7. Dezember 2009

"Schauspieler werden gebrochen!"

Interview geführt von

Power und Dynamik kennzeichnen Rock- und Soulsängerin Saint Lu. Und nicht nur auf der Bühne überzeugt die junge Künstlerin mit Geradlinigkeit und Energie.Saint Lu zeigt sich als sehr pünktliche Gesprächspartnerin. Zum verabredeten Zeitpunkt läutet mein Telefon, ein Mitarbeiter ihrer Plattenfirma begrüßt mich freundlich und leitet direkt weiter. Nach einem Konzert vor einigen Wochen bin ich gespannt, wie sich die Künstlerin wohl geben wird - auf der Bühne fegt sie schließlich mit viel Power, Drive und Energie herum.

Doch von einem womöglich überdrehten Soul- und Rock-Kätzchen dann absolut keine Spur: Lu macht einen ruhigen, charmanten, entspannten, und mitunter auch nachdenklichen Eindruck. Da ist eine junge Frau, die es nicht nötig hat, sich hinter aufgesetzt-eingebläuten Promo-Kulissen zu verstecken.

Ihre so prägnante, dunkle und rauhe Stimme schimmert auch während des Gesprächs mehr als einmal durch. laut.de ist ein stets höfliches Musikmagazin, und so frage ich natürlich zu Beginn, ob wir uns siezen oder duzen. Die Antwort der Künstlerin fällt unkompliziert aus.

Laut offizieller Biografie hattest du mit 14 deine erste eigene Band, also etwas im Schülerbereich. Was für Sachen habt ihr da so gemacht?

Das Ganze versuchte sich mehr im Rockbereich, angefangen habe ich damit bereits so ab 13, aber das ist nicht meine einzige Band-Erfahrung. In der Folgezeit habe ich in allen möglichen Formationen gespielt, was die Stilrichtung angeht. Da war auch mal Jazz dabei, eben alles Mögliche, so richtig querbeet. Sogar eine Metal-Band! (lacht) Es war eine Zeit des Ausprobierens, und man ist sich, gerade wenn man noch so jung ist, noch gar nicht richtig im Klaren darüber, was man eigentlich so will. Doch für die persönliche Entwicklung hat mir das alles sehr gut getan und enorm weitergeholfen. Ich hatte z. B. bis heute im meinem ganzen Leben nie Gesangsunterricht! Das ist keine Faulheit, denn ich stehe ohnehin auf die Devise Learning by doing.

Nach dem Schulabschluss bist du als Au Pair-Mädchen in die USA, genauer gesagt, nach Texas gegangen. Danach hast du dich, zwecks persönlicher Weiterentwicklung in Sachen Musik, für einige Zeit in New York aufgehalten. Was hast du davon mitgenommen, und wie wichtig war es für dich?

Ich war immer neugierig. Da war schon immer etwas in mir drin, von dem ich - gerade in ganz jungen Jahren - nicht genau wusste, was es war, aber eben auch der Wunsch, es zu entdecken. Und das findest du nur, wenn du Sachen ausprobierst, welche auch immer. Und in den USA war nicht nur so viel Neues, da war auch der Freiraum, es für dich zu finden! Ich nehme gern neue Sachen und Dinge auch und schnuppere dann einfach mal nur herum auf der Suche nach Ideen und Eindrücken. Natürlich war das in erster Linie alles, was mit Musik zu tun hat. Es hat mir mächtig imponiert, wie da drüben gerade kleine Künstler, kleine Musiker mit ihrem Traum und ihrem Leben umgehen. Da steckt so eine tiefe Überzeugung in ihnen drin, ein tiefes Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, trotz aller Widrigkeiten und Hemmnisse. Und diese Leute bleiben am Ball, sie machen weiter, auch wenn sie gerade einmal auf die Nase fielen. Wichtig war auch, das richtige Sprechen zu lernen, vor allem, weil englisch sprechen nicht automatisch mit englisch denken zu tun hat. Wenn du in einer fremden Sprache etwas ausdrücken möchtest, musst sie sie auch denken und fühlen können in deinem Inneren. Erst dann entwickelt sich das, was du in dieser Sprache sagst, auch an Überzeugungskraft.

"Die Schauspielschule habe ich geschmissen"

Doch statt mit der Musik weiterzumachen, hast du dich zunächst für ein Studium an einer Schauspielschule entschieden. Da lief es aber nicht so gut, wie ich deiner Biographie entnehme.

