laut.de-Kritik

Im Auenland hört man Prog Rock-Hausmannskost.

Review von

Seit dem Überflieger-Album "March Of Progress" (2012), diesem makellos funkelnden Diamanten am Prog Rock-Himmel, habe ich die Briten Threshold für immer ins Herz geschlossen. Überragende Livekonzerte, die der einzigartige Sänger und Frontmann Damian Wilson mit seiner offenen, herzlichen und spontanen Art zu wahren Feiern des Lebens machte, taten ein Übriges.

Leider und für viele Fans sowohl bedauerlich als auch unerklärlich musste (?) Damian noch vor der Fertigstellung dieses Albums die Band verlassen. Und so ziert nicht seine charismatische Stimme die Songs des neuen Werks, sondern der Gesang von Glynn Morgan, der schon Mitte der Neunziger mit Threshold zusammenarbeitete. Was hinter den Kulissen passierte und warum es zu diesem plötzlichen und gravierenden Wechsel kam, ist nicht bekannt. Zurück bleibt ein richtiggehender Schock.

Wenden wir uns dem aktuellen Album trotzdem so vorurteilsfrei wie möglich zu: "Legends From The Shires". 'The Shire' ist das Auenland aus "Herr der Ringe", wo die kleinen Hobbits hausen. Anscheinend gibt es nun aber mehrere Auenländer. Des Weiteren fällt auf, dass Threshold dieses Mal offensichtlich mit einer CD nicht hinkommen. Es muss ein Doppelpack sein.

Nicht ungefährlich, denn nachdem auch das letzte Album "For The Journey" (2014) ein exzellenter Dreher war, möchte man kaum glauben, dass die Mannen um Haupt-Songschreiber und Gitarrist Karl Groom in der Zwischenzeit so viele gute Ideen angesammelt haben, um ohne Qualitätsverlust gleich zwei Silberlinge zu füllen.

In der Tat gibts am neuen Werk einiges mehr auszusetzen als an den besagten Überfliegern. So sind auf "Legends From The Shires" zum einen offensichtlich viele Gesangsmelodien noch für Damian Wilson und seine spezielle Intonation geschrieben worden. Dies füllt Glynn Morgan mit seiner deutlich eindimensionaleren Hardrock-Stimme nicht aus. Seinem Gesang fehlt das gewisse Feeling, die Höhe, die Brillanz. Und so werden die Stücke einfach nur gesungen, nicht 'zelebriert' - bei dieser Band ein gravierender Unterschied.

Die Bandkollegen spielen dazu wie gewohnt gekonnt auf hohem Niveau. Dennoch fehlen die herausragenden Kompositionen, das Zwingende, das Überraschungsmoment. Auch wenn der ganz spezielle Threshold-Stil mit seinen oft kompakt drängenden Riffs, den verträumten Keyboard-Passagen und den schön schwebenden Melodien jederzeit zu identifizieren ist, vermisse ich solche Überstücke in der Qualität und Eigenständigkeit von "Ashes", "The Hours" oder "Don't Look Down". Vieles klingt, als ob da und dort aus diesen Meisterwerken zitiert wurde. Beim langen "The Man Who Saw Through Time" fällt das besonders auf.

Andere Bands würden sich nach Stücken wie "Small Dark Lines", "On The Edge" oder "Superior Machine" wohl die Finger lecken, Threshold aber haben die Messlatte für sich selbst doch zu hoch gelegt, als dass sie mit zu vielen Selbstzitaten durchkommen würden. So gefallen am Ende die drei verspielten "The Shire"-Zwischenspiele fast noch am besten, aber auf einen Mainstream-Abschluss wie "Swallowed" kann man gut verzichten.

Keine Frage, Threshold sind immer noch eine tolle Band. Aber sie hätten sich lieber kürzer gefasst - und ihren alten Sänger behalten. Und so gibt es dieses Mal nur solide, handfeste Kost aus dem Auenland. Auch nicht schlecht. Wer aber ein richtiges Festmahl für seine Ohren will, greift besser auf die zwei vorherigen Alben zurück.

Trackliste

  1. 1. The Shire (Part 1)
  2. 2. Small Dark Lines
  3. 3. The Man Who Saw Through Time
  4. 4. Trust The Process
  5. 5. Stars And Satellites
  6. 6. On The Edge
  7. 7. The Shire (Part 2)
  8. 8. Snowblind
  9. 9. Subliminal Freeways
  10. 10. State Of Independence
  11. 11. Superior Machine
  12. 12. The Shire (Part 3)
  13. 13. Lost In Translation
  14. 14. Swallowed

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4 Kommentare

  • Vor 8 Tagen

    Das Album hat inhaltlich nichts mit Herr der Ringe zu tun. Wie wäre es mit ein bisschen Recherche vor dem Schreiben?

    Abgesehen davon ist das Album kompositorisch eines der stärksten, die die Band je gemacht haben. Das haben die allermeisten Kritiker/Rezensenten auch erkannt...

    Herausragende Kompositionen gibt es zuhauf: Small dark lines, Stars and satellites, State of independence, Superior machines, Lost in translation usw...

    Beim Gesang kann man sich zwar auf die Geschmacksfrage berufen, jedoch zeigt Morgan eine hervorragende Leistung und schmälert den Gesamteindruck kaum bis gar nicht.

  • Vor 8 Tagen

    Hab mich grad mal bissel umgeschaut. Nicht alle sind restlos begeistert. Damian Wilson ist kaum zu ersetzen, das ist ein Fakt. https://www.rockhard.de/megazine/reviewarc…

  • Vor 8 Tagen

    Bringt jetzt nichts gezielt eher zurückhaltende Rezensionen zur Bestätigung dieser herauszusuchen. Das Spiel würde ich eh gewinnen, da es weit mehr sehr positive Besprechungen gibt. ;) Und natürlich ist es kein "Fakt", dass Wilson kaum zu ersetzen wäre. Das hängt, wie gesagt, vom Geschmack ab. Und genauso gut könnte man sagen, dass Andrew McDermott nicht zu ersetzen war (welcher nach einhelliger Meinung eh der beste Threshold-Sänger war) und deswegen schon die Alben mit Wilson schlechter waren, was natürlich Unfug wäre. Der Wahrheit am nächsten kommt die Feststellung, dass Threshold mit jedem Sänger sehr gut funktionieren. Mit Glynn Morgan gerade angesichts der skeptischen Erwartungen sogar überraschend gut, wie "Legends of the shires" beweist.

  • Vor 8 Tagen

    Also ganz ehrlich, ich stimme ...aus meiner Sicht... dem Rezensenten völlig zu! Kompositorisch ist das aus miner Sicht geradliniger, aber klassisch Threshold. Machen wir uns mal nichts vor, wo Threshold draufsteht ist Threshold drin. DIe erkennt man nach drei Takten, das kann man positiv und negativ sehen. Der markige Gesang von Wilson hat dem Bombast der Band aber das gewisse Etwas gegeben. Das geht der Sache hier völlig ab. Der Sänger passt in irgendeine Mainstream Ecke, aber hier klingt alles das, was Wilson zum Ohrwurm gemacht ha, einfach zu seicht und wie aus irgendeiner Po-Kacke. Beispiel: Lost in Translation. Der Refrain um "wherein he found his character ...und weiter" wäre mit Wilson klassisch Threshold, das hier klingt im Vergleich wie eine Boygroup. Sorry, aber das ist zumindest für mich, zu seicht und hat dann wenn es abgehen sollte mit der SChnulze zu wenig Éier!