laut.de-Kritik

Über allem liegt ein Schatten, wenn der Mond sich vor die Sonne schiebt.

Review von

Die Sonnenfinsternis: ein astronomisches Ereignis, bei dem der Mond die Sonne verdeckt. In der Geschichte oft als Gefahr, als böses Omen, als ein Zeichen von göttlicher Macht gefürchtet. Weltuntergangsstimmung.

Die Sonnenkorona auf dem Cover von "Battle for the Sun" metaphorisiert die Stimmung der neuen Placebo-Platte eigentlich ganz gut. Die Sonne steht hier für die optimistischere Stimmung, die diesmal vielen Songs innewohnt, das Glück, den Sommer. Und doch liegt über allem ein Schatten, der Mond, der sich mit lakonischer Melancholie, meist in Gestalt von Brian Molkos Stimme, vor die Sonne schiebt. Die Herbstdepression. Oder zumindest ein paar depressive Symptome.

Es gibt immer noch diese Stücke, zu denen Placebo eigentlich das Rezept für Antidepressiva gleich im Booklet mitliefern sollten – es sind einzelne Lieder, die eine bisher ungehörte Hoffnung versprühen. Hört man beispielsweise die beiden Vorboten des neuen Albums – ein Unterschied fast wie Tag und Nacht.

Im namensgebenden Track "Battle for the Sun" unterstreichen schleppende Gitarren und repetetiver Gesang die schwere Stimmung des Tracks, der sich fortlaufend steigert um am Ende in einem furiosen Finale zu explodieren und zu einem der eindrucksvollsten Lieder zu werden, den die Band bis dato veröffentlicht hat.

Die erste Single dagegen, "For what it's worth" erinnert vielleicht eher an die früheren Placebo: Eine Uptempo-Nummer, die immerzu von einem dynamischen Bass angetrieben wird. Geht schnell ins Ohr, bleibt dann aber auch ein recht oberflächlicher Hit. Und kann man dank Dauerrotation auf dem Radiosender seines Vertrauens schon langsam nicht mehr hören.

Könnte sein, dass der neue Optimismus die musikalische Verarbeitung der Auflösung alter Bandstrukturen darstellt: Im Oktober vorletzten Jahres verließ der Schlagzeuger Steve Hewitt die Band, weil sie sich nach all den Jahren "auseinander gelebt hatten," wie Frontmann Molko damals erklärte. Heute wird er im Interview auf der beiliegenden DVD nicht müde zu betonen, wie schwer die Zeit während und nach der "Meds"-Tour für die Band war.

Mit dem 22-jährigen Kalifornier Steve Forrest sitzt nun also ein deutlich jüngerer Nachfolger hinterm Schlagzeug, dessen Punkband Evaline bereits 2006 im Vorprogramm von Placebo im Rahmen ihrer US-Tour spielte. Ein ganz gezielter Schachzug, wie Molko verrät: Forrest sollte zur Verjüngung, zu einem neuen Enthusiasmus der Band beitragen.

Und die personelle Veränderung am Schlagzeug ist deutlich zu hören: Während sich Vorgänger Hewitt eher dezent zurückhielt und sein Schlagzeug-Spiel dem Song hinten anstellte, haut der Neue ordentlich auf die Felle und verleiht dem Sound einen neuen Druck. Das ist vorallem deswegen schade, weil meist in voller Bandbreite gerockt wird und man die leisen, detailliert arrangierten Stücke wie "Follow the Cops back home" und "Commercial for Levi" eher vergebens sucht.

Ähnlich wie die erste Single ist auch "Ashtray Heart", das so heißt wie der Captain Beefheart-Song, nachdem sich Molko und Bassist Olsdal benannten, bevor sie sich eben Placebo umtauften, eher ein Radio-Hit, dessen Mitsing-Refrain nicht so recht zu den Briten passen will. Viel lieber nimmt man da neue Einflüsse und genrefremde Elemente in einem Lied wie "Julien" in Kauf, der mit einem Beat beginnt, der auch auf die Tanzfläche passen würde, und zu einem der Highlights dieses Albums zählt.

