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Der Erzengel Michael mag vielleicht den Satan bezwungen haben. Namensvetter Gira immerhin den Teufel musikalischen Schubladendenkens. So ist man seit jeher nur Gutes gewohnt. Trotz der weltmeisterlichen Qualitätsdichte eines nahezu unerschöpflich großen Gesamtkatalogs: "The Seer" ist ein echtes Sahnestück. Unverzichtbar in der persönlichen Top Five-Liste eines jeden Swans-Anhängers.
Getreu dem alten Warhol-Motto "Gib ihnen immer etwas mehr als sie wirklich brauchen!" liebt er es noch immer, atonale und krachige Momente in repetitivem Stoizismus auszubreiten; ein fließender Klangteppich des Abgründigen. Eine Doppel-LP so anstrengend wie Exorzismus und doch so kathartisch wie eine Meditation. Darin verwoben: Schwelgerische Passagen tiefer Harmonie, wie etwa nach der Kehrtwende in "Mother Of The World" nach etwa sechs Minuten.
Sehr anstrengend, sehr fordernd, gleichwohl in seiner mantrischen Hypnosetaktik ebenso suchtgefährdend. Sicher: die Sogwirkung von Giras Vermählung der totalen Eingängigkeit mit exzessiver Dekonstruktion ist für sich genommen keine neue Qualität im Hause Swans. Gleichwohl: Die ineinander fließende Detailfülle darf man in ihrer aktuellen Intensität durchaus als Zenit verstehen. Quasi: "The Beauty & The Beast: Der Koitus".
Die Konsequenz, mit der der Kalifornier seine Songs mutieren lässt, ist schlichtweg beeindruckend. Der "93 Ave. B Blues" ist so ein Grenzgänger. Bluessplitter, zunächst reduziert auf Eckpunkte einer Tonschleife. Im Grande Finale dann zertrümmert durch Giras Abrissbirnensound vom Postpunk-Schrottplatz. Keine Musik für All Tomorrow's Parties; eher der akustische Kater danach.
Die Mischung aus Skalpell und Psychedelik gelingt ihm einmal mehr einzigartig. Besonders die dräuenden, sich in schier ewiger Wiederholung windenden Passagen klingen im innersten Kern teilweise so verschwommen, als hätte man mit Schmackes gegen den Song getreten wie gegen eine Schneekugel. Einen Track wie "The Apostate" kann man sich weiß Gott nicht jeden Tag geben. In jenen Momenten indes, wo man geneigt ist, die innere klangliche Pforte der Wahrnehmung zu durchschreiten gewiss ein unbezahlbares Medium. 23 Minuten lang gebündelter Wahnsinn.
Die rhythmischen Variationen treiben den Hörer vorwärts wie ein unruhig brodelnder Fluss. Dazwischen fast schon irritierend normal strukturierte Lieder wie "The Daughter Brings The Water". So verzweifelt und dunkel wie Bauhaus' "Spy In The Cab", dabei so uramerikanisch wie das San Fernando Valley, Giras Heimat.
Zum Glück ist seine künstlerische Muse und Gefährtin Jarboe ebenso wieder mit von der Partie. Sie hatte dem Monster "Swans" schon seinerzeit - anno ewiges Überalbum "Children Of God" 1987 - das Lächeln beigebracht. Ihre Singer-Songwriterperle "Song For A Warrior" lässt das Album für einen vierminütigen Moment in Schönheiten erblühen. So könnte Kylie heute klingen, wenn sie etwas aus dem "Where The Wild Roses Grow"-Duett mit Nick Cave gelernt hätte.
Höhepunkt: Das zweiteilige "The Seer"/"The Seer Returns" mit knapp 40-minütiger Spieldauer. Zunächst im Gleitflug durch einen rein instrumentalen Spannungsaufbau. Ein paar gesungene Mantren später zerhackt sich das Lied in munterem Verstümmelungs-Crescendo selbst so lustvoll wie die Piratenpartei. Die Asche solch Note gewordener Agonie gebiert erwartet-unerwartet im letzten Kapitel einen vollkomen neuen Song wie einen Phönix. Im gestrafften "The Seer Returns" gesteigert zur Séance in chantender Trance. Das Quäntchen zur Perfektion: Jarboes rhythmisches Vokal-Thema als Kontrapunkt.
Als alter "Children Of God"-Freund ist mein persönlicher Lieblingssong das vergleichsweise kurze Achtminutenstück "Avatar". So pointiert rockend wie "New Mind", dabei so entrückt wie "You're Not Real, Girl". Kann ich jedem zum Einstieg in das Album wärmstens empfehlen.
Am Ende ist es eine dieser gierenden wie gebenden Platten geworden, die in ihrer detailfreudigen Komplexität Meilensteinen wie "Bitches Brew" von Miles Davis nahe kommen. Insofern kann diese Rezension lediglich eine erste Annährung sein; keine Beschreibung mit Schlussstrich. Eine der ganz wenigen Platten, über die man lohnende Essays verfassen könnte, so lang wie die Telefonbücher mittlerer Ortschaften.
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Nanü... Das Album wird mit Rezension (von Kubanke) gelistet, aber die Rezension nach dem draufklicken nicht angezeigt... alle anderen Rezis öffnen sich problemlos... what is going on? Auf diese Rezi habe ich echt lange gewartet - das Album indes schon beinahe wieder totgenudelt(!)
Ich bleibe dabei - sicher eines der Top 5 Werke 2012, wenn die nächsten 8 Wochen nicht noch ein Reigen unglaublicher Alben erscheint.
Ah jetzt ja, danke.
Ja volle Zustimmung - die Rezension als "erste Annäherung" triffts für dieses Werk ganz gut. Auch der Warhol-Ansatz blieb mir direkt im Gedächtnis - Prinzipiell hätten Swans hier auch nur das zweiteilige Titelstück als für sich stehendes Album bringen können, aber nein: Sie weben scheinbar völlig ohne Mühe nochmal genug Stoff für eine spannende, abenteuerliche und stellenweise ziemliche abgedrehte Doppel-CD (habe bisher leider nur die CD-Version) drum herum. Wie gesagt, Top 5 der 2012 Releases für mich - minimum.
Das hat gedauert mit der Rezension.
Aber das macht schon Sinn, denn dieses Album muss man auf sich wirken lassen.
Und dann entwickelt ''The Seer'' eine Strudelwirkung und zieht einen in seinen Bann.
Eines der besten Alben des Jahres 2012.
Ohne die Kommentare hätte ich die Rezension glatt verpennt...
Schön geschriebene Kritik, der ich fast uneingeschränkt zustimme. Auch für mich einer der absolutem Höhepunkte dieses Jahres - und auch in der Diskografie der Swans sicherlich ein Glanzstück. Gerade die zweite Disk hats mir angetan. Das wunderbare "Song For A Warrior" (übrigens von Karen O gesungen!) ist denn auch einer der schönsten Momente des Albums. Das Album überzeugt aber von vorne bis hinten, was über ein Album dieser Länge alles sagt.
Der Vergleich mit "Bitches Brew" hinkt. Da sind selbst Giras Gerüste zu durchschaubar. Trotzdem ein hervorragendes Album, dass sämtliche Swans-typischen Qualitäten endlich mal auf einer Platte vereint, diese schon fast bis zur totalen nihilistischen Vertonung zelebriert und nach jedem Hördurchgang immer mehr Feinheiten offenbart.
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