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Oasis haben immer mehr Lärm gemacht als auf ihre Platten passte. Ob Bruderzwist oder Britpop-Konkurrenz - was auch immer die Geschwister Liam und Noel Gallagher brüllten, wurde durch das Megaphon der Medien noch lauter. Und doch gab es eine Zeit, als Oasis nicht bloß großmäulig behaupteten, die beste Band der Welt zu sein, sondern es auch waren.
Mit "Definitely Maybe" veröffentlicht die fünfköpfige Gruppe aus Manchester Ende August 1994 ein Debütalbum, das größenwahnsinnig und großartig genug ist, den Rock'n'Roll-Traum wiederzubeleben, den man später Britpop nennen wird. Während Gitarrenmusik aus den Staaten zu jener Zeit wenig Spaß versteht und große Gesten scheut, legen Oasis ihren Erstnamen The Rain konsequent ab und blicken mit größter Zuversicht Richtung Weltruhm.
Großspurig schafft die junge Band vollendete Tatsachen: "I'm A Rock'n'Roll Star" heißt es im Album-Opener der damals kaum bekannten Gruppe. Oasis reservieren sich einen Platz im Rock-Olymp und stellen dabei auch noch Ansprüche: "Meine Plattensammlung bestand aus den Beatles, Stone Roses, T.Rex und David Bowie", sagte Songwriter Noel Gallagher damals. "Ich mache mir nichts aus beschissenen Extra-Tracks von einem '72er-Bootleg-Album von Pink Floyd. Ich höre lieber zwanzig Mal 'I Am The Walrus'."
Bei aller Ehrerweisung klingt "Definitely Maybe" so frisch, frech und originell, als hätte die Band alles selbst erfunden. Eindrucksvoll speist sich die schroffe Rock-Attitüde aus einem Sound, der immer im Entstehen zu sein scheint. Als würde die Band noch proben, beginnen die Songs mit einem Pfeifen oder Einzählen. Die Instrumente bleiben nicht auf fixe Einsätze beschränkt, sondern wirken fort und fließen ineinander.
Insbesondere im Live-Feeling brillieren die Arrangements. Mit einer glasklaren Melodie, die selbst die Beatles neidisch gemacht hätte, und einem lyrischen Traum vom ewigen Leben verwandelt "Live Forever" eine bloße Pose in blühende Poesie. Den Engländern gelingt damit nicht nur ein Top 10-Hit in den englischen Charts. Die bewusst optimistische Antwort auf Kurt Cobains "I hate myself and I want to die" erweist sich als bester Track der Gruppe und einer der wichtigsten Popsongs aller Zeiten.
Hoch hinaus will "Definitely Maybe" unaufhörlich: "Maybe I just wanna fly" singt Liam Gallagher in "Live Forever". Im nächsten Stück dann "Hey you, up in the sky". Mit einer einmalig hypnotischen Nuancierung treibt Liam die Songs in psychedelische Grenzbereiche, bis die Musik in ein Mantra mündet. "Columbia", das als Instrumental geplant war, knüpft seine traditionelle Rock-Besetzung an ultimative Lyrics und entwickelt einen umwerfenden Groove. Dank der Brickwalling-Technik des Produzenten Owen Morris klingt alles unglaublich laut. Es gibt keine Verzögerung: "It's just full on, all the fuckin' way."
Hit folgt auf Hit. Die erste offizielle Single "Supersonic", die während der Aufnahmen binnen einer halben Stunde geschrieben wurde, überführt weltfremde Poser-Geschichten von Helikoptern und Autogrammen, die der Band kurz darauf zur Last fallen, in eine überragend narkotisierende Komposition. "Cigarrettes & Alcohol" tarnt mit T.Rex-Riff und dreckiger Sex Pistols-Attitüde einen Drogensong als Radio-Kracher.
So eindrucksvoll der Vorhang von "Definitely Maybe" aufging, schließt er sich auch. Mit "Slide Away" präsentieren Oasis eine der stärksten Rock-Balladen der 90er Jahre, ohne sie jemals als Single zu veröffentlichen. Das akustische Stück "Married With Children" beendet das Album klassisch mit dem Abschiedsgruß "Goodnight, I'm going home".
"Definitely Maybe", das in England zum erfolgreichsten Debütalbum aller Zeiten wurde, bescherte der Musikwelt eine ihrer letzten großen Rock'n'Roll-Platten. Dass es Oasis nicht gelang, den Rausch der Genialität auf alle folgenden Alben zu übertragen, ist kein Wunder. Verwunderlich ist vielmehr, dass es mit "(What's The Story) Morning Glory?" im Folgejahr noch einmal geklappt hat.
In der Rubrik "Meilenstein" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.
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