie viel dann in den verbleibenden 500. Das müssen wir uns selbst einteilen.
Du sprichst als würdet ihr euch kennen.
Nils Petter und ich kennen uns sehr gut. Das kommt nur nicht an die große glocke. Man unterstellt ihm ja aufgrund seiner Musik oft auch eine angeblich sehr dunkle Haltung. Das stimmt überhaupt gar nicht. Molvaer ist ein extrem sensibler und tief warmherziger Typ, der die Trompete und besonders Miles Davis einfach über alles liebt.
Lass uns nicht zu weit vom Weg der Frage abkommen.
Zum einen freue ich mich doch auch über solche Kritik. Sie beinhaltet schließlich, dass man mir eine Menge zutraut. Dennoch ist es für mich und Medien zu früh, hier Bilanz zu ziehen. Aber lass uns beide dann wieder treffen. Das meine ich ganz ernst. Wenn es so ein Album geben sollte. Das wäre für mich sehr interessant, noch mal gemeinsam darüber zu quatschen.
Was anderes: Ich habe nicht erst bei diesem Album das Gefühl, du vernachlässigst dein Horn mittlerweile fast ein wenig zu sehr zu Gunsten des Gesangs.
Das ist bei "End Of The Day" natürlich ganz klar dem Konzept geschuldet. Da gibt es ein klares Verhältnis bzw. man könnte das aus deiner Sicht auch als Missverhältns ansehen. Rechnerisch stimmt es trotzdem alles nicht. Auf "Rio" z.B. hieß es immer, wo ist denn der Brönner? Dabei spiele ich dort auf jedem Stück von vorn bis hinten Trompete und jedes Solo kommt von mir. Aber weil ich auf zwei, drei Nummern zusätzlich selbst singe und mir ein paar Gäste eingeladen habe, heißt es unterm Strich, der Brönner hat sich zurückgezogen.
Auf der anderen Seite liegt es eventuell aber auch an dir bzw. an "Blue Eyed Soul". Wenn man erst einmal solch ein Album gemacht, was einerseits dem Hörer suggeriert, man brauche die ganzen Vocals ohnehin nicht. Gleichzeitig war das Album schon sehr anders als alles davor und danach. Mit anderen Worten, du hast eine Erwartungshaltung erweckt, die seitdem ein wenig am ausgestreckten Arm verhungert. Das solltest du nicht unterschätzen.
Aber das ist doch genau der Zustand, der die schreibende und musizierende Zunft immer wieder an einen Tisch bringen kann. Vielleicht ist die Zeit aus der einen Sicht längst überfällig für solch ein Album in ähnlicher Form. Vielleicht ist es aber auch einfach schön, dass es ein solches Album überhaupt gibt. Und auch hier ist doch das Nachhinein sehr interessant. Damals haben alle gesagt, ich würde jetzt kalkuliert auf den Hip Hop-Zug springen. Heute sagen dieselben: Was für ein wundervolles Album. Das finden wir irgendwie gut. Also lassen wir das alles doch einfach mal in Ruhe auf uns zu kommen. Ich jedenfalls bin gespannt, ob, wenn ich mein "Khmer" mache, dann auch ein anerkennendes Rauschen durch den Blätterwald gehen würde.
Bitte?
Naja, man muss doch kein vergeistigt dünkelhafter Bedenkenträger sein, um sich zu fragen: Wie kommt jemand deines Schlages auf die Idee, das Risiko des ruinierten Rufes einzugehen? Castingshows in Deutschland sind doch durch DSDS und Popstars verächtlich gemacht. Jetzt sitzt du bei einer solchen in der Jury und gießt selbst noch Wasser auf die Mühlen deiner Smoothjazz-Verächter.
Zwei Punkte dazu. Ein Grund war, dass es sich bei X-Factor um ein bewährtes bereits international erfolgreiches Konzept handelt, das in ca. 16 Ländern sich qualitativ und erfolgreich von den genannten unterscheidet. Hier ist die Jury doch mehr gefordert als in anderen vergleichbaren Sendungen.
