laut.de-Kritik

Besser viel zu spät als nie!

Review von

Ein quasi frisch erschienenes Album von einer Crew, deren Namen kaum eine Sau jemals gehört hat, findet Eingang in die ehrwürdige Meilenstein-Rubrik? InI, wer zum Henker soll das sein? Was ist hier überhaupt los?

Bevor sich in der Kommentarspalte die halbe Welt gleich wieder an den Rand eines Herzkaspers jappst: Lasst den Blick bitte doch erst einmal in Richtung der Produzenten-Credits schweifen. "Center Of Attention" (das ursprünglich nicht nicht einmal so hätte heißen sollen), geht auf das Konto von Pete Rock. Dessen Name wiederum lässt eine dermaßen große Glocke klingeln, dass die eigentliche Frage korrekterweise lauten müsste: Wieso kriegt der seinen Meilenstein erst jetzt?

Den Anlass, der kaum freudiger ausfallen könnte, liefern die Archäologen im Hause Vinyl Digital: Dort haben sie, über zwei Jahrzehnte, nachdem "Center Of Attention" aufgenommen wurde, die strittige Rechtefrage geklärt bekommen und einem der - aus guten Gründen - meist-gebootleggten Alben der Hip Hop-Historie endlich die über-überfällige offizielle Veröffentlichung beschert, die es verdient hat.

Wäre diese Platte erschienen wie geplant, gut möglich, dass der Name InI heute in einem Atemzug mit Gang Starr, A Tribe Called Quest oder Masta Ace fiele. "Center Of Attention" gälte als Golden Era-Klassiker, mindestens von "Moment Of Truth"-, "Midnight Marauders"- oder "Sittin' On Chrome"-Kaliber. Hätte, wäre, wenn: Wie so oft, scherte sich der Lauf der Welt um Pläne einen feuchten Scheiß.

"Brothers, just be patient til my shit drops." Wie viel Geduld nötig sein, wie lange es tatsächlich dauern sollte, bis InI die geforderten "Props" einstreichen dürfen, konnte zu diesem Zeitpunkt niemand ahnen. "1995 est ici et c'est notre année", tönt es frohgemut aus "What You Say". Rob-O, Pete Rocks jüngerer Bruder Grap Luva, Ras G, Marco Polo und DJ Boodakhan haben ja auch jeden Grund, optimistisch in die Zukunft zu blicken: Ihr Debüt-Album ist fertig und es ist super geworden, erscheinen soll es bei Pete Rocks frisch gegründetem Label Soul Brother Records.

Jener steuert, obwohl kein festes Mitglied von InI, neben zwei Versen, etlichen Hooks und Adlibs die komplette Produktion bei. Pete Rock strickt der Crew seines kleinen Bruders aus unzähligen Soul- und Funk-Samples, dem einen oder anderen Afrobeat, immer wieder eingesprengseltem Reggae und perfekt eingepassten Basslinien genau das wundervoll melodische Soundgewand, das die genau so entspannten Lyrics bestens zur Geltung bringt.

Selbige rechnen zwar durchaus entschieden, wenn auch ohne Namen zu nennen (das wäre ja stillos), mit denen ab, die InI als "sucker" und/oder "fake MCs" ausgemacht haben und denen sie entsprechend jede Anerkennung verweigern. In erster Linie geht es der Crew, allen voran Rob-O und Grap Luva, aber um friedliches, respektvolles Miteinander, um "Mind Over Matter".

Zu conscious wohl für Elektra, mit denen Soul Brother Records vertraglich verstrickt sind. In einer Zeit, da der Eastcoast-Westcoast-Konflikt seine blutigsten Blüten treibt, stehen die Aktien für durchdachte Sanftmut ganz offensichtlich denkbar schlecht.

Obwohl die Vorab-Single mehr als ordentlich läuft, lassen Elektra den Vertriebsdeal platzen. "Fakin' Jax" bleibt (abgesehen von seiner B-Seite "Props") der einzige Track, der offiziell erscheint und entwickelt sich über die Jahre zum Untergrund-Hit. Notgedrungen: Das zugehörige Album verschwindet im Archiv, und seine Urheber gleich mit.

Von InI spricht niemand (mehr), die Mitglieder gehen bald getrennte Wege. Grap Luva, den die meisten für den Drahtzieher der Truppe gehalten haben, veröffentlicht zwar noch etliche 12"es, produziert ein wenig und absolviert diverse Gastauftritte, unter anderem bei Marley Marl oder den Lone Catalysts.

