laut.de-Kritik

Opulenter hat der Modfather wohl nie geklungen.

Review von

Einzelnen großen Momenten zum Trotz knüpfte "22 Dreams" vor zwei Jahren nicht an die Brillianz der Vorgängeralben "As Is Now" (2005) und "Illumination" (2002) an. Doch nichts weniger als Vollkommenheit erwartet man nun einmal von Modfather Paul Weller, dem man selbst seine immer bedenklichere optische Nähe zu Kajagoogoo-Sänger Limahl nicht übel nimmt.

"Wake Up The Nation" hätte so schnell eigentlich gar nicht erscheinen dürfen, zumindest fühlte Weller eine Leere nach den abgeschlossenen "22 Dreams"-Aufnahmen. Er hatte einfach alles aus sich herausgeholt, die Akkus waren leer.

Dann starb plötzlich sein Vater, Manager und Mentor John (77) und Weller (51) verließ seine langjährige Lebensgefährtin (39) für eine seiner Backgroundsängerinnen (24); Umstände, die auch einen ausgebrannten Künstler wieder zum Stift greifen lassen. Gemeinsam mit Simon Dine, der schon auf dem Vorgänger-Album als Kompositionspartner fungierte, kanalisierte Weller seine Gefühle in 16 neue Songs, die zum Opulentesten gehören, was der Brite je aufgenommen hat.

In seiner stilistischen Breite an "22 Dreams" anknüpfend, erinnert erneut wenig an Wellers akustische Folk-Phase der eingangs gelobten Alben. Von ruppigem Honky Tonk ("Moonshine") über Weller-typischen, mit Streichern veredelten Midtempo-R'n'B ("No Tears To Cry"), lässigen Style Council-Soulfunk ("Aim High"), Glam ("Up The Dosage") bis hin zu The Jam-artigen Rock'n'Roll-Stompern ("Fast Car / Slow Traffic", "Two Fat Ladies") ist sonst aber so gut wie alles dabei, was man der Mann in seiner über 30-jährigen Karriere je angefasst hat.

Der Vorsatz, wieder aggressiver und giftiger zu klingen, zeichnet erstmals "Fast Car / Slow Traffic" aus, dessen hüpfender Basslauf auf Bruce Foxtons Konto geht, die erste Zusammenarbeit mit dem Jam-Bassisten seit 1982. Und wo Foxton schon mal da war, durfte er neben Bloody Valentine Kevin Shields auch das intuitiv irrlichternde "She Speaks" einspielen.

"Wake Up The Nation" ist ein hektisches, experimentelles Album ohne hörbare Ruhepausen. Wenn Weller die Schlagzahl mal reduziert, lässt er Gitarren aufheulen oder fügt dem Sound sonstige Störgeräusche (Bandschleifen, Piano/Orgeleinlagen) zu. Raum für Persönliches findet sich kaum, vielmehr wendet er sich wieder verstärkt der Gesellschaftskritik zu.

"Get your face out of Facebook", skandiert er etwa im Titeltrack, ohne dabei wie ein hängengebliebener Frührentner zu klingen. Was ihn stört, ist der fehlende Aufstand gegen die Mittelmäßigkeit im Land, sei es in der Politik oder dem weiten Feld der Medien: "I don't know where to escape it or who to believe / I can't find an opinion that ain't on its knees".

Dennoch ist der beste Song intimer Natur: Weller schrieb "Trees", nachdem er seinen Vater im Altersheim besuchte und täglich mit den desillusionierten Gesichtern alter Menschen konfrontiert wurde. Musikalisch ein absolut wahnwitziges Gemisch aus R'n'B, Polka, Gospel, Rock'n'Roll und Piano-Ballade.

Ob der fünffache Vater im angejazzten "Peaces Of A Dream" auf die jüngeren Turbulenzen seines Beziehungslebens anspielt, darf man dagegen nur vermuten: "Like peaces of a dream / All shattered on the screen / Refractured into shapes / Explore this new landscape". Wellers neue Freundin singt hier jedenfalls nicht im Backgroundchor mit.

Trackliste

  1. 1. Moonshine
  2. 2. Wake Up The Nation
  3. 3. No Tears To Cry
  4. 4. Fast Car / Slow Traffic
  5. 5. Andromeda
  6. 6. In Amsterdam
  7. 7. She Speaks
  8. 8. Find The Torch, Burn The Plans
  9. 9. Aim High
  10. 10. Trees
  11. 11. Grasp & Still Connect
  12. 12. Whatever Next
  13. 13. 7 & 3 Is The Strikers Name
  14. 14. Up The Dosage
  15. 15. Pieces Of A Dream
  16. 16. Two Fat Ladies

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