Als zweiten Grund habe ich zur einzigen Bedingung gemacht, dass ich nichts sagen muss, was ich nicht glaube und denke. Ich war einerseits bereit, mir den Ablauf und die Struktur des Formats kooperativ zu Gemüte zu führen. Aber ich werde immer das sagen, was ich denke. Ich habe die Leute deshalb auch rückgefragt: Wisst ihr eigentlich, wen ihr gerade fragt? Und es war deutlich zu spüren, dass man zumindest einen Gegenpol im Sinne einer spürbaren Alternative zum bisher da gewesenen in Deutschland suche. Natürlich kann man sagen, dass vielleicht Sarah Connor nicht unbedingt in dem Terrain gefischt hat, in dem ich war. Aber genau das ist doch in Kombination mit George Glück mal eine ganz interessante Sache. Ich jedenfalls werde dort nichts anderes sagen, als hier zu dir oder zu jedem anderen. Natürlich beurteile ich da keinen Trompeter. Und der Name Dizzy Gillespie fällt immer nur dann, wenn ich Lust habe, ihn mal ein zu werfen. Dann gucken mich trotzdem alle ganz komisch an. Damit kann ich aber wunderbar leben.
Keine Angst vor möglichen Manipulationen?
Nein, weil ich dort keine Rolle spiele. Selbst in einem Format, das geschnitten werden kann und nicht alles sendet, kann ich mit Sicherheit sagen: Alles, was von mir gesendet wird, ist von mir auch aus Überzeugung gesagt worden. Ich habe kein Script und niemand kommt zu mir und sagt, man hätte es gern so oder so. Wir entscheiden alle nach bestem Wissen und Gewissen und übergeben dann auch demütig an den Zuschauer.
Letzten Endes bin ich bislang auch positiv überrascht. Erstmalig habe ich bei einem derartigen Format das Gefühl, hier treffen sich kompetente Leute, die sich nicht verbiegen lassen und im Sinne der Sache entscheiden. Zumal Glück ja auch nicht als reiner Kommerzreiter bekannt ist. Man denke nur an sein Engagement für Rio Reiser.
Ja, nicht nur das. George war ja lange Zeit nicht nur Rios engster Verbündeter in Sachen Label. Beide waren ja auch enge Freunde.
Dennoch mal abgesehen von Georges künstlerischer Unangreifbarkeit. Das Konzept kann den Zuschauer schon auch ärgern. Jemand wie du weiß doch, man braucht seine Zeit, um als Künstler zu reifen, seinen Weg zu finden und schlussendlich sein Produkt so zu formen, dass man es auch abliefern mag. Das ist im Grunde wie bei Wein.
Ja.
Und dann sieht man diese künstlerisch fatale Showbizregel mit der Gruppenbildung zu gleicher Quote. Konkret: Du konntest total aus dem Vollen schöpfen, musstest wegen der Regularien gleichwohl sehr gute Leute nach Hause schicken. Wogegen man bei den Gruppen überhaupt Probleme hatte, einigermaßen taugliche Qualität zu finden. Folgendes Bild für die Kandidaten: Qualität springt auf der einen Seite unverdient über die Klinge. Mittelmaß muss quotenbedingt gepusht werden. Also lauft ihr doch wegen dieses unseligen Jurorenrennens doch Gefahr, am Ende eventuell etwas zu verlieren, was insgesamt viel bunter und schillernder wäre als jenes, was man schlussendlich bekommt. Was du im Bootcamp aussortiert hast, ist doch besser, als das meiste, was andere wie George aus lauter Verzweiflung mitnahmen.
Also, das hast du jetzt natürlich gerade analysiert und auf den Punkt gebracht, wie man es besser nicht machen könnte. Ich kann das nur unterschreiben. Was ich nicht kann, ist, mehr als sichtbar wird, darauf Einfluss zu nehmen. Ich bin aber auch immer schon der Meinung gewesen, dass es gefährlich ist, das Publikum notorisch zu unterschätzen. Und ich habe zumindest in Teilen das Gefühl, dass der Casting-Aufzug, der jetzt echt nicht mehr tiefer fahren konnte als er bisher gefahren ist, jetzt mal im Begriff ist, nach oben zu fahren. Was die Quote betrifft, ist sie kein mich betreffendes Kriterium. Wenn das der Fall wäre, hätte ich echt ein großes Problem. Ich bin jetzt mit einer Welt einen geschäftlichen Pakt eingegangen, der mich auch immer wieder zwingt, Aspekte in mein Denken einzubeziehen, die gar nichts mit Musik zu tun haben.
Wenn du dich mit dem Teufel einlässt, verändert sich nicht der Teufel.
