laut.de-Kritik

Die Punk-Institution, textlich und musikalisch auf dem Punkt.

Review von

Das nennt man wohl perfektes Timing: Fünf Tage nach der Bundestagswahl und damit nicht einmal eine Woche nach dem Eintritt der AfD ins Parlament, erscheint passgenau das neue Album der Hamburger Punk-Institution Slime. Nicht nur wegen der Aktualität, sondern natürlich auch aufgrund von Slimes Ruf als klassischster Politpunk-Band, die wie kaum eine andere politisches Bewusstsein mit Straßenkampf-Slogans verband, brennt die Frage auf den Nägeln: Wie aktuell, relevant, aussagekräftig können Slime anno 2017 noch sein?

Vor fünf Jahren hatten Dicken, Elf und Co. die Abwesenheit ihres einstigen Texters und Drummers Stephan Mahler mit einem Kniff kompensiert und Texte des verstorbenen Lyrikers Erich Mühsam vertont. Für "Hier Und Jetzt" vertraut man nun auf die Kraft des Kollektivs. Max Leßmann (Vierkanttretlager) hat ebenso für Lyrics gesorgt wie die an verschiedenen Songs beteiligten Gastmusiker Enrico (Los Fastidios), Swiss und Pablo Charlemoine von Irie Révoltés und Paul Sheridan (The Wakes), dazu natürlich die Dame und die Herren von Slime selbst.

Der Themenkanon bleibt Slime-gemäß: Spießbürger und Engstirnigkeit, Faschismus und Krieg, Nationalismus, Politiker, Einzelschicksale. "Früher war alles besser"-Zyniker mögen das als Themen-Bingo abtun, der Rest der Slime-Hörer feiert ein Wiedersehensfest, dessen kontextueller Bezug zwar saugt, Energie und Wille der Band nötigen jedoch ausnahmslos Respekt ab. Nicht zuletzt, weil die Songs stimmen.

"Hier Und Jetzt" ist ein raubeiniger Selbstreferenz-Kracher zwischen Wipers und Leatherface, "Brandstifter" ein hochoktaniger Brocken, der sich auch gut auf "Yankees Raus" gemacht hätte. Während sich "Ernie Und Bert In Guantanamo" auf Midtempo-Fundament mit einem der vielen leidigen Themen beschäftigt, die Trump und Obama verbinden, schimmert "Bekenntnis Zu Einem Paradoxon" als vertrackter HC-Track auf der Tangente Black Flag/No Means No.

Wem das auf Dauer zu schwerblütig wird, dem sei das "Artificial"-Update "Ich Kann Die Elbe Nicht Mehr Sehen" empfohlen: kratziger Reggae, eingängig, beinah leichtfüßig, zu dem es sich nach einem Heimsieg des FC St. Pauli sicherlich gut feiern lässt. "Mir wär' es lieber / Unsere Lieder wär'n nicht mehr aktuell / Und niemand würde sie noch singen", shoutet Dicken im Opener, und das ist ebenso tongue-in-cheek wie vergeblich gehofft. Slime-Songs werden 2017 und ganz sicher auch darüber hinaus weitergesungen.

Trackliste

  1. 1. Unsere Lieder
  2. 2. Brandstifter
  3. 3. Sie Wollen Wieder Schießen (Dürfen)
  4. 4. Patrioten
  5. 5. Banalität Des Bösen
  6. 6. Hier Und jetzt
  7. 7. Die Stummen
  8. 8. Ernie Und Bert In Guantanamo
  9. 9. Let's Get United
  10. 10. Die Geschichte Des Andreas T.
  11. 11. Spinner
  12. 12. Der Siebte Kontinent
  13. 13. Ich Kann Die Elbe Nicht Mehr Sehen
  14. 14. Bekenntnis Zu Einem Paradoxon
  15. 15. Schöne Neue Welt
  16. 16. Für Alle Zeit

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8 Kommentare mit 5 Antworten

  • Vor 2 Monaten

    Dieser Kommentar wurde vor 2 Monaten durch den Autor entfernt.

  • Vor 2 Monaten

    Kommt nicht an Schweineherbst oder Viva la murrte dran. Ist aber im großen und ganzen ein brauchbares Spätwerk mit wenigen Totalausfällen (Ire Revoltes).

  • Vor 2 Monaten

    kann ich leider recht wenig mit anfangen.
    lyrics fallen teilweise doch bissi arg plakativ bzw. monoton aus, da erwartet man eigentlich von nem haufen 50 jähriger, die für mich immer die speerspitze in sachen deutschpunk darstellten, etwas substanzielleres.
    hätte man sich vll. doch noch mal mit dem herrn mahler zusammensetzen sollen.

    musikalisch sieht es noch etwas trostloser aus, von der vernichtenden hc-power eines "alle gegen alle" oder den metaleinflüssen auf "viva la muerte" ist nichts mehr übrig geblieben, stattdessen herrscht konsenspunk à la hosen, schön lalalala für die mediamarkt charts.

    auf der "alle gegen alle" hatte man noch tüchtig gegen "linke spießer" eingeschenkt, "hier und jetzt" klingt aber leider so zahnlos, als wäre man davon mittlerweile selbst nicht mehr weit entfernt.
    aber vll. ist das ja heutzutage ein kriterium für relevanz.

    • Vor 2 Monaten

      Mahler anzuhauen für die Texte hatten sie nur kurz überlegt. der hat schon früh klipp und klar gemacht, dass er keine Reunions will, auch nicht fürs songwriting.