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Oberflächlich betrachtet ist es ein Leichtes, John Baldwin Gourley (Gesang, Gitarre) Wesley James Hubbard (Keyboard und Programming), Zachery Scott Carothers (Bass, Gesang) und Jason Wade Sechrist (Schlagzeug) als kleine Fische im Strom des Postcore-Szene abzutun. Der Name scheint so hip wie die Pelzmützen, mit denen die Band die Bühne zu entern pflegt, das Artwork kommt im Collagen-Stil der Blood Brothers. Und zu allem Überfluss auch noch Alaska! Richtig gehört, drei der vier Protagonisten wachsen in der harschen Natur des nördlichsten US-Bundesstaates auf – der Polarkreis vor der Haustür, sozusagen. Klar, da bleibt kein Auge trocken und der Hype im Blätterwald natürlich nicht aus.
Denkste? Denkste! Denn Portugal. The Man sind eben doch anders. Hervorgegangen aus der 2002 gegründeten Post Hardcore-Formation Anatomy Of A Ghost, ist für die Highschool-Kumpanen Gourley und Carothers und den dazu stoßenden Hubbard der weitere Weg kein Diskussionsgegenstand: Raus aus Wasilla, Alaska, ab nach Portland und bitte mal eben neue Musik erfinden. Eine Platte aufnehmen und auf Tour gehen? Wäre auch okay. Also macht sich der zuversichtliche Dreier auf an die Westküste.
Das Problem: Schon für die Reise geben die Mannen sprichwörtlich ihr letztes Hemd – anschließend stehen sie ohne einen Dollar im Geldsäckel auf der Straße. Anderthalb Jahre lang leben sie von der Hand in den Mund, schreiben kontinuierlich neue Songs, unermüdlich das Ziel Tonstudio vor Augen. Als Local Hero Jason Sechrist von den Hardcore-Elektronikern Konami Defense System den Posten des Percussionisten übernimmt, haben sie sich genug Kleingeld vom Mund abgespart, um endlich ihr Album einspielen zu können.
Und tatsächlich: "Waiter: 'You Vultures!'" wechselt die Genrezugehörigkeit beinahe jede Minute. Die offensichtlichen Hardcore-Einflüsse, mit deren staubigen Überresten das Quartett formidabelst zu jonglieren weiß, spülen sie mit Soul, Progressive-Elementen, Emo- Post- und tanzbarem Elektrorock einige Male gut durch, bis am Ende des Fließbandes etwas unmöglich Klassifizierbares steht. The Mars Volta in melodisch und unvertrackt, die Androgynität der Blood Brothers ohne Delirium, die Ästhetik des Hip Hop. Alles geht – und passt. Als mit Fearless Records auch noch eine Plattform für den Erstling gefunden ist, sind Portugal. The Man nach entbehrungsreichen Zeiten endlich dort, wo sie immer hinwollten. Von wegen, eine Band von vielen.
Weil Kreativität bekanntlich keinen festen Veröffentlichungsschemata folgt, ist auch 2007 wieder Portugal. The Man-Zeit. Zwei EPs, "Devil Say I, I Say AIR" und die sehr experimentelle Sequencer-Geburt "It's Complicated Being A Wizard" führen Freunde des Debüts in den Irrwald. Denn das zweite Album geht deutlich hörbar und äußerst konsequent zurück zum Rocksound der Sechzigerjahre. Jede Menge alte Gitarrenhelden geben hier eine letzte Ehrenrunde, wobei sich "Church Mouth" bei aller Retro-Haftigkeit von vergleichbaren Bands unter demselben Banner absetzt und alt und neu wiederum zu etwas in dieser Form noch nicht Dagewesenem zusammenbaut.
Die Band aus Alaska über ihr neues Album "Censored Colors" und die US-Wahl.
Beim Interview in ihrem Van verfüttern die freundlichen Portugal. The Man Chips und reden über Alaska, Jagen als Sport, ihr neues Album "Censored Colors" und selbstgewählte Obdachlosigkeit.
Obwohl mir der Tourmanager zur Strafe fürs Zuspätkommen nur ein Mitglied der Band für das Gespräch überlassen will, haben neben dem Sänger John auch Zack, der Bassist und Keyboarder Ryan netterweise Lust auf ein Interview vor dem Auftritt im Kölner Gebäude 9. Als ich die Band frage, wo sie sich am wohlsten fühlt, klettern wir in den Sprinter der Band und tauschen regionale Spezialitäten aus: Plörriges Kölsch von der Reporterin, gruselige Chips mit Lachsgeschmack von Portugal. The Man.
Schön, dass ihr wieder auf Tour seid - nichts Neues für euch, aber immerhin ein sicheres Dach überm Kopf, oder?
Zack: Ha, du spielst wohl auf unsere Wohnsituation an! Es stimmt schon, wir sind alle mehr oder weniger obdachlos. Und zwar, weil wir meistens touren oder eine Platte aufnehmen; dann haben wir noch ein paar Wochen um Weihnachten herum frei, besuchen Freunde und sagen mal kurz unseren Familien Hallo – ein Haus wäre da einfach unnötig, es würde nur einstauben.
John: Obdachlosigkeit hat für uns gerade nur Vorteile: Wenn ich tatsächlich frei habe, komme ich dann gar nicht erst auf die Idee, lethargisch rumzuhocken – man ist immer bei Freunden, weil die einen aus Mitleid aufnehmen.
Was ist denn so großartig am vielen Touren?
John: Mann, ich würde jetzt so gerne sagen 'Die Weiber, wow, diese ganzen Weiber...!' Aber es wäre gelogen. Die Wahrheit ist, dass wir in unserer Freizeit in einem nerdigen Paralleluniversum herumhängen, das aus grauenhaften Insiderwitzen, Konsolenspielen, iPods und ausgesprochen albernen Homevideos besteht. Wir sind ziemlich entspannte Menschen, und wenn wir doch mal über die Stränge schlagen, erzählen wir es nicht. (sucht eine Tüte im Fußraum) Möchtest du noch Chips? Die hier sind mit Sparerib-Geschmack, schon etwas älter, aber auch sehr gut.
Zack: Ich liebe einfach alles am Touren und bin immer peinlich verlegen, wenn ich mit einer Band unterwegs bin, die es hasst und nur des Geldes wegen macht. Bei uns ist es genau andersrum: Wir machen Platten, um auf Tour zu gehen! Ich liebe es, durch fremde Städte in der Nacht zu fahren, ich finde Hotels geil, mache haufenweise Fotos, trinke ausländisches Bier und treffe so viele wunderbare, hilfsbereite, durchgeknallte Menschen – wir wissen gar nicht, was wir mit uns anfangen sollen, wenn wir mal zu Hause sind.
Das liegt vielleicht an Alaska ...