Ganz so weit würde ich nicht gehen. Aber es ist ein Einblick, den viele gar nicht nehmen können oder wollen. Aber ich lerne da ganz viel über diese Welt. Sehe mich auch mit neuen Aspekten konfrontiert, die ich so noch gar nicht kannte. Es ist auch hier wie überall: Gerechnet wird am Ende und hinterher. Wichtiger Punkt: Was hat es zeitlich, aufwandsmäßig in allem, was da passiert auf mich für einen Einfluss. Ich bin mit meinem Album immerhin ganz in Ruhe fertig geworden. Das ist ganz gut. Was jetzt mit X-Faktor weiter passiert, wird man sehen. Es hat zwar viel positive Kritik gegeben. Dennoch ist es bislang hierzulande eifach kein Massenformat.
Vieles liegt ja in der Bindung zum Publikum auch an den Kandidaten selbst. Von meiner Frau soll ich dich – mit einem herrlichen Versprecher ihrerseits – Folgendes fragen. Sie sagte, wenn du heute Mittag Yul Brynner triffst, ...
(Lacht auf) Das ist süß. Und so schmeichelhaft für mich.
... dann frag ihn bitte, weshalb er diesen grandiosen Hamburger Rohdiamanten Sven mit dem Reibeisenblues nicht weiter mitgenommen hat.
Ja, da hat sie Recht. Das sehe ich natürlich auch so. Ich habe deshalb ja auch keine Sekunde verhehlt, dass mit den letzten sechs, aus denen noch drei werden müssen, total schmerzhaft wird. Die Wahrheit ist: Wir hatten echt ein Luxusproblem. Mir hat der Sven auch noch mal geschrieben. Natürlich fand er es schade, nicht mehr dabei zu sein. Aber er hatte nicht das Gefühl, unfair behandelt worden zu sein und wie ein honk da zu stehen. Ganz ehrlich, wenn das von den Leuten, die bei X-Factor als Kandidaten mitmachen, so empfunden wird, dann ist das eigentlich das wichtigste Qualitätskriterium; auch in menschlicher Hinsicht. Es geht doch um Menschen! Und wenn man jemandem sagen muss, er könne nicht mehr dabei sein, so muss und möchte ihm denjenigen doch sagen, dass es vor allem nicht das Ende bedeutet. So was – ich meine, dass wir gottartig dort entscheiden – kann doch nun wirklich nur jemand glauben, der mit Musik und mit nix irgendwie was zu tun hat. Im Gegenteil: Casting hin oder her; nichts ist in Stein gemeißelt. Und unsere Aufgabe ist es nach wie vor, solche Kandidaten auch weiterhin zu ermuntern.
Wird sich zeigen. Letzten Endes ist es doch am wichtigsten, dass jemand gewinnt, der es verdient hat. Z.B. bei dem sehr musischen Matti Gavriel mit seinem Bowie zu Man Who Sold The World-Look ist es doch vollkommen klar. Der Junge braucht einen Plattenvertrag, egal ob er gewinnt oder nicht. Der ist einfach gut und andersartig.
Definitiv, definitiv! Und er hat auch große Chancen.
Nach nur drei Semestern überzeugt er als 20-Jähriger bei einem Vorspiel den Chef des Berliner RIAS-Tanzorchesters - mittlerweile ist er der erfolgreichste deutsche Trompeter.
"'Blue Eyed Soul' ist ursprünglich der Begriff, den Schwarze in Amerika etwas abschätzig gebrauchen, wenn Weiße Soulmusik machen. LAUT sprach mit Till Brönner über sein neues Album, die Zusammenarbeit mit den No Angels und andere Themen.
Hallo Till, heute Abend spielt die Champions League! Würdest du auch lieber Fußball schauen?
Es gibt tatsächlich Ereignisse, an denen ich lieber etwas anderes tun würde, weil das Musikmachen ein luxuriöser Alltag für mich ist. So was wie das Endspiel der Champions League oder die Weltmeisterschaft schaue ich mir schon gerne an, obwohl ich kein großer Fußballfan bin. Das kann man so schön zelebrieren. Wenn man so ein Spiel mit guten Freunden, Bier und Grillen verbindet, das macht einfach Spaß. Das ist kommunikativ sehr, sehr fruchtbar. Da staune ich dann auch, wie viele Leute sich davon überhaupt nicht beeindrucken lassen.
