laut.de-Kritik

Grenzen sprengt hier nur der Drummer.

Review von

Die Beschäftigung mit einem Mars Volta-Albums gleicht einer akustischen Everest-Besteigung. Verdammt anstrengend, aber aus persönlichem Ehrgeiz möchte man sich den Zugang zum Werk schon erarbeiten. Den Code knacken, den Omar Rodriguez-Lopez uns aufgibt.

Jenen Code, der nach bahnbrechendem Start seine Hörer wiederholtermaßen vor den Kopf stieß, nicht zuletzt mit der überraschenden At The Drive-In Reunion, die als Zeichen für erneuten Umbruch im Volta-Land gedeutet werden kann.

Auf den Schwingen der Wiederauferstehung der Legende gibt man Mars Volta gerne auch eine Chance. Erinnerungen an die Band von vor drei Jahren: endlose Frikeleien, überirdisches Musikantentum und die Sucht, bestehende Grenzen in der Musik zu finden und zu zerbröseln. Aber wie gesagt - auch verdammt anstrengend.

Mit Omars Outputwut war nach dem 2009er "Octahedron" erst mal Schluss, das Recht zur Pause forderte Sänger Cedric deutlich ein und Omar folgte. Der Prozess der musikalischen Abrüstung wird auch auf "Noctourniquet" durchgezogen, was schlussendlich ein Novum in der Voltischen Banddemokratie darstellt.

Dementsprechend schüttelt man auch weniger den Kopf angesichts der neuen Scheibe - Kopfschütteln im Sinne von 'Menschenunmögliche Passage' oder 'Schmerzgrenze erreicht'. Viel leichter kippt man nun kopfüber in Songs wie das fast überraschend eingängige und kraftvolle "Aegis", in den fesselnden Refrains von "Dyslexicon" oder auch in das entspannte und mit Dub-Merkmalen (Echosnare) versehene "Empty Vessels Make The Loudest Sound".

Besonders letztere Nummer entspricht dem neuen Mars Volta-Ansatz. Im wahrlich hymnisch-warmen Refrain passieren in den tief im Mix verborgenen Schichten genug Verrücktheiten, die die Band vor fünf Jahren noch in den Vordergrund gerückt hätte. Heute dominiert hingegen die Melodie und die Stimmung, das Soundgewitter dahinter ist gerade noch fassbar und verstört kaum.

Sofern sie den kollektiven Ausbruch der ultimativen Kakophonie zulassen ("Dyslexicon"), bleiben sie stets in der näheren Umlaufbahn, schießen sich mit ihrem Spacerock nicht komplett dahin, wo noch kein Mensch je zuvor gewesen ist. Im Vergleich zu einem Klotz wie "Bedlam In Goliath" fahren die unterkühlten Synthie-Grooves von "Lapochka" durchaus fein in die Ohren. Soweit erscheint der Omar-Code geknackt. Vorerst.

Denn auf einmal ist sie da, die Achilles-Verse von Mars Volta: die Überlänge, das Ausufernde, dermaßen, dass selbst den härtesten Progfans der Geduldsfaden reißen könnte. "In Absentia" ist mit die größte Herausforderung. Sakrale Synthies wabern über fünf Minuten vor sich hin, nichts hält einen bei der Stange. Losgelöst von Dynamik und ertränkt in zu wilder Verzerrung ist es der erste Moment auf "Noctorniquet", der sich nicht erschließt. Nachdem der Track schon als unhörbar abgeschrieben ist, geht er jedoch in einem hypnotisch-psychedelischen Groove auf, der, obwohl großartig, die vorherig Soundtortur keineswegs wettmachen kann.

"I am the Alpha and Omega", prophezeit Cedric in "In Absentia" - und hat trotzdem noch ein Händchen für die ein oder andere Killer-Hook, der Text wird zur Nebensache. Dass die Lyrics keiner versteht, trug doch bisher zum Mythos Mars Voltas bei, genau wie Omars Soundschreddereien. Aber diesmal bleiben nach dem ersten Durchgang gar einige Zeilen hängen, die man auch ohne Englischwörterbuch korrekt in die Social Media-Netzwerke seines Vertrauens schreiben kann, um sich als Volta-Spezialist zu outen.

Allen voran das übergroße "I am a landmine, I am a landmine" aus dem Opener "The Whip Hand", das sich zwar nur wenige Meter vom mittlerweile tragisch-legendären "I am the table" bewegt, aber trotzdem nach einer fast dupstepartigen Elektrosause wenige Sekunden verdammt gut dazupasst.

Apropos passen: Der polyrhythmische Wahnsinn in Form von Deantoni Parks als Neuer auf dem Schlagzeuger-Karussells geht voll auf. Der Mann groovt, zündelt an den Taktgrenzen, ist bei Bedarf rasend schnell und hat dennoch eine tiefe 'Pocket', wie es so schön heißt. Ein Jammer, dass der Sound äußerst dumpf geraten ist, und so dem Drumming wie auch allen anderen Instrumenten die nötige Soundkante fehlt, die damals "De-Loused in the Comatorium" zu einem unumgänglichen Hörerlebnis machte.