John: Och, so schlimm ist es auch nicht. Ich glaube eigentlich, dass es unserer Band immer geholfen hat, aus Alaska zu kommen. Es ist ein Alleinstellungsmerkmal. Wenn man das nur zwei Bundesstaaten weiter drüben erzählt, haben die Leute gleich wahnwitzige Vorstellungen von einer bepelzten Band im Iglu, die Bärbrüllen in ihre Tracks mixt und mit Lebertran heizt. Das ist natürlich alles wahr. Deswegen wiederholen die Leute auch immer: 'Alaska?!' Die sagen das immer mit Frage- und Ausrufezeichen hinten dran. Dabei muss ich sagen, es ist der schönste Platz auf Erden, den ich kenne.
Ryan: Viele Leute kapieren auch unseren Bandnamen nicht, aber Alaska merkt sich irgendwie jeder.
Zack: Die vielen Chöre! So viele Vocals im Rudel mit Freunden zu singen ist einfach geil. Das zu proben und aufzunehmen, ist fast wie eine Party.
Hat euer Album ein übergreifendes Thema, ein Konzept? Abgesehen davon, dass es sehr hymnisch klingt, ist mir aufgefallen, dass sich die Platte teilt – in der ersten Hälfte einzelne Songs, und die zweite Hälfte ist wie eine lange Sinfonie gestaltet, die Stücke gehen ineinander über. Das ist ja fast so wie auf...
John: ... "Abbey Road"? Yeah, danke! Viele Songs erinnern ja auch an 60er-Midtempo-Stücken. Also, das Album sollte wirklich eine Hommage an "Abbey Road" sein, und ich finde, es hat eben so einen ähnlichen Vibe. Ohne danach zu klingen; ich würde mich nie trauen, so was zu behaupten. Aber "Abbey Road" ist nun mal die Platte, weswegen ich selbst welche mache.
Ryan: Eigentlich ist sie auch der Grund, mit Musik aufzuhören. Es sind Konzeptalben wie diese, oder "The Wall", oder "The Dark Side of the Moon", die einen fertigmachen. Man sitzt davor, haareraufend: 'Scheiße, so etwas Tolles werde ich nie im Leben fabrizieren!'
Was ist denn aus eurer Labelsuche geworden? Habt ihr das die Aufnahmen für das Album tatsächlich wie angekündigt komplett selbst finanziert?
Ryan: Ja, haben wir. Wir wollten das Album wirklich gern alleine rausbringen, und die Suche nach einem Label war – nun ja, traurig. Es haben so viele tolle Labels Angebote geschickt, die wir alle abgelehnt haben, weil wir nun mal wirklich genaue Vorstellungen von der Band haben; wir möchten immer alles selbst machen, auch den ganzen Mist, den keine Band machen will, zum Beispiel Anzeigen. Wir mussten einsehen, dass diese Labels nie wieder auf uns zukommen werden – die denken sich nur: 'Dann halt nicht – we'll show you!' Aber dann kam dieser unheimliche Glücksfall mit Equal Vision und jetzt haben wir unser eigenes Label, es heißt Approaching AIRballoons, so wie wir uns als Liveband nennen.
Gut, dass ihr so lange durchgehalten habt, euer jetziges Agreement mit Equal Vision ist ja wirklich unschlagbar. Erzählt mal!
Zack: Also, Equal Vision sind langjährige Freunde von uns, die haben uns schon öfter aufgeholfen und wissen, dass wir kein fauler Haufen sind – denn darum ging es im letzten Jahr, wir wollten den Leuten einfach zeigen, dass wir nur Musik machen möchten, und zwar eine Menge. Auf jeden Fall haben wir einen wirklich großartigen Deal mit ihnen, ein echter 50/50-Vertrag ohne Kleingedrucktes. Es ist ein Lizensierungsvertrag und uns gehört immer noch alles. Ich darf das Artwork malen, und den Rest entscheiden wir auch bis ins kleinste Detail. Gewinn und Risiken werden gerecht geteilt.
Ryan: Solche 50/50-Deals haben wir schon öfter angeboten bekommen, aber es war jedes mal Veraschung. Letztendlich musst du die Personalkosten zahlen und fünfzehn andere Posten, die du blauäugig übersiehst, und am Ende ist es eher ein 80/20-Prozent-Deal, wenn du Glück hast. Lächerlich! Wir hassen die Musikindustrie zumindest genügend, um uns schlau zu machen und so was nicht mehr zu akzeptieren.
Fast schon utopisch, so eine faire Teilung! Das könnte doch eine Vorbildfunktion für andere Bands haben, damit sie im Poker um die Labeldeals ihre Rechte weitergehend vertreten, meint ihr nicht?
John: Ja, hoffentlich! Nachdem das alles vorbei war, haben wir plötzlich Wahnsinns-Angebote bekommen – komischerweise zu viel besseren Konditionen als vorher. Wie bei allen anderen Dingen, die in Bezug auf unsere Bandgeschichte passiert sind, hatten wir wahrscheinlich auch dieses Mal einfach nur extrem viel Glück.
Liegt es dann an eurem Optimismus, dass ihr so lässig mit illegalen Downloads umgeht? Dein Statement auf eurer Homepage, John, nachdem das neue Album vor der Veröffentlichung ins Netz gesickert ist und in dem du dafür nicht nur danke sagst, sondern die Leute sogar dazu ermutigst, es herunterzuladen und weiterzugeben, hat mich echt sprachlos gemacht.
John: Tja. Downloaden. Hm. Ich verstehe schon, dass es eine echt große Sache für Musik ist, wenn jemand illegal herunterlädt. Andererseits haben wir doch alle MP3-Player, da geht die Musik nun mal hin. Um ehrlich zu sein, war ich total geschmeichelt, als ich die Zahlen gehört hab: 2.000 Leute haben sich "Censored Colors" runtergeladen! Wow! Da ist man als Provinzkapelle mit Auslandsambitionen doch erst mal platt und dankbar. Scheiß doch auf die paar Leute, wenn sie es sich nicht leisten können und dann vielleicht mal bei unseren Konzerten vorbeikommen, ist doch alles cool.
Aber natürlich hab ich auch gesagt, dass es etwas völlig anderes ist, ein Album herunterzuladen oder es zu besitzen. So viel hängt daran - alle Alben, die ich gekauft habe, sind meine Lieblingsplatten. Man wird ein Teil davon: Du hast damit die Band unterstützt, geht man noch ein bisschen weiter, kann man sogar sagen: Du hast für das Album gearbeitet! Und etwas zum Anfassen, ein Booklet, die Scheibe an sich, was doch etwas ganz anderes ist, als sich auf einem Bildschirm Loading-Balken anzugucken.
"Censored Colors" klingt sehr ausgereift und schwelgerisch. Aber wenn ihr das ganze Jahr unterwegs seid, wo kommt denn dann die Zeit für ein neues Album her? Und wie gestaltet ihr den Songwriting-Prozess, schreibt ihr nachts im Van?