Hören Fußballfans Jazz?
Ich glaube die Allerwenigsten. Man muss sich ja schon schämen, als Jazzmusiker zu behaupten, Fußballfan zu sein. Obwohl es eine Menge Jazzmusiker gibt, die wirklich Fußballfans sind, aber ich glaube, dass jazzmusikhörende Fußballfans eher in der Minderheit sind.
Woran liegts?
Ich glaube, ohne das werten zu wollen, dass es in der Mehrzahl einfach nicht die Klientel ist, die sich Musik bewusst anhört. Ich rede von den Leuten, die jedes Wochenende zu den Spielen fahren, den eingefleischten Fans, die von Fußball so eingenommen sind, dass ihre Prioritäten klar dort liegen. Jazzmusik ist eine Musik, die eine bestimmte Art von Vorbildung voraussetzt, die selbst potentiellen Jazzfans oft nicht gegeben ist, und sich erst über lang anhaltende Anfütterung einstellt.
Das heißt, man muss aktives Interesse an der Musik haben?
Absolut. Das Gefühl und die Hörgewohnheit hat sich so entwickelt, dass man viele Dinge als selbstverständlich, normal und hochklassig empfindet, die man früher als Katzenmusik bezeichnet hätte. Man muss sich wirklich mal fragen, woran das eigentlich liegt. Es gibt wenig Musik, bei der man sich so sehr an all das Drumherum und das Innendrin gewöhnen muss, wie beim Jazz. Bei Heavy Metal beispielsweise ist klar, wie der Hase läuft, da muss ich nichts mehr erklären. Bei klassischer Musik, wenn es nicht moderne, zeitgenössische Klassik ist, erwartet mich auch meistens nichts Unerwartetes ... Wobei man sagen muss, dass bei Neuer Musik der Experiment-Charakter noch stärker eine Rolle spielt, als im Jazz. Die typischen Jazzmerkmale machen sich für mich immer noch an relativ wenigen Eckdaten fest, und dann werden die Grenzen fließend. Da ist Jazz irgendwann gar kein Jazz mehr.
Du sprichst von den Eckdaten. Du selbst bist ja so eine Art Jazzchamäleon, sehr vielseitig und wandelbar, hast mit Hildegard Knef gearbeitet, dich um alte UFA-Schlager gekümmert, kölsches Karnevalsgut musikalisch verarbeitet ... ! Was ist die gemeinsame Basis all dieser Projekte, was sind für dich die Eckdaten im Jazz?
Wenn man sich durch die Projekte durchhört, dann fällt schon eine ähnliche Handschrift auf. Interessant war für immer nur, wie ich mich mit meiner Handschrift und dem Vokabular über das ich verfüge, an Themen wage, die mit Jazz nicht direkt etwas zu tun haben. Die Grundeckwerte von Jazz machen sich bei mir an dem fest, was an Hochschulen gelehrt wird. Da habe ich eine relativ biedere Auffassung. Das ist eher harmonisches und rhythmisches Material, auf das man zurückgreift. Sobald dann Welteinflüsse dazu kommen, wie beim Bossa Nova oder Latin, muss man schon vorsichtig sein, das als Jazz zu bezeichnen. Aber es hat natürlich einen großen gegenseitigen Einfluss aufeinander. Die Grenzen sind und müssen heutzutage sehr fließend sein. Der Begriff Jazz ist heute den Musikern gar nicht mehr eigen. Das ist übrigens eine ganz gefährliche Entwicklung. Man stellt fest, dass Jazzmusiker, weil sie den ganzen liebenlangen Tag üben und nur mit sich selbst beschäftigt sind, gar nicht merken, wie sich andere Lager auf ziemlich raffinierte Art und Weise des Wortes Jazz bemächtigt haben, und etwas verkaufen, was eigentlich gar nicht Jazz ist. So dass du am Ende Musik machst, die mit einem Wort nicht einzugrenzen ist, weil zukünftige Hörer unter dem Begriff Jazz etwas ganz anderes verstehen!
Jetzt bemühe ich Dhafer Youssef, mit dem ich mich vor Kurzem unterhalten habe. Er geht gerne "fliegen" ...
Ja
... und der Jazz bietet ihm die Möglichkeit dazu.
Kann ich gut nachvollziehen. Jazz ist in meinen Augen die freiheitlichste Musik überhaupt. Es gibt keine Musik, in der du so im Moment entscheiden kannst, was du machst...
