27. Februar 2015

"Taktik. Alles Taktik."

Interview geführt von

Vor etwa vier Jahren wurden Sizarr in den Avantgarde-Himmel gelobt und haben es sich dort oben – verdient – recht gemütlich gemacht. The New German Wunderkinder made in Landau. Vielleicht auch aus den drum herum liegenden Dörfern, aber das ist laut Sizarr ja alles sowieso irgendwie dasselbe. Ob Sänger Fabian Altstötter, Gitarrist Philipp und Drummer Marc Übel da ganz im Geheimen schon ihren Masterplan ausheckten (und einfach behaupteten, es gehe ihnen eigentlich um gar nichts)?

Wie auch immer: Der Plan, vorhanden oder nicht, ging auf. Wunderkinder wurden Wundererwachsene (mit einem geistigen Alter von 42) und verließen das heimische Nest (Mannheim, Heidelberg, Leipzig, Hamburg, Berlin, puh...). Nach einem erfolgreichen Debüt sind Sizarr 2015 mit einem neuen Album namens „Nurture“ zurück. Außerdem haben sie jetzt eine Taktik (geheim!), einen Verein (Eintragung folgt!) und ziemlich coole Sizarr-Aufklebetattoos als Merch (die hoffentlich nicht jucken).

Vor zwei Jahren habt ihr 16 als euer geistiges Alter genannt. Seid ihr inzwischen volljährig?

Marc Übel: Ich hab letztens einen Buzzfeed-Test gemacht. Mein geistiges Alter ist 42.

Ist das jetzt positiv oder negativ?

Marc: Weiß nicht. Vielleicht hab ich meine jugendliche Leichtigkeit verloren.

Fabian Altstötter: So langsam fühl ich mich dann doch wie 23. Aber erst seit der Fertigstellung des Albums; währenddessen war ich noch ein bisschen jünger.

Wie lief der Entstehungsprozess von "Nurture" denn ab?

Fabian: Anfangs haben wir zusammen im Proberaum geschrieben, das hat allerdings nicht funktioniert. Wir wollten das mal ausprobieren, waren aber noch nie die Band, die so arbeitet. Wir hatten ein paar Fragmente, haben aber lieber noch mal umdisponiert, nachdem wir das Markus, unserem Produzenten, gezeigt hatten und er meinte: "Ähhh... Macht mal lieber noch was Neues." Daraufhin haben wir eben wieder separat Songs geschrieben – das hat eher zum Ziel geführt.

Ihr gehört auch einem Verein von Musikern aus Landau an, Ffriends fforever.

Philipp Hülsenbeck: Richtig! Endlich! Endlich wissen wir, wie wir das nennen sollen. Verein! Saugeil!

Fabian: Dieser Verein kommt zustande, da nicht nur wir, sondern auch viele unserer Freunde Musik machen. Alles Menschen, die dem Dunstkreis Landaus entsprungen sind. Also, eigentlich drumherum liegenden Dörfern, aber das ist ja alles irgendwie dasselbe.

Entsteht da etwa eine ganz neue Künstler-Szene in Landau?

Fabian: Ja klar! Warum sollten wir uns nicht gegenseitig helfen? Und einen Verein gründen.

Philipp: Das ist so nice, Alter. Danke! Ein Verein! Auf das Wort bin ich noch nicht gekommen.

Was sind die nächsten Schritte für euren Verein?

Philipp: Die Eintragung ins Vereinsregister, haha.

Fabian: Wir haben gerade ein Festival bei uns in Landau organisiert. Das wollen wir gerne wiederholen und vielleicht sogar in andere Städte expandieren, damit nicht nur unsere Heimatkollegen das Vergnügen haben. Vielleicht kann Ffriends Fforever irgendwann auch als Label fungieren. Mal sehen, das ist schon alles sehr verworren, auch da wir sowieso viel zusammen abhängen. Wir haben uns gegenseitig bei den Alben oder den Auftritten geholfen; sogar beim Coverdesign.

Euer Cover habt ihr selbst gestaltet. Hat das einen tieferen Sinn?

Fabian: Ich hab in den Tiefen des Internets ein medizinisches Lehrbild gefunden. Die Ästhetik fand ich gut. Und dann hab ich eben so was gemacht, aber natürlich auf Metaebene.

Stand zuerst der Titel oder das Cover?

