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"Mein Vater brachte eines Tages aus München ein Posthorn mit und ich war der einzige aus der Familie, der einen Ton heraus brachte. Von da an wollte ich Trompete lernen". Dieses Vorhaben führt Thomas Siffling schließlich zu einem Jazzstudium, das er von 1994 bis 1998 in Heidelberg/Mannheim absolviert. Doch schon vor seiner musikakademischen Ausbildung ist er im Baden-Württembergischen Jugendjazzorchester zu hören, dem er von 1992 - 1995 seinen Ton leiht. Im Anschluss an die Landeselite wechselt der am 18. Dezember 1972 in Karlsruhe geborene Siffling für kurze Zeit ins Bundesjugendjazzorchester.
Ab 1998 krönt er seine musikalische Ausbildung mit einem dreijährigen künstlerischen Aufbaustudium, das er in der schwäbischen Metropole Stuttgart abschließt. Nebenher veröffentlicht er sein Debütalbum "Soft Wind" (1999), spielt mit Maria Schneider im Auftrag des HR eine Produktion ein und betätigt sich als Big Band-Chef.
2000 gründet er mit Olaf Schönborn das Label Jazz'n'Arts. Darauf erscheint sein zweiter Tonträger "Polyphonix" und er beginnt allmählich, Preise für sein Musikschaffen anzuhäufen. Darüber hinaus erspielt er sich mit unterschiedlichen Bands einen hervorragenden Ruf als Livemusiker. Die Tourneen führen ihn fast über den gesamten Globus. Mit der Mardi Gras Big Band konzertiert er in Europa und Kanada, mit der Rhythm Boiler Street Band bereist er Thailand, und auch Südamerika, die Ukraine, die Türkei und der Libanon sind vor ihm nicht sicher.
Neben diesen Fremdengagements (er ist mittlerweile ein gefragter Sideman und 2006 bereits auf über 60 Aufnahmen zu hören) bastelt er fleißig weiter an seiner eigenen Karriere. Das tut er von Mannheim aus, seiner Heimatstadt, der er einen kreativitätsfördernden Einfluss bescheinigt: "Durch die Pop-Akademie und den Musikpark, wo auch unser Label seinen Sitz hat, sind viele neue Musiker nach Mannheim gekommen. Und natürlich nicht zu vergessen die Community um Xavier Naidoo und die Söhne Mannheims...".
Um die Ecke wohnt und werkelt auch Pit Baumgartner, der sich als De-Phazz unter E wie Easy Listening in die Musikgeschichtsbücher einschreibt. Die Nähe zu Xavier und Pit bleibt nicht ohne Folgen. Man kennt und respektiert sich und gelegentlich trifft man sich für Sessions in den jeweiligen Studios. In Sifflings Fall sind die Ergebnisse dieser Kollaborationen auf seinem 2007er-Album "Kitchen Music" zu hören, auf dem sowohl Xavier als auch Pit ihren Beitrag leisten. Bereits 2004 ist Siffling auf der Söhne Mannheims-Single "Babylon System" zu hören.
Mit all diesem Streben verfolgt er letzten Endes ein ehrgeiziges Ziel: "Die Leute sollen mal sagen 'Das klingt wie der Siffling'. Sei es in meinem Spiel auf der Trompete, sei es in meiner Musik...". Mit "Kitchen Music" kommt er diesem Anspruch schon verdammt nahe!
Der Nu Jazzer über den Mannheimer Kodex, seinen Porsche und die Volksgesundheit.
Der Mannheimer Nu Jazz-Trompeter Thomas Siffling empfiehlt, auch in Zeiten breitgetretener Krisen, vor lauter Bangemache das Leben nicht zu vergessen: "schließlich leben wir alle nur einmal". Seine Empfehlung, der Schwermut entschlossen entgegen zu treten, lautet "Cruisen"!
Kann die Rettung der Volksgesundheit so einfach sein? Auto fahren und "Cruisen" hören? Nein! Denn wichtig ist nicht das Was, sondern das Wo und das Wie! Deshalb gibt's im Booklet Routenvorschläge statt dem üblichen zu klein gedruckten Text. Die sollen zum Nachfahren und Selber-Entdecken animieren. Übernachtungs- und Einkehr-Vorschläge inklusive - klaro. Schließlich geht es um Volkes Seele!
