laut.de-Kritik

Mächtiger Befreiungsschlag aus dem Sumpf gepflegter Langeweile.

Review von

Lang, lang ist's her, dass mich ein Album der kritischen Säulenheiligen des politischen Indierock so richtig aus den Stiefeln haute. Die kaum schlagbaren "New Adventures" sowie das oft unterschätzte "Up" stammen noch aus einem anderen Jahrtausend. Seitdem klingen die Outputs eher zuverlässig routiniert denn begeisternd. Erwartet jemand ernsthaft etwas anderes von der neuen Platte dieser betagten Dino-Band? Wohl kaum.

Doch der alte Drache R.E.M. spuckt noch immer Feuer und gibt smart und authentisch den kreativen Phönix. Aus den Zutaten gerieren sie ein ebenso vertrautes wie neuartiges Stückchen Musik, das ob seiner sprudelnden Kreativität auch eher neutrale Hörer außerhalb des Fanlagers interessieren dürfte. "Collapse Into Now" ist ein mächtiger Befreiungsschlag aus dem Sumpf ehemals gepflegter Langeweile.

Berlin tat ihnen - vor allem Michael Stipe - ersichtlich gut. Die legendären Hansa Studios haben es ihnen letzten Sommer angetan. Fast das gesamte Album ist dort entstanden. Einst kreierte Bowie dort seine frostig-sinistre Berlin "Low/Heroes/Lodger". Ebenso feierten U2 in diesen heiligen Hallen mit "Achtung Baby" ihren kreativen Zenit.

Genau zwischen diesen beiden Polen zelebriert auch die Collegerock-Legende aus den Staaten ihre künstlerische Auferstehung. Dunkel und selbstreflexiv ist es geworden. So wie es im Moloch unserer emissionsgetränkten Hauptstadt niemals richtig hell wird, verweigern auch die neuen Lieder so selbstbewusst wie konsequent den totalen Sonnenschein früherer Pophits à la "Shiny Happy People" und Co. Auf der anderen Seite schimmern nicht wenige Tracks in - für R.E.M.-Verhältnisse - neuen Klangfarben samt punktuell gestreuter Trompete, Posaune und Sousafon. Eben diese angedunkelt exquisite Mixtur entfaltet die malströmende Sogwirkung der Schallplatte; angelegt zwischen Trombone und Thrombose.

Zwölf nicht allzu lange Songs in ca. 40 Minuten bedeutet eine wohltuende Beschränkung auf prähistorisches LP-Format ohne zusätzliche Füllsongs. So lautet die Marschrichtung. Der Opener "Discoverer" wuchtet sich unwiderstehlich mit der Brechstange in die Synapsen des Hörers. So "Monster" selig hat man das Trio lange nicht mehr gehört. All jene, die schon damals "Crush With Eyeliner" liebten, sollten dem nachfolgenden "All The Best" mehr als nur ein Ohr leihen. R.E.M. beweisen hier nicht zum ersten Mal, dass der diskreditierte Begriff des Stadionrock nicht zwingend ein Schimpfwort sein muss.

Das folgende "ÜBerln" lässt daach aufhorchen. Eine Neil Young-Akustische liefert den Einstieg zu einem bemerkenswerten Song. Der Moog artige Hintergrund-Synthie von Producer und Bandkumpel Jacknife Lee zwitschert zurückgenommen wie bei Klaus Schulze. Stipe deklamiert derweil einnehmend melodisch eine typische Momentaufnahme des menschlichen Ameisenhaufens Großstadt mit seinem mantrischen Hamsterradgewusel und der nimmer endenden Sehnsucht nach den erlösenden Feierabendstunden samt dem kleinen aber so wichtigen privaten Glück. Wer wolle da widersprechen?

Der gedimmte, oft leicht ermüdet wirkende Tonfall des Sängers zieht sich als eindrucksvolles Stilmittel durch weite Teile der Scheibe. Das intensiv romantische "Oh My Heart" oder das sarkastische "It Happened Today" erhalten auf diese Weise einen melancholischen, fast schon resignativen Beigeschmack, der innerhalb der voran treibenden typischen R.E.M.-Rhythmen eine zusätzliche Ebene eröffnet, der man sich gern hingibt. Hohnvoll und spöttisch klingen die Zeilen I have earned my wings. It happened today, Hip, Hip Hooray! Gaststar Eddie Vedder zeigt sich dabei ungewohnt zurückhaltend. Man muss ihn mit der Lupe suchen.

Kurios: Kaum sind die Amerikaner in Berlin. Schon klingen sie wie dessen Haus und Hof-Kapelle Element Of Crime. Man achte einmal auf das Arrangement von "Every Day Is Yours To Win". Die Ähnlichkeit in der Strophe ist kaum zu überhören. Das Lied selbst indes ist eher B-Seiten tauglich.

Auch die weiblichen Gäste machen ihre Sache gut. Die oft etwas zwanghaft künstlerisch angehauchte Nervbeutel-Feministin Peaches darf sich zackig und zupackend wie immer als Sirene auf dem "Document" punkigen "Alligator_Aviator_Autopilot_Antimatter" austoben.

Nach dem wunderschönen "Me, Marlon Brando, Marlon Brando And I" tritt dann noch die personifizierte Postpunkgöttin Patti Smith als Königin der Nacht auf. "Blue" ist neben "Drive" und "Orange Crush" der intensivste Song, den das Rapid Eye Movement je fabrizierte: Traubenschwere psychedelische Sinnlichkeit in einem verwaschenen ceepy Soundkleid. Wie zwei herabsinkend Ertrinkende umschlingen Stipe und Smith einander in Erwartung der finalen Woge, die in Form einer röhrenden E-Gitarre zuschlägt. "20th Century Cllapse into now. Cinderella Boy you lost your Shoe! Großartiger Southern American Gothic in vollendeter Schwermut. Die frühen Woven Hand hätten es nicht besser gemacht. Als Gimmick klingt der Song in den Anfängen des Openers "Discoverer" aus. Damit schließt sich der Kreis zum nimmermüden Chant; zur Endlosschleife einer Schlange, die ihr eigenes Ende verschluckt.

Doch auch ohne diese bedeutungsschwangere Schelmerei hält dieses Album alles, was seine drei Vorgänger versprachen. Lange haben wir sie vermisst. Doch endlich sind R.E.M. zurück, wo sie künstlerisch hingehören: An der Spitze.

Trackliste

  1. 1. Discoverer
  2. 2. All The Best
  3. 3. ÜBerlin
  4. 4. Oh My Heart
  5. 5. It Happened Today
  6. 6. Every Day Is Yours To Win
  7. 7. Mine Smell Like Honey
  8. 8. Walk It Back
  9. 9. Alligator_Aviator_Autopilot_Antimatter
  10. 10. That Someone Is You
  11. 11. Me, Marlon Brando, Marlon Brando And I
  12. 12. Blue

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