laut.de-Kritik

Berliner Glamour-Pop mit beachtlichem Anspruch.

Review von

AnNa Err und Peter Plate haben es wieder getan. Acht Wochen vor Tourneebeginn steht ihr neues Album in den Startlöchern. Die erste Single "Sternraketen / Macht Liebe" sorgte schon Wochen vorher für Schlagzeilen. Doch die anfängliche Bestürzung seitens vieler Fans, die ein wenig entsetzt die Frage "Das soll Rosenstolz sein?" stellten, verlor schnell wieder an Gewicht, da die fröhlich-flippige 80er Jahre Hommage auf Anhieb in die TopTen der Charts stürmte. Rosenstolz verwiesen so manche bekannte Stars locker-flockig auf die Plätze.

Wer hat, der hat - das können die kreativen Berliner auf ihre Fahne schreiben. Denn in einem Umfeld, in dem ein guter Teil der Konkurrenz zusammen gecastet ist und ein Song nach dem anderen gecovert wird, kommt bei Rosenstolz die Energie von innen. Über zehn Jahre ein Leben für Musik, weit über 100 Titel von Liebe, Trauer, Glück, Sex und Freundschaft. Das ist das Fundament für die inzwischen sehr versierten Musiker. Jeder Song ist wirklich anders. Und vor allem: deutsch. Da zeigen sich Mut und Selbstbewusstsein, denn deutschsprachige Musik hats erwiesenermaßen schwerer.

Eingefleischte Fans dürfen sich freuen: "Sternraketen" stellt im Album eine Ausnahme dar. Rosenstolz sind zwar neuer geworden, aber die Alten geblieben. Sie haben sich weiter entwickelt und neben Elektro-Einflüssen auch die klassische Gitarre prominent in ihren Sound eingebunden. Doch erst live wird sich die ganze Bandbreite zeigen: Bis zu zwölf Leute sollen auf Tour die wie immer ausverkauften Häuser beheizen. Peter freute sich schon im Interview: "Auf der Tour lassen wir es richtig krachen". Nur AnNa gibt uns Rätsel auf. Was ist mit ihrer Stimme los? Der Titel "Unsterblich" scheint uns zunächst die Antwort zu geben. Dort zündet sie sich zu Beginn des Songs eine Zigarette an: Zippo auf, zünd, Zippo zu klapp, paff. Aha...

Oder soll diese Botschaft etwas anderes transportieren? Nämlich eine gewisse Lässigkeit, Menschlichkeit? Das scheint wohl so zu sein, denn die Scheibe hinterlässt einen wunderbar menschlichen Eindruck, frei von Erfolgsdruck und Kommerz. AnNa selbst glänzt mit rotzigem Charme. Man spürt, wie das Leben einen Menschen reifen lässt, der verschiedene Lebenslaunen und –phasen durchschritten hat. Dass AnNa aber immer noch das Blaue vom Himmel singen kann, wenn sie will, zeigt sie uns in "48 Stunden".

Auf dem Titelsong "Macht Liebe", der in Zusammenarbeit mit Inga Humpe aus der 2Raumwohnung entstand, schlagen Rosenstolz indes eine gänzlich neue Richtung ein. Die angenehm frivolen Trance-Ebenen, die sich gut für stundenlange Loops eignen, haben sich bereits erfolgreich in den Clubs festgespielt. Back to the roots, rein in die Clubs. Rosenstolz scheint das zu gelingen – ihre Vielseitigkeit deckt auch dieses Feld lässig ab.

Einen Kracher der besonderen Art stellt zweifellos "Raubtier" dar. Am Anfang etwas gequält wirkend, entwickelt sich dieser Track schnell zur Suchtnummer. Gesellschaftskritisch, aber Mut machend, kommt der Zähne zeigende Refrain rüber: "Gebe niemals auf, und laufe weiter". Eine Botschaft der intellektuell-kritischen Subkultur, sich nur nicht einschüchtern zu lassen. Charakterstark. Klasse! Spätestens hier verweisen Rosenstolz alle Mainstream-Anbiederungen des Feldes. Was ein Schiedsrichter nicht nötig hat – Rosenstolz begründen die gelb-rote Karte für poppige Oberflächlichkeiten noch mit Tracks wie "Unsterblich", "Paradies" oder "Prinzessin auf dem Abstellgleis". Allein der Song "Komm doch mit" kann nicht wirklich überzeugen - sorry.

Ein liebevoll angerichtetes Dessert bildet der klassisch intonierte Chanson "Tag in Berlin". Ein kurz gefasstes, melancholisches Dankeschön an dieses Leben voller Veränderungen und Vorwärtsdrang – und vielleicht auch an die Menschen, die Rosenstolz wirklich verstehen.

"Macht Liebe" ist ein wundervolles Album, auf dem es viel zu entdecken gibt, und welches die Hoffnung nährt, dass Trendscouts und Industrie auch heute nicht alleine bestimmen, was "wahre" Musik ausmachen muss. Es sind in erster Linie Profis wie Rosenstolz, die mit Hingabe, innovativen Ideen und Tiefgang an ihrem eigenen Kunstwerk arbeiten. Chapeau bas – Hut ab!

Trackliste

  1. 1. Sternraketen
  2. 2. Macht Liebe
  3. 3. Paradies
  4. 4. Es tut immer noch weh
  5. 5. Komm doch mit
  6. 6. Heiss
  7. 7. Ich verbrauche mich
  8. 8. Unsterblich
  9. 9. Raubtier
  10. 10. 48 Stunden
  11. 11. Prinzessin auf dem Abstellgleis
  12. 12. Tag in Berlin

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