4. August 2017

"Morrisseys Aussagen waren dumm"

Interview geführt von

Sie sind seit Ewigkeiten am Start und dennoch auf eine bestimmte Art eine der unbekanntesten Kult-Bands der Popgeschichte: Das amerikanische Duo Sparks. 2017 veröffentlichen sie ihr 23. Album.

Am 8. September erscheint das neue Sparks-Album "Hippopotamus". Es ist ihr 23. Studioalbum seit 1971. In den 70er Jahren wurden sie als schräge Art-Pop-Glam-Rock-Band bekannt und schlugen im Laufe der Jahrzehnte immer wieder Haken, die ihnen selten Hits, dafür aber devote und teilweise sehr bekannte Fans bescherte. Sparks sind außerdem für ihre pointierten Texte und amüsanten Albumcover bekannt. Auf dem aktuellen Album schwimmt ein Nipferd in einem Swimmingpool.

Wir erreichen Sänger Russell in seiner Heimat Los Angeles. Der Mann ist in Plauderlaune, aber es stehen noch andere Medien in der Warteschlange, so dass unser Gespräch nach 30 Minuten von einem Mitarbeiter der Plattenfirma abrupt unterbrochen wird. Russell versucht kurz, das Gespräch etwas zu verlängern und wechselt die Leitung, doch es ist zwecklos. Die Zeit sei um, er habe schon überzogen, entschuldigt er sich. Und weg ist er.

Die wichtigste Frage gleich am Anfang: Wie habt ihr für euer Albumcover dieses Nilpferd in den Pool und danach wieder rausbekommen?

Russell Mael: Das war natürlich irre schwierig. Man muss Glück haben und ein freundliches Nilpferd erwischen. Es sind angeblich ja so knuddelige langsame Tiere, dabei sind sie in Wirklichkeit extrem gefährlich und schnell. Es hat lange gedauert bis das Vieh im Swimming Pool war, aber dann hat es ganz gut mitgespielt.

War es bei dir oder bei Ron zuhause?

Es war tatsächlich der Pool des Fotografen.

Aber, naja, das Foto ist eigentlich schon am Computer entstanden, oder?

Wir wollen die Vorstellungskraft der Leute nicht zerstören, deswegen möchte ich hierzu nichts sagen. Jeder soll das Cover auf eigene Art und Weise genießen oder beurteilen. Das finden wir spannender.

Ich habe euch einmal live gesehen bei einem Radiofestival des Senders SWF3 in Baden-Baden 1995. Ich kannte nur eure damalige Single "When Do I Get To Sing My Way", die der meistgespielte Song im deutschen Radio 1994 gewesen ist. Ich erinnere mich noch, wie alle Zuschauer diesen Song bzw. eine Dance-Pop-Show erwartet haben, doch dann habt ihr auch eure alten Rocksachen gespielt, mit denen viele gar nichts anfangen konnten. Wie erinnerst du diese Phase eurer Karriere?

Wir haben damals sehr viele Radiokonzerte gegeben, gerade in Deutschland. Es war eine kuriose Situation: Wir waren eine Band mit einer damals schon recht langen Historie. "When Do I Get To Sing My Way" erreichte dann eine völlig neue Hörergeneration, die davon ausging, dass wir eine neue junge Band sind.

Das hat uns eine Menge neue Fans gebracht. So eine Situation gab es immer mal wieder. Dieser Song ist vor allem in Deutschland populär geworden, ein paar andere auch oft nur in bestimmten Ländern. So etwas ist natürlich immer hilfreich für eine Gruppe. Auch mit FFS, unserem Projekt mit Franz Ferdinand, haben wir eine Menge Feedback von Menschen bekommen, die von Sparks vorher noch nie etwas gehört haben.

Wie ist euer Verhältnis zu Deutschland seitdem? Einen großen Radio-Hit hattet ihr ja nicht mehr.

Wir bekommen viel Feedback. Durch das Internet können Hörer sich heutzutage der Band auf eine Weise nähern, die früher undenkbar gewesen ist. "When Do I Get To Sing My Way" war damals nicht überall so populär wie bei euch. Aber wenn wir den Song heute im Konzert spielen, könnte man denken, es wäre unser größter Hit gewesen. Dank des Internets geht die ganze Welt auf Entdeckungsreise. Und sie leuchten auch in die abgelegeneren Ecken unserer Karriere. Es gibt ja mittlerweile 23 Alben zu entdecken.

Die FFS-Platte habt ihr in zwei Wochen eingespielt. Wie lange habt ihr für das neue Sparks-Album gebraucht?

