laut.de-Kritik

Wie eine Badewanne voller Zuckerwatte

Review von

Ein Primal Scream-Album ist wie eine wild durchgemixte, in allerlei willkürliche und halluzinogene Flüssigkeiten getränkte und in der Sonne geschmolzene Schachtel Pralinen: Du weißt nie, aber wirklich nie, was man zu hören bekommt. Und schon gar nicht, was der Konsum der Musik mit einem anstellen wird. Ein schlechter Trip? Ein euphorisierender Höllenritt? Denn in ihrem über 20-jährigen Bestehen war die Band um Bobby Gillespie ein fluides Konglomerat, das seine Aggregatzustände und Besetzungen anhaltend änderte und sich auf diesem Wege einer finalen Zuordnung entzog und ein stetiges Geheimnis blieb.

Ein Geheimnis freilich im Erscheinungsbild einer größenwahnsinnigen und vor allem wahnsinnigen Psychedelic-Britrock-Band. Jetzt offenbart sich hier "Chaosmosis" und als Hörer zittert dir im Angesicht des bereits im Titel implizierten Durcheinanders das Trommelfell. Und ebendieses Gefühl der Unsicherheit erleben wir gegenwärtig ohnehin viel zu selten - zumindest im Bezug zur Popkultur - also: Ohren auf und durch!

Die hingebungsvolle Einführung heißt "Trippin On Your Love" und beginnt verhältnismäßig harmlos, extrem poppig, aber doch seltsam mitreißend. Der Song aktiviert einen glasklaren, tanzbaren 70er Jahre-Vibe, der aus dem Soundtrack eines Coen-Brothers-Film stammen könnte. Das hypnotische Gejodel der Background-Tänzerinnen schiebt sich an Gillespie vorbei in die erste Reihe und packt uns Musiknerds zärtlich an der Hand, setzt uns die Kopfhörer ab und zieht uns auf die nächste Tanzfläche. Und schon jetzt stellt sich eine erste Entwarnung ein: "Chaosmosis" ist auf den ersten Blick ein echtes Hit- und Radioalbum, so ein Feelgood-Ding, das aber doch eine gewisse Fallhöhe impliziert – die Gefahr des Absturz scheint allgegenwärtig.

Es folgt folgerrichtig ein relativierendes Stück mit dem fantastischen Titel "(Feeling Like A) Demon Again", der von einem futuristischen Gameboy-Beat angetrieben wird, aus dem sich in der Folge eine trippige, aber irritierend düstere Disco-Hymne schält, die dich irgendwie mitzappeln lässt, als hättest du gerade in die nächstbeste Steckdose gefasst. Der Auftakt der Platte gelingt jedenfalls absolut, weil er so seltsam glatt poliert wirkt und uns doch nachhaltig Erschaudern lässt. Wie die Schlange im Dschungelbuch bauen sich Primal Scream vor der Hörerschaft auf und beginnen sich zu winden und die Augen zu drehen, bis du dich vollends der Hypnose hingibst und dich in dieses wohlige Konstrukt fallen lässt – und dann ist es zu spät und du bist das Kaninchen vor der Schlange.

"Chaosmosis" ist ein Album der Brüche, der Sound verändert sich stetig, schlägt in die unterschiedlichen Himmelsrichtungen aus wie ein defekter Kompass. Als Rezipient stellt sich das Gefühl eines Jahrmarktbesuchs ein, bei dem sich in jeder Bude, jedem Zelt eine neue, in sich geschlossene Welt der angekratzten, kitschigen Oberflächen offenbart. "I Can Change" etwa fühlt sich an wie eine Badewanne voller Zuckerwatte, wie eine fluffige Überdosis, verklebt von billigem Zucker. Das klingt nach MGMT, ohne aufgetragene Hippie- und Hipsterattitüde, das klingt nach Flaming Lips, ohne deren vollendete Verspieltheit. Aber vielleicht fehlt Primal Scream hier genau dieser letzte Schritt über die vorgegebenen Grenzen – das finale "Wow!" bleibt jedenfalls noch aus.

