- Top 100
- Redaktionsempfehlungen
- Zuletzt gehört
Format
Playlist
Aktuelle Sendung
SeitHomepage:
Ein hessischer CDU-Ortsvorsteher möchte einem der berühmtesten Söhne seines Städtchens ein Denkmal errichten. Ausgerechnet Rio Reiser ist für den Platz auf dem Sockel vorgesehen.
Nieder-Roden (vog) - Ein kleines unbeugsames Dorf im tiefschwarzen Hessen leistet erfolgreich Widerstand gegen die Eindimensionalität und Stromlinienförmigkeit der Regierung: Geplant ist ein Denkmal für den ehemaligen Ton Steine Scherben-Fronter Rio Reiser.
Diesen verschlug es in seiner bewegten Jugend unter anderem nach Rodgau/Nieder-Roden, ein Landstrich nahe Frankfurt. Hier machte er die Bekanntschaft mit R.P.S. Larue. Damit brachte er den allzu oft in seiner materiellen Form als Wurfgeschoss missbrauchten mittleren Wortbestandteil des Bandnamens Ton Steine Scherben für eben jene Band ins Rollen.
Aus Sicht des derzeitigen CDU-Ortsvorstehers Steffen Hartmann steht somit fest: Der Mann muss in Stein gemeißelt und auf eine Grünanlage gewuchtet werden. Eine kleine politische Sensation. Achtung Wortwitz: Denk-mal drüber nach!
Verkehrte Welt?
Wie aber geht konservatives und linkes Gedankengut zusammen? Die CDU entfernt sich sowieso immer mehr von strengem Parteigehorsam. Die Familienministerin plädiert für Kinderkrippen, sozial ist hui, Manager sind scheiße und der Papst mittlerweile out. Verkehrte Welt? Und das ist gut so. Selbst in Roland Kochs antiliberaler Hochburg Hessen bröckelt der konservative Putz nach und nach ab. Die dahinter liegende Fassade offenbart ein erstaunlich liberales historisches Bewusstsein.
Der ungekrönte "König von Deutschland" war selbst alteingesessenen Monarchisten jahrelang ein Dorn im Auge, besetzt aber spätestens seit seinem Ableben im Jahre 1996 einen Platz im kollektiven Herzen. Der Ruck zur Mitte vollzog sich mit "König Von Deutschland" als Dauerbrenner auf dem Ballermann. Die Forderung von Ortsvorsteher Hartmann trägt mit zur Verankerung im Establishment bei. Sofern sie kein Lippenbekenntnis bleibt.
Ein 'reiserisches' Thema
In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung schiebt der Politiker eine philosophische Begründung aus dem Wortschatz Rosa Luxemburgs vor: "Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden". Neben einem Sinn für wichtige historische Geschehnisse treiben Hartmann aber auch ästhetische Gründe an.
"Alle haben eingesehen, dass die Grünanlage, wo das Denkmal hin soll, aufgewertet werden muss. Drumherum gibt es Wohnungen, gleich gegenüber ist eine Seniorenresidenz. Im Moment stehen da Altkleiderboxen und Flaschencontainer herum", so Hartmann.
Rio Reiser hätte diese Aussage sicherlich mit einem Lächeln quittiert: Ein Stellvertreter bestehend aus dem Plunder der altglasverwertenden Recyclingindustrie steht schließlich schon bereit und wartet nur auf seine Nobilitierung als Denkmal. Die Renter, wohl weniger amused über den Schrott, würden sich eher über eine Figur freuen. Ein Symbol der Kontinuität im Schatten des Verwelkens ...
Eine Idee für eine Umsetzung hat der Ortsvorsteher auch schon direkt parat, denn laut SZ ließe sich der Bandname Ton, Steine, Scherben bildhauerisch darstellen.
Bedenken hinsichtlich einer einseitigen Zurschaustellung linker Gedanken hegt er auch nicht. Der Ort benötige Identifikationsmerkmale, egal aus welcher Epoche sie stammen. Hartmann gibt sich dialektisch: "Manchen gefällt die Idee eben nicht. Anderen gefällt vielleicht eine Weltkriegs-Gedenktafel nicht."
Passt die von Reiser oftmals thematisierte und musikalisch verarbeitete Heimatlosigkeit jedoch wirklich zu einer Denkmalsetzung?

Seh ich auch so. Billiger Populismus. "Seht: Die CDU ist (auch) sexy!" Nein, ist sie nicht. Deshalb müssen sie dann auch jeden einigermaßen beliebten Menschen vereinnahmen. Nicht dass die CDU nicht meine Steuern für ein Denkmal für Reiser ausgeben dürfte ... 
!
!






Format
Homepage: