12. Juni 2012

"Alternde Rockstars sind unsere Helden"

Interview geführt von

Lange war es still um die Mod-Style-Fetischisten aus Schweden. Der straighte Garage-Punkrock wurde letztmals vor zwei Jahren in Form einer doch eher mageren Diät-Version ("Tarred And Feathered"-EP) auf die Welt losgelassen. Der letzte komplette Gruß an die Anhängerschaft ("The Black And White Album") liegt gar fünf Jahre zurück.Nun aber werfen sich The Hives abermals in Schale und präsentieren dieser Tage das neue Studioalbum "Lex Hives". Getreu dem Motto "back to the roots" schlugen die fünf Zylinderköpfe für ihr aktuelles Werk großspurige Produzenten-Offerten aus, nahmen sich während der Aufnahmen lieber selbst an die Hand und versuchten sich an Zeiten zu erinnern, in denen straighter Rock'n'Roll noch in den Garagen entstand.

Bei so vielen vermeintlichen "Neuerungen" setzt man natürlich Himmel und Hölle in Bewegung, um sich ein detaillierteres Bild zu machen. Also zerrten wir Sänger und Mastermind Pelle Almqvist an den Hörer und plauderten mit ihm über verschlossene Türen, Verletzungspech und ewige Demokratie.

Hi Pelle, gefühlte hundertmal schallte es "Come On" aus meinen Boxen, als ich euer neues Album bei mir zuhause einlegte. Ein unkonventioneller Opener, selbst für eure Verhältnisse. Stimmst du mir da zu?

Pelle: (Lacht) Es ist der perfekte Song zum Einstieg. Die Aussage ist klar. Es ist eine Aufforderung, die keine Zweifel aufkommen lässt, um was es uns geht. Ein Tritt in den Arsch für uns und für alle da draußen.

Wer hatte den Tritt deiner Meinung nach denn nötiger?

Pelle: Ich glaube, wir. Es gab lange nichts mehr zu hören von uns; zumindest was Veröffentlichungen anbetrifft. Mit diesem Album wollten wir uns wieder etwas freischwimmen und uns auf das besinnen, was uns zu Beginn unserer Karriere wichtig war.

Und das war?

Pelle: Guter alter Rock'n'Roll. Wir haben uns einfach überlegt, wie wir damals angefangen haben und was uns seinerzeit inspiriert hat, überhaupt Musik zu machen. Es geht nicht um bestimmte Bands, sondern vielmehr um das Grundgefühl, die Basis des Ganzen. Dieser Vibe, der in Garagen entstand, ohne technischen Schnickschnack und Dutzende Produzenten im Hintergrund.

Irgendwie all das, was euer letztes Output "The Black And White Album" ausgemacht hat.

Pelle: Ja, schon. Ich bin aber dennoch zufrieden mit der Platte. Rückblickend war es damals einfach so, dass wir genau diese Bedingungen wollten. Diesmal wollten wir es aber wieder wesentlich kantiger und dreckiger. Vor allem wollten wir es einfacher machen. Die ganze Struktur und der ganze Prozess sollten so simpel wie möglich gehalten werden, um den kompletten Fokus nur auf die Musik zu richten.

"Wir haben die Tür einfach nicht aufgemacht"


Also seid ihr nicht mehr ans Telefon gegangen und habt stattdessen das ganze Album in Eigenregie fertiggestellt, richtig?

Pelle: (Lacht) So in etwa. Es gab schon einige, die gerne am Album mitgearbeitet hätten, aber wir wollten das einfach nicht. Wir haben die Tür einfach nicht aufgemacht, wenn jemand geklopft hat (lacht). Wir haben beim letzten Album mit vielen Leuten (The Neptunes, Timbaland) zusammengearbeitet, von denen wir eine Menge lernen konnten. Das haben wir dann versucht in die Arbeiten fürs neue Album mit einzubringen. Also, eigentlich haben wir die Typen einmal bezahlt, damit wir letztlich zwei Alben machen konnten (lacht).