Es ist eine so ganz andere Welt, bei der ich ganz einfach Freiraum und Lebendigkeit vermisste. Man muss sich ducken, man muss sich erklären. Da ist einfach alles fest vorgegeben und fest vorgeschrieben, und damit kam ich nicht gut zurecht. Es hat auch irgendwas damit zu tun, dass man gebrochen wird, irgendwie, und dann wieder zusammengefügt. Aber nicht von dir selbst, immer von jemandem außen. Man musste sich ständig durchducken und erklären. Da war wenig Freiheit, eine Rolle nach seinem Gefühl zu interpretieren und zu gestalten, auch wenn man sich das von außen oft so vorstellt.

Du standest kurz vor der Abschlussprüfung, hast dann aber alles geschmissen - und deine Stimme war da auch ein Problem ...

Ja. Die kam allen immer komisch vor, und es gipfelte darin, dass man mir riet: 'Mädchen, geh doch mal zum Arzt'. Da kam immer mehr zusammen. Es musste eine Veränderung her, weil ich - an einem gewissen Punkt, auch wenn er spät war - fühlte: nein, das ist es nicht für dich. Eigentlich war das Ganze das komplette Gegenteil von dem, was für mich wichtig und richtig ist. Also, sich einzubringen, etwas kreativ zu erschaffen, zu interpretieren, es mit frischem Leben zu erfüllen - doch in der Schule solltest du geformt werden, schablonisiert. Natürlich sollst du als Schauspielern etwas darstellen, was einen vorgegebenen Rahmen besitzt. Aber es funktioniert nur dann, wenn es mit echtem Leben erfüllt ist. Und diese Möglichkeit gab es in der Schule nicht, da sollte nur nach vorgegebenen Normen umgesetzt werden. Und je länger ich das machte, und mich auch bemühte, um so mehr trat diese Entfremdung ein von dem, was mir eigentlich vorschwebte, wie Schauspielerei, also echte, lebendige, tatsächlich auszusehen hat. Es war ein langer Prozess, und ja, ich hätte mich vielleicht viel früher entscheiden müssen. Im letzten Jahr habe mich ganz fest und ernsthaft gefragt: 'Was willst du wirklich?' Ich habe - auch während der Zeit auf der Schauspielschule - immer auch Musik gemacht. Dann habe ich diese beiden Sachen verglichen und wusste: Schauspielerei - nein, das kann's nicht sein für mich. Also das andere!

Aber das dort Gelernte - hilft es im Nachhinein heute nicht bei der Performance auf der Bühne, um Song oder Text ausdrucksvoller erscheinen zu lassen?

Eigentlich weniger, obwohl ich vielleicht, mehr unbewusst, aus dieser Zeit etwas einfließen lasse. Das sind doch schließlich zwei völlig verschiedene Dinge: eine vorgegebene Rolle zu interpretieren, oder tatsächlich etwas Neues, Lebendiges zu erschaffen, und sei es nur für die Dauer eines Songs. Wenn du bei einem leidenschaftlichen Song nur schauspielerst, merkt es doch eh jeder, und dabei geht die gesamte Essenz verloren. Du musst es echt und wirklich aus dir heraus machen, das ist ganz bestimmt der bessere Weg.

Dann hattest du ein Demoband produziert, das sofort eingeschlagen ist. Da war gleich ein williger Produzent ...

... nicht nur einer, das war schon eine beglückende Sache! Ich hatte das Band ja verschiedenen Leuten und Plattenfirmen zugesandt, und es kamen eigentlich ausnahmslos nur positive Antworten. Ich hatte das ganz große Glück, da quasi bereits als Neuling Auswahlmöglichkeiten zu haben. Das gestaltete sich natürlich nicht von einem Tag auf den anderen, ich habe mir auch erst mal alles durch den Kopf gehen lassen. Dann hatte ich das Zusammentreffen mit Patrick Majer, und später kam dann Peter Weihe dazu, und da war dieses für mich immer so wichtige Bauchgefühl: ja, das ist es! Und da fiel mir die Entscheidung dann nicht mehr schwer.

Wie entstehen deine Songs?

Also, da gibt es keinerlei feste Regeln. Es passiert mehr als Sammelsurium aus verschiedensten Sachen, und es sind da auch verschiedenste Leute beteiligt, in erster Linie war das für das Album aber Peter Weihe zuständig. Wir treffen uns, wir diskutieren verschiedene Ideen, und vor allem: wir probieren was aus. Das kann man oft als eine Art Jam-Session bezeichenen. Also, da geht nichts mit dem Reißbrett, und das ist auch nicht meine Vorgehensweise. Die Songs sind im Kern sehr spontan und impulsiv entstanden - da war ein Gitarrensound, über den ich einfach was gesungen habe, spontane Satz- und Textfetzen und sowas, und das alles wie ein gegenseitigtes Ping-Pong-Spiel. Klingt vielleicht etwas chaotisch, aber daraus haben sich die Grundstrukturen entwickelt. Natürlich haben wir dann im Verlauf der weiteren Arbeit weiter gefeilt, Sachen wieder rausgenommen, andere umgebaut, bis wir dann mit dem Endergebnis wirklich waren. Klingt wie Stückwerk ist es aber nicht. Aber mir ist wichtig, das es authentisch und lebendig klingt. Wichtig ist, das da am Ende ein guter Song entsteht, das Wie bedeutet eben nur den Weg dorthin.

