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Wer in den Neunzigern auch nur halbwegs den Gang der Musikgeschichte verfolgt, stößt unweigerlich auf den Namen R. Kelly. Kaum ein anderer besetzt so regelmäßig und standhaft obere Chartspositionen wie er. Bestes Beispiel: sein weltweiter '96er-Smash-Hit "I Believe I Can Fly" vom "Space Jam"-Soundtrack (fünf Millionen Singles gehen über den Ladentisch). Kelly hat aber schon vorher seine Schäfchen im Trockenen. Bis 2003 sind weltweit 30 Millionen Tonträger abgesetzt. Alle Singles und Alben erreichen mindestens Platin-Status und zahlreiche Awards und Auszeichungen auf der ganzen Welt pflastern seinen Weg.
In jungen Jahren profiliert sich Kelly, der einmal in seiner rauen Chicagoer Heimat angeschossen wird, ein Teil der Kugel steckt noch immer in seiner Schulter, als Basketballspieler. Im Musikclub seiner Highschool entdeckt er sein musikalisches Talent. Der Legende nach klimpert Kelly, der ohne Vater aufwächst, in jungen Gang-Jahren an Chicagos Strassenecken auf einem Keyboard herum, während seine Kumpels eifrig Parolen spucken. Als sich immer mehr Publikum zu den Street-Performances einfindet, beginnt der am 8. Januar 1969 Geborene an den musikalischen Erfolg zu glauben.
In der Folge gründet Robert die Band MGM. Die lokal erfolgreich R'n'B-Posse gewinnt später den landesweiten, im Fernsehen übertragenen Talentwettbewerb "Big Break" mit Natalie Cole als Moderatorin. 1991 unterschreibt er bei Jive Records und vergräbt sich fortan im Studio: Der angehende Star komponiert, produziert, singt und spielt seine Songs selbst ein. Das Debutalbum "Born Into The 90's", damals noch mit seiner Backing Band "Public Announcement" aufgenommen, lässt die R'n'B-Szene mit einer frischen Mischung aus Soul, Rap und versetzten Swing-Beats, New Jack Swing genannt, aufhorchen.
Auch Europa feiert spätestens nach "12 Play" Kellys Musik mit Platinauszeichnungen ab. Textlich widmet sich Robert bevorzugt den Themen Frauen, Liebe, Sex, aber auch dem Leben im Ghetto. Seine Shows sind ausverkauft. Bei den Billboard Awards 1994 wird er zweimal ("Best Album" und "Best R&B Album") geehrt.
Die vier Singels des stark von Gospel-Sound geprägten Nachfolgealbums "R. Kelly" gehen in den USA alle auf Eins. Spätestens jetzt werden andere Stars auf den ungekrönten König des R'n'Bs aufmerksam und lassen sich von Kelly unter die Arme greifen. Er schreibt Songs für Whitney Houston und Luther Vandross und selbst Michael Jackson reißt er aus dem Popularitätstief: "You Are Not Alone" schlägt auf beiden Seiten des Atlantiks an der Spitze der Charts ein.
Kelly arbeitet im Laufe seiner Karriere auch mit Celine Dion, Toni Braxton, Notorious B.I.G., Mary J. Blidge, Wyclef Jean oder Kelly Price zusammen. Daneben featured er eigene Zöglinge wie Sparkle oder 1994 die damals 15-jährige Nachwuchssängerin Aaliyah aus Detroit. Den späteren Superstar nimmt er bei der Gelegenheit gleich zur Frau.
Das schlicht "R." betitelte, fünfte Album holt sechsfach Platin und wird sein erfolgreichstes (sieben Millionen verkaufter Einheiten). Bei den Soul Train Awards zollt ihm als "Entertainer of the Year" und mit dem "Best Male R&B/Soul Album" endlich auch die Hip Hop-Community ihren Tribut. Kelly weiß eben, was Frauen lieben und toughe Guys weich macht. Kein Wunder also, dass im Jahresrückblick des Billboard Magazines 1999 zu lesen steht: "R. Kelly hatte mehr Top 40-Hits in den 90ern als irgend ein anderer männlicher Solokünstler."
Der King of R'n'B gründet in der Folge ein eigenes Label (Rockland), wirkt bei Soundtracks mit (u.a. "Shaft") und meldet sich ein Jahr später mit dem Album TP-2.com und Hitsingles wie "Fiesta" oder "I Wish" zurück. Während sein Kollaborations-Album mit Jay-Z (2002) floppt (ein zweites mit Baby aus der Cash, Money-Klicke ist angedacht), macht sein siebtes Studio-Album "Chocolate Factory" den Schmach ein Jahr später locker wett.
