25. Mai 2004

"Fuck, ich will mein eigenes Zimmer!"

Interview geführt von

Meine Güte, komme ich mir exklusiv vor. Als einer der wenigen Auserwählten habe ich die Ehre, unter Hochsicherheitsbedingungen sechs Songs der neuen Slipknot-CD vorab im Rough Mix anzuhören und Percussionist Chris Fehn mal so richtig auf den Zahn zu fühlen. Im Rahmen eines so genannten Roundtables stellt sich die Nummer drei der Gummifratzen meinen Fragen und denen zweier weiterer Kollegen vom Vampster und (zumindest dem Aussehen und dem Englischkenntnissen nach) der örtlichen Schülerzeitung.

Was geht denn in dir vor, wenn du diese sechs Songs hörst?

Ein ziemlicher Gefühlssturm. Es ist einfach toll, wieder zurück zu sein und mit Slipknot ein neues Album am Start zu haben. Wir haben diese Pause definitiv gebraucht, aber jetzt fühlen wir uns stärker denn je. Die anderen mussten ihren Ideen mit ihren Side-Projects Ausdruck verleihen, um den Kopf wieder für Slipknot frei zu bekommen. Es war einfach mal Zeit für eine Pause voneinander. Die "Iowa"-Scheibe, die Touren danach, es ist eh nicht einfach, in dieser Band zu sein. Schließlich sind wir nicht nur vier oder fünf, die zusammen auf einem Haufen sitzen, sondern neun! Die Shows verlangen dir auch eine Menge ab, und wenn du das drei Jahre am Stück durchziehst, brauchst du irgendwann ein Break. Wenn ich mir jetzt diese Songs anhöre, denke ich an all die Scheiße, die wir durchlebt haben. Du verlierst in diesem Business schnell deine Unschuld und deinen Glauben an Gerechtigkeit. Wir mussten viel auf die harte Tour lernen, denn wir hatten eigentlich nur vom Musik machen eine Ahnung. Das wird von vielen Leuten gern ausgenutzt, und auf einmal fragst du dich, was der Scheiß eigentlich soll. Inzwischen wissen wir aber, wie der Hase läuft und können uns wehren.

Ihr habt bei den Aufnahmen ja alle im Haus von Produzent Rick Rubin (u.a. Slayer und Johnny Cash) zusammen gewohnt. War das dann ein Gefühl wie zu euren Anfangszeiten, quasi back to the basics?

Absolut, und ich glaube, das war auch der einzige Weg, wie es funktionieren konnte. Für "Iowa" hatten wir alle separate Appartements und haben einfach mal so viel Kohle wie möglich verblasen. Das war für mich ein sehr komisches Gefühl, denn ich bin vielleicht einmal die Woche ins Studio gegangen, um etwas aufzunehmen. Dabei hattest du nicht allzu viel Kontakt zu den anderen. Dieses Mal war es so, dass ich aufwachte und Mick in seiner Unterwäsche sah, und ich dachte nur: Fuck, ich will mein eigenes Zimmer, hahaha. Es war einfach ein ganz anderes Feeling, weil wir endlich wieder alle zusammen waren und zusammen Musik gemacht haben. Jedes Mal, wenn einer gerade was aufgenommen hat, hat man das im Haus gehört, und dann bist du natürlich gleich mal hin und hast dir angehört, was abgeht. Dadurch sind alle viel näher beisammen gewesen und man konnte gleich mal Ideen austauschen.

Habt ihr also erst dort angefangen, an den Songs zu schreiben?

Nein, Joey und Paul haben schon Januar 2003 mit dem Songwriting begonnen. Die haben dann insgesamt zwischen acht und zehn Songs gehabt, die sie uns allen in die Hand gedrückt haben. Wir sind nicht unvorbereitet ins Studio gegangen, aber letztendlich hat sich natürlich jeder ins Songwriting miteingebracht, was einige Songs doch sehr verändert hat. Es sind aber auch einige Tracks erst im Studio entstanden. Rick hat z.B. an sehr vielen Songs mitgeschrieben.

Wieso habt ihr eigentlich nicht mehr mit Ross Robinson aufgenommen, sondern seid zu Rick Rubin gegangen?

Wir hatten ganz einfach die Möglichkeit dazu und wollten uns das nicht entgehen lassen. Es ist wirklich eine Ehre und ein großes Glück mit beiden Produzenten zu arbeiten, weil beide so was wie Genies sind. Wir wollten aber auch mal was neues ausprobieren, dabei ist es aber nicht ausgeschlossen, dass wir für unser nächstes Album wieder auf Ross zurück greifen. Ohne den Kerl säße ich jetzt nicht hier und würde Interviews geben. Er hat immer an uns geglaubt und ist einer der Hauptverantwortlichen für unseren Erfolg. Dass wir mit einem anderen gearbeitet haben, schmälert seine Arbeit in keiner Weise, es war einfach die Möglichkeit, etwas anderes zu probieren, und wenn du das mit Rick Rubin machen, kannst, hey, wer würde da ablehnen?

