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Puh, das war knapp, liebe Thermals. Ich wollte schon ganz schlecht über euch schreiben. So, von wegen, ihr hättet euren Biss verloren, den Indiepunk, den ihr auf den ersten drei Alben so wundervoll von rumpeliger Adrenalinsuppe zu rauer Hochgefühlsmusik perfektioniert habt, verraten und verkauft für elf kraftlose Stücke auf eurem vierten Album. Für eine Platte, die der Abgesang auf euch selbst ist mit Titeln wie "When I Died", "We Were Sick", "I Let Go" oder "How We Fade". Für eine Musik, zu der ihr an eurem eigenen Totenbett sitzt und eure Hüllen, einst integer und stark, beweint.
Doch dann habe ich euch verstanden. Es muss so sein, wie es ist. "Now We Can See" nimmt seinen Platz ein in diesem Periodensystem des Bandlebens, das eure Kreativität ordnet. Wart ihr zu Anfang noch rumpelig, ja fast tollpatschig, wie ein kleines Kind, das gerade laufen lernt, reiftet ihr mit der Zeit über eine wütende Jugend, mit "Fucking A" vertont, um mit dem biblisch-imposanten "The Body, The Blood, The Machine" euer Coming of Age zu feiern. Gereift, aber nicht erwachsen wart ihr, fragend, fürchtend, wie man so ist, als junger Erwachsener. Und jetzt habt ihr Einsicht gewonnen in die wichtigen Dinge des Lebens. "Now We Can See" erzählt aber nicht von Altersweisheit, auch wenn eine gewisse Gelassenheit durchklingt.
Gewiss, es gibt auch rauere Momente auf "Now We Can See", mal klingen sie subtiler durch, wie bei "When I Was Afraid" mit seinem harten Rhythmus, mal brechen sie sich offener Bahn, wie beim ungestümen "When We Were Alive". Man erkennt euch natürlich immer wieder: der verzerrte Gesang von Hutch, die abgehackten Akkorde, die kontrollierten Feedbacks, die Pausen, in denen nur Gitarre und Gesang ertönen. Dieser unbändige Wille zur großen Melodie im kleinen Garage-Rahmen wie beim Titeltrack.
Und warum ist es so? Warum wart ihr so wütend? Und warum seid ihr jetzt so entspannt? Es hängt, auch wenn es vorhersehbar sein mag, mit den veränderten Verhältnissen in den USA zusammen. Natürlich bemühen wir Europäer immer gerne den Vergleich von Bush (Dunkelheit) und Obama (Licht). Weil wir uns politisch für überlegen halten, in unserer altweltlichen Arroganz. Aber ihr deutet es selbst an. Und in Gesprächen mit Musikern aus den Staaten klang es während der acht Jahre immer durch: George Bush und seine Administration prägen unser Land zum Schlechten. Sie streuten Angst, Zweifel und Homeland Security. Obama hingegen habt auch ihr immer zur Lichtgestalt erhoben, die nicht nur die USA, sondern die ganze Welt wieder aus dem Tunnel führen kann.
Und genau so klingt eure Musik, liebe Thermals. Wie der erschlaffende Muskel nach Ewigkeiten der Anstrengung. Wie ein Lachen nach oktroyierter Ernsthaftigkeit. Wie Aufatmen nach vorsichtigem Luftanhalten. Aber sicher seid ihr euch selbst nicht, ob sich jetzt alles zum Guten wendet. Ob der Erlöser auch wirklich das Heil bringt. Und so singt ihr, unverhohlen ironisch: "We were born in the desert / We were reared in a cave / We conquered in the sun / but we lived in the shade / Yeah baby we were savage / we existed to kill / Our history is damaged / at least it was a thrill / But now we can see! / Now that our vision is strong / we don't need to admit we were wrong."
Ich gönne euch diesen Frühling. Von ganzem Herzen. Nicht, weil ich als altkluger Europäer in dem Dualismus Gut/Böse das bessere Ende für euch in der Gegenwart sehe, sondern einfach, weil ich beim Hören von "Now We Can See" spüre, dass ihr im Reinen mit euch seid. Und weil eine Platte, die unter diesem Umstand entsteht, einfach gut klingt.
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