Mittlerweile hat sich ein unheilvoller Schatten über die außergewöhliche Karriere des "Global Ghetto Man" (Zitat Blues & Soul Magazine) gelegt: Wegen des Verdachts auf Kinderpornografie wird Kelly 2002 mehrfach verhaftet. Schon vorher muss sich der Musiker mehrmals den Vorwurf der Vergewaltigung gefallen lassen. Immer mehr Vorfälle kommen ans Tageslicht und als auf den Straßen der Großstädte ein Video auftaucht (das Tape wird zuvor anonym der Chicago Sun Times zugespielt), das ihn beim Sex mit einer Minderjährigen zeigen soll (Ex-Schützling Sparkle behauptet, es sei ihre Nichte), boykottieren ihn selbst deutsche TV-Sender.
Auch 2003 ist der Superstar nur noch gegen Kaution auf freiem Fuß und muss sich seine US-Tourneen richterlich genehmigen lassen. Ähnliche Vorwürfe in Miami kommen nie vor Gericht. In Kellys Ehe mit Andrea (beide haben zwei Töchter und einen Sohn) kriselt es natürlich gewaltig. Sie denkt 2005 sogar nach einem heftigen Streit darüber nach, ihn sich mittels einer einstweiligen Verfügung vom Leib zu halten.
Zuvor veröffentlicht Kelly, der in 21 Fällen angeklagt werden soll, ein erstes Best Of-Album. Im Falle einer Verurteilung drohen dem Musiker, den bisher kein Konkurrent musikalisch vom R'n'B-Thron stürzen konnte, bis zu 15 Jahre Haft und eine Geldstrafe von bis zu 100.000 Dollar. In sieben Fällen wird die Anklage noch vor Prozessbeginn fallen gelassen, und R. Kelly stürzt sich in die Arbeit.
Die gemeinsame Tour zu Teil zwei der Kollabo mit Jay-Z "Unfinished Business" endet im Oktober 2004 allerdings im Desaster: Beide können nicht mehr miteinander, die Tournee wird abgebrochen, beide verklagen sich im hohen zweistelligen Millionenbereich - u.a. wegen Vertragsbruch. Jiggas Sandkastenkumpel und Def Jam-Vize Tyran Smith wird im April 2006 gar wegen einer Backstage-Pfefferspray-Attacke auf Kelly zu Anger Management und Sozialarbeit verdonnert. Derweil erfährt die Öffentlichkeit weder im Missbrauchs- noch im Vertragsbruch-Prozess nennenswerte Neuigkeiten. Außer, dass Roberts eigener Bruder ihm neuerliche Missbrauchsfälle vorhält und ein Gerichtstermin noch immer aussteht.
Zwischenzeitlich ist Kellys Schaffensdrang kaum zu bremsen - Arbeit als Angsttherapie. Neben besagter Best Of legt er zwei weitere Platten vor: das Doppelalbum "Happy People/U Saved Me" (2004) und ein Jahr später "TP. 3 Reloaded". 2006 folgt der erste Teil einer Remix-Serie. Im selben Jahr taucht Robert, der u.a. auch als Pied Piper bzw. King Of R'n'B auftritt, zudem auf Snoops Album (2006) auf: Der Titeltrack "Tha Blue Carpet Treatment" wird Mitte Dezember als Single ausgekoppelt. Kelly greift auch seinem Freund Fat Joe bei einem Remix unter die Arme ("Make It Rain") und kollaboriert mit Ciara, Young Jeezy und Bow Wow. Zudem soll er auf einer Charity-Single für die Opfer des verheerenden Hurrikans Katrians mitwirken, diese steht auch Ende 2006 noch aus.
Robert bleibt derweil dem Gerichtssaal treu und legt sich gleich noch mit seinen Block-Nachbarn an, die ihm nicht erlauben wollen, in der Nähe seines Cicagoer Domizils ein Wachhaus zu errichten. Wenigstens dieser Streit endet relativ zeitnah: Im Januar 2007 lässt er die Klage fallen und übernimmt die Kosten. Zeitgleich kündigt er für Mai mit "Double Up" einen neuen Longplayer an. Im Sommer sollen dann weitere Teile seiner erfolgreichen fünfteiligen Seifenoper "Trapped In The Closet" (DVD, 2005), die er einmal als Audio-Version der TV-Serie "Desperate Housewives" bezeichnet, folgen. Eine Live-DVD steht ebenfalls an.
Trapped In The Closet (2005)
R. (1999), Kelly V.I.P. (1998), R. Kelly (1995), 12 Play (1993), Born into the 90's (1992)
14,90 €
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