John: Im Fall von "Censored Colors" waren es unsere zweieinhalbwöchigen Weihnachtsferien, in denen wir das Album irgendwie zusammengewürfelt haben. Echt harte Arbeit, und echt ein Riesenspaß. Es macht auch Sinn, immer so um Weihnachten rum aufzunehmen, wenn wir unsere Familien sehen, da will eh keiner in den Staaten rumfahren, wenn alles verschneit und widerlich draußen ist. Wir machen also jeden Winter eins.
Zack: Wir gehen ins Studio und sagen dann immer: So, und jetzt machen wir mal ein Soul-Album! Bis jetzt haben wir noch keins gemacht, aber es hat trotzdem immer ganz gut funktioniert. John kommt mit einer Idee ins Studio und spielt sie akustisch, der Rest der Band ergänzt die meisten Instrumente. Dann geht alles in eine völlig andere Richtung, die uns aber auch gefällt. Und John schreibt dann noch die Texte – quasi beim Singen.
Oh, der Traum jedes Produzenten!
John: Das stimmt, ist total frustrierend für jeden Produzenten. Es macht mir einfach riesigen Spaß, spontan zu texten - während unseren Aufnahmen verändert sich ständig irgendwas, auch an der Melodie. Phil Peterson, der Produzent und Sänger von der großartigen Band Kay Kay and The Weathered Underground, der im Übrigen vollkommen verrückt ist, musste aus unendlich vielen Einzeltakes etwas machen. Die arme Sau!
Zweieinhalb Wochen sind aber auch ein verdammt dichter Zeitraum für ein ganzes Album und einen verrückten Produzenten..
Ryan: Ja, er wäre nicht so dicht, wenn wir uns vorher mal Gedanken über irgendwas machen würden. Aber darauf hat keiner Lust, wir arbeiten am besten unter dem Druck der nahenden Tour. Es fühlt sich gut an.
Was unterscheidet das Album besonders von euren letzten Aufnahmen?
John: Wir haben diesmal dank Phil nicht nur einen echten Nerd im Studio gehabt, sondern auch Zugang zu allen möglichen abgefahrenen Instrumenten. Kirk, ebenfalls bei Kay Kay and The Weathered Underground spielt Streichinstrumente wie besessen, und es war cool, mit ihm zu arbeiten. Außerdem hab ich versucht, mit Akkordfolgen zu komponieren. Das hat mein Hirn ganz schön überfordert, ich bin es eher gewohnt, in Riffs zu denken, aber es war ein echter Lernprozess.
Ryan: Ich finde, diesem Album hört man besonders an, dass es ein Winteralbum ist. Draußen war alles kalt und verschneit, und drinnen im Studio sind unsere ganzen Freunde und singen Hymnen, um sich zu wärmen.
John: Die Nominierung (von Sarah Palin zur Kandidatin Vizepräsidentin John McCains, Anm. d. Red.) war einfach so frustrierend für uns, nicht nur als Alaskaner, wir kommen auch noch aus der selben Stadt wie Palin - Wasilla. Das, was ich geschrieben habe, ist eigentlich mehr eine Geschichte darüber, wie man Leute in einer Gemeinschaft behandeln sollte. Aber sie, diese... diese Lady nimmt sich eindeutig viel mehr als ihren fairen Anteil und beansprucht dann noch einen Platz in der Weltpolitik mit ihren verkrusteten Ansichten. Ein gutes Beispiel ist die Sache mit der Jagd. Der Rest des Textes sind einfach nur ... viele weitere Gründe, sie nicht zu unterstützen.
Du meinst, weil sie einerseits Gouverneur von einer so schönen Naturlandschaft wie Alaska ist und gleichzeitig ein ziemlich hohes Tier in der NRA (National Rifle Association, Anm. d. Red.), oder?
John: Exakt. Sie hat keinerlei Respekt für das, was sie schützen sollte, sie ist heuchlerisch, fanatisch und gierig - und hat das aerial hunting wieder eingeführt.
Was ist denn das?
Zack: Beim aerial hunting knallst du Tiere von einem Helikopter oder Flugzeug aus ab. Es ist die lächerlichste und respektloseste Beschäftigung überhaupt, heißt bei uns aber Sport.
John: Ich hatte mal einen Freund mit reichen Eltern, der irgendwann vom Helikopter-Jagen mit seinem Vater zurückkam. Sie beide fuhren grinsend die Auffahrt hoch und hatten hinten im Truck diese drei Wölfe, die sie erlegt hatten. Ich weiß nicht, ob du schon mal einen Alaska-Wolf gesehen hast, aber für mich waren es die größten Tiere, die ich jemals gesehen hatte. Einfach massiv. Und ich dachte: Diese unfassbar riesigen Tiere leben bei uns im Wald, und weil irgendwelche Typen zu viel Zeit und Geld haben, knallen sie sie einfach ab. Es gab wirklich keinen Grund, sie zu töten. Mein Vater dagegen geht nicht jagen und begründete das mit den einfachen Worten: "Because we don't need it". Das hat sich mir seitdem eingeprägt.
Das Konzept, selbst im Flugzeug zu sitzen und Tiere zu jagen, ist wirklich ziemlich abartig. Motorisierungswahn meets Waffennarr?
Zack: Fuck yeah, vollkommen übertrieben. Ich käme damit klar, wenn sie mit Pfeil und Bogen aus dem Flugzeug schießen würden, wer wirklich was trifft, darf es dann gerne behalten. In Alaska gibt es sogar ein Kopfgeld auf Wölfe.
Und wahrscheinlich auch einen fadenscheinigen Grund dafür?
Zack: Aber klar. Vielleicht solltest du noch einen Schluck trinken. Also, der Grund ist, dass die Wölfe angeblich zu viele Elche und Rentiere fressen. Deswegen gibts 150 Dollar für jeden toten Wolf, damit die armen Sportjäger demnächst wieder mehr Rentiere schießen können. Eat this!
Ach du Scheiße. Wollt ihr noch Kölsch? Gibt es viele Leute in Alaska, die das unterstützen?
John: Ja bitte - und ja, auf Palin und ihre Gang fallen viele Leute rein. Prost. Weißt du, es gibt eine Menge Geld in Alaska, und das bringt unheimlich viele konservative Christen nach da oben. Ich bin unter Familien aufgewachsen, die ihren Kindern zum Einschlafen das Buch der Offenbarung vorgelesen haben ...
... schöne Geschichten von apokalyptischen Reitern ...
John: ... genau, und dazu haben sie sich angezogen wie die ersten Siedler. Es ist das Epizentrum der evangelikalen Bewegung. Was willst du in so einem Umfeld erwarten?