Wahre Geschäftsmänner.

Pelle: Man muss halt gucken, wo man bleibt (lacht). Nein, im Ernst, die vielen Studios und die vielen Involvierten, die beim letzten Album zugegen waren, haben uns wirklich geholfen. Auch wenn wir diesmal wirklich ziemlich beschränkt gearbeitet haben; hier und da gab es trotzdem einige Kniffe und Tricks, die wir uns damals abgeschaut haben. Vor allem Niklas und ich empfanden den Produzenten-Part als ziemlich spannend und inspirierend. Wir beide haben damals (bei den Aufnahmen zu "The Black And White Album") besonders aufgepasst. Mit dem Erlernten konnten wir dann auch einer befreundeten schwedischen Band (Bruket) helfen, deren Album wir produziert haben.

Gab es einen bestimmten Moment, in dem euch bewusst wurde, dass ihr den Karren wieder etwas zurückfahren solltet?

Pelle: Nein, eigentlich nicht. Ich glaube, das war Bestandteil eines ganz natürlichen Prozesses, der uns schon seit Anbeginn der Band begleitet. Wir sind eine Band, die sich selbst überraschen muss, um es für alle Beteiligten interessant zu gestalten. Jedes Hives-Album ist die differenzierte Antwort auf seinen Vorgänger. "Veni Vidi Vicious" war beispielsweise roh und hatte diesen unvergleichlichen Garage-Charme, während "Tyrannosaurus Hives" wesentlich klinischer und anorganischer klang. So sollte es auch dieses Mal sein. Wenn wir uns wiederholen, langweilen wir uns. Und das würde zwangsläufig irgendwo hinführen, wo keiner in der Band wirklich hin will. Wahrscheinlich würden wir uns dann irgendwann auflösen. Das wäre eine Schande.

Wie wichtig ist dir die Band?

Pelle: Oh, sie ist alles. Ich brauche diesen Kick, dieses Adrenalin, wie die Luft zum Atmen. Gerade im Moment, so kurz vor dem Release unseres neuen Albums und der bevorstehenden Shows, könnte ich den ganzen Tag über nichts anderes reden, als über die Tatsache, den geilsten Job der Welt zu haben.

In der jüngeren Vergangenheit musstest du allerdings etwas kürzer treten. Du hattest erst einen Sturz zu beklagen und du sollst dich auch einer Magen-Operation unterzogen haben. Stimmt das?

Pelle: Ja, das ist richtig. Ich habe mich zwischendurch auch noch in der Küche mit einem Messer verletzt. Da kam einiges zusammen. Es ging mir wirklich schlecht. Ich war frustriert und tierisch angepisst. Wenn man arbeiten will, Ideen hat und sich mitteilen will, es aber nicht kann, weil dauernd irgendetwas dazwischen kommt, dann dreht man am Rad. Diese Phasen waren echt die Hölle. Ich habe den ganzen "On the Road-Scheiß" wirklich vermisst. Wir haben die letzten beiden Jahre keine komplette Tour am Stück gespielt. Es kam immer nur zu einzelnen Festival-Shows im Sommer. Dieser Alltag und dieses Tägliche haben mir wirklich gefehlt. Zum Glück ist es jetzt wieder so weit.

Und wenn ich daran denke, das alles in zehn oder zwanzig Jahren auch noch so zu empfinden, kriege ich fast schon Gänsehaut. Die alten Herren, die auch heute noch über die Bühnen rocken, sind meine Helden, verstehst du? Dieses Gefühl, in einer großen Band zu spielen, kannst du nicht toppen. Natürlich ist es auch anstrengend; vor allem die Zeit, bevor du abends endlich auf die Bühne und loslegen darfst. Da rennt man oftmals orientierungslos wie ein Tiger im Käfig in der Gegend rum und weiß nicht so recht, was man mit sich anfangen soll. Aber wenn es dann in den Anzug geht ... Das kann man nicht beschreiben.

