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Das neue Scorpions-Album als handfeste Überraschung zu bezeichnen, die in heruntergelassenen Kinnladen gipfelt, wäre vielleicht etwas übertrieben. Dennoch machen die Hannoveraner auf "Humanity - Hour I" genau das, was viele (mich eingeschlossen) ihnen eigentlich nicht mehr zugetraut hätten: Sie rocken!
Der Verdacht liegt nahe, dass daran Star-Produzent Desmond Child nicht ganz unschuldig ist. Immerhin sind dessen Arbeiten für Künstler wie Meat Loaf, Aerosmith, Bon Jovi und - ja - auch Robbie Williams quasi durch die Bank hochwertig und durchaus hörenswert.
Das trifft auch auf das Konzeptwerk "Humanity – Hour I" zu, das auf einem Roman von Liam Carl basiert und den Krieg zwischen Menschen und Maschinen thematisiert. Da in meinem Booklet leider keine Lyrics vorliegen, will ich mich zur textlichen Umsetzung hier aber nicht weiter äußern.
Musikalisch geht es dafür stark und richtig heavy los. Bei "Hour I" schwingt John 5 (Ex-Marilyn Manson/Rob Zombie) die Klampfe, und der Track klingt nicht nur richtig modern und heavy, sondern hat auch einen mächtigen Drive und Groove.
Das daran anschließende "The Game Of Life" ist auch eine gute Rocknummer, die sich ebenfalls zum Autofahren eignet. Klar, Klaus prägt den Song mit seiner Stimme, ansonsten könnte er aber auch von Nickelback oder 3 Doors Down stammen.
"We Were Born To Fly" startet zwar sehr balladesk, aber wenn man schon die rote Schmacht-Karte zücken will, kehrt die verzerrte Gitarre zurück. Allerdings folgt mit dem anschließenden "The Future Never Dies" tatsächlich die erste vollwertige Ballade mit Klavier und allem. Da Klausi aber auf nerviges Gejaule verzichtet, geht die Nummer ebenfalls klar. Auch die Streicher nehmen glücklicherweise nie zu bombastische Ausmaße an. Die hätten vielleicht "Your Lovin' Me To Death" gut getan, ist das Stück doch ein wenig zu bieder und konventionell geraten.
Da ist "321" im Anschluss genau richtig platziert, denn hier rockt die härteste und gleichzeitig griffigste Nummer des ganzen Albums. Der Chorus animiert vielleicht ein wenig zu sehr zum Schunkeln, aber was soll's. So ganz entgehen die Scorpions der Schmalzfalle nicht, zumindest "Love Will Keep Us Alive" ist hart an der Grenze und durch die ständige Wiederholung des Titels im Chorus auch ein wenig einschläfernd. Vor allem singt Klaus stellenweise wie ein kleines Mädchen ... Da ist "We Will Rise Again" schon was anderes. Der Song enthält zwar ebenfalls balladeske Töne, aber es überwiegen meist die rockigen Elemente.
"Your Last Song" ist genau wie das folgende "Love Is War" ein von Akustikgitarren getragener Track, der meist gerade noch so die Kurve kriegt, bevor es schmalzt. Auch hier sind die Parallelen zu Bands wie Nickelback oder 3 Doors Down nicht zu überhören. Zum Ende hin rockt "The Cross" noch mal ganz ordentlich, könnte aber auch locker ohne die Rückendeckung von Oberkürbis Billy Corgan bestehen. Das finale "Humanity" fängt schon ein wenig tranig an und klaut auch in der eigenen Vergangenheit der Band, steigert sich aber schon nach wenigen Sekunden und setzt einen gelungenen Schlusspunkt, der wohl auch auf Konzerten zum Einsatz kommen wird.
Auch ich habe die Scorpions in den letzten Jahren gerne als alte Säcke bezeichnet, die im Rock'n'Roll-Business nur noch eine Lachnummer sind. "Humanity - Hour I" spricht da allerdings eine ganz andere Sprache.
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