Die perfekt abgestimmten Übergänge bilden die große Stärke der Platte. Obwohl sich Tempo und Stimmung immer wieder ändern, gleiten die Songs beinahe spielerisch ineinander über und ergeben ein herrlich abstruses, aber ins sich geschlossenes Gesamtgebilde. So rutschen auch das mit langen Armen um sich greifende Songbrett "100% Or Nothing" und die mit Streichern angereicherte Halb-Ballade "Private Wars" nur so ineinander über und klingen dabei so vertraut, als hätten wir sie bereits vor zehn Jahren gehört. Das widerspricht einerseits vollends den eingangs getätigten Vorwarnungen, andererseits spricht dieses gewisse Gefühl einer akustischen Heimat definitiv für das außergewöhnliche, weil so herrlich altmodische Songwriting auf dieser Platte.

Die zweite Hälfte der insgesamt doch recht kompakten Scheibe, hält dann was die erste verspricht. "Where The Light Get In" erinnert im stetigen Wechsel der weiblichen (Sky Ferreira!) und männlichen Stimme an ganz klassischen Indie-Songaufbau (dort ist dieses bestimmte Changieren längst eine bestimmende Trope) und wirkt auch deshalb beinahe austauschbar modern. Im Kontext der kunterbunten, hyperaktiven Platte, setzt dies aber eine weitere Nuance und darf als gezielt eingesetzter Kommentar zur Lage der britischen Musiknation verstanden werden. Was ihr könnt, können wir schon lange!

Überhaupt wirkt das Chaos in "Chaosmosis" ziemlich kalkuliert und kontrolliert und auch deshalb eben nicht chaotisch. Muss es aber auch nicht: Die Platte macht deshalb so ungeheuren Spaß, weil sie so poppig, so eingängig, so sicher und doch unsicher ist. Sie entzieht sich immer wieder wie eine glitschige Forelle, bleibt dann aber doch wieder als Ohrwurm hängen. Daran ändert auch das merkwürdige Marilyn-Manson-Gedächtnis Geschrammel "When The Blackout Meets The Fallout" nichts. Das Album endet mit einer dreiteiligen Pop-Implosion, bestehend aus "Carnival Of Fools", "Golden Rope" und "Autumn In Paris", in der Primal Scream dann gar nichts mehr heilig erscheint. Die Band stellt wie selbstverständlich Saxophon-Soli neben düster dunkle Lyric, scheppernde Discobeats und brüchige Hallelujah-Kirchenchöre. Hier am Ende bricht der Wahnsinn aus allen Poren und schmirgelt das Gesamtwerk noch einmal gründlich von oben bis unten ab. In diesen endlichen Momenten scheint David Bowie wie ein Schutzheiliger über der Platte aufzusteigen.

Alles in Allem ist "Chaosmosis" ein wirklich verschärftes Machwerk, das mit seinen Hörern spielt, sie vor den Kopf stößt und sie zärtlich in den Arm nimmt, nur um ihnen dann im Stile eines Mike Tyson ins Ohr zu beißen. Der aufgezeigte Stilmix ist teilweise so wild, so unpassend, so willkürliche, das die Homogenität der Platte eigentlich nicht zu erklären ist. Wahrscheinlich muss man wirklich absolut Größenwahnsinnig sein oder mindestens unter Realitätsverlust leiden, um ein solches Projekt anzugehen. "Chaosmosis" funktioniert als Zeitreise – sowohl in die Zukunft, als auch in die Vergangenheit.

Trackliste

  1. 1. Trippin' on Your Love
  2. 2. (Feeling Like A) Demon Again
  3. 3. I Can Change
  4. 4. 100% or Nothing
  5. 5. Private Wars
  6. 6. Where The Light Gets In
  7. 7. When The Blackout Meets The Fallout
  8. 8. Carnival of Fools
  9. 9. Golden Rope
  10. 10. Autumn in Paradise

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