Porträt

laut.de-Biographie

Sentino

Selbst in einer Stadt wie Berlin, in deren Rap-Szene Schein und Bling-Bling alles ist, kann man es als Rapper zu Erfolg bringen, ohne allen erzählen zu müssen, wie beschissen die eigene Kindheit im Ghetto des Vertrauens gewesen ist. Neben den Funkfüxen aus Zehlendorf ist es besonders Sentino, der nie einen Hehl aus seiner gutbürgerlichen Abstammung gemacht hat.

Trotz finanzieller Absicherung gehört Enrique Alvarez mit 17 zu denjenigen Berliner Kids, die ihr bisheriges Leben aktiv versaut und sich jegliche Zukunftschancen verbaut haben. Wie so viele andere beginnt er um die Jahrtausendwende mit dem Rappen. Westberlin Maskulin und die Masters Of Rap sorgen gerade in Deutschland für Furore, überall sprießen Labels und Crews wie Pilze aus dem Boden.

Sentence, wie sich der Rapper aus chilenisch-polnischem Elternhaus anfangs nennt, schließt sich den Analphabeten an, lernt Produzenten-Altmeister DJ Desue kennen und bekommt so einen Deal beim deutschen Ableger des US-Hip Hop-Majors Def Jam. So karrierefördernd dieser Schritt auch aussehen mag, bewirkt er doch das genaue Gegenteil: Def Jam Germany geht 2002 pleite, die Schuld daran wird heute dem abklingenden Hip Hop-Boom allgemein sowie krassen Fehlsignings seitens des Labels zugeschrieben. Für Stars wie die Spezializtz ist ein solcher Schlag zu verkraften, viele junge, talentierte Rapper wie Pyranja, Six oder auch Sentence stehen auf einmal wieder am Anfang.

Doch Sentence hat Glück im Unglück: Er lernt Kool Savas kennen, der soeben mit seinem neu gegründeten Label Optik Records und seinem Solodebüt "Der Beste Tag Meines Lebens" endgültig den Grundstein für den Hype um Rap aus der Hauptstadt legt. Sentence bekommt einen Deal bei BMG und geht mit der Optik Army auf Tour, ein Album mit DJ Desue steht in den Startlöchern. Dieses Mal ist es der eigene Manager, der dem 19-jährigen Sentence die goldene Zukunft verbaut: Julian Smith unterschlägt alles Geld, das er bekommen kann, und flüchtet in die Karibik. (Savas verarbeitet die Geschichte später in "Renexekution": "Sieh, ich schick dich zurück zur Schule, du Bitch / Nehm' dein Geld und flieg davon, als wär' ich Julian Smith.") Wieder einmal steht Sentence vor den Trümmern seiner jungen Karriere.

In den folgenden zwei Jahren liebäugelt der Berliner mit dem Chemnitzer Label Phlatline Records, tritt das erste mal beim Splash!-Festival auf und steuert Beiträge zu dort erscheinenden Mixtapes bei. Später kommt er ins Umfeld der Aggroberliner Fler und Bushido: Ein Feature auf Flers "Oh Shit"-Remix und zwei Gastauftritte auf Bushidos Soloalbum "Electro Ghetto" sorgen dafür, dass Sentence, der sich mittlerweile Sentino nennt, nicht in Vergessenheit gerät.

Spätestens 2004 nach Eko Freshs "Abrechnung", die den bislang größten Beef im deutschen Hip Hop ins Rollen bringt, wird viel über den jungen Mann spekuliert. Eko wirft Fler vor, er habe sich seine Texte von Sentino schreiben lassen. Obwohl Fler das in seiner Antwort ("Hollywoodtürke") dementiert, wird das Thema auch von Royalbunker ("Wer, Fler?") und Bushido ("Flerräter") aufgegriffen. Der Name Sentence taucht in so gut wie jedem Track dieser Zeit auf, wenn auch nicht unbedingt im positiven Licht (Ercandize: "Sentence ist ein Bastard", Savas: "Du bist faker als Sentence"). Die Wahrheit wird wohl nie ans Licht kommen, Fakt ist jedoch, dass seitdem jeder Rapfan wissen will, wer der angebliche Ghostwriter eigentlich ist. Und so wurde Sentinos Name ohne eigenes Zutun bekannter, als es BMG und Def Jam Germany gemeinsam mit Promoartillerie zu bewirken vermochten.

2005 wird Sentino, inzwischen 21, als erster Act des frisch gegründeten Reutlinger Indielabels Fünf Vor Zwölf Records gesignt. Er veröffentlicht innerhalb eines Jahres zwei Mixtapes (April: "Fall Und Aufstieg", August: "La Vida Loca") unter dem Namen Sentinos Way, wobei er von den Produzentengrößen DJ Desue, DJ Shusta und den Jungs von Headrush unterstützt wird. Direkt im Anschluss, so der ursprüngliche Plan, soll nun endlich das überfällige Album folgen.

Bis es wirklich und wahrhaftig in den Läden steht, verstreichen allerdings wieder Monate. "Ich habe unterschätzt, wie groß der Unterschied zur Arbeit an einem Mixtape sein würde", so Sentino im Interview mit MZEE.com. "Als ich für meinen Teil schließlich fast fertig war, das muss im Juli gewesen sein, da hat das Label natürlich noch viel umsetzen müssen. Artwork, Video, Mastering, Marketing. Das ganze Zeug, das an so einer Platte hinten dranhängt."

Im Oktober 2006 ist es dann endlich vollbracht: "Ich Bin Deutscher Hip Hop" erscheint wie die vorangegangenen Mixtapes bei 5 vor 12. Für die Beats zeichnen Headrush-Produzent Roe Beardie, Monroe, Brisk Fingaz, Ilan und die Drama Monks verantwortlich. Die Instrumentalisierung des vorab ausgekoppelten Titeltracks stammt aus dem Hause Bugati. Ein kleines Stück seines Weges geht Sentino gemeinsam mit Azad, daneben begrüßt er Megaloh, den Ruhrpott-Kollegen Manuellsen und (Überraschung! Diese beiden schienen sich einst gar nicht grün ...) Olli Banjo am Mikrofon. Sentino setzt auf die üblichen Punchlines und Battle-Klischees, läuft aber an Stellen, an denen er hinter die Fassade blicken lässt, zu voller Größe auf.

Trotz Kritikerlob geht die Platte unter und der Erfolg bleibt aus. 5 vor 12 setzt Sentino auf die Straße und der "Chef sah sich auch nicht dazu berufen, mich auszubezahlen", so der Berliner gegenüber der Juice. Auch ein Deal mit Manuellsens Label platzt. 2007 "habe ich mich quasi in Luft aufgelöst."

Er bahnt sich seinen Weg zurück zu seinen Wurzeln und zieht bei seiner Mutter in Warschau ein. Nach fünf Jahren Stille kommt das unerwartete Comeback mit "Stiller Westen": "Es ist nicht krass ausproduziert, aber sehr ehrlich, weil es unter schweren Bedingungen geschrieben wurde." Er nimmt seinen ursprünglichen Namen Sentence wieder an, denn "Sentino gibt es nicht mehr. Ich habe mich jetzt endgültig selbst gefunden."

News

Alben

Videos

Video Video wird geladen ...

Noch keine Kommentare