Zumindest einen ordentlichen Beutel Sparerib-Chips, die jetzt nämlich leider alle sind. Die Vorband beginnt, und ich sage für's erste Tschüss, bedanke mich bei den Jungs und klettere aus dem Van.
Beim Konzert verhalten sich Portugal.The Man ihrem Publikum gegenüber genauso, wie man es von der Band erwarten würde - dankbar, bescheiden, herzlich. Es wird ein großartig fulminanter Gig voller ausgedehnter Jams - und wenn nichts dazwischen kommt, sehen wir das schon nächstes Jahr wieder.
John und Jason über Retro-Rock, tobsüchtige Zuschauer, die Weltferne Alaskas und postmoderne Elefanten.
Wahrscheinlich haben Portugal. The Man uns das überraschendste Debüt des Jahres auf den Plattenteller gelegt. Genre? Tba. Indie, Prog, Pop, Soul, Hip Hop, Hardcore, Elektro, jede Menge Ambition und Individualismus oben drauf.
Befürchtung: "Waiter: You Vultures!" ist möglicherweise das Werk eitler Musiksnobs. Tatsache: Sänger John Gourley und Drummer Jason Sechrist sind die Nonchalance in Person. Mit wachen Augen und viel Witz widmen sich die Sympathen im Kölner Gebäude 9 ausführlich allen Fragen.
Eure Deutschlandtour hat in Konstanz am Bodensee begonnen. Habt ihr euch die Stadt anschauen können?
John: Ja, ein bisschen, weil wir da unseren einzigen freien Tag hatten. Wir haben aber zu Beginn der Tour eigentlich die meiste Zeit geschlafen, weil wir so gejetlaggt waren. Echt schlimm. Wir konnten gar nichts unternehmen. Die ganze erste Woche habe ich nachts circa drei Stunden geschlafen und dann nachmittags eine Stunde genickt, weil ich nicht mehr konnte. Jason schlief am ersten Tag quasi den ganzen Tag. (lacht) Wes, Zach und ich sind durch Konstanz spaziert. Da war ein ganz netter Markt, wir haben ein bisschen was gesehen. Abends sind wir dann richtig ausgegangen. Vor und nach dem Konzert hingen wir mit dem Publikum vorort im Kulturladen und in der Punkrockbar nebenan ab. Das war unsere Einführung in Deutschland. Alle waren sehr nett zu uns, auch die Typen vom Hotel.
Nach dem Konzert soll angeblich ein Typ zum Merchandise-Stand gegangen sein, eine CD gekauft, auf den Boden geworfen und zertreten haben.
John: Yeah, das ist wirklich passiert! Er nannte mich "cocksucker". Es war wirklich peinlich: Am ersten Abend merkten wir erst, dass man uns für einen anderthalbstündigen Auftritt eingeplant hatte – anstatt für circa eine halbe Stunde, was wir von zuhause gewöhnt waren. Wir spielten also unser Set, aber die Leute wollten mehr. Also habe ich gesagt: "Sorry, wir haben einfach keine weiteren Songs mehr. Deshalb wurden wir schon aus den USA rausgeworfen. Wir sind eben keine professionellen Musiker." Ein Hörer nahm diesen Scherz für voll und dachte wohl: 'Wenn ihr keine Profis seid, sollte ich für eure Musik nicht zahlen.' Und weil er nun für die CD bezahlt hatte, hielt er es für seine Pflicht, sie auf dem Boden zu werfen, draufzutreten und mit dem Finger in meinem Gesicht zu rufen: "Ihr seid Amateure! Gebt mir mein Geld zurück! Cocksucker! Son of a bitch! Fuck you!" Das war ziemlich witzig. Anschließend wollte der Typ gleich die nächste CD kaufen und in Einzelteile zerlegen. Wir fragen uns mittlerweile, warum wir ihm in der Situation keine weitere verkauft haben. "Mach so viele CDs kaputt wie du dir leisten kannst!" (lacht)
Ihr hättet das Ganze filmen und auf Youtube hochladen müssen.
John: Hätte uns der Typ nicht so auf dem falschen Fuß erwischt, hätten wir das auf jeden Fall gemacht. (lacht)
Hast du auf die Beleidigungen denn irgendwie reagiert?
John: Ähm ... nein. Bevor wir nach Europa geflogen sind, trafen wir vier eine Vereinbarung: no trouble. Ich lächelte ihn also einfach an und sagte gar nichts. Ich dachte mir nur: "Whatever, wenn du das Verlangen hast, unsere Platten zu zerstören, mach mal ruhig. Geht ja auf deine Rechnung." Ich war ziemlich laid-back in der Situation.
Wie finanziert ihr eigentlich eurer Banddasein? Müsst ihr nach wie vor zwischen den Tourneen arbeiten?
Jason: Zwei von uns haben Jobs. Ich und John haben damit aber aufgehört. John: Jede Arbeit, der ich nachgehe, ist eigentlich eher Freelancer-Artstuff. Ich vermeide ... Jason: ... McDonald's. (lacht) John: Ich vermeide das frühe Aufstehen. Obwohl ich normalerweise recht früh aufstehe. Ich mag einfach die Abläufe an einem gewöhnlichen Arbeitsplatz nicht.
Was genau machst du als Freelancer?
John: Ich designe Shirts für befreundete Bands. Vieles geschieht zusammen mit meinem Kumpel Austin Sellers. Er hat auch das Layout für unser Album entworfen, ich habe die Illustrationen beigesteuert. Ich mache eine Menge Gelegenheitsarbeiten, zum Beispiel male ich auf Anfrage Bilder. Alles meistens sofort an Ort und Stelle. Immer wenn ich das Gefühl habe, etwas malen oder zeichnen zu müssen, tue ich es. Es ist normalerweise aber nicht so, dass ich meine Kunst verkaufe.
Johnny Whitney von den Blood Brothers designt ebenfalls Shirts und verkauft sie unter dem Label "Crystal City Clothing".
John: Ja, die sind sehr cool.
Hast du also nie daran gedacht, das ebenfalls professioneller aufzuziehen?
John: Doch, durchaus. Ich finde nur, falls ich mich dazu entscheiden sollte, müsste das auf dem richtigen Weg geschehen. Versteh' mich nicht falsch, was Johnny macht, ist wirklich vollkommen okay. Mir gefallen seine Entwürfe sehr. Momentan bin ich jedoch damit zufrieden, nur für unsere Band und Freunde zu zeichnen. Wenn mich ein Bekannter darum bittet, mache ich das für gewöhnlich auch. Eines Tages werde ich meine Bilder vielleicht in einer kleinen Galerie ausstellen. In Portland hat man mir das bereits angeboten. Mit dieser Vorstellung könnte ich mich anfreunden.
Jason, bist du ebenfalls bei den Portugal. The Man-Illustrationen miteinbezogen?