Wir haben zehn Monate für die Aufnahmen benötigt. An den FFS-Songs mussten wir aber auch ungefähr ein Jahr lang arbeiten, um sie dann so schnell aufzunehmen. Wir haben sie praktisch live aufgenommen. Dieses Mal haben wir uns wieder die Zeit genommen, in unserem Studio in L.A. so lange an Details zu feilen, bis Ron und ich mit allem zufrieden gewesen sind. So etwas braucht manchmal eine Weile. Alte Handwerkskunst.

Vom FFS-Album abgesehen ist euer letztes Album vor acht Jahren erschienen. Was habt ihr in der Zwischenzeit gemacht?

Wir haben die meiste Zeit an einem Film-Musical gearbeitet, es heißt "Annette". Regisseur ist Leos Carax, der einen alten Song von uns in seinem letzten Film "Holy Moses" verwendete. Wir trafen ihn bei den Filmfestspielen in Cannes und waren eigentlich gerade an den Planungen für unser nächstes Album. Vom narrativen Aspekt war es unserem letzten Album "The Seduction Of Ingmar Bergman" recht ähnlich. Als wir ihn trafen, wollten wir ihn mit einbeziehen und schickten ihm unsere Songs. So kam die Idee eines Films zustande. Wir sitzen daran nun sicher schon vier Jahre. Wir stecken immer noch mittendrin. Es wird unser erster internationaler Film mit internationalen Stars, Adam Driver und Michelle Williams spielen die Hauptrollen.

Für uns ist das ein sehr spannendes und kühnes Abenteuer, weil wir die Musik, die Texte und die komplette Story geschrieben haben. Die Texte mussten außerdem teilweise in Dialogform gebracht werden. Wir hoffen, dass die Dreharbeiten Anfang 2018 beginnen können, das ist der Plan. Wie wir nach und nach herausgefunden haben, verschiebt sich der Zeitplan weiter nach hinten, je mehr namhafte Darsteller teilnehmen und je größer die Budgets werden. Aber ich will mich nicht beschweren, es läuft alles gut. "Hippopotamus" begann dann eigentlich erst, als wir nicht mehr täglich für den Film arbeiten mussten.

Wie schafft ihr es, euer Privatleben unter Verschluss zu halten?

Ich denke, wir gehören nicht zu jenen Menschen, die die Öffentlichkeit bewusst suchen. Wir sind einfach nicht verfügbar. Es wäre in L.A. nicht schwer, auf Partys zu gehen, bei denen von vornherein klar ist, dass Paparazzi jeden Winkel ausleuchten. Aber das ist nicht unser Ding.

Wie lange hast du gelacht, als Ron mit dem Text zum neuen Song "Missionary Position" ankam?

Nein, also ... ich habe gelacht. Aber ich fand gleich, dass es ein sehr mutiger Titel und ein mutiges Thema für einen Song ist. Auch mit der Melodie zusammen, es ergab sofort Sinn. Der Song hat etwas Erhebendes. Der Text spricht auf indirektem Weg die schönen Dinge des Lebens an, die manchmal auch altmodisch wirken können, gleichzeitig aber bewahrenswert sind. Man kann hier verschiedene Deutungsansätze haben. Es muss nicht wortwörtlich um die Vorzüge der Missionarstellung gehen.

Mir als Fan eurer melodischen Pop-Seite gefällt der Song sehr gut. Ich sehe Parallelen zum FFS-Song "Johnny Delusional", weil beide Songs so einen euphorischen Drive haben ...

Vielen Dank. Ja, ich sehe die Ähnlichkeit, was die Melodik betrifft, es ist uplifting. Textlich sind es dann wieder zwei verschiedene Songs.

"Ich kann Morrissey nicht verteidigen"

In einem Interview meinte Ron, der neue Song "What The Hell Is It This Time?" spiegle einfach die Erwartungshaltung eines Sparks-Fans kurz vor Veröffentlichung eines neuen Albums wieder. Stimmt das?

Oh, das war eher ein Gag. Klar, bei einigen Fans trifft dies sicher zu. Es geht hier eher um einen überarbeiteten Gott, der allen Menschen, die mit ihren Problemen zu ihm kommen wollen, klar macht, dass diese Probleme auch wirklich wichtig sein müssen. Er hat zu wenig Zeit für Audienzen, weil er predigen und andere Dinge von hoher Bedeutung tun muss.

In eurem alten Song "Perfume" singst du die Zeile "Screw the past". Bist du es leid zurück zu schauen?