... dann wäre das auch so ein Eckpfeiler?
Absolut. Obwohl wir eben von Regeln gesprochen haben, die Freiheit (mit dieser gewissen verklärten Betonung des Wortes Freiheit) ist mit der allerwichtigste Punkt im Jazz. Da einigt man sich eigentlich nur auf eine ungefähre Route. Aber da ist das Individuum und die Freiheiten, die es sich nimmt, unbedingt gefragt.
Wird Freiheit gelehrt an der Hochschule? Oder geht es dort nicht eher um das Handwerk und die Regeln?
Freiheit und Handwerk schließen sich ja nicht gegenseitig aus. Man muss alle Handwerkszeuge zur Verfügung haben, um dann zu entscheiden, in welche Freiheit man sich selbst entlässt, und wohin man fliegen will.
Was brauchst du, um fliegen zu gehen?
Eine Band auf die ich mich verlassen kann. Musiker die sich kennen, klingen nicht zwingend jeden Abend gleich. Im Gegenteil. Sie vertrauen sich gegenseitig so sehr - das ist wie Fallschirm springen. Irgendwie kommt man schon an, man muss halt diesem immer wieder gewarteten Fallschirm vertrauen. Dann nimmt man halt den Hersteller, den man kennt. Deswegen ist die Symbiose von Musikern, die über lange Jahre miteinander gearbeitet haben, etwas Unbezahlbares.
Kannst du in bestimmten Projekten besser abheben, als in anderen? Das hängt ja sicher nicht nur von der Zuverlässigkeit und dem Vertrauen ab, sondern auch vom Groove, vom Flow ...
Auf jeden Fall. So eine Platte wie "Blue Eyed Soul" beispielsweise lässt mich an vergleichsweise wenig Punkten fliegen gehen, weil es doch ziemlich klar ist, auf was ich mich da einzulassen habe. Mein Leben lang könnte ich diese Musik nicht spielen. Aber ich habe so einen Spaß an ihr, dass ich sie doch immer wieder anders spiele. Dann muss aber in regelmäßigen Abständen richtiger Jazz gespielt werden, damit ich mich wieder "freischwimme" und meine Basis nicht vergesse. So etwas wie heute Abend, oder im Berliner Jazzclub "A-Trane". Mich selber auf dem Instrument immer auf die eigene Verfassung zu überprüfen, die übrigens gerade im Jazz absolut ungefiltert deutlich wird, ist für mich extrem wichtig. Momentane mentale Störungen oder vorübergehende Blockaden hört man sehr deutlich und schnell, gerade in der Improvisation. Das ist der direkte Spiegel deiner Seele.
Neben all deinen Projekten brauchst du also immer wieder den puren Jazz, weil du die Freiheit nur dort findest?
Absolut, den brauch ich ganz dringend. Ich würde allerdings eingehen, wenn ich mich nur damit befassen würde. Ich hab noch nicht herausgefunden, warum das bei mir so ist. Aber mir stoßen immer mehr die Umstände eines Jazzmusikerlebens auf. Von der Behandlung und der Sicht untereinander bis hin zur unfassbar festgefahrenen und arroganten Haltung mancher Veranstalter, sogenannten Jazzexperten oder mancher Medien. Das stößt mir mittlerweile so auf, dass ich bewusst sage, ich mache diesen Klischeescheiß nicht mehr mit.
Hat das etwas zu tun mit deiner Aussage "ich stehe eben mittlerweile auf Sachen, die einem puren Jazzer die Zornesröte ins Gesicht treiben"?
... und provoziere dabei aber wieder nicht! Mir wird ja immer vorgeworfen, mir fehle die Provokation. Interessant ist, dass am meisten über mich geschrieben wird, weil ich scheinbar durch das Nicht-Provozieren provoziere. Etwas zu mögen, obwohl es aus einem ganz anderen Lager kommt und mir andere Dinge abverlangt, das lässt mich ziemlich ruhig bleiben. Das ist meine Welt.
Das eben bemühte Zitat bezieht sich deshalb ja auch auf deine neue Platte "Blue Eyed Soul"! Ursprünglich hätte es ja eine House-Platte in Zusammenarbeit mit Mousse T werden sollen. Was ist aus diesem Vorhaben geworden? Liegts am House, an der Trompete oder gar an dir?
