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Was bringt mir die beste Musik, wenn ich nicht dran komme? Geschlagene drei Minuten mühe ich mich an dieser bescheuerten Box ab, die dem Re-Release von "Siamese Dream" als Verpackung dient. Derweil grinst mich die augenzerfetzende Neubearbeitung des Coverartworks hämisch an. Aber irgendwie erscheint diese Geduldsprobe doch passend, erinnert sie doch stark an die Entstehungsgeschichte von "Siamese Dream".
Eine Geschichte, in deren Verlauf die Band irgendwo zwischen Drogenproblemen, Selbstmordgedanken, verschollenem Schlagzeuger und der giftigen Trennung von Bassistin D'Arcy Wretzky und Gitarrist James Iha nur knapp an ihrem Untergang vorbeischrammte. Nicht zum letzten Mal. Butch Vig, Produzent des Albums, erinnert sich: "D'Arcy versteckte sich im Badezimmer, James sagte gar nichts mehr und Billy schloss sich im Kontrollraum ein."
In diesem Umfeld entpuppte sich das niedlich dreinschauende Glücksschweinchen Billy Corgan endgültig als das Monster, dessen Karikatur er heute ist. Das gilt nicht nur für seine nasale, säuregetränkte Stimme und seine bitteren Texte. Auch sein Ruf für die ganz besondere zwischenmenschliche Interaktion findet zu dieser Zeit seinen Ursprung. In einsamen Stunden überspielte er von den Bandmitgliedern eingespielte Parts und nahm sie selbst auf.
Wie einst Paul McCartney und Brian Wilson fühlte sich Corgan von Kurt Cobains Erfolg mit Nevermind beflügelt und wollte nichts unversucht lassen, mit dem zweiten Album der Pumpkins Nirvana zu übertreffen. Eine gute Platte sollte nicht genügen, es sollte die beste Platte der besten Band werden. Und im Gegensatz zu Bands wie den Ärzten war dieser Anspruch bei den Smashing Pumpkins eine Kampfansage und ernst gemeint.
Mit den Schmerzen einer nicht enden wollenden Geburt, aber am Ende doch wie geplant schossen sie sich selbst mit "Today" und "Disarm" in die Rockstratosphäre und verloren sich darin. Viel weiter entfernt vom damals gängigen Grunge, zu dem man die Band der Einfachheit halber zählte, viel näher am progressivem Rock und Pop haben Billy Corgan und seine Quetschkürbisse ein deftiges Stück Musikgeschichte hingelegt. Bob Ludwig kümmerte sich penibel genau um den remasterten Sound der Neuerscheinung. Die Glasur der Gitarren wirkt noch undurchdringlicher, das schon im Original prägende Schlagzeug von Chamberlin erhält einen zusätzlich Tritt in den Allerwertesten und D'Arcy Wretzkys Bass wummert bezaubernd deutlich.
"Today Is The Greatest Day I Have Ever Known / Can't Wait For Tomorrow / I Might Not Have That Long". "Today", ein fröhliches Liedchen über Selbstmord, zu dem jedes Kind mitsingen kann, wird zum Lebensretter Corgans und ersten wirklichen Hit. Noch am gleichen Tag entstand der zweite Eckpfeiler von "Siamese Dream", die im ersten Moment so süßkitisch glöckchenklingelnde Ballade "Disarm" mit dem bitterem Nachgeschmack von Saccharin. Die BBC verstieß sie wegen der Worte "Cut That Little Child", auf Grund der Zeile "The Killer In Me Is The Killer In You" geht sie bis heute nicht aus den Köpfen ehemaliger Teenager.
"Der erste Track des Albums ist 'Cherub Rock' und steht im Grunde für mein großes 'F.U. to the indie world'. Im Text verfluche ich die selbstgefällige, hippe New Yorker Indie-Mentalität dieser Tage", reflektiert Corgan. Der Mittelfinger, der aus den Worten "Hipsters Unite / Come Align For The Big Fight To Rock For You / But Beware / All Those Angels With Their Wings Glued On / 'Cause Deep Down / We Are Frightened And We're Scared / If You Don't Stare" herausragt, braucht auch heute nicht lange, um seinen Adressat zu finden.
"Spaceboy" schrieb Corgan über seinen jüngeren Bruder, der an einer seltenen genetischen Chromosomenstörung leidet. Ärzte schlugen bei dessen Geburt vor, ihn in ein Heim zu stecken, da er nur eine Last darstellen würde. Für Corgan ist er ein Astronaut, eine wandernde Seele.
Wie ein Sturm wirbelt "Silverfuck" extatisch und intensiv, führt uns in sein Auge und zurück und zeigt die Pumpkins auf der Höhe ihres Schaffens. Die Gitarren knarzen in die sie umgebende Windwand. Mit einem "Bang, Bang, You're Dead / Hole In Your Head" geht es zurück in den Hagel aus Schlagzeug, vierzig Gitarren und Bass um uns am Ende wie ein durchgekautes Fleischbällchen zurück zu lassen. An diesem Song müssen sich die Pumpkins bis heute messen lassen und können nur scheitern.
