laut.de-Kritik

Beklemmend, melancholisch, majestätisch schön.

Review von

Schon Berningers tiefer Bariton sorgt mit seinen schwer ergründlichen Texten für stete Gänsehaut und unmissverständlichen Wiedererkennungswert: "With my kid on my shoulders I try, not to hurt anybody I like" beispielsweise singt er in "Afraid Of Everyone" zusammen mit Sufjan Stevens am Harmonium. Mit einem Chor aus "Ooohs", der einen erschauern lässt, und einer sich stets verdichtenden, aber trotzdem irgendwie befreienden Atmosphäre gehört dieser Track mit zum Besten, was The National je produziert haben.

Die von Ohio nach New York gezogenen The National kamen nicht in den "Genuss" plötzlichen und schnellen Erfolges. Die zwei Brüderpaare um Sänger Matt Berninger haben hart dafür gearbeitet, sich Gehör zu verschaffen. Ihre Entwicklung erinnert an eine Efeupflanze, die langsam aber stetig aus der düsteren Seitengasse Brooklyns die Wände aus Backstein emporwächst, um schließlich das ganze Haus majestätisch und sichtbar zu umwachsen.

Jetzt, zehn Jahre nach ihrer Gründung, präsentieren die mittlerweile knapp 40-Jährigen mit "High Violet" die Krönung dieses harten, stets von Melancholie geprägten Schaffens. Das Album ist jedoch nicht die Fortsetzung, sondern eine Weiterentwicklung des Sounds, den The National mit "Boxer" zum Durchbruch verhalf.

Zwar lässt sich einem der Sinn Berningers Zeilen nie gänzlich erklären, doch hat man trotzdem stets das Gefühl zu wissen, was er damit aussagen möchte. Texte wie "I was carried to Ohio in a swarm of bees, I never married, but Ohio don't remember me ("Bloodbuzz Ohio") beispielsweise lassen eine unendliche Anzahl an Interpretationen zu. Genau so, wie geniales Songwriting - ohne plakativ zu wirken - eigentlich sein sollte.

Ein ungeübtes (oder unkonzentriertes) Ohr würde "High Violet" schnell als repetitiv und limitiert abstempeln. Tatsächlich ist es vor allem Berningers Stimme, die in ihrer beschränkten Reichweite die Grenze vorschreibt. The National kreieren um dieses Gerüst aus Berningers Bariton aber eine solch variationsreiche Klanglandschaft, dass von Limitiertheit überhaupt nicht die Rede sein kann.

Bryan Devendorfs tight-vertrackten Rhythmen sind auch auf "High Violet" ein definierendes Merkmal: jeder Schlag aufs Hi-Hat, jeder Beat mit der Bass-Drum ist genaustens kalkuliert, perfekt getimt und stellt gerade dadurch ein Statement in sich selbst dar. Man höre sich nur einmal seine Drum-Arbeit auf dem fantastischen "Little Faith" an.

Die subtilen Klangvariationen und enorm detailreiche Instrumentierung machen dieses Album alles andere als langweilig. Der Einsatz von Piano, beinahe einem Orchester von Geigen, Celli und Blasinstrumenten, sphärischen Gitarrenwänden und Synthesizern könnte schnell zu einer Überladung an Klängen führen. Auf "High Violet" drängen sie sich jedoch niemals in den Vordergrund, sondern verleihen dem Album gerade durch ihre Zurückhaltung eine elegante Schönheit.

Es sind diese speziellen, kleinen Momente, die meine Begeisterung für dieses Album mit jedem Durchlauf in neue Höhen treiben. Etwa, wenn Berninger während "Lemonworld" Luft holt für die Zeilen "You and your sister live in a lemonworld, I wanna sit in and die" und sich dies wie ein tieftrauriges Seufzen anhört. Oder die zwei wiederkehrenden, wehmütigen Anschläge auf der Gitarre bei "Afraid Of Everyone", das geniale Einsetzen der Bass-Drum am Ende des Satzes "Sorrow found me when I was young" ("Sorrow"): die Liste könnte ich endlos weiterführen.

Selten evozieren Lieder solch beklemmende Gefühle von Isolation, Existenzängsten und Befremdung und strahlen dennoch eine solch unbeschreiblich majestätische Schönheit aus. The National gelingt dies auf "High Violet" mit jedem Song.

Trackliste

  1. 1. Terrible Love
  2. 2. Sorrow
  3. 3. Anyone's Ghost
  4. 4. Little Faith
  5. 5. Afraid Of Everyone
  6. 6. Bloodbuzz Ohio
  7. 7. Lemonworld
  8. 8. Runaway
  9. 9. Conversation 16
  10. 10. England
  11. 11. Vanderlyle Crybaby Geeks

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15 Kommentare

  • Vor 5 Jahren

    PS: Ich bin Jahrgang 1957 und also mit der sog. besseren Musik aufgewachsen. Klar gabs damals viele tolle Bands! Nur mag ich die teilweise einfach nicht mehr hören, weil sie sehr schlecht gealtert sind und die wenigen (Led Zeppelin, Frank Zappa, David Bowie etc.) genügen halt auf die Dauer nicht. Dazu kommen die "Igitt-Bands", bei denen ich mich heute massiv wundere und teilweise vehement bestreite, dass ich die mal gut gefunden haben soll. *lach*
    Und da ich immer an neuem interessiert bin, sei es Technik oder eben Kultur, halte mich auf dem Laufenden, was so läuft in der Musikwelt. Durchs meine Erfahrung vielleicht eben mit anderer Einstellung und etwas mehr Skepsis vor den Hypes und "Onehitwonders" (die es btw. auch zu "meiner" Zeit gab, s. den kürzlich verstorbenen Scott McKenzie mit seinem "San Francisco") aber ich werde immer wieder fündig (TV on the Radio, Fun loving criminls z.B. und The National natürlich!) und gleichaltrige Freunde staunen ob meines Musikgeschmacks und wie uptodate der doch sei. Sie fänden halt die guten alten Who oder was auch immer meilenweit besser?.etcetcetcetc..
    Ich finde prinzipiell Aussagen wie früher sei die Musik besser gewesen sehr fragwürdig. Die Perlen waren damals einfach einfacher zu finden als heute, wo sie doch häufig in der Flut unerheblichen Neuerscheinungen unter zu gehen drohen. Und vielleicht ist auch tatsächlich schwieriger geworden, was Neues zu entwickeln, weil halt enorm viele Spielarten und Grenzvereiche des Rock/Pop schon ausgereizt wurden.
    Allerdings setzt sich Qualität heute wie damals langfristig durch, meine ich.

    PPS: Könnte man meinen doppelt vorhandenen Kommentar evtl. 1 x löschen? So wahnsinnig gut ist der jetzt auch nicht, dass es 2 Ausgaben brauchen würde...

  • Vor 3 Jahren

    Der Funke ist auch endlich bei mir übergesprungen. High Violet ging auf Anhieb besser rein, als Boxer (aber das bekommt noch einige Durchläufe).
    Favoriten ganz klar: Terrible Love und Afraid of Everyone.

  • Vor 3 Jahren

    Das ruft nach einer Zelebrierung, Morpho! :)