Jason: Nein, eigentlich nicht. Früher einmal, aber mittlerweile nicht mehr. John besitzt einen sehr intensiven Zeichenstil. Er kann Bilder in nur einer Minute entwerfen.
Was inspiriert deine Illustrationen, John? Seit wann zeichnest du schon?
John: Seit ich ein kleines Kind war. Was die Inspiration angeht: Jeder spontane zufällige Gedanke kann ein Ausgangspunkt sein. Mit dem Zeichnen ist es da bei mir wie mit allem, was ich tue. Wie ich rede, wie ich denke, wie ich schreibe, wie ich mein Instrument spiele. All das tue ich aus derselben Intuition heraus. Vielleicht wirkt es so, als wäre ich außerhalb der Musik mit vielen Sachen beschäftigt, aber im Grunde handelt es sich um ein und dasselbe Prinzip. Es gibt keinen Plan, wie ich die verschiedenen Dinge angehe. Dennoch richte ich meine Mühen immer auf einen bestimmten Zweck aus. Keine Ahnung warum, aber ohne Druck kann ich nicht arbeiten. Ist schon komisch. Wenn ich niemanden habe, der sagt: "Kann ich ein Werk von dir haben?", fühlt es sich für mich unnatürlich an, es zu tun.
Ihr zählt zu den Bands, die von der Myspace- und YouTube-Revolution stark profitiert haben. Glaubt ihr, dass ihr heute hier wäret, wenn es diese Tools nicht geben würde?
John: So würde ich das gerne sehen. Ich denke, Bands sollten in der Lage sein, sich selbst zu promoten und zu touren ohne dieses Drumherum. Genauso wie ich mich beim Artwork von Portugal. The Man einbringe. Weißt du, wir spielen sehr viele Shows, reden mit den Leuten ... Myspace und YouTube sollten also vielleicht nicht so wichtig sein, wie sie momentan sind. Es existieren unglaublich viele junge Bands, die ihr Zeug bei Myspace hochladen und ungefähr eine Million Leute adden. It's fucked up. It's nuts. Nichtsdestotrotz ist es ein hilfreiches Werkzeug. Myspace war auch sehr nett zu uns, sie haben uns auf ihre Startseite gepackt und damit unsere Shows promotet. Wir wussten davon gar nichts, bis wir zufällig selbst darauf stießen.
Portugal. The Man besitzen schon allein aufgrund der Herkunft Exotenstatus. Zwei von euch stammen aus Alaska, und von John habe ich gelesen, dass er sogar ein Jahr lang im Wald außerhalb jeder Zivilisation gelebt haben soll.
John: Jason stammt aus Portland, Oregon, wo wir mittlerweile alle wohnen. Aber meine Familie hat tatsächlich immer außerhalb von richtigen Gemeinden gelebt. Das Haus, in dem ich aufgewachsen bin, war zwei Meilen vom nächsten Nachbarn entfernt. Wir sind damals recht häufig umgezogen. Einmal wohnten wir an einem Platz namens Icy Lake. Man brauchte ein Schneemobil und Schlittenhunde, um von dort wegzukommen. Ich schaue sehr gerne auf diese Zeit zurück. Es gab keine Elektrizität, nur eine Ein-Zimmer-Holzhütte.
Fühltest du dich trotz der Abgelegenheit als ein Teil von Amerika?
John: Es war wirklich merkwürdig. Als Heranwachsender dachte ich, wir Amerikaner wären alle gleich. Aber nachdem ich nach Oregon ging, dort eine Weile lebte und dann wieder nach Alaska zurückkam, merkte ich, dass das ein vollkommen anderer Ort ist als der Rest von Amerika. Nichts kommt da heran. Ich war niemals an einem Ort, der Alaska in irgendeiner Weise ähnlich gewesen wäre. Ein bizarrer Ort. Portland ist so ziemlich das exakte Gegenteil davon: entspannt, liberal, relaxt. Dagegen ist Alaska wirklich streng, konservativ...
Jeder kennt jeden, du kannst nichts tun, ohne dabei beobachtet zu werden...
John: Genau. Ein extrem konservativer Ort.
John: Nunja, so in etwa. Wir hatten in Alaska unser gesamtes Geld für die Reise nach Portland gespart. Als wir dann dort ankamen, war nichts mehr übrig. Wir mussten bei fremden Leuten auf dem Boden schlafen. Wir waren also für ein Jahr obdachlos. Aber wir gaben ständig gemeinsame Konzerte mit Jasons anderer Band, Konami Defense System. Ein Haufen Verrückter. Jason: Nette Jungs, macht großen Spaß, mit ihnen zu spielen. John: Über die gemeinsamen Konzerte haben wir uns übrigens kennen gelernt. Jason: Ursprünglich machten Portugal. The Man nämlich elektronische beatbasierte Sample-Musik.
Ihr musstest also niemals wirklich unter einer Brücke schlafen?
John: Nein nein, wir haben nie draußen geschlafen. Wir waren nicht homeless-homeless. Ich mag, wie das klingt (lacht). Aber es war schon hart, über die Runden zu kommen. Wir haben uns ein Jahr lang alles vom Mund abgespart, um für dieses Album genügend Geld zu haben. Und kaum, dass wir die Kohle beisammen hatten, wurde Fearless Records auf uns aufmerksam. Wir fragten also Jason, ob er auf der Platte dabei sein wolle – und es funktionierte sofort richtig gut.
Existiert in Portland eine große alternative Musikszene? Kennt ihr lokale Bands wie die The Thermals oder The Shins?
Jason: Portland hat eine wirklich interessante Szene. Sehr indierockig. Wir kennen die genannten Bands nicht persönlich, mögen aber ihre Musik. John: Portland hat meiner Meinung nach die beste Szene überhaupt. Einen Großteil der Musik gibt es gar nicht in fester Form, vieles findet nur auf Konzerten auf Privatpartys statt. Viele Bands spielen ausschließlich lokale Gigs. 31Knots stammen aus Portland, Get Hostile, Decemberists, Builders And The Butchers, der auch aus Alaska nach Portland gezogen ist. Er spielt mit einigen Leuten von Konami Defense System zusammen. Sein Zeug ist unglaublich, eine der besten Sachen, die ich je gehört habe. Jason: Eine Art Weirdo-Gypsie-Beerdigungs-Musik. John: Es gibt wirklich wahnsinnig viele gute Acts in der Stadt. Du gehst auf eine beliebige Party und siehst eine tolle Band. Aber du wirst niemals ein Album von ihnen hören - weil sie nicht wollen. Jason: Sie werden nichts aufnehmen, sie werden nicht auf Tour gehen. John: Portland ist viel zu relaxt, um aufzustehen und seine Musik zu verbreiten - obwohl sie dort so überdurchschnittlich gut ist.