Auf der Bonusdisc der Neuveröffentlichung finden sich größtenteils unveröffentlichte Lieder und Remixe. Bestehen solche Sammlungen zumeist aus Ramsch, den selbst Fans höchstens einmal über sich ergehen lassen können, finden sich hier ein paar wirkliche Perlen. Man kann die Sammlung sogar an einem Stück zu hören – mehrmals. Für so einen Backkatalog würde Courtney Love ihre Tochter Frances Bean verkaufen.
Dabei ist das Cover vom guten alten "Never Let Me Down Again" von Depeche Mode, das bereits auf der Single "Rocket" und dem Sampler "For The Masses" enthalten war, das Highlight. Betörend und reduziert zeigt es dem Original die lange Nase, und die Lyrics scheinen wie geschaffen für die Smashing Pumpkins jener Tage: "Never Want To Come Down / Never Want To Put My Feet Back Down On The Ground."
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Smashing Pumpkins - Siamese Dream (Deluxe Edition) | Infos (Lieferzeit/Service) | €22,99 | €0,00 | €22,99 |
Was soll denn aus ihnen geworden sein? "Zeitgeist" war wirklich schwach, aber sonst haben sie sich doch nicht ernsthaft was zu schulden kommen lassen. Das aktuelle Material gefällt auf jeden Fall sehr, wenn man kein Problem mit der Veröffentlichungspolitik hat.
Zur Platte: Klasse, immer wieder klasse!
Ja der Billy hatte mal ne ganz große Nummer am Laufen...
Ja, dem Billy fehlen vielleicht die hochkarätigen Persönlichkeiten, an denen er sich reiben kann und die ihn zu neuen Spitzenleistungen antreiben. Ist vielleicht ein wenig wie mit den Beatles. Waren die nicht mehr zusammen, haben alle beteiligten Mitglieder vollkommen den Faden verloren.
Trotzdem sind die Pumpkins live doch noch immer top. Vor allem der neue Knirps von Drummer ist ein echtes Wunderkind.
digger, das ist ja unheimlich, wie scheißgut deine essays sind. der geborene storyteller. 
zum ersten mal überhaupt, beginne ich mich für die band zu interessieren. nur ist das eben nicht corgans verdienst 
@koenig-hedon: Uuuuuuh, find ich persönlich ganz eklig. McCartney hat sich auch als wirklicher Widerling entpuppt. Daß er das berühmte Siegel "Lennon/McCartney" zu "McCartney/Lennon" geändert hat, werde ich ihm auch nicht mehr verzeihen können. Aber naja, Geschmackssache.
Bei den Pumpkins und Corgans Ego schätze ich aber schon, daß er da in der Auseinandersetzung mit tollen Musikern mit starker Individualität einfach mehr zustande bringt. Alleine merkt er sicherlich nicht so schnell, ob ein Song vielleicht doch nicht ganz die Klasse hat.
Er hat es in den 70ern mal versucht durchzusetzen, dazu auf einer Liveplatte 2002 in der Form angegeben. Sieht das aber zumindest öffentlich mittlerweile recht entspannt. Auch heute nennt sich das ganze noch "Lennon/McCartney".@Bodenseenebel: Hast recht, hat sich als unwahr herausgestellt. In meinen Augen war McCartney trotzdem von allen Ex-Beatles der erbärmlichste. Konnte die Anerkennung für die Wings nie verstehen. Die peinlichen Ansätze, die Paul schon bei den Beatles hatte, konnte er nach der Auflösung erst so richtig ausleben. Jetzt hatte er niemanden mehr, der ihm einen schlechten Song ausreden oder verbessern konnte. So wurde aus dem netten und harmlosen Schwiegermutterliebling der König der peinlichen Milchbubis.
Okay, vielleicht etwas unfair, immerhin hatte er doch zwischendurch immer gute Songs auf Lager. Das Prinzip der schwachen Solomusiker, die aus erfolgreichen Bands stammen, verdeutlicht er allerdings vorbildlich.
Großartiges Review einer großartigen Scheibe. Selbst die manchmal sehr seltsam anmutenden Vocal-Mixes des Re-Releases können 'Siamese Dream' einfach nichts anhaben.
Allein beim Re-Release von 'Gish' (apropos: wann kommt dazu die Rezension?) stößt mir der neue Mix von "Starla" sehr sauer auf, ansonsten bin ich von dieser Geldscheffel-Aktion Corgans bisher sehr positiv überrascht.


Respekt an Sven - das ist wirklich mal ein Artikel, über den man nicht meckern kann. (Selten, so was, auf laut.de... :-) )
Die "Zeitgeist" fand ich gut. Als Live-"Band" brauch ich die Pumpkins im Augenblick nicht mehr, da ich Corgan + gesichtslose Begleitmusiker nicht so spannend finde - als Studio-Projekt hingegen erwarte ich immer noch einiges von dem Herrn (und seinem Ego).
Das Artwork der Deluxe Editions ist allerdings etwas gewöhnungsbedürftig mit den Augenkrebsfarben.
Sehr gut geschrieben, Mr Sven! Props vom lauten. Hammer-Platte, ist eh klar.
jaja, siamese und mellon Collie waren fantastische platten. wait a minute, cds waren das damals schon :P
Hab mir gerade wieder "Silverfuck" angehört und muss sagen: Die Beschreibung des Songs in der Review ist perfekt! Besser kann man den Song nicht in Worte fassen. Grandiose Platte + Review!
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