Spinnst du?
Zugegeben, ich weiß noch vom ersten Interview, dass Thomas Siffling ein humorvoller und redseliger Gesprächspartner ist.
Thomas Siffling (lacht): Du spielst bestimmt darauf an, dass man denken könnte, "ist der Siffling jetzt größenwahnsinnig geworden", gell. Erst mit "Kitchen Music" die super Küche. Dann bekennender Sportwagenfahrer. Dann noch dieses Cover der neuen CD. Und das Ganze als Jazz-Musiker. Aber ich kann dch beruhigen, es ist alles in bester Ordnung bei mir.
Na, dann bin ich ja beruhigt ...
Die Devise für die neue Platte heißt nur klotzen statt kleckern. Ich bin superstolz auf "Cruisen", und die ganze Idee die dahinter steckt, musste ja auch irgendwie artwork-technisch umgesetzt werden. Ganz im Ernst: ist doch geil geworden, oder? Und nebenbei: In Mannheim ist das ja Tradition und fast schon Verpflichtung, als aufstrebender Musiker Sportwagen zu fahren!
Da muss ich nachhaken …
nur zu (lacht) ... Stichwort Xavier ...
Komm verrat' uns ein bisschen mehr. Was gehört noch zum Mannheimer Kodex?
Ist natürlich nur Spaß. Aber der wohl berühmteste Sohn Mannheims, Xavier Naidoo, ist ja auch bekennender Sportwagen-Fan. Er besitzt ja auch etliche. Leider kann ich mir nur einen leisten, aber man muss ja noch Ziele und Platz nach oben haben (lacht).
Du Armer! Nur ein Sportwagen. Soll ich dir einen von meinen schenken?
(Lacht) ... ich hätte da schon noch ein paar Wünsche, was Autos angeht. Wenn du mir da behilflich sein willst, gerne! Lustigerweise ist die Geschichte eines Jazztrompeters mit Porsche sogar der Bild einen Artikel wert gewesen. Image ist eben alles!
Wenn ich auf die "Jazz-Polizei" hören würde, dürfte ich wahrscheinlich vieles nicht machen! Und so spaßig das gemeint ist mit "Image ist alles". Wenn du versuchst, mit deiner Musik ein gewisses Lebensgefühl zu vermitteln, dann sind gewisse Sachen in der Presse halt nicht unbedingt schlecht (lacht). So nach dem Motto: 'Wow - schau dir den mal an. Der lässt es sich gut gehen, das sollte ich auch mal wieder machen'. Ich finde, man sollte den Leuten auch mal wieder vor Augen führen, dass es neben den vielen breitgetretenen Krisen auch noch andere Sachen gibt, und dass man vor lauter Bangemache das Leben nicht vergessen sollte. Denn schließlich leben wir alle nur einmal oder?
Da kann ich nicht widersprechen. Du hast vorhin mal etwas erwähnt von der Idee, die hinter "Cruisen" steckt. Erzählst du mir etwas darüber?
Generell sehe ich "Cruisen" als logische Weiterentwicklung von "Kitchen Music". Sowohl musikalisch als auch vom Konzept her.
In der Reihenfolge bitte.
Musikalisch gehen wir weiter den eingeschlagenen Weg der bisherigen Trio- CDs. Wir versuchen einen eingängigen, eigenständigen und anspruchsvollen Jazz zu machen. Eine Art Nu Jazz/Lounge-Jazz mit Tiefgang, ohne jedoch unsere Jazz-Wurzeln zu vernachlässigen oder gar zu verleugnen. Eine Musik auch oder gerade für Leute, die sonst vielleicht eher Berührungsängste mit Jazz haben.
Lounge-Jazz mit Tiefgang. Ist das nicht die Quadratur des Kreises?
Im Gegenteil. Wir haben so viele positive Reaktionen auf "Kitchen Music" bzw. auf unsere Live Konzerte bekommen, ("das war mal ein Jazz der mir gefallen hat", "so umgänglich", "so entspannt", "ganz unüblich", "ich wusste gar nicht, dass Jazz so schön sein kann", "so frisch und zeitgemäß" ...), dass uns schnell klar war, dass dies der für uns richtige Weg ist und wir Leute erreichen und berühren. Und das sollte ja das Ziel eines Musikers sein: Emotionen mit seiner Musik zu vermitteln.