Ja, zu dieser Zeile gibt es eine gewisse Beziehung, denn würden wir gerne und ausdauernd zurück schauen, würde uns das lähmen. Das Hier und Jetzt und der Ausblick nach vorne ist wichtiger und spannender. Natürlich sind wir trotzdem stolz auf das, was wir geschaffen haben, unseren Katalog an Platten. Aber wenn du fit und relevant bleiben willst, musst du deine Vergangenheit gewissermaßen ignorieren. Du musst dir vorstellen, dass diese nächste Platte vielleicht jemanden erreicht, der von deiner Karriere nichts weiß. Also musst du auf dieser Platte alles sagen, was du vielleicht auch 1974 schon gesagt hast, aber jetzt in einer modernen Art und Weise. Dieses 'Vergiss das Früher' verstehen wir als Antrieb. Das was du heute veröffentlichst, muss dem Jahr 2017 gerecht werden.

Ich möchte dich trotzdem bitten, noch einmal mit mir auf eure Kollaborationen zurück zu schauen: Ihr wart mit Mike Patton, Jimmy Somerville oder der französischen Pop-Legende Les Rita Mitsouko im Studio. Woran denkst du bis heute sehr gerne zurück?

Also wir lieben Faith No More. Angesichts dieser scheinbaren Unvereinbarkeit ihres Sounds mit unserem, hat es uns sehr überrascht, als wir davon erfuhren, dass sie Fans der Band sind. Mike Patton ist ein fantastischer Sänger und Charakter. Sie haben uns ein paar Mal eingeladen, mit ihnen auf der Bühne in London und San Francisco als Zugabe "This Town Ain't Big Enough For Both of Us" zu spielen. Das war ein Genuss.

Was Rita Mitsouko angeht, werden wir bei unserem nächsten Auftritt in Paris auch beim Konzert von Catherine Ringer [Sängerin von Les Rita Mitsouko] auftreten und mit ihr ein paar Songs spielen. Sie tritt im Rahmen des 30-jährigen Jubiläums des Clubs La Cigale auf, das ist ein sehr berühmter Konzertort in Paris. Natürlich wird "Singing In The Shower" dabei sein, das war damals ein sehr großer Hit in Frankreich. Es ist großartig zu sehen, wie sie das Erbe ihrer Band weiter führt, nachdem ihr Mann Fred Chichin vor ein paar Jahren leider gestorben ist.

Mit David Bowie habt ihr zwar meines Wissens nicht zusammen gearbeitet, aber in euren Anfängen wurden ja ab und an Vergleiche gezogen, was den Art Pop-Ansatz eurer Musik angeht. Was dachtest du, als du die Nachricht gehört hast?

Es ist einfach sehr traurig. Wir hatten nie direkten Kontakt zu ihm, aber da wir mit Produzent Tony Visconti einen gemeinsamen Bekannten hatten, hörten wir immer wieder das ein oder andere. Visconti hat ja auch ein paar unserer Platten produziert, etwa "Indiscreet" oder unser Album mit Rita Mitsouko. Es ging uns nicht anders als allen anderen, als wir von seinem Tod erfuhren.

Auf eurer 2008er Platte "Exotic Creatures Of The Deep" gab es den Song mit dem tollen Titel "Lighten Up, Morrissey" und einige Medien behaupteten, dass er den Song gehört habe. Wie fand er ihn denn? Hat er sich in ihm ein wenig wieder erkannt? Wurde er danach wirklich locker, wie es der Songtitel einfordert?

Oh, Morrissey fand ihn gut. Wir waren schon etwas beunruhigt, dass er ihn vielleicht falsch verstanden haben könnte. Wir haben dazu ja ein Video gedreht, dass er dann an manchen Abenden sogar vor seinen Konzerten gezeigt hat. Er ist ja auch Sparks-Fan. Und trotz des Titels hat der Song ja einen ihm durchaus schmeichelnden Grundton.

Vor ein paar Jahren hat er dann auch das Vorwort zu einem Sparks-Textbuch geschrieben. Danach wartete eigentlich jeder nur noch auf eine Sparks/Morrissey-Kollabo, aber stattdessen habt ihr ein Album mit Franz Ferdinand aufgenommen.

Haha, nun, es könnte noch passieren. Wir sind große Fans seiner Texte und es gibt heute kaum noch solche Persönlichkeiten wie ihn in der Musik. Im Moment haben wir aber keine Pläne für eine Kooperation. Nur hin und wieder sind wir in Kontakt.

Ich möchte dennoch auf ein paar verstörende, empathielose Äußerungen seitens Morrissey eingehen. Nach dem Terroranschlag auf das Ariana Grande-Konzert in Manchester machte er Äußerungen, die klar in Richtung anti-islamische Hetze zielen, zuvor hatte er schon den Brexit bejubelt. In welchem Licht siehst du solche Äußerungen?

Ich habe das alles gelesen und war schockiert. Ich bin absolut nicht seiner Meinung und kann nicht glauben, dass er diese Dinge gesagt haben soll. Es stimmt mich nachdenklich, wenn er das alles so gesagt und gemeint hat. Es war dumm. Unsere Meinung zum Thema Immigration ist das exakte Gegenteil. Ich kann Morrissey in dieser Sache leider nicht verteidigen.