Kommen wir auf euer außerordentliches Debüt zu sprechen. Zunächst würde ich gerne wissen, ob der Albumtitel "Waiter: You Vultures!" auf Hunter S. Thompsons "Fear & Loathing In Las Vegas" referiert?
John: In der Tat, es ist eine Art Shoutout an Hunter S. Thompson. Ich glaube, er ist gestorben, kurz bevor wir unsere Platte eingespielten. Der Titel soll ein Fingerzeig auf die Gier der Menschen sein. Wir hatten das Bild von einem Kellner im Kopf, der ein paar Kids "You Vultures!" nachruft, weil sie ihm so wenig Trinkgeld gegeben haben. Das ist total Hunter S. Thompson-like, ich kann mir gut vorstellen, wie er anderen Menschen ein "You Vultures!" hinterherruft.
Außerdem seid seid ihr angeblich große Fans von "Weird Al" Yankovic?
Beide: Oh ja! (lachen) Jason: Sein Gehirn arbeitet auf eine sehr merkwürdige Weise. (lacht) John: Ganz ehrlich, Weird Al war meine Einführung in die Popmusik! (lacht) Als kleine Kinder haben wir zu seinen Liedern gesungen. Das war immer sehr witzig. It's just weird. Ja: Einmal wurden wir erwischt, als wir Weird Al richtig laut gespielt haben. John: Am ersten Tag der allerersten Tour überhaupt. Wir gingen gerade zu der Hausparty, wo wir an dem Abend spielen sollten. Wir fühlten uns richtig gut dabei, endlich auf Tour zu sein und hörten also Taco Grande (ein Song vom 1992er-Album "Off The Deep End", Anm. d. Red.). Jason: Das ist mein Lieblingsstück von Weird. John: Ich mag sie alle. (lacht) Ein Mädchen kam zu uns und klopfte an das Fenster unseres Vans. Ich dachte: "Oh yeah, sie gibt uns wohl noch ein paar Hinweise für den Gig." Erst als sie weg ging wurde uns klar, dass sie nur wegen Weird Al zu uns rübergekommen war. (lacht)
Euer Album mischt ja eine ganze Menge verschiedener Genres: Prog, Hardcore, Soul, Hip Hop ... Habt ihr persönlich eigentlich so etwas wie ein Lieblingsgenre?
John: Ich glaube, die Songs, die ich in letzter Zeit geschrieben habe, tendieren in die Soul-Groove-Richtung. Große Teile meines Songwritings basieren auf den Bildern in meinem Kopf. Wenn die Lyrics also von Krieg handeln, sollte die Musik auch heavier und lauter sein. Und wenn es nur um einen kurzen Gedanken geht, sollte die Musik ebenso passen. Ich sehe uns mehr als eine Soul-, Funk-, Rock'n'Roll-Band. Es gibt so viele Einflüsse auf unseren Sound, ich glaube nicht, dass eine Schublade existiert, in die wir wirklich passen. Dieser Stilmix hat für uns bisher ganz gut funktioniert.
Wisst ihr also schon, wohin es mit dem zweiten Album gehen soll?
John: Wir haben aktuell zwölf Demos. Hats du "The Devil" und "The Pines" gehört? Die wurden zwar während der Sessions zu "Waiter: You Vultures!" aufgenommen, aber das neue Material klingt wie eine Mischung aus dem Albumstil und diesen zwei Stücken. Es besitzt auf jeden Fall mehr Groove als die alten Tracks. Und es ist fokussierter. Mehr von dem Blues-Soul-Feeling. Wir sind jedenfalls schon ziemlich weit mit dem Schaffensprozess. Wir werden Mitte November, wenn wir wieder in Portland sind, weitere Demos aufnehmen. Danach geht es dann sofort ins Studio.
Wir müssen also nicht mehr allzu lange auf den Nachfolger warten?
John: Lass es uns hoffen! (lacht) Die Veröffentlichungszyklen der Plattenfirmen sind immer so merkwürdig. Wenn es nach uns ginge, würde das Album erscheinen, sobald wir das Studio verlassen haben.
Wieder auf Fearless Records?
John: Ja. Ich glaube, das ist unser letztes Album für Fearless laut Vertrag.
Es gibt Gerüchte über einen bevorstehenden Wechsel zu einem Majorlabel ...
John: Wirklich? Das klingt nach guten Gerüchten! (lacht) Ernsthaft: Ein solcher Wechsel hängt sehr von den Umständen ab. Wir würden nicht zu einem Major gehen, nur um bei einem Major zu sein. Ohne Zweifel arbeiten gute Leute für diese großen Unternehmen – aber gleichzeitig sind auch oft 50 Leute oder mehr dort angestellt. Wenn du einen von den 48 Personen erwischst, mit denen du eigentlich besser nicht reden solltest: Then you're fucked! Dann bleibst du am Ende auf deiner Platte sitzen. Wenn wir also diesen Schritt jemals machen sollten, würden wir vorher lange und ausführlich nachdenken. Wir würden schauen, welche Bands bisher dort gesignt sind. Wir würden nicht mit dem Praktikanten reden, der ganz frisch zum A&R aufgestiegen ist. Ich bin nicht grundsätzlich gegen Majorlabels, sie existieren aus gutem Grund. Sie können dir eine Menge Arbeit abnehmen, eine Band im großen Stil promoten, sie haben das Geld. Aber wenn du bei einem Major die falsche Wahl triffst, ist das auch viel fataler als bei einem Indie.
Wie wichtig ist euch ein unverwechselbarer Stil?
John: Ich halte das für sehr wichtig. Wir werden oft mit The Mars Volta und den Blood Brothers verglichen ... Jason: ... mit dem Ideenreichtum der Flaming Lips ... John: ... genau, und Portishead, und so weiter. In Wirklichkeit ist es doch so: Diese Bands sind bereits groß.
[Der Tante Renate, One-Man-Act und Opener des Abends, startet seinen Soundcheck. Ohrenbetäubender Lärm dröhnt zu uns herüber.]
John: That is the loudest music I've ever heard! (Pause) Weißt du, The Mars Volta sind The Mars Volta. Sie spielen das, was sie spielen, am besten. Es ergibt keinen Sinn, ihre Coverband zu sein. Wir machen einfach genau die Musik, die wir wirklich machen wollen. Wie The Mars Volta stehen wir zwar auch drauf, schnell zu spielen, würden aber niemals versuchen, mit ihnen zu konkurrieren. Warum sollten wir? Fast jede Band hat ja Seiten, die einem gefallen, und solche, die man eher nicht mag. Wir bedienen uns bei diesen Einflüssen und stutzen sie uns zurecht.
Klingt sehr postmodern.
John: Exakt! Rock'n'Roll an sich ist ja progressiv. Es dreht sich alles darum, das nächste Level zu erreichen. Die 60er hatten genauso einen spezifischen Sound wie die 70er und die 80er.