Da widerspreche ich auch nicht. Erzähl weiter ...
Durch die gezielte Erweiterung durch Xaver Fischer am Wurlitzer und Veronika Harcsa am Gesang, wirkt die neue Platte im ersten Eindruck noch etwas umgänglicher als der Vorgänger. Das ist durchaus so gewollt, aber Sie versprüht auch jederzeit eine gewisse Ernsthaftigkeit und Melancholie, wirkt also nie oberflächlich. Es ist uns meiner Meinung nach wie beim Vorgänger sehr gut gelungen, auch nach mehrmaligem Hören nicht in die Belanglosigkeit abzudriften. Die Musik bleibt immer frisch und wirkt immer neu und nie verbraucht. Dafür haben wir ganz bewusst eher eine Pop-Attitüde beim Aufnehmen und Mischen gewählt. Vom Sound her also eher clean, gerade, stylisch und poppig.
Weiter ...
Zur Konzept-CD: Nachdem Erfolg von "Kitchen Music" war es klar, dass ich wieder ein Konzeptalbum machen wollte. Einfach auch, um wieder eine breitere Öffentlichkeit auf meine Musik aufmerksam zu machen. Die Frage war nur, welches Thema passt zu mir und zur neuen Platte?
Ich hätte da spontan eins - Sportwagen!
Genau, das dachten wir uns auch (lacht). Ich hätte jetzt gesagt: Durch meine Affinität zu Sportwagen jeglichen Alters, lag die Idee zum Thema cruisen nahe. Auch diesmal soll wieder ein gewisses Lebensgefühl vermittelt werden. Eine Art "easy going." Ein wohliges Gefühl, dass man eben hat wenn man ganz ohne Zeitdruck und ohne Sorgen entspannt vor sich hin cruist, gute Musik hört, die Landschaft genießt und sich an den schönen Dingen des Lebens erfreut. Wie lange auch immer, und wenn es nur mal für einen kurzen Augenblick ist.
Ich weiß überhaupt nicht, von was du redest.
Dann solltest du intensiv die neue Platte hören und dich mal wieder gedanklich treiben lassen. Dann bekommst du schon das richtige Feeling und weißt, wovon ich gerade rede. Derweil erzähle ich einfach weiter (lacht) ... zudem stellen wir im Booklet neun von uns ausgewählte europäische Autorouten mit Übernachtung bzw. Einkehr-Vorschlägen vor. Zwei in Deutschland, und jeweils eine in Spanien, Frankreich, Schweiz, Italien, England, Österreich und Ungarn. Diese sollen Einladen zum Nachfahren und selber Entdecken und das Ganze natürlich mit der richtigen Musik im CD-Spieler.
Ok, ich glaub, ich hab's verstanden. Wie kommst du auf die Gleichung Küche + Auto + Jazz = Größenwahn, die du anfänglich erwähntest mit "ist der Siffling jetzt größenwahnsinnig geworden"?
Na ja, schau dir die Küche und die Wohnung auf dem Cover von "Kitchen Music" an. Das sieht schon richtig gut aus. Dazu muss man halt auch wissen, dass man sich eben in Mannheim solche Wohnungen noch leisten kann. In anderen Städten wäre das unbezahlbar für mich.
Ist das deine Wohnung?
Ja, aber nur gemietet. Und dann noch wie jetzt schon hundertmal erwähnt, der Sportwagen ...
Du hast einen Sportwagen?
(Lacht). Da gibt es bestimmt viele, die denken, 'muss das denn alles so sein, und wenn ja, muss man das dann auch alles so nach außen darstellen.' Keine Ahnung, ob man das muss oder nicht! Ich lebe eben mein Leben so wie ich es für richtig halte und versuche es zu genießen. Schließlich lebt man nur einmal und es wird immer Leute geben, die dir das neiden oder nichts damit anfangen können. Für mich ist das eine Art Lebensphilosophie, und die versuche ich auch in meinen CDs zu transportieren: Lebe dein Leben und genieße es!