Ansonsten ist auf "Battle for the Sun" wohl für jeden was dabei - vorherige Alben der Band wirkten in sich schlüssiger. Fest steht, dass diese Vielschichtigkeit beabsichtigt war, erklärt doch Molko, dass er nach dem "ziemlich dunkeln" Meds diesmal ein buntes, "farbenfrohes" Album wollte.

Wem Placebo schon immer zu düster waren, dem wird das freundlichere Gemüt wohl auch nicht helfen – zu melancholisch immer noch der Gesamteindruck der Band. Für Freunde der Melancholie ist "Battle for the Sun" aber ein gelungenes Album. Und wer schon mit einem Fuß am Strand liegt, kann die Platte auch getrost ins Regal stellen und erst im Oktober wieder auflegen – und dieses Jahr vielleicht einen etwas fröhlicheren Herbst erleben.

Trackliste

  1. 1. Kitty Litter
  2. 2. Ashtray Heart
  3. 3. Battle For The Sun
  4. 4. For What It's Worth
  5. 5. Devil In The Details
  6. 6. Bright Lights
  7. 7. Speak In Tongues
  8. 8. The Never-Ending Why
  9. 9. Julien
  10. 10. Happy You're Gone
  11. 11. Breathe Underwater
  12. 12. Come Undone
  13. 13. Kings Of Medicine

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136 Kommentare

  • Vor 8 Jahren

    hmmmmm,

    es ist definitiv ein gutes album.

    wenn ich die vorgänger-alben nicht kennen würde wär ich wohl begeistert.

    aber leider ist dies eindeutig das schlechtestes und in sich unschlüssigste album von placebo. hatte bei sleeping with ghosts schon befürchtet dass brian usw ihren höhepunkt erreicht hatten... bis mich meds eines besseren belehrte.

    es gibt ganz klar höhepunkte (kitty litter, battle for the sun, the never ending why oder king of medicine), aber leider fehlen die großartigen langsamen stücke, die bisher auf jedem der vorgänger alben vertreten waren. man kann nur hoffen, dass sich die jungs auf ihre alten tugenden besinnen und wieder ein meisterwerk wie without you, black market oder meds hervorbringen. hätte nie geglaubt, dass ich jemals so etwas sagen würde, aber leider sind 3/5 punkte gerächtfertigt.

    bin aber überzeugt dass das nächste album besser wird (auch mit neuem drummer)

    p.s. wie peinlich ist bitte der refrain von ashtray heart!!!!!! hätte von oasis oder the streets kommen können (da hätte er sogar gepasst) aber vom placebo!?!?!?!?!?!?!?! traurig...

  • Vor 8 Jahren

    @Creep11 (« hmmmmm,

    es ist definitiv ein gutes album.

    wenn ich die vorgänger-alben nicht kennen würde wär ich wohl begeistert.

    aber leider ist dies eindeutig das schlechtestes und in sich unschlüssigste album von placebo. hatte bei sleeping with ghosts schon befürchtet dass brian usw ihren höhepunkt erreicht hatten... bis mich meds eines besseren belehrte.

    es gibt ganz klar höhepunkte (kitty litter, battle for the sun, the never ending why oder king of medicine), aber leider fehlen die großartigen langsamen stücke, die bisher auf jedem der vorgänger alben vertreten waren. man kann nur hoffen, dass sich die jungs auf ihre alten tugenden besinnen und wieder ein meisterwerk wie without you, black market oder meds hervorbringen. hätte nie geglaubt, dass ich jemals so etwas sagen würde, aber leider sind 3/5 punkte gerächtfertigt.

    bin aber überzeugt dass das nächste album besser wird (auch mit neuem drummer)

    p.s. wie peinlich ist bitte der refrain von ashtray heart!!!!!! hätte von oasis oder the streets kommen können (da hätte er sogar gepasst) aber vom placebo!?!?!?!?!?!?!?! traurig... »):

    Also ich persönlich fande die Meds ja besser als die Sleeping with Ghosts

  • Vor 7 Jahren

    Klasse Album. Ich kam mit "Meds" absolut nicht klar; "Sleeping with Ghosts" habe ich gerne gehört. Aber dieses sehr "optimistische" Album ist noch ne Ecke besser...hier habe ich schnell die Songs innegehabt, was bei "Sleeping with Ghosts" ewig dauerte. Aber das Albumcover ist wirklich nichts besonderes, passt aber tatsächlich zur Tracklist.