Ich frage hauptsächlich deswegen, weil die sechs Songs, die wir gerade gehört haben, doch alle sehr unterschiedlich waren. War es vielleicht notwendig, zu Rick zu wechseln, um solch ein abwechslungsreiches Album zu machen?

In gewissem Sinne schon. Es ist bestimmt nicht von Nachteil, wenn du mit einem Kerl arbeiten kannst, der auf der einen Seite Alben von Slayer, auf der anderen Seite aber auch schon von Johnny Cash produziert hat. Es ist keine Frage, dass der Kerl ein großartiger Produzent ist, wenn er so unterschiedliche Sachen jeweils perfekt verpacken kann. Rick macht uns auch klar, dass man nicht unbedingt laut und brutal sein muss, um extreme Gefühle hervorzurufen. Totenstille kann verdammt intensiv sein, man muss sie nur richtig einsetzen. Er hat uns nicht gezwungen, uns in diese Richtung zu öffnen, er hat uns einfach den Weg gezeigt. Er hat mal vorgeschlagen, an einer bestimmten Stellen einfach eine Triangel zu benutzen, und wir dachten nur: "Scheiße, Mann, wir sind Slipknot. Was soll der Scheiß mit ner Triangel? Ich will da mit dem größten und lautesten Teil draufhauen, das ich habe." Aber es klang einfach cool. Verstehst du, wir könnten eine Scheibe wie "Iowa" beinahe jede Woche raushauen, wir haben noch so viele Songs in der Schublade, die einfach schnell und brutal sind. Wir wollten aber das Ganze in eine etwas andere Richtung bringen. Im Radio werden wir mit den Songs sicher nicht laufen, aber das war auch nie geplant. Wir sind aber nicht nur bessere Musiker geworden, sondern haben auch unser Songwriting entwickelt, und dann willst du einfach was neues ausprobieren. Wir haben die Songs einfach wesentlich intensiver gestaltet, als auf den Vorgängern.

Ich habe auch den Eindruck, dass bei den sechs Songs das Lied viel mehr im Vordergrund steht, als auf Iowa. Man wird nicht mehr von einem Soundwall überrannt, sondern hat einen gut strukturierten und ausgearbeiteten Song.

Exakt, das macht für mich auch den Unterschied aus. Wir können endlich mal zeigen, dass die Jungs in der Band wirklich gut sind an ihren Instrumenten. Auch die Percussion-Sachen lassen sich wesentlich einfacher heraus hören, was natürlich mich sehr glücklich macht. Die einzelnen Instrumente haben einfach mehr Raum und sind differenzierter zu hören. Shawn (dr) und ich haben sehr viel Zeit darauf verwendet, dass man die Unterschiede zwischen seinen und meinen Sachen auch deutlicher hört.

Ein Percussionist in einer Metal-Band ist ja immer noch sehr unüblich. Ist es schwierig für dich, dir Gehör zu verschaffen? Wann kommst du denn ins Songwriting rein? Erst am Schluss, oder wie läuft das?

Ganz und gar nicht, viele der Songs fangen mit den Percussion-Sachen an.

Wie viele Songs habt ihr denn insgesamt aufgenommen?

So um die 20, dann dürfte ganz schön schwierig werden, zu entscheiden, welche letztendlich auf das Album kommen, denn ich finde die alle ziemlich geil. Aber da sind ja auch noch Filme und Videospiele, die auch alle noch Soundtracks brauchen. Das heißt, was es nicht auf das Album schafft, wird dann wohl in irgendeiner anderen Form veröffentlicht werden. Du kannst dem Label ja nicht alles in die Hand drücken, hahaha. Die verkaufen dir ansonsten noch deinen Arsch. Außerdem wollen wir ja noch ein paar Specials für die Fans bereit halten, so wie ein paar unveröffentlichte Sachen, die nur Fanclub-Mitglieder auf der Website runterladen können.

Wie wird das Album denn heißen?

Keine Ahnung. Corey hat sich im Internet mal umgeschaut, um ein paar Infos über die Zahl neun heraus zufinden. Das wurde dann eine ewig lange Liste. Wir schicken immer noch E-Mails hin und her und diskutieren über den Titel. Wenn euch was einfällt, gebt mir Bescheid, hahaha. Es gibt noch einiges, das erst noch entschieden werden muss, wie die Reihenfolge der Songs, welche Songs, was ist der Opener usw.