Nein absolut nicht. Gerade heute haben wir für unsere Indien-Tour geprobt und dabei auch die neuen Stücke mit Keys und Gesang im Trio erarbeitet - und es funktioniert auch im Trio absolut wunderbar. Liegt natürlich in erster Linie an meinen tollen Mitmusikern, ist doch klar ... (lacht).
Es war im Studio eher eine spontane Idee, Xaver zu fragen, ob er sich vorstellen könnte, ein paar Keyboard-Sounds unter unsere Musik zu legen. Dass es dann so wunderbar gepasst hat und die Musik in eine etwas chilligere Richtung lenkte, war so erst mal nicht geplant.
Und zu Veronika: Von ihr war ich ja seit unserem ersten Kontakt voll auf begeistert und wollte sie unbedingt auf der Platte haben. Ich bin eigentlich sehr gesangkritisch, dachte jedoch schon oft an eine Sängerin um das Konzept etwas zu erweitern. Aber es gab einfach keine, bei der ich auf Anhieb gesagt hätte 'WOW, die ist es'. Bei Veronika war es so. Um so mehr freue ich mich, dass sie bei drei Konzerten im Januar mit dabei sein wird.
Wie hast du sie kennen gelernt?
Sie wurde mir mit einer ihrer Produktionen für JAZZ'n'ARTS angeboten. Die fand ich sofort super und hätte sie auch gerne gemacht. Doch den Zuschlag hat ein japanisches Label bekommen. Die können Deals anbieten bei denen wir hier als kleines Indie-Label nicht mithalten können, da es einfach noch einen größeren Jazzmarkt in Japan gibt. Darauf hin hatten Veronika und ich aber Mail- und MySpace-Kontakt. Allerdings haben wir uns noch nie persönlich gesehen. Auch deshalb freue ich mich auf Januar.
Klaus, der eure Karriere gespannt verfolgt, sagt: In "Cruisen" ist ihm im Vergleich zum Vorgänger "zu wenig Siffling und Jazz drin". Was entgegnest du ihm?
Erst mal, wer ist Klaus? Aber natürlich hat er in gewisser Weise recht. Ich halte mich in der neuen Produktion etwas zurück, aber im Gesamtkontext der Platte hätte mehr Siffling auch keinen Platz gefunden - finde ich. Da denke ich, muss man sich halt ab und zu selber etwas weniger wichtig nehmen, des Ganzen wegen. Man darf auch nicht vergessen: Es ist keine Jazz Platte, sondern eher eine Nu Jazz/Lounge Jazz-Platte, und in diesem Genre sind eben ausgiebige solistische Ausflüge nicht üblich.
Ich werd's Klaus ausrichten. Sag', hab ich vorhin mal Indien-Tour verstanden?
Ja, ganz richtig. Wir sind auf Einladung des Goethe-Instituts vom 18. 11. 2008 bis 1. 12. 2008 auf Indien- und Sri Lanka-Tour, werden dort insgesamt sieben Konzerte geben und durch ganz Indien jetten. Wir werden in allen großen bekannten Städten auf internationalen Festivals spielen. Wir freuen uns auch schon sehr. Wird bestimmt eine ganz neue Erfahrung für uns werden. (Anm. d. Red.: Das Interview wurde Anfang November, vor der Indien-Tour, geführt.)
Lass uns in Europa bleiben und zu "Cruisen" zurück kehren. Stichwort Esbjörn Svensson!
Tragisch! Ich war absolut schockiert über seinen Tod. Es war kurz vor unserem Urlaub, und meine Frau und ich sind ja auch Taucher. Da haben natürlich alle meine Kollegen gesagt, ich soll bloß aufpassen. Aber ist ja gut gegangen. Für mich war EST immer eine Art Vorbild. Sie haben einen jungen, zeitgemäßen Jazz gespielt, der alle Altersgruppen angesprochen hat und sich dabei eigentlich gar nicht kategorisieren ließ. Ist es Jazz oder nicht? Das ist genau das, wo wir auch hinkommen wollen. Grenzen überschreiten, genreübergreifend einfach gute Musik für Jedermann (und Frau) zu machen. "In Motion" ist eine Hommage an EST, da die Basslinie der eines EST-Titels ähnelt. Dazu möchte ich sagen, dass ich "In Motion" kurz nach einem EST-Konzert komponiert habe.
