Porträt

laut.de-Biographie

The Cinematic Orchestra

"Ich mag Musik, die sich mir erst nach mehrmaligen Hören erschließt!"

The Cinematic Orchestra - Ma Fleur Aktuelles Album
The Cinematic Orchestra Ma Fleur
Songorientierte Ambient-Tracks mit Kopfkinoanspruch.

Jason Swinscoes Faible für gehaltvolle Musik spiegelt sich ebenso in seinen Hörvorlieben wider, wie in seinen ausgefeilten Kompositionen. Zwei Alben hat der Londoner Szene-Guru bereits veröffentlicht. Mit epochalen Werken, die einer unsichtbaren Dramaturgie folgen, wirbelt er und sein Cinematic Orchestra gehörig Staub in verkrusteten Jazzkreisen auf.

Zusammen mit seinen nordischen Kollegen Nils Petter Molvaer und Bugge Wesseltoft ist er einer der führenden Köpfe der noch andauernden Runderneuerung des Jazz. "Jazz ist kreative Freiheit und kann alles bedeuten, solange es offen für Ideen ist" formuliert er sein Verständnis. 'Offen für Ideen' heißt für alle an dieser Revolution Beteiligten, sich moderner, computergestützter Produktionstechniken zu bedienen. Sampler und Sequenzer als Instrumente anzusehen, die - wie jedes 'herkömmliche' Instrument auch - erst unter den Fingern der Künstler ihre kreativen Potentiale entfalten, ist eine Sichtweise, die Björk schon Anfang der 90er in die aktuelle Musikgeschichtsschreibung einführte.

Im Fall Cinematic Orchestra entstehen daraus nicht einfach nur Songs oder schöne Lieder. Jason Swinscoe ist der Mann fürs Kopfkino. Mit Spielzeiten um die neun Minuten sind seine Werke auch nicht gerade das, was man fürs Radio produziert. Seine Melodien haben Zeit, einen cineastischen Spannungsbogen zu entwickeln, dessen Handlung sich vorbildlich steigert. Zeit, Höhepunkte musikalisch vor- und nachzubereiten. Zeit, den Gesang oder das Hauptthema erst dann einsetzen zu lassen, wenn Formatkompositionen schon den Schlussakkord setzen.

Seit seiner ersten Veröffentlichung hat sich jedoch einiges geändert. War "Motion" noch vom Mastermind-Gedanken à la De Phazz geprägt, ist "Every Day" das Werk einer homogenen Band. "Ich benutze die Mitglieder der Band nicht mehr als Sessionmusiker. Sie sind entscheidend für die Entstehung der einzelnen Songs". Und sie sind ihm treue Weggefährten auf den zahlreicher werden Gigs, die ihn u.a. zum Drum Rhythm Festival nach Holland, zum Belfort Festival nach Frankreich und dem Jazzfestival nach Montreux führten.

Im Alter von acht Jahren (er kommt 1972 zur Welt) beginnt Jason Swinscoe Gitarre zu spielen. "Not any classical guitar, not any fiddle-de-dee John Waters schtick", sondern das, was Mann in diesem Alter wirklich lernen will: grooven, braten, headbangen, und ein Star zu sein.

1990, während er im walisischen Cardiff Fine Arts - sprich Kunst, Fotografie und Bildhauerei - studiert, gründet er seine erste Band "Crabladder". Sie löst sich jedoch kurze Zeit später wieder auf, weil Jason seinen Hang zu Samplern nicht genügend einbringen kann. Nach Abschluss des Studiums konzentriert er sich auf DJen und hat endlich genug Zeit fürs "fiddling with my Sampler".

Von 1994 bis 1995 arbeitet er als DJ für den Londoner Radio-Piratensender "Heart FM". Nebenher nehmen die Filme in seinem Kopf und damit seine musikalischen Vorstellungen konkretere Formen an. Er sucht einen Weg, die Vibes aus den 60er und 70er Blütejahren des Modern Jazz mit der Atmosphäre von Filmsoundtracks und den Innovationen der Sample-Kultur zu verbinden. 1997 kommt er der Lösung einen großen Schritt näher. Er verschickt musikalische Skizzen, Piano-Loops, Bass-Lines oder Melodiebruchstücke an befreundete Musiker und lädt sie anschließend ins Studio ein. Dort wird ordentlich gejammt, während Jason alles mitschneidet. Wieder zuhause, sortiert und ordnet er seine Beute, setzt sie auseinander und wieder neu zusammen, bastelt und friggelt sich die Soundscapes für seinen Plot zurecht.

Nebenher entwickelt er zusammen mit anderen DJs im Londoner 'Loop' ein neues Club-Konzept. Während auf einer Leinwand ein Film gezeigt wird, 'erfinden' die DJs live dazu einen Soundtrack. Textauszüge aus dem Original sind dabei ebenso erlaubt wie 'echte' Gastmusiker erwünscht.

