laut.de-Kritik

Die Lausitzer hinterfragen systematische Zwänge.

Review von

Bei den Cottbusern von Sandow hat sich zehn Jahre nach dem letzten Studioalbum "Kiong - Gefährten der Liebe" einiges getan. Schlagzeuger Tilman Berg kehrte 2010 zu den Lausitzern zurück. Seit diesem Zeitpunkt spielt die Avantgarde-Band wieder in klassischer Besetzung.

Außerdem verschlug es Sänger Kai-Uwe Kohlschmidt nach Papua-Neuguinea. Dort arbeitete er mit der Künstlergruppe Mangan 25 zusammen. Die aktuelle Platte "Entfernte Welten" finanzierte man per Crowdfunding. Sie bietet musikalisch so manche Veränderung und besitzt das gern diskutierte und übergeordnete Thema einer neuen Weltordnung.

Zu Beginn des Albums kann man sich der repetitiven Krautrock-Rhythmik und dem süßlichen Backgroundgesang von Musa Kohlschmidt, die sich neben zahlreichen anderen Gästen an der Platte beteiligt hat, in "New World Order" schwer entziehen. Dagegen überzeugt die Systemkritik des Tracks nicht unbedingt. So heißt es: "Wir waren viel zu dumm. Neunundachtzig war nix. Ihr dümpelt seit dem rum in Netzen und Kanälen". Da man Kai-Uwe Kohlschmidt bisher als reflektierten Beobachter gesellschaftlicher Prozesse wahrgenommen hat, empfindet man diese Zeilen um so ärgerlicher.

Die ohnehin mit ihren NDH-Sounds kaum überzeugende Nummer "Known Knowns" untermalen die Cottbuser mit einer Rede Donald Rumsfelds, dem ehemaligen US-Verteidigungsminister, um die Kriegslüsternheit der Vereinigten Staaten von Amerika hervorzuheben. Jedoch geht es in dem Text zum Glück überwiegend darum, dass jeder Mensch durch sein Handeln aktiv an besagter neuer Weltordnung mitwirken kann.

Letzten Endes lässt das Werk genug Raum für eigenen Gedanken. Utopien sollen wieder aufleben, die plumpe Vorschlaghammermethode hat diese Band daher gar nicht nötig. Ihre Platte verstehen die Cottbuser als Versuch, den systematischen Zwängen in einer materiellen Welt zu entfliehen.

"Sei Trunken", eine leichtfüßige Neuvertonung des Prosagedichtes "Man muss immer trunken sein" von Charles Baudelaire, das man in der 1869 posthum herausgegebenen Sammlung "Der Spleen von Paris" findet, fügt sich daher nahtlos in ein Werk ein, das sich größtenteils mit den individuellen Freiräumen eines jeden Einzelnen auseinandersetzt.

Im Gegensatz zu dem französischen Schriftsteller, der wegen einer Syphilis-Erkrankung dem Alkohol und dem Haschisch verfiel, hat Kai-Uwe Kohlschmidt an fremden und mystischen Orten ein persönliches Stück Freiheit zurückerlangt. Je weiter es den Sänger an die entlegensten Orte der Erde führt, um so facettenreicher und spannender gestaltet sich die Platte.

In "Mangan" nimmt er mit sanfter Erzählstimme den Hörer an die Hand. Bei einer Wanderung mit der Künstlergruppe Mangan 25, die er in dem Song beschreibt, sieht man unter anderem "erleuchtete Wesen" und "kryptische Kakteen". Zudem profitiert der Track von ruhigen und entspannten Klängen, die man bei den Lausitzern eher selten vernimmt.

Demgegenüber muss man auf hypnotische Klangcollagen à la Laibach und Test Department wie "Europa" von "Stachelhaut" (1999), auf der die künstlerische Entwicklung Sandows ihren Höhepunkt erreichen sollte, und "Anschlag Ouvertüre" von der nicht minder tollen EP "Born" (1998) nun gänzlich verzichten. Derlei experimentelle Ausflüg hätten der Platte gut getan, die vor allem in der ersten Hälfte mit abgestandenem und unzeitgemäßem Industrial-Rock ("Stein", "Cupidus") keineswegs begeistert.

Andererseits untermauert der akustische und wunderschöne Abschlusstrack "Lieb Den Wind", dass Sandow längst nicht alle klanglichen Ausdrucksmöglichkeiten in ihrer Karriere ausgeschöpft haben. So richtig scheint der ewig Getriebene Kai-Uwe Kohlschmidt noch nicht zu Hause angekommen zu sein.

Zum Schluss resümiert er: "Leg jetzt die Leinen klar. Zieh jetzt die Segel auf. Wir nehmen Fahrt nun auf. Und immer wieder." Für den Cottbuser, der sich ebenso als Autor, Komponist und Regisseur für Hörspiele, Feature, Theater und Film einen Namen gemacht hat, bleibt Stillstand ein Fremdwort.

Somit erweitern Sandow auf "Entfernte Welten" ihre Musik um ein paar frische Nuancen. Darüber hinaus folgt man den dichterischen Worten Kai-Uwe Kohlschmidts immer noch sehr gerne. Nichtsdestotrotz sollten die Lausitzer ihren Ideenreichtum über Albumlänge das nächste Mal deutlich straffen.

Der Versuch, politische und historische Prozesse zu hinterfragen, wirkt zudem mitunter ziemlich aufgesetzt. Zusätzlich klingt die Platte, weil sich hörbuchartige Versatzstücke, laute und leise Töne permanent abwechseln, an einigen Stellen recht anstrengend und verkopft.

Trackliste

  1. 1. New World Order
  2. 2. Stein
  3. 3. Niemals Tot
  4. 4. Cupidus
  5. 5. Die Wüste
  6. 6. Sei Trunken
  7. 7. Eis
  8. 8. Mangan
  9. 9. Man8
  10. 10. Eldorado Cut
  11. 11. Research And Destroy
  12. 12. Known Knowns
  13. 13. Deng Deng Nagual
  14. 14. Lieb Den Wind

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