"Es geht darum, zu zeigen, dass wir alle gleich sind"


Apropos Anzug: Ihr schmeißt euch dieser Tage besonders in Schale, mit Zylinder und Frack.

Pelle: Ja, auch das gehört dazu. Dieses Gleichsein-Gefühl in Gestalt einer Uniform ist für uns sehr wichtig. Egal, ob wir jetzt alle Lederjacken, Anzüge oder sonst was tragen. Es geht darum, zu zeigen, dass wir alle gleich sind. Nicht nur wir in der Band; auch die Allgemeinheit. Diesmal haben wir uns für die extra-elegante Variante entschieden, irgendwo zwischen Christopher Lee und Fred Astaire. Wir sind keine Band, die intern irgendwelche Ego-Kämpfe ausfechtet. Jeder ist gleichberechtigt und alles geht erst fünfmal rum, ehe es eingetütet wird.

Diese Demokratie hält vielleicht manchmal etwas auf, aber am Ende fühlt sich jeder zu gleichen Teilen wertvoll. Ich glaube, das ist auch das Geheimnis, warum es die Band nun schon seit zwanzig Jahren gibt. Wir alle haben uns in dieser Zeit verändert. Wir leben nicht mehr alle in derselben Stadt. Wir wohnen alle in verschiedenen Städten. Jeder verbringt seine Ferien woanders und jeder lernt neue Leute kennen. All das trifft sich aber wieder, sobald wir zusammenkommen. Dann ist stets dieses Gefühl da, was wir schon zu Beginn der Band hatten.

Ich habe gelesen, dass ihr das Album schon letzten Sommer rausbringen wolltet. Warum hat das nicht geklappt?

Pelle: Ja, der Wunsch war da. Wir wollten einfach loslegen, aber irgendwie kam immer wieder etwas dazwischen, sodass sich das ganze Prozedere immer weiter nach hinten verschoben hat. Viele Songs haben schon etliche Monate auf dem Buckel. Ich meine, alle Songs sind uns schon länger vertraut, aber gerade bei "Go Right Ahead" fällt es mir dieser Tage immer wieder besonders auf, wie wichtig es ist, dass es nun endlich wieder richtig losgeht. Dieser Song war einer der ersten, die wir fertig hatten und stellte für uns den perfekten The Hives-Wiedereinstieg in die Öffentlichkeit dar. Es ist schon hart, wenn du irgendwann merkst, dass sich alles länger hinzieht, als ursprünglich gedacht.

Wann habt ihr denn ursprünglich angefangen am neuen Album zu arbeiten?

Pelle: Begonnen hat alles kurz vor Weihnachten 2010, als wir die ersten Songs aufnahmen. Danach haben wir im Frühling nahezu den kompletten Rest fertiggestellt und haben anschließend einige Sommer-Shows gespielt. Irgendwie hatten wir aber das Gefühl, dass einige Songs noch nicht ganz rund waren, also haben wir uns im Winter 2011 nochmals im Studio mit dem Material beschäftigt und den Sack letztlich zugemacht.

Wir fassen einmal zusammen: neues Album, neuer Look, alter Sound. Würdest du das so unterschreiben?

Pelle: Ja, wobei "alter Sound" eher abschreckend klingt, finde ich. Basisorientiert passt wesentlich besser. Du hast aber die anstehende Tour vergessen. Schließlich waren wir schon lange nicht mehr am Stück unterwegs. Wir werden euch in diesem Jahr nicht nur im Sommer auf den Festivals beglücken, sondern im November auch eure Hallen in Schutt und Asche legen. Darauf freuen wir uns ganz besonders.

Weiterlesen

LAUT.DE-PORTRÄT The Hives

Rock'n'Roll in Reinform! Die Hives feiern den Mod-Style auf der Bühne in stylischen Anzügen respektive gebügelten Hemden und machen mit den besten, …

Noch keine Kommentare