Und wie kommt der Beatles "Abbey Road"-Opener "Come Together" auf das Album?
Ich hatte das mal bei einem Bassisten-Kollegen gehört und dachte sofort, das würde bestimmt auch im Trio Kontext funktionieren. Und es gibt ja - wenn man bereits von Tradition reden will - eine gewisse Tradition, da wir auch dem ersten Trio-Album "Change" ein Cover von Police ("Walkin On The Moon") hatten.
Stichwort Trio Elf!
Du spielst auf die Verbindung Drum'n'Bass und Jazz an? Der D'n'B-Groove z.B. in "Cruisen" kam eher zufällig zustande. Wir hatten ein wenig ausprobiert, was am besten zu der Nummer passen würde und dann hat es eben mit dem Besagten am besten geklappt. Sicherlich ist es aber auch wichtig, neue Grooves mal in einem "alten" Jazz-Kontext zu verwenden. Das hält das Ganze doch spannend oder?
Apropos spannend! Welche spannenden Projekte dürfen wir von Thomas Siffling in naher Zukunft erwarten?
Mein nächstes Projekt, das im März veröffentlicht werden wird, ist eine Kooperation mit dem Kevin O'Day-Ballett des Mannheimer Nationaltheaters. Wir haben mit meiner "Free From Electronic"-Band die gemeinsame Arbeit aufgenommen. Das ist frei improvisierte, elektronische Musik gepaart mit Ballet. Trompete, Gitarre und DJ ist die Besetzung. Die DVD entsteht gerade und das bisherige Material, das ich gesehen habe, ist der absolute Hammer. Ansonsten plane ich auch mal wieder eine Siffling-Platte in einem deutlich elektronischeren Kontext. Und was fällt dir zum Stichwort "Ende des Interviews" ein!
Vielen Dank für das nette Gespräch. Ich hoffe das meine Message ankommt und viele Leute es sich gut gehen lassen - am besten natürlich mit "Cruisen" im CD-Spieler ;-)
Thomas Siffling spricht über sein neues Album "Kitchen Music" und Xavier Naidoo.
Xavier Naidoo, De-Phazz und Thomas Siffling! Wie? Ihr kennt nur die ersten zwei? Dann wird es aber höchste Zeit, sich den Namen Siffling ins Gehirn zu meißeln. Denn er beschert dem noch jungen Jahr 2007 ein erstes musikalisches Highlight. "Kitchen Music" heißt sein Naschwerk. Im Interview mit laut.de verrät er, warum dem so ist, wie der Siffling-Knödel zu seinem Namen kam und was Xavier und er gemeinsam haben: nämlich nichts!
Es war eine Premiere. Sowohl für Thomas Siffling als auch für den Laut-Redakteur: Ein E-mail-Interview. Wie soll denn das gehen, wenn man nicht auf die Antworten des Künstlers reagieren kann, dachte ich mir und meldete meine Bedenken bei seiner Promoterin an. "Also, ich denke der Thomas würde mit dir herzlich gerne ein Frage-Antwort-Spielchen machen - du schiebst ihm die Frage hin - er antwortet - und dann bist du wieder am Zug. Er ist wirklich total nett, witzig und charmant, und sicherlich auch sehr geduldig", entkräftete sie meine Bedenken. Sie hatte recht, er willigte ein, und es entwickelte sich ein reger Mailaustausch, der keine Wünsche offen ließ ...
Ich habe vor kurzem Schokoladen-Nudeln geschenkt bekommen. Welche Zubereitung empfiehlst du für solch eine kulinarische Absonderlichkeit?
Also ich würde spontan heiße Pflaumen mit Vanille-Soße dazu machen. Kein Diät-Essen, aber eines, das glücklich macht, denn Schokolade macht ja glücklich :-).
... und welche Musik würdest du als Zubereitungssoundtrack empfehlen?
Ich würde "Abendlied" von unserer aktuellen Platte empfehlen. Der Song verbreitet so eine gewisse Schwere und Relaxtheit - ein schönes Wohlbefinden, das dem Gesättigt sein entspricht.