Das tatsächliche Mastermind der Crew, Rob-O, "the captain of the platinum voice of top choice", veröffentlicht 2006 immerhin noch ein Solo-Album, dessen Titel ihn als den "Rhyme Pro" ausweist, der in ihm steckt. Das wars dann aber auch schon. Ganz offensichtlich hat der mehr als holprige Auftakt InI den Wind aus den Segeln genommen.

Um die Master zu "Center Of Attention", dem InI ursprünglich den Titel "The Life I Live" zugedacht hatten, entbrennt schier endloser Hickhack. Erst 2003 findet das Werk seinen Weg an die Öffentlichkeit - zusammen mit dem ebenfalls von Pete Rock produzierten, ebenfalls für Soul Brother Records vorgesehen, ebenfalls in den Wirren der Zuständigkeiten untergegangenen (und nun ebenfalls von Vinyl Digital frisch exhumierten) Longplayer "The Original Baby Pa" von Deda, als Doppelpackung namens "Lost & Found: Hip Hop Underground Soul Classics".

Pete Rock gibt allerdings drei Jahre später in einem Interview zu Protokoll, diese Veröffentlichung niemals abgesegnet zu haben - wie auch keine der anderen kursierenden Fassungen, derer Discogs mindestens sieben verschiedene auf Vinyl und zwei im CD-Format listet. Bis jetzt. Die Neu-, eigentlich ja Erst-Veröffentlichung verkündete The Real Pete Rock im Frühjahr höchstselbst:

Digital jetzt schon eine ganze Weile, seit wenigen Tagen auch auf Doppelvinyl erhältlich, offenbart "Center Of Attention" nun hoffentlich nicht nur den Perlentauchern unter den Cratediggern, warum es genau da hingehört: ins Zentrum der Aufmerksamkeit, "in the spotlight". "It's time für InI to make noise." Besser spät als nie.

Die smoothen, unaufgeregten Flows der Herren am Mic, in "To Each His Own" zusätzlich assistiert von den Gästen Large Professor und Q-Tip, wären, wenn auch aus heutiger Sicht schon ein wenig angestaubt, allein schon hörenswert. Eingebettet in Pete Rocks warmen, freundlichen Markenzeichen-Sound entfaltet sich der Zauber, dem sich dem Soul zugetane Herzen ohnehin nicht entziehen können, von ganz alleine.

Fährtensucher begegnen auf "Center Of Attention" den Spuren von James Brown und Afrobeat-Legende Fela Kuti, Bob Marley und dem Keyboard-King vom Studio 1, Jackie Mittoo, Altmeister David Axelrod, Little Feet, Soft Machine, Kenny Burrell, David T. Walker, Monty Alexander, Harold Melvin und dessen Blue Notes, Gott und der Welt und wer sonst noch alles Sample-taugliches Material im Angebot führt. Check it out: "Don't You Love It"?

Cal Tjaders melodiös klimpernden, groovy Easy Listening-Jazz macht sich Pete Rock gleich an zwei Stellen zunutze: als Basis sowohl für "To Each His Own" als auch für "No More Words". Dort borg'ich mir auch gleich das Schlusswort: "There's no more words, so respect, kid."

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Intro
  2. 2. No More Words
  3. 3. Step Up
  4. 4. Think Twice
  5. 5. Square One
  6. 6. The Life I Live
  7. 7. KrossRoads
  8. 8. To Each His Own
  9. 9. Fakin' Jax
  10. 10. What You Say
  11. 11. Props
  12. 12. Center Of Attention
  13. 13. Grown Man Sport
  14. 14. Mind Over Matter
  15. 15. Don't You Love It
  16. 16. Microphonist Wanderlust

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4 Kommentare

  • Vor 4 Monaten

    Feinster Hip Hop. Volle 5 Sterne!!!

  • Vor 4 Monaten

    Dieser Kommentar wurde vor 4 Monaten durch den Autor entfernt.

  • Vor 4 Monaten

    Wunderbar ausgesuchter Meilenstein eines wirklich runden golden era tapes. "Step up" mit seinen warmen Harmonien und das kopfnickbrechende "Think twice" oder "Don't you love it" mit seinem knackscharfen Drums zum funky Vocalsound sorgen für unnachahmliche Atmosphäre, dazu die punktgenauen Rapeinsätze mit Flow und Vibe. Das atmet die verquarzten Luftströme der 90er Hochhausbezirke und Parkanlagen
    Eigentlich könnte man über jeden Song ein Loblied schreiben

    Nicht unerwähnt soll das Deda-Album bleiben, hier legt Pete sogar noch einiges drauf ("Too Close", den ich in einem Atemzug mit den ganz großen Songs dieser Zeit nenne)

    btw Ich habe mir Lost&Found 2004 ganz normal als Doppel-CD über Amazon (kein Import) gekauft. Wusste gar nicht dass das so ein heiliger Gral sein soll