Am ehesten an diese Glanzzeit schließt "Molochwalker" an, das einen gekreischten Chorus verdammt catchy daherkommen lässt. Zum ersten Mal (und das bei Track neun) nimmt man auch bewusst ein Gitarrensolo wahr, ergötzt sich an den eingewebten ungeraden Metren und applaudiert der Tatsache, dass schon nach 3:33 Minuten Schluss ist.

Das Niveau können die Marsianer leider nicht aufrecht erhalten. Das akustische "Trinkets Pale Of Moon" und der fließende Übergang in "Vedamalady" verlieben sich fast zu sehr in das Stimmengewirr und die wabernde Gitarre, ohne jemals das Gefühl des Besonderen zu vermitteln. Dieses schafft im Titeltrack wiederum Deantoni Parks, der über niederschmetternde Melancholie ein wahres Breakbeat-Feuerwerk zündet. Erneut dominieren Synthies statt Gitarrenklänge, auch der Wald aus Latinpercussion kommt kaum mehr vor. Eine wahre Berg- und Talfahrt, auf der ein reduzierterer Sound dem Drummer und der Elektronik die Wildheiten überlässt.

Unterm Strich gelingt das auf "Noctourniquet" oft famos, manchmal eher unspektakulär und ein paar Mal geht es schief. Anspruchsvoller und abwechslungsreicher als der Vorgänger ist die Scheibe allemal. Nimmt Omar Rodriguez Lopez endlich die Polster aus seinen Boxen und eliminiert das Füllmaterial, wirds vielleicht noch mal was mit wirklich außerirdischer Musik.

Trackliste

  1. 1. The Whip Hand
  2. 2. Aegis
  3. 3. Dyslexicon
  4. 4. Empty Vessels Make The Loudest Sound
  5. 5. The Malkin Jewel
  6. 6. Lapochka
  7. 7. In Absentia
  8. 8. Imago
  9. 9. Molochwalker
  10. 10. Trinkets Pale Of Moon
  11. 11. Vedamalady
  12. 12. Noctourniquet
  13. 13. Zed And Two Naughts

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7 Kommentare

  • Vor 2 Jahren

    Eine 3/5? Wenn laut.de TMV rezensiert, sind doch 1/5 bis 2/5 fällig. Stimmt etwa was mit dem Album nicht?

    Ernsthaft: Es ist nicht so brilliant wie Frances The Mute, dafür schlägt der Funke sehr viel schneller über als bei den übrigen Alben. Bei denen brauchte man noch einige Wochen, bis man sie auch wirklich schätzen lernen konnte. Hier sind sehr viel mehr eingängige Stücke dabei, die aber mit den gewohnt-knackigen Parts garniert werden. Zwei etwas schwächere Tracks sind zwar dabei, trotzdem scheint sich die kreative Pause positiv ausgewirkt zu haben.

    Eine ganz klare 5/5 mal wieder. Keine Band klingt wie The Mars Volta, und auch wenn es hier etwas poppiger schallt, nageln sie die meisten anderen Prog-Bands locker an die Wand.

  • Vor 2 Jahren

    Sehe ich wie Ragism ... die Scheibe ist für mich deutlich hörbarer und eingängiger, als viele frühere Outputs. Für allem endlich kein Salsa-Geschreddere mehr.

  • Vor 2 Jahren

    Ja so ist es Ragism, das steht doch im Artikel warum es 3/5 gegeben hat. Mit dem Album stimmt etwas nicht.
    Und nach den letzten beiden glaube ich das ungehört.

  • Vor 2 Jahren

    Jau, alle Alben seit De-Loused kaputt zu rezensieren ist eines der wichtigen Alleinstellungsmerkmale von laut.de. Immerhin hat es sich hier leicht gebessert, auch wenn man merkt, daß das grundsätzliche Verständnis für Songwriting, Sound und Harmonien der Band noch stark zu wünschen übrig lässt.

  • Vor 2 Jahren

    Alles Bloedsinn. Kann die ganzen schlechten Kritiken des Albums ueberhaupt nicht nachvollziehen. Fuer bis jetzt die Platte des Jahres.

  • Vor einem Jahr

    Ich kann nicht nachvollziehen, wieso Mars Volta als furchtbar schwer empfunden wird - es ist hie und da recht zäh, bspw. "Gemini" auf Frances the Mute, aber ich sehe keinen rechten Code oder dergleichen. Wirklich schwere Musik wäre z.B. neue Klassik von Personen wie Beuger. Bis heute komme ich da keinen Zentimeter dran.

    Frances the Mute war wirklich großartig, da waren 5/5 gerechtfertigt, für Noctourniquet nochmal 5/5 zu geben, halte ich für nicht wirklich begründbar.

    Die Rezension hat doch in vielerlei Aspekten recht: sie ist, anders als die vorherigen gerecht, nennt klar die Stärken des neuen Albums (und ist auch ganz witzig), aber auch dessen Schwächen. Was mich bei TMV so langweiligt, sind die Menschen, die es hassen und die es lieben. Ein wenig Nüchternheit würde TMV gut tun; genau das liefert der Rezensent, ich kann seine Meinung nachvollziehen; persönlich wären es 4/5, aber jede Rezension hat doch subjektive Aspekte, und deswegen werden's hier nur 3/5.