Ich hab da mehrere Antworten, aber Fakt ist, dass ich es irgendwann langweilig fand. Es kam einfach nicht zu dem Stück, was mir nicht nach fünf Minuten auf den Zeiger gegangen wäre ...
St. Germain z.B. schaffen es, den House-Charakter zu erhalten und trotzdem interessant und abwechslungsreich zu klingen.
Ja das stimmt, das muss so ein akustisches Mix werden. Aber auch dort ist der Instrumentalist immer nach einer Weile doch eingeschränkt (...). Wer mir auf dem Sektor gut gefällt, ist z.B. Bugge Wesseltoft. Er schafft es immer, mit Housebeats hervorragende Musik zu zimmern und zu zaubern, bleibt aber in meinen Augen doch auch sehr in der Atmosphäre. In der Housemusik das Instrument und vor allem die Trompete, vorne anzustellen, kann schnell zu einer billigen Angelegenheit werden. Da bist du auch ganz schnell bei diesem Hit "Would you ...?" (von Touch And Go). Sobald Trompete und House gemixt werden, kann das ganz schnell billig werden und kippen, und mir wurde das Ganze irgendwann eine Ecke zu brachial und prollig.
So, dass es eben nicht für ein Album reicht. Vielleicht mal für einen ausgewählten Track.
Ja genau. Wesseltoft macht das eben ganz gut, weil er da noch andere Sachen drüber und drunter legt. Gerade bei Jazz-House oder diesen Club-Geschichten, da merkst du, wie Musiker mit vielen Vokal-, Instrumental- und Akustikfetzen arbeiten, die haben aber mit einem Solisten als Protagonisten nichts mehr zu tun. Deswegen hab ich mich dann von dieser Idee verabschiedet.
Till, ich komme noch einmal zum neuen Album zurück. Was ist für dich der Unterschied, ob weiße oder schwarze Musiker Soul spielen? Ich spiele natürlich auf den Albumtitel an ...
Schon klar. "Können weiße Jazz spielen?", wobei ich die Soulmusik mit einbeziehe, "Können nur Schwarze das?" oder "Dürfen Weiße das überhaupt?" Diese ganze Diskussion ist für mich in dem Augenblick beendet, wo man einfach festhält, dass Jazz an Sich eine schwarze Erfindung ist. Dieses Faktum ist historisch einfach belegt. Trotzdem kenne ich ganz viele Schwarze, die nicht für 2 Pfennig (er meint wahrscheinlich 1 Cent) swingen, die nicht singen können, und kein Feeling haben. Für mich ist interessant, wie Weiße mit dieser Musik und dieser Kultur umgehen. Das interessiert mich sehr, und hat auch mittlerweile dazu geführt, dass Blue Eyed Soul in Amerika ein hoffähiger Begriff geworden ist. Eine Zeit lang war das ein abschätzig gebrauchter Begriff von Schwarzen, wenn sich Weiße an Soulmusik herangewagt haben. Mittlerweile ist der Begriff durchaus positiv behaftet. Leute wie George Michael oder Sting gehören längst zu der Blue Eyed Soul-Gemeinde. Es gibt ganze Radio-Sender, die nur Blue Eyed Soul spielen.
"Blue Eyed" heißt übersetzt auch blauäugig.
Auch wenn das ein bisschen pathetisch klingt, ich hab mir immer geschworen, mir ein bestimmtes Maß an Blauäugigkeit zu erhalten. Diese, vor allem in Deutschland weit verbreitete Tendenz, immer alles gleich zu hinterfragen bevor man es tut, legt uns auch Steine in den Weg, die uns oft hinter amerikanischen Musikern zurück bleiben lassen. Amerikanische Schlagzeuger erzählen dir: "du kannst jetzt alle Schlagzeugschulen durchprügeln und versuchen zu kapieren und zu befolgen, aber letztlich setzt dich einfach hin und fang an. Mach es einfach." Deutschland und der Jazz sind nicht zusammen auf die Welt gekommen, soviel steht fest.
"Blue Eyed" also im Sinne von No Risk, no Fun oder Mut zum Risiko?
Genau das! Man muss sich immer mal wieder in eine neue Umgebung werfen, dann kriegt man schon raus, ob man sich dort wohl fühlt oder nicht.
Wenn ich die Vielfalt deiner Projekte so ansehe, bist du ja ein Profi im "Dich Hinein werfen".