Du hast das Ziel meiner Fragen durchschaut ... wie kommst du dazu, deine neue Platte "Kitchen Music" zu nennen?
Die Idee war, ein Konzept-Album zu machen. Ein Album, das sowohl im Hintergrund funktioniert, als auch einem bewussten Zuhören standhält. Eine Art Easy Listening mit Tiefgang. Musik für Jazzliebhaber und auch für Leute, die noch nichts mit Jazz am Hut haben. Sie soll einfach ein gutes Gefühl vermitteln und inspirieren, sich mit dem Thema Jazz auseinander zu setzen.
Dann kam die Überlegung, wo und wann man sich denn wohl fühlt. Da ich ein sehr kommunikativer Mensch bin und gerne mit Freunden zusammen koche, war die Idee der "Kitchen Music" schnell geboren - einer Musik, die man ganz entspannt beim Zubereiten der Speisen hören kann, oder beim gemütlichen Vorkosten des Rotweins. Dieses Vorfreude-Wohlgefühl soll widergespiegelt werden. Der kommunikative Platz Küche spielte dabei eine Rolle. Auf jeder Party ist die Küche der wichtigste Raum. Hier trifft man Leute und kommt ins Gespräch. Man lässt sich auf etwas Neues ein.
Aber die Platte soll auch beim Glas Wein, später auf dem Sofa, einem bewussten Zuhören standhalten. Es passieren viele kleine Dinge, die man erst beim genauen Hören wahrnimmt. So bleibt die Musik spannend.
Eigentlich ist Easy Listening mit Tiefgang ja ein Widerspruch in sich und klingt nach der Quadratur des Kreises. Das Erstaunlichste ist, du hast diesen Widerspruch scheinbar mühelos aufgelöst. Wie um Himmels Willen hast du bloß das Eckige rund gekriegt? Was ist dein "Geheimrezept", um in der Metapher des Albums zu bleiben?
Wichtig ist meiner Meinung nach, immer daran zu denken, für wen man die Musik macht, die man macht. Für mich war immer wichtig, den Jazz wieder einem breiteren Publikum zugänglich zu machen, junge Leute für Jazz zu interessieren und zu begeistern. Hierzu ist es meiner Meinung nach nötig, zeitgemäße Musik zu machen. Sich also mit der aktuellen Musik zu beschäftigen, zu hören, was in ist und was nicht, und daraus dann seinen eigenen Mix zu kreieren. Wichtig ist allerdings, sich dabei selbst nicht zu verleugnen. Also Musik zu machen, die man auch vertreten kann. Unser Lebensgefühl in ein zeitgemäßes Gewand zu packen und mit den Kochrezepten bzw. der Geschichte drum herum ein schönes Gesamtpaket zu schnüren, war der Anspruch. Ich denke das haben wir ganz gut hinbekommen.
Klar muss man aufpassen, dass man nicht zur Hintergrundmusik abgestempelt wird, daher sind die kleinen Ecken und Kanten, die unsere Album hat, auch sehr wichtig. Es ist eine Gratwanderung, nicht so sehr Easy Listening zu werden, dass es Gebrauchs-Musik wird. Wir haben ja schließlich eine musikalische Aussage. Allerdings kann es nicht schaden, sozusagen durch die Hintertür, die Leute wieder an den Jazz heranzuführen.
Auch De-Phazz, neben Xavier Naidoo ein Koop-Partner von dir, widmet sich ja ausführlich dem Easy Listening. Wie kam es zur Zusammenarbeit zwischen dir und De-Phazz?
Da mein letztes Album "Human Impressions" bei Phazzadelic, dem Label von Haluk Peters und Pit Baumgartner aka De-Phazz, erschien, war der erste Kontakt schon da. Pit fragte mich, ob ich nicht mal in sein Studio kommen wolle, um ein paar Sachen aufzunehmen. Ganz ohne Zwang, etwas Bestimmtes zu erreichen. Die Zusammenarbeit war dann so gut, dass wir mehrere Studio-Sessions machten. Daraus entstanden ein paar Tracks für das neue De-Phazz-Album. Also alles ganz entspannt.
