So jetzt bin ich mit Tool fertig, und konnte mich den ganzen Tag lang Pearl Jam widmen. Deshalb jetzt die Rezi:
1. Life Wasted
Jau, so muß ein Rocksong sein! Was mir schon mal als erstes auffällt, ist die Produktion. Viel druckvoller und transparenter als auf Riot Act. Da kommt der Song gleich doppelt gut. Mike spielt wirklich tolle Solos, und die Strophenriffs krachen fast metalmäßig. Kraftvoller als alles von Riot Act, super!
9 von 10 Punkten
2. World Wide Suicide
Gefiel mir beim ersten Hören überhaupt nicht, wächst aber mit der Zeit. Dennoch nicht unbedingt überzeugend und für mich klar der Schwachpunkt des Albums. Es ist ein okayer Rocksong, der aber leider mit einem übelst nervigen Refrain gesegnet wurde. Gegenüber dem hammermäßigen Opener verblasst er leider noch mehr.
6 von 10 Punkten
3. Comatose
Ja was ist denn das? So was punkig-rotziges bin ich ja seit Brain of JFK nicht mehr gewohnt! Und diese Hammerproduktion! Ist das wirklich der selbe Adam Kasper, der Riot Act so schwachbrüstig inszeniert hat? Comatose ist für mich ein definitiver Spin the black circle Nachfolger. Meine Güte...
9 von 10 Punkten
4. Severed Hand
Beginnt mit psychedelischen rückwärts abgespielten Echos die in ein rhytmisch sehr vertracktes Riff münden, das ein wenig an Ten erinnert. Und just in dem Moment, als man glaubt, das sich der Song in einem Strophe/Refrain/Strophe-Schema totläuft, wird man mit einem entspannten Zwischenteil in dem Mike (oder Stone?) interessante Feedback-klänge über Eddies Gänsehaut-Vocals streuen, überrascht.
9 von 10 Punkten
5. Marker in the sand
Die Strophen sind ähnlich aufgebaut wie in Severed Hand, allerdings wird man hier von einem unglaublichen Ohrwurm-Refrain verzaubert, bei dem man am liebsten auf die Knie sinken möchte, um Danke zu schreien. Loveboat Captain oder Thin Air sind schöne Songs, aber so einen Ohrwurm haben sie schon lange nicht mehr hinbekommen. Am Ende erklingt eine Hammond-Orgel, die dem ganzen noch einen kleinen epischen Touch gibt. Was für ein Stück!
10 von 10 Punkten
6. Parachutes
Erinnert mich sehr an Neil Youngs "For the turnstiles", vielleicht war´s ja beabsichtigt? Allerdings hat Eddie die bessere Stimme, die dafür sorgt, dass man auch bei dieser schönen Folkballade wieder eine Gänsehaut nach der anderen kriegt. Und die Hammondorgel erklingt auch wieder im Hintergrund. Schön!
9 von 10 Punkten
7. Unemployable
Es gibt so gewisse Songs, bei denen man sich sofort in´s Cabrio schwingen möchte, um auf der Route 66 durch Wüstenlandschaften zu kurven. Ich habe leider weder Cabrio, noch Wüstenlandschaft, aber Unemployable weckt bei mir genau diese Assoziation. Ein melodischer Laid Back Rocker der auch von Tom Petty (Als er noch gut war) sein könnte.
9 von 10 Punkten
8. Big Wave
Sollte wohl ein zweites Comatose werden, aber irgendwie will´s bei mir nicht so richtig zünden. Da sind mir die Riffs einfach nicht überraschend genug, und es ist irgendwie auch weniger Energie und Ohrwurm-Qualität vorhanden als beim Rest des Albums. Ein Song der ins eine Ohr reingeht und vom anderen wieder rauskommt, ohne einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen.
6,5 von 10 Punkten
9. Gone
Das Highlight des Albums, und für mich schon jetzt ein Song, der sich definitiv in die Liste ihrer besten einreiht. Akkustikgitarren verbreiten eine traurige, fast schon depressive Stimmung, zu der auch der erneute Orgeleinsatz beiträgt. Eddie singt wirklich unglaublich. Sein Timbre verursacht absolute Gänsehaut. Und urplötzlich wird diese schwermütige Stimmung aufgebrochen, das Tempo zieht an, und es folgt ein Refrain bei dem regelrecht die Sonne aufgeht. Und in der nächsten Strophe versinkt alles wieder in der gleichen Hoffnungslosigkeit. Der musikalische Ausdruck von "Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt". Wahnsinn!
10 von 10 Punkten
10. Wasted Reprise
Der Refrain von Life Wasted wird noch mal kurz in ruhiger Version wiederholt. Macht im Kontext des Albums Sinn, weil dadurch Stimmung aufgebaut wird. Aufgrund der Kürze aber keine Bewertung.
11. Army Reserve
Die Gitarrenarbeit erinnert etwas an die Red Hot Chili Peppers. Sehr melodisch und zugleich ein wenig psychedelisch. Auch hier fällt wieder die Superproduktion auf. Snaredrum, Hi-Hats, Bass - alles hört man perfekt raus. Guter Song, der gegenüber dem Rest aber etwas verblasst.
8 von 10 Punkten
12. Come Back
Yellow Ledbetter? Fast. Ein geschicktes Selbstzitat leitet eine bluesgetränkte Ballade ein, in der Eddie wieder wie ein junger Gott singt. Auch meine geliebte Orgel fehlt hier nicht. Ein perfekter Rausschmeißer-Song für Partys, wenn man sturzbetrunken in den Armen von irgendeinem Mädel liegt. (Ähem, das hab jetzt nicht ich gesagt

)
8 von 10 Punkten
13. Inside Job
Ein sehr psychedelisches Intro leitet eine traumhafte von Akkustikgitarren und Piano untermalte Ballade ein, die sich bis zum Ende immer mehr steigert. Dieses Lied assoziere ich irgendwie mit einem Anhalter, der in seinen schwarzen Mantel gehüllt am Straßenrand steht, während es in Strömen regnet. Ein wirklich sehr guter Abschluss.
10 von 10 Punkten
Fazit:
Das PJ ein so rockiges und irgendwie sogar poppiges Album veröffentlichen, hätte ich niemals gedacht. Irgendwie hatte ich mich daran gewöhnt, das ein neues Album der Jungs aus Folksongs zum einen, Experimenten zum anderen und nur noch vereinzelten Rocksongs (Save You) besteht. Das heißt nicht, dass ich das schlecht finde. Binaural z.B. liebe ich immer noch sehr, aber es ist halt nun mal kein rockiges sondern ein sehr experimentielles Album. Pearl Jam nicht. Da wird in Life Wasted oder Comatose wieder gerockt wie seit V.S. nicht mehr, werden Marker in the sand und Gone mit absoluten Ohrwurm-Refrains gesegnet, die sofort beim ersten Hören zünden. Geht die Band also Richtung Mainstream? Mitnichten. Das Album ist eher eine Quintessenz ihrer gesamten bisherigen Karriere, weshalb sie es wahrscheinlich auch unbetitelt gelassen haben. Mit geschickten Selbstzitaten kreieren sie hier eine Art "Belohnung" für diejenigen, die den Weg über die Experimente seit Vitalogy mit ihnen mitgegangen sind. Das ist nicht besser als z.B. Binaural, aber eines ihrer schönsten und zugänglichsten Alben seit Yield.
Gesamt: 9 von 10 Punkten