1999 wird das Jahr des Coming Out. Das Cinematic Orchestra präsentiert auf der Verleihungsfeier des "Director's Guild Lifetime Achievement Award" mit ungeheurem Erfolg eine Hommage an Kultregisseur Stanley Kubrick (Uhrwerk Orange, Einer flog übers Kuckucksnest ... ). Im selben Jahr erscheint ihr Debütalbum "Motion" und ruft begeisterte Reaktionen in und außerhalb Englands hervor.

2000 tourt die Band ausgiebig auf Europas Festivalbühnen und stellt dabei ihre cineastischen Visionen einem großen Publikum vor. Sie erhalten den Auftrag, für das Porto Film-Festival in Portugal die Vorführung des russischen Filmklassikers "The Man With The Movie Camera" (Dziga Vertov, 1920) live umzusetzen. Die Performance wird ein riesiger Erfolg und mit minutenlangen Standing Ovations geehrt. Aus diesem Material entstehen die Tracks "The Man With The Movie Camera" und "Evolution", die zwei Jahre später auf "Every Day" erscheinen, seinem mit über 100.000 verkauften Einheiten bis anhin erfolgreichsten Tonträger.

Neben diesen Aktivitäten findet Jason noch genügend Zeit für ein Sideprojekt namens "Neptune" (zusammen mit DJ Food) und zahlreiche Remixe (u.a. für Faze Action, Kenji Eno, Nils Petter Molvaer und DJ Krust), die sein langjähriger Labelpartner Ninja Tune auf einem separaten Album ("Remixes 1998-2000") veröffentlicht.

Aus der "Man With The Movie Camera"-Performance wird 2003 schließlich ein Album. Der Film wird vom Label Ninja Tune kurzerhand komplett lizenziert und Swinscoes Soundtrack erscheint nicht nur auf CD, sondern, samt Originalfilm und Extras, als DVD.

"Nach all den intensiven Zeiten hatte ich eine Art Burnout. Die Mühlen der Musikindustrie mit all ihren vorgegebenen Zutaten wie Partys, Interviews, Trends et cetera brachten mich an einen Punkt an dem ich mich fragte, warum ich eigentlich Musik schrieb, was es für mich bedeutete."

Swinscoe gönnt sich eine circa zweijährige Orientierungspause in Paris und pendelt anschließend zwischen New York und seiner französischen Wahlheimat hin und her. "Paris ist wunderbar wenn du eine Auszeit vom Musikbusiness brauchst, um Zeit zu finden, wieder in dich reinzuhören und festzustellen, was du als Nächstes machen möchtest. Es gibt nicht wirklich viel kreativen musikalischen Input dort, was gut ist, um sich auf die Weiterentwicklung der eigenen Vision zu konzentrieren. Alles ist einen Tick langsamer und wenn man dann nach New York kommt, wechselt alles in deinem Kopf von Beschaulichkeit und Stille zu Chaos, was gut für den eigenen Antrieb ist. Manchmal braucht man diese Gegensätze, um musikalisch weiterzugehen."

Musikalisch findet sein Weitergehen 2007 mit "Ma Fleur" seinen Ausdruck. "Für mich war es eine natürliche Weiterentwicklung und eine große Herausforderung zugleich, mehr songorientiert zu arbeiten, also eigentlich wieder ganz von vorne anzufangen, anstatt am Computer mit 128 Audiospuren 'nur' orchestrale Musik und einen Dancebeat übereinander zu schichten. Das wurde mir zu kompliziert und es fühlt sich gut an, zur Schlichtheit der Kombination von Gitarre, Stimme und Piano zurückzukehren."

Im selben Jahr erfüllt sich für das Cinematic Orchestra ein Traum. Gemeinsam mit dem 24-köpfigen Heritage Orchestra lässt Swinscoe die ehrwürdige Londoner Royal Albert Hall erzittern (ein toller Link hierzu findet sich unter den Surftipps). Obwohl es die Gastsängerinnen Heidi Vogel und Louise Rhodes (Lamb) nicht leicht haben, die stimmgewaltige Original-Sängerin Fontella Bass zu ersetzen, läuft zum Glück läuft das Aufnahmegerät mit. 2008 findet das mitreißende Konzert den Weg in die Plattenläden.

Alben

The Cinematic Orchestra - Ma Fleur: Album-Cover
  • Leserwertung: Punkt
  • Redaktionswertung: 3 Punkte

2007 Ma Fleur

Kritik von Kai Kopp

Songorientierte Ambient-Tracks mit Kopfkinoanspruch. (0 Kommentare)

  • The Cinematic Orchestra

    Die offizielle Netzheimat.

    http://www.cinematicorchestra.com/
  • Jason Swinscoe

    TCO bei MySpace.

    http://www.myspace.com/thecinematicorchestras
  • Ninja Tune

    Labelinfos in englisch.

    http://www.ninjatune.net/ninja/artist.php?id=2
  • Live At The Royal Albert Hall

    Tolle Konzertreview mit eindrucksvollen Bildern.

    http://fernandonz.wordpress.com/2007/11/07/the-cinematic-orchestra-live-at-royal-albert-hall/

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