22. November 2012

"Es ist ein Vorteil, dass alles für alle verfügbar ist"

Interview geführt von

Wer Sizarr noch nicht kennt, verfügt entweder über keine intakte Internetverbindung oder hat gekonnt einen Schutzwall um sich errichtet, an dem hochgelobte Newcomer abprallen.Zwischen Schule und Studium, zwischen Adoleszenz und Erwachsensein legten die Pfälzer im Herbst 2012 mit "Psycho Boy Happy" ihre musikalische Matura ab. Wir ziehen mit Sänger Fabi eine Zwischenbilanz.

Wo seid ihr jetzt, was Öffentlichkeit und Verkaufszahlen betrifft, angekommen, nachdem euch die Presse schnell zum "Next Big Thing" stilisiert hatte?

Fabi: Wir hatten nie die Ambition, radiomäßig abzugehen und eine Nummer 1-Hitsingle vorzulegen. Deswegen ist Platz 73 in den deutschen Albumcharts ein sehr positives Ergebnis. Unser Plan war eher, etwas Längerfristiges aufzubauen, das sich langsam steigert, als auf den Hit oder Durchbruch zu hoffen.

Euer Drummer Marc empfiehlt Rapidshare und illegale Downloads, um auf unbekannte Musik zu stoßen. Was sagt eure Plattenfirma zu dieser Einstellung?

Die findet es wahrscheinlich nicht gut. Aber wir empfehlen das ja nicht. Wir sagen aber auch nicht, dass wir es total schlimm finden. Es hat sich schließlich so entwickelt und man hat sich in gewisser Weise schon darauf eingestellt. Ein Vorteil ist, dass alles für alle verfügbar ist. Und in der heutigen Zeit, wo es eben so viel gibt, haben die Leute auch gar nicht mehr so viel Geld, um sich die ganzen Platten kaufen zu können, die erscheinen. Deshalb geht es eher über Live-Auftritte, wo man mehr Energie reinlegen muss.

Was spricht dann gegen ein Modell Sizarr und Soundcloud, mit frei verfügbaren oder vielleicht sogar kostenlosen Downloads von euch?

Wir befinden uns in der Position, dass wir bei einem Label sind und die Chance haben, unser Album dort quasi hochwertig zu releasen. Dann wäre es natürlich dumm, das auch kostenlos anzubieten. Für uns ist das natürlich schön, wenn die Leute das Album kaufen, das streiten wir gar nicht ab. Nur finde ich, dass dies eben nicht mehr der einzige Weg ist.

"Von Konstantin Gropper haben wir uns Equipment geliehen"


Wenn ihr einen Song schreibt, dann stellt jemand von euch schon das Grundgerüst zur Verfügung. Der Song selbst ist dann schon aus dem Gröbsten raus und es geht an die Detailarbeit. Distanziert ihr euch von dem Proberaum-Modell einer Band, die sich ihr Material gemeinsam erarbeitet?

Wir sind keine Band im klassischen Sinn, die in den Proberaum geht und jammt. Wir sind als drei individuelle Künstler anzusehen. Und diese Individuen werfen wir ins Kollektiv Sizarr.

Denkt ihr, mit der großen medialen Aufmerksamkeit bereits im Vorfeld der Album-Veröffentlichung von "Psycho Boy Happy" Glück gehabt zu haben?

Bei uns war es so, dass wir von Anfang an das Glück hatten, dass sehr schnell um uns Aufmerksamkeit generiert wurde und dass sich die Leute einfach dafür interessiert haben. Die mediale Präsenz hat uns auf keinen Fall geschadet, das ist ganz klar.

Welche Rolle spielt Konstantin Gropper von Get Well Soon, dem ihr im Booklet eine Danksagung aussprecht?

Wir haben uns Studio-Equipment von ihm geliehen, weil wir das Album selbst finanziert und daher nur begrenzte Mittel hatten. Unser Produzent Markus Ganter ist ein guter Freund von ihm und arbeitet auch gerade zusammen mit Konstantin an dem Muso-Album. Auf diese Weise war die Verbindung da. Wir haben uns Schlagzeugmikrophone und Instrumente wie das Vibraphon ausgeliehen, um damit aufzunehmen zu können.

Und außerhalb des Studios: Wie erzeugt ihr eure Schmalspur- bis Breitband-Klänge bei Konzerten?

Wir haben natürlich einen Backing Track, weil wir zu wenig Menschen sind für die Musik, die wir auf der Bühne präsentieren. Aber wir versuchen, so weit wie möglich, davon wegzukommen. Die Songs sind live teilweise auch reduziert. Zum Beispiel fallen dann die elektronischen Drums weg und Marc spielt nur echte Drums. Außerdem haben wir ein paar zusätzliche Sachen, die nicht auf der Platte zu hören sind. Darunter Effekte und sphärische Sounds, die wir noch analog dazu spielen.

"Banalere Wörter kann man auf englisch besser sagen als auf deutsch"


Woher kommt dieser Crisp in deinem Gesang? Das Alter der Stimme scheint meilenweit vom Alter deines Körpers entfernt.

Ich habe das nicht trainiert und hatte bis vor kurzem keinen Gesangsunterricht. Ich habe eben erst damit begonnen, um meine Stimme zu schonen, weil das natürlich auch kein unanstrengender Gesangsstil ist. Von Natur aus habe ich eine ziemlich rauhe Gesangsstimme, meine Sprechstimme ist hingegen völlig anders.

Lass uns über Texte sprechen: Kann man sich als deutschsprachiger Künstler hinter dem Englischen verschanzen, um so einer Direktheit aus dem Weg zu gehen?

Die Wahl aufs Englische fiel, weil es zu dem Zeitpunkt natürlicher schien und weil ich immer das Gefühl hatte, dass es unserer Musik besser steht. Im Allgemeinen denke ich, dass englische Texte natürlich leichter zu handhaben sind, weil man im Englischen viel mehr sagen kann, ohne dass es billig und abgedroschen klingt. Auch banalere Wörter sind dort leichter zu sagen. Die deutsche Sprache wiederum ist viel umfangreicher. Symbolik und Metaphern etwa würden mir im Deutschen auf jeden Fall viel leichter fallen. Es ist ein zweischneidiges Schwert.

Fürchtet man sich davor, auf deutsch zu singen?

Wenn man einmal damit begonnen hat, englisch zu singen, dann wechselt man nicht so einfach. Wenn es ein anderes Projekt wäre, würde ich nicht ausschließen, auf Deutsch zu singen. Ich würde gerne einmal deutsche Texte schreiben, weil ich das auf jeden Fall als Herausforderung sehe.

In "Boarding Time" singt ihr vom Umgang mit den eigenen Schwächen. Haben Sizarr Schwächen?

(überlegt lange): Spontaneität.

Und die Stärken?

(Plötzlich schalten sich die beiden anderen ein und rufen im Chor): Alles andere!

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