Du hast ihn daraufhin aber nicht gesprochen, um mehr herauszufinden?

Nein, wir haben nicht diese Art von Kontakt. Ich habe gar nicht die Möglichkeit, ihm meine Meinung zu sagen.

2008 habt ihr all eure Studioalben in London an aufeinanderfolgenden Abenden in rund drei Wochen einzeln und komplett, beginnend von 1971 bis 2008, aufgeführt. Wir sprechen von insgesamt 250 Songs, die ihr dafür proben musstet.

Ja, das war wirklich aufwändig. Wir schauen gerne darauf zurück, aber dass wir es wirklich getan haben, glauben wir manchmal immer noch nicht. Es war so viel Arbeit. Erst nachdem wir das Angebot angenommen haben, wurde uns klar, wie verrückt das eigentlich ist. Normalerweise bist du mit einer übersichtlichen Zahl an Songs auf Tournee und je länger die Tour andauert, desto besser kommst du in bestimmte Songs rein. Aber damals probten wir jedes Stück ja nur für eine einzige Aufführung, dazu brauchst du schon einen extremen Fokus. Ich glaube nicht, dass sich jemals eine andere Gruppe, die 21 Alben aufgenommen hat, so einer Aufgabe stellen wird. Dazu braucht es einfach eine gewisse Hartnäckigkeit.

Wird es jemals eine Veröffentlichung dieser einmaligen Konzerte geben?

Ich weiß nicht, ob sich jemand findet, der sich 21 Konzertaufnahmen anhört, um die Alben für eine Veröffentlichung zu mixen. Es wäre eine Mammutaufgabe. Vielleicht irgendwann in ferner Zukunft.

Kürzlich habe ich einen Song von Jarvis Cocker und Gonzales gehört, der mich sehr an euch erinnert hat. Die beiden haben eine Platte über das Hotel Chateau Marmont aufgenommen, es sind eigentlich nur ruhige Klaviersongs, zu denen Jarvis singt ...

Oh, meinst du den "Belle Boy"?

Genau! Du kennst ihn also.

Ich kenne ihn und ich bin genau deiner Meinung. Der klingt wirklich sehr ähnlich. Und ich finde den Song sehr gut (lacht). Es ist witzig, dass du das erwähnst. Wir haben mit BMG Publishing denselben Verlag und so wurde mir die Platte mitgegeben, ich hörte sie mir zuhause an und dachte dasselbe.

Zum Schluss noch drei Fragen unserer Leser, die uns auf Facebook gestellt wurden: Ein Leser liebt euer Disco-Album "No. 1 In Heaven" von 1979, das Giorgio Moroder produziert hat und bittet um die beste Anekdote mit ihm.

Oh, das war eine schöne Zeit mit Giorgio. Beide Parteien gingen ins Studio ohne zu wissen, was dabei heraus kommen könnte. Rückblickend wird darüber ja als so etwas wie die Bibel für die spätere Synth- und Dance-Bewegung gesprochen. Wir waren damals die erste Band, mit der er gearbeitet hat, davor waren es in erster Linie Sängerinnen. Wir fanden es damals alle drei spannend, gemeinsam eine neue Richtung zu erkunden. Es war aufregend.

Mochtest du auch Moroders Arbeit mit Daft Punk vor ein paar Jahren?

Ja, wobei, ich spreche jetzt nicht über diesen Song, in dem er seine Biografie wiedergibt. Der war etwas, nun ja, arg lang (lacht).

Ok, zweite Frage: Oft wird behauptet, die Pet Shop Boys hätten ihre komplette Karriere auf der Vorarbeit der Sparks begründet. Siehst du diese Parallelen zu den Briten?

Nicht so sehr. Sie haben ihre eigene Nische kreiert und sind rhythmusorientierter und generell sehr auf Clubs fixiert. Das sind wir nicht. Vielleicht teilen wir eine gewisse Popmelodie-Ästhetik. Neil Tennant ist natürlich ein smarter Kerl und ich denke, auch Ron und ich gehen unsere Projekte relativ intelligent an. Aber im direkten Vergleich sehe ich uns doch eher als Band, die eben auch zufällig aus zwei Typen besteht.

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1 Kommentar

  • Vor einem Monat

    Danke, laut.de, daß Ihr den Sparks etwas Aufmerksamkeit verschafft! Diese beiden Genies sind vielen zu seltsam. Natürlich sind sie seltsam, und deshalb absolut unverwechselbar. In einem Meer von relativ gleich leicht einzuschätzenden und austauschbaren Bands stechen die Sparks absolut heraus.