Der Titel "Pulse Of The Maggots" ist wohl als Hommage an eure Fans zu betrachten.

Auf jeden Fall. Ohne unsere Fans gäbe es die Band nicht, das verlieren wir nie aus den Augen. Es gibt nur wenige Bands, deren Anhänger so loyal und so fanatisch sind wie unsere, und das ist doch geil. Bei mir ist das genauso in Bezug auf Slayer. Ich bin auch stundenlang vor den Hallen rumgehangen, in denen sie aufgetreten sind, nur um einen Blick auf die Band werfen zu können und vielleicht mit ihnen zu reden.

Ihr habt ja stellenweise neue Masken kreiert.

Stimmt, meine ist immer noch die selbe, aber wir haben ein paar sehr abgefahrene neue Masken. Meine sieht zwar immer noch gleich aus, passt jetzt aber wesentlich besser. Das war früher ganz schön scheiße, wenn das Teil immer verrutscht ist.

Seht ihr das Album als eine Art Wiedergeburt an?

So in der Art. Es ist vergleichbar mit einer Beziehung zu einer Frau. Manchmal geht sie dir auf den Sack, und du willst nur noch deine Ruhe haben und für dich alleine sein, aber sobald du weg bist, merkst du, dass sie dir doch fehlt. Genauso ist es mit der Band. Alles ist wieder aufregend, und wir wollen endlich wieder auf die Bühne und zwar vor allem in kleinen Clubs. Der Kontakt zu den Fans ist einfach geil und wichtig, und in einem Club sind Slipknot einfach Killer! Wir werden zwar zunächst mit Metallica auf größeren Events spielen, aber das musst du einfach, und wirklich schlecht ist das ja auch nicht, hahaha. Ich freu mich aber besonders auf die Clubshows. Unsere Headlinertour durch die Staaten wird definitiv kleiner ausfallen.

Ihr geht da mit Chimaira und Fear Factory auf Tour. Warum kommt ihr mit dem Package nicht auch nach Europa?

Wenn es nach uns geht, kein Problem. Vielleicht machen wir das im Winter sogar. Das mit Metallica ist eh eine zweischneidige Sache, da deren Fans doch meist aus einer etwas anderen Richtung und auch Alterklasse kommen als unsere. Kann sein, dass wir ein paar neue Fans dazu gewinnen, kann aber auch sein, dass alle nur Metallica sehen wollen. Wir werden sehen.

Ganz nebenbei, was hältst du denn von "St. Anger"?

Öh, nur so viel, ich bin froh, dass Metallica ne neue Scheibe rausgebracht haben.

Was hast du eigentlich in der Zeit gemacht, als die anderen mit ihren Nebenprojekten beschäftigt waren?

Ich hab mir eine kleine Garagenband zusammen gestellt. Kennt ihr noch die Band Down The Sun? Die waren auch mal bei Roadrunner und hatten zwei Sänger, einer mit nem Tattoo quer übers Gesicht. Der andere Kerl, Aaron, hat mit mir zusammen die Band gegründet. Wir machen so was ähnliches wie Kyuss, also Wüstensound. Es geht uns dabei nicht darum, einen Deal zu bekommen, wir wollen einfach ständig irgendwie Musik machen. Im Grunde genommen hat keiner von uns eine Pause von der Musik gebraucht, sondern einfach von einander, von Slipknot. Ohne Musik funktioniert bei mir einfach gar nichts.

Was ist denn deine Lieblingsband im Moment?

Superjoint Ritual.

Nö, wirklich? Ich fand das erste ganz gut, aber ihr zweites Album ist doch voll fürn Arsch.

Ich find das echt geil. Ich steh einfach auf so Old-School-Sachen wie Slayer, Venom oder Bathory. Deswegen mach ich auch nie das Radio an, da werd ich total bekloppt. MTV America schau ich mir auch nur an, wenn sie Behind The Music bringen. Da interessiert mich dann sogar Faith Hill, hahaha.

Du hast ja vorhin schon mal erwähnt, dass ihr mit dem Business um euch herum nicht wirklich zufrieden ward. Habt ihr in der Beziehung was geändert?

Ja klar, wir haben einen kompletten Hausputz hinter uns. Wir haben ein neues Management und nur noch Leute aus unserem Umfeld, denen wir auch vertrauen und die den ganzen Stress von uns fern halten. Ich will Musik machen und mich nicht noch zusätzlich um den Business-Bullshit kümmern. Dafür haben wir unsere Manager, und nicht um uns zu erzählen, was wir für Musik machen sollen.

Vielen Dank für das Interview!

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