Zumindest hab ich großen Spaß daran und ich hab auch schon festgestellt, dass Projekte nicht aufgegangen sind.
Darf ich fragen, was?
Nein! (Gelächter) ... da würde ich falsche Namen nennen. O.K., dann werf ich dir ein paar Namen vor. Ich grabe jetzt den Trompeter schlechthin aus, Miles Davis. Was für ein Verhältnis hast du zu ihm.
Ich würde sagen, ein angemessenes. Es gibt keinen Musiker, der die Nachwelt an Instrumentalisten, vor allen Dingen im Jazz, aber auch allgemein, so beeinflusst hat, wie dieser Mann. Diese Persönlichkeit, dieses Idiom, daran ist einfach nicht vorbeizukommen. Auch er hat sich ganz viel Kritik aussetzen müssen, und darauf geschissen. Und kurz bevor er in die Kiste gestiegen ist, stellt er sich hin, und spielt in der gleichen Tiefe noch einmal die Gil Evans Projekte. Wahnsinn, dass er das zu jedem Zeitpunkt hätte machen können, und zum Schluss hat er sich noch mal - einige behaupten ja - niederreißen lassen, es zu tun. So etwas ist wunderschön.
Nils Petter Molvaer?
Nils Petter Molvaer ist zurecht mit einer so großen Fangemeinde ausgestattet. Wobei ich sagen muss, dass ich ihn nicht darum beneide, seine neuen Platten zu machen. Wenn sich so etwas über Jahre hält, ist das wunderbar. Aber mir sagt diese Musik, die ich als dunkel und teilweise bösartig empfinde, einfach nicht so viel. Ich würde ihn eigentlich gern ab und zu mal mehr wirklich Trompete spielen hören. In seiner Musik ist alles immer so verfremdet, dass man gar nicht mehr weiß, ob er wirklich spielen kann.
Chet Baker?
Chet Baker ist jemand, der mir oft sehr viel gegeben hat: In Zeiten, in denen ich mich von Leuten, die das Gefühl hatten, Jazz könne nur auf eine einzige Art und Weise gespielt werden, habe beuteln lassen müssen. Diese Meinung teile ich ganz und gar nicht. Vieles von Chet Baker teile ich auch nicht. Aber dieses tragische, etwas dauertraurige, auch romantische, in sich gekehrte, das ist schon was, was mir eher liegt, als z.B. „brachiale“ Trompetensätze von Arturo Sandoval.
Das hört man in deiner Musik ja auch. Nächster Name: Joo Kraus
Joo Kraus ist seit wenigen Monaten ein richtig guter Freund von mir. Ich kenne wenig Musiker, die so auf dem Boden geblieben sind, obwohl sie so viel Erfolg gehabt haben. Man denkt immer, was jetzt nach Tab Two kommen mag. Aber von dem Mann wird man noch richtig viel hören, ich bin ein großer Fan.
Was bringt deine musikalische Zukunft?
Ich bin gerade mit zwei Produktionen zu Gange. Über die eine kann ich noch nicht reden, über die andere schon eher. Ich produziere gerade eine Big Band DVD für die No Angels, da freue ich mich schon sehr drauf. Ansonsten habe ich gerade bei Bootsy Collins, Rosenstolz, Robi Lakatos, einem Rilke Projekt und den 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker mitgewirkt.
Bis wann wird das mit den No Angels so weit sein?
Die Aufzeichnung findet schon im Juli statt und vorher gehe ich noch mit "Blue Eyed Soul" in Thailand, Japan und Europa auf Tournee. Es gibt viel zu tun ...
Vielen Dank für dieses anregende Gespräch.
The Christmas Album. (2007)
That Summer (2004)
Jazz Seen (2001), Chattin With Chet (2000), Love (1999), Midnight (1996), German Songs (1996), My Secret Love (1995), Generations Of Jazz (1993)
Till Brönner steht der Frankfurter Allgemeinen Rede und Antwort zu "The Christmas Album" (2007).
http://www.faz.net/s/Rub4521147CD87A4D9390DA8578416FA2EC/Doc~E43AA8C83E7374FFBADE84EF9A342FAD5~ATpl~Ecommon~Scontent.html
Deutschlands erfolgreichster Jazz-Musiker über sein Image als Schönling ...
http://www.sueddeutsche.de/muenchen/artikel/716/121556/
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