laut.de-Kritik

Kanye und Jay-Z erheben Anspruch auf den Rap-Chefsessel.

Review von

"Jesus was a carpenter. Yeezy laid beats. Hova flow the Holy Ghost. Get the hell up out your seats." Zurückhaltung ist die Sache der Herren West und Carter nun wirklich nicht, davon kündet schon die protzige Verpackung ihres gemeinsamen Opus'. "Watch The Throne" - wer draufsitzt, versteht sich von selbst.

Zwei unbestrittene Superstars erheben Anspruch auf den Chefsessel des Rap-Geschäfts und schießen, um diesen zu untermauern, aus allen Rohren. Leider bleibt bei ihrem "luxury rap, the Hermes of verses", ausgiebig mariniert in teurem Champagner und Hennessy, der Gehalt auf der Strecke.

Mein Haus, meine Yacht, mein Lear-Jet. Mein Maybach, mein Benz, mein anderer Benz, mein ganz anderer Benz. Fünf Hände, um die zahlreichen Ringe unterzubringen ("more than Michael Jordan had"), und "so many watches I need eight arms". Mindestens. Meine Güte.

Ich schätze, für jemanden, der soeben vom Forbes-Magazin als reichster (Jay-Z) beziehungsweise drittreichster (Kanye) Rap-Star ermittelt wurde, stellt es durchaus eine tagesfüllende, vielleicht sogar spannende Aufgabe dar, die ganzen Penunzen wieder unters Volk zu befördern. Dabei bloß zuzusehen und währenddessen rein gar nichts erzählt zu bekommen, ermüdet da ungleich mehr.

Die Inhaltsleere, an der "Watch The Throne" von vorne bis hinten krankt, springt einen besonders an den (leider wenigen) Stellen an, an denen Kanye West und Jay-Z (versehentlich?) doch ein wenig Substanz durchrutscht. "Murder To Excellence" liefert ein exzellentes Beispiel dafür, was dieses Hochkaräter-Duo hätte liefern können, hätte man nur ein klein wenig auf Thematik Wert gelegt.

Die Qualitäten aller Beteiligten stehen außer Frage. Der Umstand, dass Jay-Z technisch versiert, astrein und blitzsauber rappt, reimt und flowt, sollte 2011 so langsam bekannt sein. Kanye wirkt im direkten Vergleich vielleicht ein Quäntchen weniger spritzig, gibt jedoch auch immer noch einen überaus ordentlichen MC ab. "I made 'Jesus Walks', I'm never goin' to hell", so sein bescheidenes Selbstverständnis. Seine Produzenten-Talente, seine Aufgeschlossenheit und seine schier grenzenlose Musikalität sorgen selbst unter erklärten Nicht-Kanye-Jüngern immer wieder für offene Münder.

Allein, was helfen Rap-Skills, teils bombastische Beats und mitreißende Stimmungs-Wechsel am laufenden Meter, wenn man lyrisch so wenig geboten bekommt, dass man sich beim Gähnen schier die Kinnlade ausrenkt? Beinahe so wenig wie die Riege prominenter Feature-Gäste. Hunger kann man von Zeitgenossen, die nicht nur den goldenen Löffel, sondern gleich den ganzen Edelmetall-Besteckkasten im Mund haben, wohl nicht mehr erwarten. Musikalisch immerhin hat "Watch The Throne" Einiges zu bieten, verschenkt aber auch an dieser Front viel zu viel Potenzial.

Warum nur ruiniert man den sich entwickelnden, zwingenden Groove des Openers "No Church In The Wild", indem man den Chorus in eklige Autotune-Gefilde abdriften lässt? Dafür hätte man sich wirklich nicht bei der Odd Future Wolf Gang deren Crooner Frank Ocean ausborgen müssen. Sogar die warm pumpenden Bässe scheinen sich vor dem üblen Plastik-Sound in dumpf-schummerige Gefilde zu verkrümeln.

Beyoncés überkandidelte Art, auf Vokalen herumzujaulen, stört die von knarzigem Bass und Klavier-Akkorden getragene Stimmung in "Lift Off" enorm. Jay-Zs Part hier: viel zu kurz. Houston, wir haben mehr als nur ein Problem mit diesem Track. "How many people you know are take it this far?", will Jay-Zs Gemahlin wissen. Zugegeben: Viele sinds nicht. Enthebt das aber die wenigen anderen der Pflicht, irgendetwas Mitteilenswertes mitzuteilen?

Grandios dagegen der Dirty South-Vibe von "Niggas In Paris", der schräg verrauschte Basston und die abgefahrenen Chöre. Kanyes leicht nöliger Rap passt hier ausnahmsweise fast besser ins Bild. Über die eingesampleten Zeilen musste ich - ebenfalls ausnahmsweise - herzlich lachen: "I don't know what that means", beschwert sich ein Sprecher. "Noone knows what it means", so die einzig sinnvolle Antwort. "But it's provocative."

Provokation ohne Botschaft wirkt aber oft so fehl am Platz wie Kanyes Selbstvergleich mit Hitler, die in "Who's Gon Stop Me" gezogene Parallele "This is like the Holocaust" oder die schauderhafte Autotune-Heulerei, die in "New Day" die zweifelhaften Ratschläge an den eigenen Nachwuchs untermalt. Wenn so klingt, was des RZAs Reglern heute entfleucht, bin ich mehr als dankbar, dass er beim letzten Wu-Album nur als ececutive producer fungierte. Der kunstvoll arrangierte, asiatische Touch von "Gotta Have It", den ich dem Wu-Mastermind viel eher zugeschrieben hätte, geht tatsächlich auf das Konto der Neptunes.

Was in "Otis" funktioniert, aus einem ollen Soul-Sample einen zauberhaften Beat zusammenloopen, klappt in "The Joy" schon nicht einmal mehr halb so gut. Statt Otis Redding huldigt man hier dem nicht weniger verehrungswürdigen Curtis Mayfield. Über die - mit Verlaub - kreuzlangweiligen Rap-Parts tröstet aber auch der Soul-Held nicht mehr hinweg.

"Watch The Throne", Kanye West und Jay-Z haben schon mal Platz genommen. All die hungrigen, bissigen, scharfsinnigen Kollegen da draußen: jetzt bitte zu den Werkzeugen. Es darf gesägt werden.

Trackliste

  1. 1. No Church In The Wild feat. Frank Ocean
  2. 2. Lift Off feat. Beyoncé
  3. 3. Niggas In Paris
  4. 4. Otis feat. Otis Redding
  5. 5. Gotta Have It
  6. 6. New Day
  7. 7. Prime Time
  8. 8. Who Gon Stop Me
  9. 9. Murder To Excellence
  10. 10. Welcome To The Jungle
  11. 11. Sweet Baby Jesus feat. Frank Ocean
  12. 12. Why I Love You? feat. Mr Hudson

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