laut.de-Kritik

Verstolperte Beats, die die elysische Stimme tragen.

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Paradox: Als hip gilt, was der Mainstream-Uniformität widerspricht, zugleich in seinen stilistischen Insignien oft ausreichend uniform ist, um von einer kritischen Masse als "anti-uniform" erkannt zu werden. Was beim friendly Takeover der Hipster-Zeichenlehre in der Mode durch globale Handelsketten geschah, lässt sich auch in der Musik beobachten.

So lebt etwa das angesagte Genre Witch House letztlich von einer Rekontextualisierung überlieferter Stilmerkmale. Hip Hop-Beats werden chopped and screwed, breitflächiger Shoegaze-Äther auf hoch- oder runtergepitchte Vocals gezogen, man kokettiert mit Goth-Okkultismus und entspricht dem Zeitgeist der Entschleunigung in der Verwendung von zerhackstückten Dubstep-Subbässen.

Wie das kanadische Duo Purity Ring zeigt, scheint das Genre in seinem dritten Jahr nun am Punkt der Eingemeindung durch den Mainstream angelangt. Jedenfalls sitzt kein wichtiger Witch House-Act derzeit regelmäßiger im Wartezimmer des Pop als Producer Corin Roddick und Sängerin Megan James. Ihr selbsternannter "Future Pop" folgt elf Tracks lang dem Konzept, üppigste eingängigste Radiomelodien und hippes Sounddesign zusammenzufügen.

Roddick zeichnet horizontfüllende Entrückungen auf dem Sequenzer, während James' Stimme herrlich verhallt-distanziert und gleichzeitig euphorisch-naiv klingt. Deine (ganz) kleine Schwester verliebt sich in dieses obertönige Funkeln ebenso wie die Bescheidwisser in deinem Freundeskreis. Und selbst Mutter reibt sich höchstens kurz an den verschleppten, immer wieder verstolperten Beats, die die elysische Stimme tragen.

War nämlich bei Grimes der zuckrige J-Pop-Gesang noch mit experimentellen Songstrukturen konterkariert, drehen Purity Ring den Distortion-Regler auf Minimum. Das Dauerfeuerwerk dieser Instant-Musik soll durch nichts unterbrochen werden. Leider erschöpft sich das Bombardement perfekt produzierter Lutschbonbons mangels Kontrast recht bald. Die eigentlich nur 38 Minuten von "Shrines" erweisen sich als langatmig und indifferent.

Denn wer reibt sich heute noch an massiven Bässen, weiten Flächen und hypnagogischen Sängern? Und haben schlussendlich nicht sämtliche Acts, von Salem bis Balam Acab und über alle Dreieck- und Kreuzsymbole hinweg, R&B, Hip Hop und Dreamgaze vor allem auf die größte Catchiness-Verwertbarkeit hin abgeklopft?

Man hat sein Camp auf postironischen Zitaten abseits des Mainstream aufgebaut, auf Underground-Kitsch. Dass die Zelte eines Tages abgebaut und Popradio-kompatibel werden würden, war vielleicht von Beginn an Teil des Deals. So gesehen sind Purity Ring so etwas wie Witch House' erster formvollendeter, weil gekonnt uniformierter Hipster-Act.

Trackliste

  1. 1. Crawlersout
  2. 2. Fineshrine
  3. 3. Ungirthed
  4. 4. Amenamy
  5. 5. Grandloves (feat. Young Magic)
  6. 6. Cartographist
  7. 7. Belispeak
  8. 8. Saltkin
  9. 9. Obedear
  10. 10. Lofticries
  11. 11. Shuck

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