"Ein Vergleich mit Janis Joplin würde mir gefallen"

Ich hatte das Vergnügen, dich live erstmals bei einem Konzert während des Reeperbahnfestivals in Hamburg zu erleben. Ich muss gestehen, dass ich schon ein paar Takte älter bin und gewiss keine gute Dance-Figur mehr abgebe, aber während des Auftritts blieb es bei mir nicht nur beim Mitwippen. Eine ...

... oh, danke! Aber so soll es sein, das freut mich wirklich!

... eine besondere Überraschung war für mich dabei die Besetzung des Drummers. Da knüppelte doch tatsächlich Leo Lazar von den bei mir sehr geschätzen Ruben Cossani. Jetzt sag' nicht, du hast Leo abgeworben und die Cossanis existieren nicht mehr? ...

... Oh, das könnte vielleicht tatsächlich passieren, wer weiß? (lacht laut)

Bring mich bloß nicht in Verwirrung, das ist schließlich eine meiner Lieblingsbands. Wie kam es eigentlich dazu, dass live Leo bei dir an den Drums arbeitet?

Nun, ich arbeite ja mit vielen Musikern zusammen, und einige, die live mit mir auf der Bühne stehen, sind - zwangsläufig wegen anderer Termine - nicht immer die, die auch auf dem Album mitwirken. Leo traf ich mehr zufällig, er ist ein ganz besonderer Typ, und wir hatten sofort einen Draht. Da war was ganz Besonderes, Spezielles. Wir haben uns ausgetauscht, die Funken sprühten, und wir kamen überein, mal was zusammen zu machen. Und es funktionierte auf Anhieb! Und gerade, weil ich in Hamburg spielte, passte das dann für den Auftritt auch rein örtlich perfekt zueinander.

Gibt es schon aktuelle Tourdaten für Eure kommende Konzerte, gerade auch, was das Hamburger Umfeld angeht?

Nichts Konkretes, aber wir basteln gerade dran!

Nach deinem Reeperbahn-Festival-Konzert stand ich mit ein paar Freunden und Bekannten, die dich das erste Mal sahen und hörten, vorm Grünspan und tauschten unsere Eindrücke aus. Eine der Stimmen war: "Hat irgendwas von Anastacia ..."

Oh. Nein, nein, ich habe nichts gegen Anastacia, ganz im Gegenteil, sie hat ein große Stimme und damit wahnsinnig viel erreicht. Also bitte, bitte nichts falsch verstehen, doch ich bin der festen Überzeugung, wir stecken nicht im selben Einkaufsbeutel. Damit will ich nun überhaupt keine irgendwie negative Wertung abgeben, im Gegenteil, sie ist schließlich eine wunderbare Sängerin! Es liegt ja auch nicht an Anastacia oder mir oder irgendeiner anderen Künstlerin. Denn grundsätzlich ist da immer dieses schreckliche, allgemein stets vorherrschende Schablonendenken. Allein vom künstlerischen Status und dem Bekanntheitsgrad her spielt sie in einer ganz anderen, eigenen Liga. Und von daher nehme ich das gern als ganz dickes, großes Kompliment. Aber sie und ich, wir sind natürlich zwei völlig unterschiedliche Typen, und ich sehe das eher als diese schreckliche, weitverbreitete Sache, da nun jemanden unbedingt in eine vorgefertigte Schublade stecken zu müssen. Ich habe nichts gegen Vergleiche, denen muss man sich stellen - aber der mit Janis Joplin wäre einer, der mir mehr Spaß machen würde! (lacht). Allein deshalb, weil sie eines meiner großen Vorbilder darstellt. Ach, nicht zu ernst nehmen, das Ganze. Es ist so schwierig heutzutage, gerade als neue Sängerin, sich unverwechselbar zu positionieren. Aber ich bemühe mich. Da sind so viele Wege, die es zu gehen gilt, und ich glaube fest daran, meinen ganz richtigen zu finden, auch wenn es dauern mag.

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