laut.de-Kritik

Deutsch-Punkland ist abgebrannt. 1993, 2012, scheißegal.

Review von

"Alle schauen sich hilflos um und wissen nicht warum / und in welchen Löchern die Ratten lagen, die hier marschieren und losschlagen / doch sie lagen nicht in Löchern rum, oft sahn wir sie auf der Straße gehn / und sie grüßten dich mit gestrecktem Arm / du hast einfach weggesehn" ("Schweineherbst").

Es hätte jede sein können. Jede Zeile, jede Strophe, jeder Refrain, einfach alle Innereien des sechsten Slime-Albums sind zeitlos wie Di Lorenzos Zeitungsboten nach dem Austragen. Und leider prophetisch, bereits im Opener. War es 1993 noch der Neonazi-Anschlag in Solingen, der die Blindheit aller rechten Augen am tödlichsten demonstrierte und Slimes neuen, gnadenlosen Metalcore einläutete, schockt 2012 der unglaubliche Fall der NSU.

"Heut sah ich Eichmann auf der Straße gehn / ich folgte ihm, er hat mich nicht gesehen / ich hielt eine Streife an zu erstatten den Bericht / doch sie lachten mir nur ins Gesicht."

Brutal: Raider heißt jetzt Twix, geändert hat sich nix, die Daily Terror-Interpretation des Marketingclaims steht noch immer wie ein Wasserwerfer am 1. Mai in Kreuzberg. Liest man sich jedoch diese Zeile aus einem anderen Blickwinkel durch, fällt hier bereits die Veränderung der Hamburger Punklegenden auf. In den 80ern füllten provokante Parolen wie "Bullenschweine", "ACAB" oder "Polizei SA-SS" die pubertären Einfamilienhäuser in der Provinz, 1993 schwärzen Slime Nazis bei den Bullen an, statt den eigenen Ansagen zu folgen:

"... Scheißegal, ob jemand schwarz ist oder weiß / Scheißegal, ob jemand Türke ist oder Deutscher - Scheißegal / Versteht ihr mich ihr Wichser? / Und alle haben Bock drauf, dass wir hier spielen / Und ihr kleiner Scheißhaufen wird das Konzert nicht in Arsch machen, sonst gibt es auf die Fresse / so satt und lang, wie ihr noch nie auf Fresse bekommen habt ..." (A.C.A.B – Slime live 1984).

Provokant geschrieben. Doch unabhängig von empörten Skandal-Rufen der Szene, in emotionaler Lautstärke und Einfachheit eines Janusz Góra nicht unähnlich, entwickeln sich Slime, getrieben von But Alive, Dackelblut und der eigenen Reife, weiter, weiter, immer weiter wie Olli Kahn. Parolen und Negativität taugen halt nicht als langfristige Lebensphilosophie. Wer mit Vierzig noch im "Deutschland Muss Sterben"-Longsleeve an der Aldi-Kasse die Kassiererin beim Karlsquell-Kauf anflirtet, ist als Punk auf dem Weg zum Kölner Karneval oder zum Saufen in die City. Das Leben ist But Alive, ah sorry, das Leben ist grau wie But Alive 1994 in "Grau" sangen:

"Zwei Seiten und nichts ist schwarz-weiß / Niemals werde ich so sicher sein, dass ich immer alles besser weiß / Und ihr, ihr wisst alles ganz genau, und ich scheiß' auf eure Dogmen / Denn für mich ist alles grau ..."

Menschlichkeit, Zusammenhalt, Solidarität und wider des Schwarz-Weiß-Denkens sticken sich Slime auf die Fahnen – und geben damit zumindest dem fühlenden Teil der Generation X und der Generation Golf einen Sinn. Einen Sinn, der auch mit Vierzig, Kinderwagen und Krawatte bei Edeka an der Kasse spürbar sein kann.

"Für dich macht deine große Theorie einen Sinn / doch einfach menschlich zu sein / das kriegst du nicht hin / du weißt, was überall auf der Welt geschieht / doch singst seit Jahren immer nur dasselbe Lied" ("Stillstand").

Menschlich sein, menschlich handeln – in der Vorgartenhölle der Vororte brauchte es 1993 mehr als "Deutschland muss sterben, damit wir leben können" oder Die Linke 2012. Man kann nicht mit Polizisten nach dem Fußballtraining Flaschenpils trinken und danach dosenbiergeschwängert auf dem Dorfplatz "Bullenschweine" brüllen. Zumindest nicht mit Anstand und Selbstachtung.

Und so wählte nur ein Bruchteil den zu respektierenden Weg in besetzte Häuser. Die meisten kämpfen im Kleinen oder hoffen bis heute (erst recht dank Internet-Transparenz) auf ein "Zusammen" aller Menschen und Klassen:

"Das ist das Land / Das wird nach uns benannt / Alter Geruch, schreit nach Zusammenbruch / Manchmal wünschte ich, du würdest / Herunterkommen zu mir".

Oder sie versuchen, jeden Tag "aufrecht zu gehen":

"Das ist das alte, brutale Spiel der Sieger und Verlierer / Nichts zu regulieren, es wiederholt sich immer wieder / Fahnen werden gehisst / heute für Freiheit und morgen Faschist / Noch nie gab es eine zu sehen / unter der Menschen aufrecht gehen."

Die Hymne wurde dann folgerichtig auch von Markus (But Alive, Kettcar) geschrieben. Ja, Kiddies, Indie-Weicheier und CDU-Wähler: Kettcar. Der Indie-Rocker prägte in den 90ern jenen deutschen Metalpunk, an dem sich Slime bereits auf dem "Schweineherbst"-Vorgänger "Viva La Muerte" noch etwas steif und gewollt versuchten.

1993 dagegen jubilieren die Gitarrensoli, wahlweise im Stile von Slayer oder Social Distortion, hämmern sich die Moshriffs ins Hirn und landen die ballernden Drums auf den Punkt wie beim Elfer. So konzentriert wie der schwarze Block bei einer Bullenattacke. Selbst Metal-Heads schütteln hier musikalisch den Schopf, ganze Bands gründeten sich nur dank der Slime'schen Metamorphose.

Deutsch-Punkland war abgebrannt. Wer nach "Schweineherbst" noch Dritte Wahl hören kann, ist noch nicht mal mehr ein linker Spießer. Ach ja, beinahe wäre die Finanzkrise hinten runtergefallen wie Bogenlampe, doch das Orakel von Hamburg lügt nie: "Es ist folgerichtig, es wird so sein / Goldene Türme wachsen nicht endlos / Sie stürzen ein". 1993, 2012, scheißegal. Eigentlich braucht es kein neues Slime-Album. Jeder Herbst ein Schweineherbst. 1993 war bereits alles gesagt.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Schweineherbst
  2. 2. Stillstand
  3. 3. Zweifel
  4. 4. Feuer
  5. 5. Hoffnung
  6. 6. Zusammen
  7. 7. Gewalt
  8. 8. Der Tod ist ein Meister aus Deuschland
  9. 9. Ich war dabei
  10. 10. Brüllen, zertrümmern und weg
  11. 11. Die Leere
  12. 12. Joe ist zurück
  13. 13. Aufrecht gehen
  14. 14. Genug
  15. 15. Goldene Türme

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