Heute kopieren jedoch viele Bands den Rock'n'Roll der 60er eins zu eins.
John: Ich frage mich, welchen Sinn das ergibt. Sie spielen 60er-Musik minus den politischen Kontext, den diese Musik früher hatte. Es gab eine Geisteshaltung dazu, es war eine richtige Bewegung. Das Retro-Ding ist in meinen Augen 60er-Musik minus den Coolnessfaktor, minus die dynamischen Strukturen der damaligen Zeit, minus die Botschaft der Lyrics ... Retro-Rock ist im Prinzip die neue Popmusik. Ich meine, es ist cool. Versteh mich nicht falsch: Wenn uns eine dieser Bands jemals auf Tour mitnehmen wollte, würden wir das wahrscheinlich machen. (lacht) Es ergibt bloß keinen Sinn für mich, Songs neu aufzulegen, die damals einfach besser waren. Jason: Hätten die Bands der 60s schon über all die technischen Möglichkeiten verfügt, die wir heute haben, sie hätten sie höchstwahrscheinlich genutzt. Sie würden Drum Machines, Samples und Computer verwenden. John: Uns geht es darum, das Beste aus den Möglichkeiten herauszuholen. Nicht darum, irgendeinen Sound möglichst originalgetreu nachzubilden.
... And You Will Know Us By The Trail Of Dead sehen das genauso wie ihr: Die vorhandene Technologie ausreizen, um den Rahmen, in dem Rockmusik passiert, konsequent zu erweitern.
John: Exakt. Wir kennen die Band zwar nicht persönlich, aber die Songs, die ich von Trail Of Dead kenne, sind in der Tat verdammt gut. Sie scheinen eine von der Sorte Bands zu sein, die sagen: "Wir geben nichts auf irgendwelche Konventionen oder Erwartungshaltungen, wir machen jetzt einfach genau diesen Sound." Das ist Rock'n'Roll: Not giving a shit!
John: Nun, viele Themen lassen wir bewusst aus. So sehr ich Rage Against The Machine verehre, wir wollen auf keinen Fall so right-in-the-face sein. Denn die Menschen werden sich immer ihre eigene Meinung bilden, ihren eigenen Ideologien folgen. Was für einen Sinn ergibt es, mit einem religiösen Menschen über Religion zu diskutieren? Er wird gegenargumentieren und du wirst frustriert. Insofern sind Portugal. The Man eine politische Band, ohne es allzu offensichtlich nach außen zu kehren.
Wofür stehen denn zum Beispiel die vielen lyrischen Verweise auf das Tierreich? Da ist von Elefanten, Leoparden, Wölfen und Walen die Rede ...
John: Das sind nicht zwingend Metaphern für irgendetwas. Es ist mehr so, dass die Lyrics auf einem imaginären Szenario basieren. Sie tragen dieses mentale Bild an den Hörer weiter. Wenn man das Thema eines Songs erfasst hat, sollte das Bild, das die Lyrics aufwerfen, perfekt dazu passen. Dann erkennt man etwa, dass das Bild perfekt zu der Vorstellung passt, sich wie ein Elefant zu fühlen.
Deine Texte haben einen starken postapokalyptischen Touch: Vieles erinnert an ein Endzeitszenario, in dem die Tiere die Erde von den Menschen zurückerobert haben.
John: Auf jeden Fall. Davon steckt jede Menge in den Lyrics. Ich stehe wirklich sehr auf dieses postapokalyptische Scifi-Zeug. (lacht) Die Texte zeigen meine Idee davon, wie sich die Dinge entwickeln könnten.
Seid ihr ganz prinzipiell von Science Fiction begeistert? Bücher, Filme ...
John: Mich persönlich interessieren nur Filme. Ich finde Scifi in Buchform ganz schrecklich. Viele Scifi-Fans sind ja leider sozial ziemlich rückständig. Da verlieren sich manche völlig in diesen völlig utopischen Szenarien. Meiner Meinung nach gehört immer auch ein Verweis auf die Gegenwart, auf unseren Alltag in eine Scifi-Erzählung. Star Wars ist ein gutes Beispiel: Da steckt eine Menge Romantik drin, ohne dass es zu Kitsch verkommt. Es enthielt alles, was es zu einem guten Genrefilm braucht. Jason: Und wenn sie nicht gestorben sind, flirten sie noch heute im Scifi-Space ... John: Mein Scifi-Favorite ist der Film "The Quiet Earth". Darin kommen insgesamt nur drei Darsteller vor, und eigentlich sind alle drei bloß dieser eine Typ. Er ist eigentlich die ganze Zeit allein, denn jeder Mensch ist urplötzlich wie vom Erdboden verschluckt. Sehr komischer Film. Jason: Ein tolles Konzept für einen Ein-Mann-Scifi-Film: Man nehme eine zehnminütige Einstellung und zeige die ganze Zeit über nur die Bewegung des Darstellers aus dem Bildhintergrund nach vorne. Das wäre wahrscheinlich ziemlich cool. Man würde versuchen nachzuempfinden, was dieser Mensch fühlt, während er geht.
Zurück zur Musik: Eine Kollegin von mir fühlt sich beim Song "Tommy" immer an "I Was Made For Loving You" von Kiss erinnert.
John: Das ist echt witzig! (lacht) Das fiel uns selbst nämlich erst während dieser Tour auf. Eine Referenz, mit der ich so gar nicht klar komme. Ich höre Kiss oder irgendetwas Vergleichbares überhaupt nicht. (lacht) Aber es stimmt, es folgt dem gleichen Muster, auch wenn es absolut nicht geplant war. Einige Referenzen hören wir immer wieder. Gestern sprach uns jemand auf Blackbird und die Beatles an. Die Blackbird-Verbindung stimmt auf jeden Fall, denn der Gedanke kam schon auf, als wir den Song schrieben. Mein Standpunkt dazu ist folgender: Wenn du ohne Absicht etwas geschrieben hast, das Bekanntem ähnelt: Behalte es! Es ist doch sinnlos, Musik zu kreieren und dann zu sagen: "Oh, die Gitarrenlinie klingt ja ein wenig wie dieses oder jenes, das lassen wir besser sein." If you fucking played it, just fucking play it!
Ich habe gerade erst das Video zu "AKA M80 The Wolf" gesehen. Darin reitet John auf dem Rücken eines Bären durch die Großstadt. In wieweit legt ihr Wert auf eine ironische Konnotation eurer Kunst?