Jetzt wissen wir, dass du auf dem neuen De-Phazz-Album mitwirkst. Wie es aber zu einem De-Phazz Remix für "Kitchen Music" kam, hast du uns noch nicht erklärt! Denn, um es mal dezent zu formulieren, Pit Baumgartner hat deinem hervorragend gelungenen Opening-Track "Entspannung im Dampfbad" nicht wirklich etwas Aufregendes hinzuzufügen. Dein Original finde ich bedeutend ereignisreicher...
Das ist natürlich Geschmacksache. Es ist ein sehr feinfühliger Remix. Man muss genau hinhören, um die Feinheiten wahrzunehmen. Allerdings war auch das Grundmaterial, das wir Pit zum Remixen gegeben haben, nicht wirklich perfekt. Wir haben im Studio nicht mit Klick gespielt, was es natürlich jedem Remixer schwierig macht, da es halt doch die eine oder andere kleine Timing-Schwankung gibt. Insofern hat er eben eine Art Klang-Remix gemacht.
Aber du fragtest ja, wie es dazu gekommen ist? Also wie gesagt, wir hatten eh ein paar Mal was miteinander zu tun und Pit bot mir an, was für mich zu tun, wenn ich was bräuchte. Da lag der Remix natürlich auf der Hand, besonders als ich mich entschied, Remixe mit auf die Platte zu nehmen.
Wie kommst du eigentlich auf den abstrusen Titel "Entspannung im Dampfbad"?
Ich mache regelmäßig Sport, Joggen und Fitness-Studio, - muss ich ja auch, da ich ja gerne esse und trinke :-) - und bei uns im Studio gibt es einen sehr schönen Wellness-Bereich. Es gibt nichts Schöneres, als sich nach dem Sport noch zu entspannen, und das tue ich am liebsten im aromatisierten Dampfbad. Hier kann man wunderbar die Seele baumeln lassen. Hat halt nicht direkt was mit "Kitchen Music" zu tun, aber ich wollte den Titel nicht umbenennen.
Xavier kannte ich von der Zusammenarbeit mit den Söhnen Mannheims (Anm. der Red.: Thomas Siffling ist 2004 auf deren Single "Babylon System" zu hören). Eines Tages lud mich Michael Herberger, Produzent und Keyboarder der Söhne, zu einer Studio-Besichtigung ihres neuen Komplexes ein. Wir schauten uns alles an, und ich erzählte ihm von der Idee, die drei großen Musiksparten der Region - Elektro, Pop und Jazz - auf meinem Album zu vereinen, und dass ich dabei an Xavier dachte. Wir hatten vorher den Titel "After Work Thoughts" aufgenommen, und ich dachte mir im Studio, das wäre ein Titel, bei dem die Stimme von Xavier wunderbar passen würde. Michael sagte sofort "na klar, frag ihn doch einfach, er ist oben". Gesagt getan. Ich fragte ihn und sagte, dass ich ja eigentlich nicht so ein richtiger Gesangs-Freund bin. Darauf er: "ich mag eigentlich auch keinen Jazz". Darauf hin wieder ich: "Das sind doch gute Voraussetzungen". Er hat sich sofort bereit erklärt, den Song zu machen und einen wunderbaren Text dazu geschrieben. Ich finde, das passt super.
Im Text geht es um einen Kugelblitz, eine Himmelserscheinung, was mich zu folgender, überhaupt nicht weit hergeholter Überleitung bringt: Am hiesigen Jazzhimmel strahlt derzeit Till Brönners Stern sehr hell. Als deutscher Jazztrompeter musst du dich sicher ständig mit ihm vergleichen lassen. Kennt ihr euch?
Nein wir kennen uns nicht persönlich. Ich würde mich aber auf jeden Fall freuen, ihn kennen zu lernen.
Nerven dich die ständigen Vergleiche?
Nein, überhaupt nicht. Für mich ist es doch charmant, mit einem so erfolgreichen Trompeter verglichen zu werden. Auch wenn ich finde, dass man uns nicht vergleichen kann. Er macht seine Musik, und ich mache meine. Sicherlich versuchen wir beide, durch unsere Art der Produktion den Jazz einer breiteren Masse zugänglich zu machen, aber das ist ja auch gut so. Er ist ein super Trompeter und ein toller Musiker. Für mich waren immer Miles Davis, Erik Truffaz, Nils Petter Molvaer und Dave Douglas meine Inspiratoren.