Fabian: Zuerst das Cover. Der Titel war eigentlich auch erst mal nur Platzhalter.

Wie kommt man denn ausgerechnet auf "Nurture"?

Marc: Eingebung.

Fabian: Das war das erste, das mir in den Sinn kam. Ich dachte, wir machen uns da später Gedanken drüber. So kommt auch häufig unsere Musik zustande. Man hat was, das einem gefällt und dann macht man das und dann entspringt daraus der nächste Gedanke. Am Ende fügt sich alles zusammen. Das kann man spirituell sehen oder als reinen Zufall. Ich finde es einfach eine schöne Methode.

"Da hört die Strategie auf."

"Baggage Man" habt ihr im Voraus als Download bereit gestellt. Warum ausgerechnet den? Ist das euer Lieblingssong?

Fabian: Nee, das war eher so ne taktische Entscheidung.

Philipp: Hahaha. Ein strategischer Zug!

Ok. Wollt ihr mir was dazu verraten?

Philipp: Nein! Haha.

Fabian: Das war...

Der geheim Plan des Vereins?

Philipp: Ok, ernsthaft, es war wirklich ein logischer Zug im...

Marc: ...Spiel des Lebens...

Philipp: ...Prozess der Albumveröffentlichung. Es gibt da diverse Taktiken, wie man das alles angeht. Hahaha. Zu manchen Songs gibt's sogar ein Video.

Hast du im Video zu "Scooter Accident" wirklich zugeschlagen, Fabian?

Fabian: Nee, das ist alles gestaged. Schauspielerei, woho!

Apropos harter Draufgänger: Ihr bietet als Merch Sizarr-Aufklebetattoos an.

Philipp: Wir hatten eine Zeit lang auch Wein.

Fabian: Taktik. Alles Taktik.

Philipp: Haha. Als wir in der Schweiz waren, hatten wir so geile Miley Cyrus-Dinger aufgeklebt. Selena Gomez, Justin Bieber. Da dachten wir: Das brauchen wir auch!

Und wo sollen die Fans sich die hinkleben?

Fabian: Da sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt.

Philipp: Das ist der Punkt, wo die Strategie aufhört.

Marc: Am besten dort, wo es nicht juckt.

"Platz Eins ist für uns nichts Erstrebenswertes."

2012 habt ihr gesagt, ihr macht euch keine Gedanken, weil ihr eh kein Ziel habt. Immer noch keine Ambitionen?

Philipp: Nö. Man beginnt, spielt in einer Band und dann denkt man: Wow, irgendwann gehen wir auf Tour. Und dann geht man irgendwann tatsächlich auf Tour und es ist übelst crazy. Da kommen Leute und kennen sogar Songs. Das ist ne geile Erfahrung. Und irgendwann darf man dann auch im Ausland spielen. Es wäre natürlich dumm, sich nicht zu wünschen, noch mehr im Ausland rumzukommen.

Fabian: So was ganz ohne Ambitionen zu machen, ist natürlich Quatsch. Das klingt vielleicht dumm, aber wir nehmen halt einfach dankbar alles an, was kommt. Wir sind sehr zufrieden damit, wo wir jetzt stehen. Unsere Ambitionen sind jedenfalls nicht, in Deutschland die Charts zu knacken und auf Platz Eins zu gehen. Das ist für uns nichts Erstrebenswertes in dem Sinne, was da alles mitschwingt und was da vor uns so alles auf Platz Eins war. Das soll nicht negativ klingen, aber damit können wir uns eben nicht identifizieren. Ist halt eine Geschmacksfrage. Natürlich wäre es für uns schön, in anderen Ländern ein ähnliches Standing wie in Deutschland zu haben.

Philipp: Genau, aber es ist nicht so, dass ich denke: Neues Album, jetzt müssen wir es reißen. So denken wir nicht. Wir wollen einfach nur weiterhin Musik machen und davon leben können und uns als Musiker und Künstler – in welcher Form auch immer – weiter entwickeln.

Wollt ihr noch in andere Kunstformen rein?

Philipp: Wir arbeiten alle an unseren Solokarrieren, schrauben an diversen Ecken und Ende rum.

Fabian: Die Zahnräder greifen ineinander.

Der geheime Master-Plan! Dann wünsch ich euch mal viel Erfolg dabei.

Marc: Danke, ich dir auch.

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