John: Darauf legen wir schon großen Wert. Gerade weil wir nicht diejenigen sein wollen, die anderen ihre Ansichten aufdrängen, hat Humor auf jeden Fall Einfluss auf unsere Musik und unsere Lyrics. Das ist etwas, das vielen Bands anscheinend leider fehlt. Warum sollte man die ganze Zeit über ernsthaft sein? Für mich sind Bands, denen der Humor völlig abgeht, im Grunde Trash. Jason: Sie singen darüber, sich zu betrinken, und im Video sieht man dann, wie sie sich betrinken. John: Natürlich gibt es einen Punkt, an dem man es mit der Ironie übertreibt. Ich hoffe, diesen Punkt überschreiten wir nie (lacht). Ich hoffe, man sagt uns, wenn wir zu Slapstick werden.
John, deine Klamotten haben durchaus ebenfalls etwas Augenzwinkerndes an sich. Präferiert du generell den 70s-Style?
John: Ich denke, das passt einfach zu mir. Es ist mit den Klamotten genauso wie mit der Musik: Wir tragen einfach gerne das, was für uns funktioniert. Klar gab es auch in den 70s eine Menge hässliches Zeug ... Jason: ... ebenso wie heute. Die Mode von heute ist teilweise auch echt übel. Und die Krönung des Ganzen sind 200$-Hosen und 80$-Shirts, die einfach scheiße aussehen. John: Viele fabrikneue Klamotten passen uns auch einfach nicht. Jason: Die sind gigantisch. John: Ja, alles fällt so groß aus. Ich kaufe mir eine Hose, achte nur auf die Größenangabe und stelle hinterher fest, wie riesig die in Wirklichkeit ist. Jason: Wir sind ausgewachsene Männer und müssen oft in der Kinderabteilung einkaufen. John: Yeah, it sucks. (lacht) Ich kaufe S-Größen, die sich für mich wie M anfühlen. Aber was den Anzug aus dem Video betrifft: Der Regisseur Isaac Rentz rief mich an und fragte mich, was ich von der Idee halten würde, dass ich im Video einen Anzug trage. Ich meinte nur: "Alright, ich suche mir sofort einen." Ich hatte also die perfekte Ausrede, mir genau dieses Outfit zu kaufen. (lacht)
Von wem stammt die Idee zum Video?
John: Das Grundkonzept des Clips geht auf Isaac zurück. Er sandte uns das Treatment, wir tauschten uns darüber aus und fanden schließlich einen Kompromiss. Es ist ziemlich gut geworden. Ursprünglich sollte die Idee für eine Schulaufführung verwendet werden. Daher entstanden für das Video auch quasi keine Kosten. Wir hatten kein finanzielles Risiko, also fuhren wir einfach ganz relaxt an den Drehort, hingen mit ein paar Statisten rum und lernten währenddessen, wie man einen Film dreht. Eine gute Erfahrung für ein erstes Video. Jason, Zach und Wes spielten übrigens zu verschiedenen Zeiten alle den Bären. Ein Großteil des verwendeten Materials zeigt mich, wie ich sozusagen mit Zach oder Wes oder Jason abhänge.
Ihr habt improvisiert.
John: Genau. Das hatte nichts mit Schauspielerei zu tun. Jason: Hat großen Spaß gemacht.
So wie ihr wohl auch bei euren Fotoshootings Spaß habt. Auf einem Promofoto sieht man euch mit Kürbisköpfen, was mich spontan zur nächsten Frage führt: Wo seid ihr an Halloween?
John: Der Promo-Shoot war wie das Video ziemlich improvisiert. Jason war nicht anwesend, weshalb jemand die Idee mit den Kürbissen vor dem Gesicht einbrachte. Ein Statist ersetzt Jason also auf dem Bild. Letztes Halloween habe ich mich, glaube ich, ganz schön abgeschossen. Ohne das jetzt an dieser Stelle genauer ausführen zu wollen (lacht.) Jason: Dieses Jahr werden wir an Halloween sicher auf irgendeiner coolen Hausparty sein. John: Wir fliegen einen Tag vorher zurück nach Portland. Die Partys auf Tour in Deutschland werden wir wahrscheinlich schon ein wenig vermissen.
Werden du, Wes und Zach in absehbarer Zeit mal wieder nach Alaska fliegen?
John: Wahrscheinlich nicht in den nächsten Monaten. Wir haben eine weitere Ostküstentour in den Staaten vor uns. Wir wollen aber unbedingt wieder zurück nach Alaska und dort spielen. Es ergab sich bislang einfach nicht die Möglichkeit. Wenn man ununterbrochen auf Tour ist, kann man nicht ein oder auch fünf Gigs in Alaska dazwischen schieben.
Vermisst du deine Heimat also sehr?
John: Definitiv. Ich wünschte, ich könnte in Alaska leben und dort auf Tour gehen. Aber das ist leider unrealistisch.
Ihr seid demnach nicht etwa geflohen, als ihr nach Portland gegangen seid.
John: Nein, gar nicht. Wir spielen auch nach wie vor Konzerte in Alaska. Jason: Ich würde gerne noch sagen, wie froh wir alle sind, wie gut es für uns in Europa läuft. John: Wir haben Deutschland, Österreich und die Schweiz betourt. Natürlich würden wir demnächst auch gerne den Rest von Europa kennen lernen. Jason: Ja, denn in den USA haben wir langsam, aber sicher in allen größeren Orten gespielt. Wir fangen dort schon an, uns im Kreis zu drehen. Es wird fast ein wenig langweilig. Hier in Europa bietet sich uns eine neue Szenerie, neue Leute.
Das Catering ist in den USA wahrscheinlich auch ziemlich schlecht.
John: Das stimmt. Hier ist das Essen im Vergleich dazu wirklich fantastisch. Überhaupt die Tatsache, dass man uns hier das Essen stellt. Zuhause in den Staaten verdienen wir auf Tour gerade genug, um uns das Benzin für die Fahrt zum nächsten Konzert leisten zu können. Das Essen müssen wir aus eigener Tasche bezahlen. Wir verschulden uns teilweise sogar, weil das Benzin so teuer ist und die Tour-Einnahmen das nicht ausgleichen. Wir stehen manchmal kurz davor, vertragsbrüchig zu werden, weil das Benzingeld ausgegangen ist. It's fucked up.
Dann kommt schnell zurück nach Deutschland.
John: Das werden wir. Sobald wie möglich.
Was dürfen wir von der Show nachher erwarten?
John: Es wird wohl ziemlich laut werden. Jason: Es wird eine Stunde lauten Rock'n'Roll geben, denke ich. John: Live sind wir ziemlich Rock'n'Roll. Das Album hat auch seine Momente, aber live gibt es größere Improvisationsanteile.
Ich bin gespannt. Vielen Dank für das Interview.
Satanic Satanist (2009), Censored Colors (2008)
Arty Design, das wohl nicht ganz zufällig an den Zeichenstil der Blood Brothers erinnert.
http://www.portugaltheman.net
US-Label der Band mit Desktops, Bio und allem, was man sonst so erwarten darf.
http://www.fearlessrecords.com
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