Porträt

laut.de-Biographie

Private Paul

"Ich plane nicht mal, morgen noch zu rappen", wischt Private Paul die Frage vom Tisch, ob er sich auch in fünf Jahren noch am Mikrofon sehe. No Future als Grundhaltung - nicht umsonst trägt der Titel seines Debüts den Punk im Namen.

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"Emopunkrap" erscheint 2011, markiert aber keineswegs den Beginn einer Geschichte. Erste Lebenszeichen sendet Private Paul lange vorher in die Welt. Schon 2002 bestreitet er seine erste Schlacht in der Reimliga Battle Arena - als "grausam peinlich" behält er den Versuch in schlechter Erinnerung.

Vielleicht ein Grund dafür, warum Private Paul den Rap "ziemlich lang ziemlich halbherzig" betreibt, wie er im Interview mit meinrap.de unumwunden zugibt. Zumal er mit Hip Hop ohnehin eher eine Zweckgemeinschaft bildet, als dass es sich um die große Liebe handelt:

"Wenn ich vernünftig Gitarre spielen könnte, wäre ich wahrscheinlich 'ne Metalband geworden oder so, aber das Schöne bei Rap ist, dass man einfach alles komplett selber machen kann und am Ende etwas halbwegs Vernünftiges dabei rauskommt." Animiert von einem Kollegen beginnt er, zu rappen. "Warum ich bisher noch nicht damit aufgehört habe, weiß ich selbst nicht."

Dieser Einstellung zum Trotz findet sein düsterer, nicht gerade lebensbejahender Stoff ein Publikum. Erst die positive Resonanz seitens einiger Fans bringt etwas Zug in Private Pauls vor sich hin dümpelnde Aktivitäten. "Bis vor zwei, drei Jahren war ich eigentlich nie richtig aktiv", erinnert er sich 2013.

Dann allerdings explodieren seine Machenschaften für seine Verhältnisse geradezu. Er veröffentlicht "Emopunkrap", dessen Titel den Inhalt recht genau erahnen lässt. Die sich entspinnenden Kontakte zu JAW und dessen Label Weisse Scheisse erweisen sich allerdings nicht als tragfähig. Böse Worte schwirren bald hin und her.

Das hässliche Ende scheint Private Pauls Überzeugung noch zu festigen: Alleine ist er besser dran. "Scheiß auf andere. Ich mach' einfach mein Zeug so gut, wie ichs kann", betont er gegenüber rappers.in. Mit Kollegen wie Prezident oder Tua fühlt sich Private Paul zwar auf ähnlicher Wellenlänge. Engere Zusammenarbeit schließt er allerdings kategorisch aus:

"Kein Ton auf einem meiner Alben wird je von jemand anderem kommen", so Paul. "Ich hab' mal überlegt, das zu ändern, aber dann ziemlich schnell wieder gedacht, dass das 'ne dumme Idee wäre. Es ist halt alles viel mehr Arbeit und geht viel länger, aber dafür ist es meins."

Inspiration bezieht er ohnehin viel mehr aus anderen Genres als aus dem Hip Hop. Neben Westberlin Maskulin führt er ausschließlich Gitarrenmusik-Bands als Einflüsse an: "Die alten Emil Bulls haben mich jahrelang begleitet, ich denke sogar, mehr als jede andere Band. Stabbing Westward dürften zur EPR-Zeit einer der Haupt-Einflussfaktoren gewesen sein. Noch ein paar Namen ohne Reihenfolge: Bright Eyes, Deftones, Slipknot natürlich, Crosscut, Taproot, Spineshank, Korn, The Used, Portishead, Death Cab for Cutie, Semtex, Strata, Parkway Drive, 30STM."

Über die eigenen technischen Fähigkeiten gibt sich Private Paul so wenigen Illusionen hin wie über seinen Status in der Rap-Szene: "Ich habe nie toll geflowt oder beeindruckende Taktspielereien aufs Parkett gelegt und ich glaube, das werde ich auch nie. Aber ich habe mich damit abgefunden und nutze es. Wo kein Stakkato-Silbendauerfeuer ist, bleibt mehr Platz für Feelings."

Private Paul & Rotten Monkey - Live Fast Die Young
Private Paul & Rotten Monkey Live Fast Die Young
Musik zum Aus-dem-Fenster-Springen. Guten Flug.
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Größtenteils als "Niemand", zu winzigen Teilen wahlweise als "der schwule Emojammerlappen, der den Takt nicht trifft" und "der große Messias der Deprimusik", so fühlt er sich wahrgenommen. Ein Umstand, der Private Paul nicht mehr zu bekümmern scheint, als so manches andere, das im Leben schief läuft.

Entsprechend drehen sich seine Texte um so positive Themen wie Enttäuschungen, Hass auf sich und andere, Suizidgedanken, Abhängigkeiten und psychische Schräglagen. Zuweilen schlägt die Stimmung allerdings um - ins andere Extrem: Unter seinem Alias KASH veröffentlicht Private Paul Sauf- und Party-Tracks.

Parallel entstehen das KASH-Album "S.U.F.F." und die Fortsetzung von "Emopunkrap". Mitte 2011 beginnt Private Paul, für beide Platten an Beats zu basteln. "Den ersten brauchbaren hatte ich 2012." Die Arbeiten ziehen sich. Erst 2013 dreht Private Paul, der diesen seiner Künstlernamen übrigens an einen Charakter aus dem Antikriegsstreifen "Full Metal Jacket" anlehnt, wieder auf. "S.U.F.F." erscheint 2013, im Januar 2014 folgt "Emopunkrap 2", das inzwischen allerdings den Titel "Schwarzweissrot" trägt.

Dass kein Ton auf einem seiner Alben jemals von jemand anderem stammen soll, bedeutet jedoch nicht, dass man immer alles alleine machen muss: 2016 rottet sich Private Paul mit seinem einzigen Emopunkrap-Labelgenossen Rotten Monkey zusammen. Ihr Kollabo-Album "Live Fast Die Young" erscheint, angekündigt von zwei voran gegangenen Gratis-EPs, im September.

"Man könnte sagen, mein Rap hat sich in zwei verschiedene, entgegengesetzte Richtungen entwickelt", so Private Paul aka KASH im Interview über sein Schaffen. Sein Alter Ego habe er keineswegs gewählt, um inkognito zu operieren. Es gehe ihm einzig und allein darum, die Themen zu sortieren. "Keiner soll sich beschweren können, weil er ein Album kauft und sich dazu umbringen will, und am Ende sind nur lustige Punchlinetracks drauf. Deswegen wird das getrennt." Das nennt man wohl Service am Hörer.

Als "Martyrium erster Klasse", empfindet Private Paul den Rap-Zirkus. "Ich hatte schon so oft keinen Bock mehr, dieses ganze Business kotzt mich ungefähr jeden Tag an, und insgesamt passieren 0,1 Prozent positive Dinge überhaupt. Es ist von einem Hobby zum Zeitvertreib zu einem Fulltime-Job geworden, der mehr Ärger und Scheiße in mein Leben gebracht hat als so ziemlich alles andere, was ich je gemacht hab'."

Warum er trotzdem noch nicht aufgehört hat? "Das klingt jetzt dümmer als geplant. Mir erscheint nicht Tupac und sagt: 'Sohn, du darfst Rap nicht aufgeben', aber ich sehe immer wieder, dass dieser Scheiß Leuten so unglaublich viel bedeutet. Dann denk' ich mir: 'Fuck it, ich bin eh schon am Ende, aber ich kann wenigstens noch jemandem irgendwas geben.'"

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