Alle genannten Trompeter sind ihren Weg gegangen ... was wünschst du dir für deinen musikalischen Weg?
Für mich ist das größte Ziel, eine Unverwechselbarkeit zu bekommen. Die Leute sollen mich mal am Sound erkennen: "Das klingt wie der Siffling". Ich möchte mich musikalisch weiter entwickeln und immer wieder neue Wege gehen, um zeitgemäß zu bleiben. Weiter würde ich mir wünschen, dass wir dieses Jahr wieder international spielen und dadurch die Möglichkeit haben, den 'deutschen Jazz' im Ausland zu präsentieren. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass der deutsche Jazz überhaupt nicht präsent ist im Ausland, und dies würde ich gerne mit meiner Musik ändern.
Was ist dein Begehren bezüglich "Kitchen Music"?
Ich wünsche mir natürlich in erster Linie, dass es dem Publikum gefällt. Aber ich denke, wir haben eine schöne Mischung aus akustischem und elektronischem Jazz gefunden. Eine Musik, die jedem gefallen kann. Natürlich erhoffen wir uns auch einen gewissen kommerziellen Erfolg in Hinsicht auf die Verkaufszahlen. Nach den letzten zwei erfolgreichen Alben ("Change" und "Human Impressions") sind die Erwartungen bei uns, als auch beim Vertrieb sehr hoch. Allgemein soll das Album präsent in den Läden, im Internet und in der Presse sein, und dann wird sich der Rest schon ergeben. Wir sind aber sehr zuversichtlich, da es wie gesagt ein Album ist, das ein sehr breites Publikum anspricht. Die ersten Reaktionen sind auch durchweg sehr positiv, auch von Leuten, die noch nie zuvor Jazz gehört haben!
Ich habe schon viel Jazz gehört und bin von "Kitchen Music" restlos begeistert, meinen Segen hast du also. Außerdem bin ich überzeugt, die Leute werden 'den Siffling' spätestens nach "Kitchen Music" am eigenständigen Sound erkennen. Dazu trägt nämlich auch deine außergewöhnliche Besetzung (Bass, Schlagzeug und Trompete) bei. Wie kommst du dazu, deinem Trio ein Harmonie-Instrument vorzuenthalten?
Meine erste Band mit eigener Musik war ein Quartett mit Piano, inspiriert von Kenny Wheeler und den ganzen ECM-Sachen. Dann auf der zweiten Platte spielten wir ebenfalls im Quartett, und bei einem Song sogar im Quintett mit Gitarre, von Dave Douglas inspiriert. Ich wollte dann etwas Neues für mich machen, die Band umstrukturieren. Durch den gezielten Verzicht auf ein Harmonieinstrument ergeben sich auf der einen Seite viel mehr Freiheiten, sich zu entfalten, da eben nur noch ein bassiges Grundgerüst da ist. Die harmonische Struktur ist sehr viel transparenter und erlaubt daher auch einen größeren Spielraum. Auf der anderen Seite bist du im Trio ohne Harmonieinstrument viel mehr gefordert, da es eben keine Flächen mehr gibt, die man einfach mal stehen lassen kann. Jeder von uns hat eine hohe Verantwortung, die ganze Sache spannend und interessant zu halten. Nach einem Trio-Gig sind wir alle ziemlich geschafft, da es sowohl körperlich als auch geistig eine immense Anstrengung ist. Aber es macht auch sehr viel Spaß, und vor allem ist es immer wieder aufs Neue eine Herausforderung. Mit Markus und Jens habe ich da zwei kongeniale Partner gefunden, mit denen das wunderbar funktioniert.
Den Spaß am Spiel hört man euch auf "Kitchen Music" deutlich an. Ich danke dir für dieses Gespräch und wünsche euch weiterhin viel Spaß und Erfolg.
Cruisen (2009)
Human Impressions (2005), Change (2004), Stories (2001), Polyphonix (2000), Soft Wind (1999)
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