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Eine seltsame Anekdote umrankte die Veröffentlichung von "Disco 4": Blur-Sänger Damon Albarn soll dem allseits geliebten Popduo Neil Tennant/Chris Lowe für vorliegende Veröffentlichung, immerhin die renommierteste Seniorentanzreihe, untersagt haben, den '94er PSB-Remix von "Girls & Boys" zu verwenden. Grund: Der Blur-Song klinge im Remix wie ein Pet Shop Boys-Song.
Die Begründung ist so schwach, dass man sie dem eigentlich hellwachen Geist und Songwriter Albarn gar nicht zuschreiben möchte. Denn eines war ja wohl schon 1994 so klar wie das "Go West" im Stadionrund: Pet Shop Boys-Remixes klingen immer wie Pet Shop Boys-Songs. Nur eben mit deutlich mehr beats per minute. Zu allem Überfluss soll Albarn dem guten Tennant noch dessen frühere Sympathie für Oasis übel genommen haben ...
Trotzdem: Das Fehlen von Blurs früher Hymne "Girls & Boys" bleibt ein Makel, nicht nur weil die PSB-Version seinerzeit bald bekannter war als das Original, sondern weil sie aus historischer Sicht eine der ersten Auftragsarbeiten für andere Bands überhaupt darstellte. Zwei Jahre nach "Girls & Boys" klopfte immerhin schon David Bowie an, der sein "Hello Spaceboy" anbot, wenngleich er zu jenem Zeitpunkt seiner Karriere wohl auch Jazz- oder Metal-Remixes abgesegnet hätte.
Bei den Pet Shop Boys sollte Bowie jedenfalls gewusst haben, was er bekommt: The 80s are just one click away! Imaginärer Werbespruch: Das Tanzfabrik-Unternehmen Tennant/Lowe garantiert ihnen eine zeitnahe wie lupenreine Four-to-the-Floor-Umsetzung ihres Originals mit reichlich House-Flächen und schön bollerigen Italo Disco-Sounds from the Bobby O. days mit maximaler Reichweite, Disco-Garantie und zur Steigerung des eigenen Brandings. Auf Wunsch singt Neil Tennant auch persönlich.
Bei Bowie endet die Auftragsarbeit damit, dass aus einem eher mittelmäßigen Song ein mittelmäßiger Remix wird, bei Frau Ono kann ich das leider nicht beurteilen, sehr wahrscheinlich ist hier der Remix besser. Die satten Oktavbässe vermögen aber auch auf Dauer nicht Onos an Klaus Nomi gemahnendes Kieksen dem Tanzboden gleichzumachen.
Stilgerecht eröffnet dagegen die Roland-808 den mächtigen Madonna-Remix zum reinen Refrain-Song "Sorry", der die Boys mit dem nicht ganz unerheblichen Problem konfrontierte, dass das Ausgangsmaterial aus den Händen von Stuart Price selbst schon im besten 12"-Format bouncte. Doch wie sagte Chris Lowe vor einem Jahr: "Hung Up" wäre eine noch größere Herausforderung gewesen.
Dass die Remixformel der Pet Shop Boys vor Nichts und Niemandem Halt macht, durften 2004 auch Rammstein erfahren. Der Unterhaltungswert von "Mein Teil" mag sich im Vergleich etwas schneller abnutzen, Charme hat ein Pet Shop Boys-Song mit der Zeile "Etwas Kulturrrr muss sein" in jedem Fall. Und der Remixtitel liefert gleich noch eine güldne PSB-Weisheit mit: "There Are No Guitars On This Mix".
"Integral" zielt mehr noch als das Original auf Massentechno-Events, "I'm With Stupid" ist eine Verbeugung vor der eigenen Vergangenheit und das Killers-Stück "Read My Mind" fügt sich den Trademark-Beats der Briten ebenfalls nahtlos an.
Menschen, die sich beim auf "Disco 3" rausgeklopften "I'm In Love With A Married Man" die Tränen aus dem Gesicht wischen mussten, dürfen heuer bei Atomizers "Hooked On Radiation" austicken: Der BPM-Zeiger dreht sich im Stile von Dead Or Alives "You Spin Me Round (Like a Record)" und selbst der Gesang erinnert an Pete Burns. Fürwahr: Ein Album, das "Disco" heißt, braucht exakt solch ein Stück.
Dass die PSB-Remixes für die Bloodhound Gang ("Mope") und Robbie Williams ("She's Madonna") unter den Tisch fielen, lässt den jüngsten Teil des ehrwürdigen Diskotheken-Projekts dann überaus versöhnlich ausklingen.
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