5. September 2017

"Wer braucht unser 13. Album?"

Interview geführt von

Andy McCluskey und Paul Humphreys sind fantastisch gelaunt. Das liegt auch daran, dass es noch früh in der Promophase ist, als wir uns in Berlin zum Gespräch über ihr neues Album "The Punishment Of Luxury" zusammenfinden.

Einige Interviewwochen später übernimmt irgendwann die Routine – am Anfang aber sei es noch eine Herausforderung, Entscheidungen, die das Unterbewusstsein beim Schaffensprozess vorgegeben habe, zu rationalisieren und in Worte zu fassen. Über neue Musik zu sprechen bedeute am Anfang auch immer, etwas über sich selbst zu lernen.

"The Punishment Of Luxury" ist das dreizehnte Studioalbum der legendären britischen Synth-Popper – und das dritte nach ihrer Wiedervereinigung im Jahr 2006. Es war wichtig, nicht im Signature-Sound von Orchestral Manoeuvres In The Dark, kurz OMD, stecken zu bleiben. Das, erzählen die beiden, sei nämlich die Prämisse für die Wiedervereinigung gewesen: Nicht zum Best-Of-Act oder zum reinen Pfleger des eigenen Backkatalogs zu verkommen.

Deshalb freut es die beiden Gentlemen auch noch sichtlich, wenn sie mit ihrer neuen Musik den einen oder anderen eingefleischten Fan ein wenig schockieren oder irritieren können – so geschehen bei der eigenen Plattenfirma. Zu Beginn des wirklich äußerst unterhaltsamen Gesprächs philosophieren die beiden zunächst über die Interview-Situation.

Paul Humphreys: Man denkt ja nicht über die eigenen Beweggründe nach, wenn man gerade ein Album aufnimmt. Es ist eher so, das man später überlegt: Warum haben wir das getan?

Andy McClusky: Das stimmt, der kreative Prozess läuft oft unterbewusst ab. Man zieht Ideen aus sich raus, sieht sie an und denkt sich: "Oh, das ist es also, was ich fühle und denke!" Aber dann fragt dich jemand, warum man diesen Song geschrieben hat. Weil ich dachte, es sei eine gute Idee? Das liest sich natürlich nicht besonders gut. Daher denkst du: "Okay, es wird mir jemand Fragen über diesen unterbewussten Prozess stellen. Ich überlege mir also besser ein paar Antworten! Verbal legitimieren, was ein abstrakter Gedanke war. Das ist es, was wir oft tun müssen (lacht)

Paul Humphreys: Oder es ist einfach ein Instinkt. Große Musiker sind oft ja sehr intuitiv.

Ihr lernt also beim Reden mehr über das, was ihr getan habt.

Andy: Ja und über das, was man gedacht hat. Wenn ich dir einen Song wirklich mit Worten beschreiben könnte, dann gäbe es doch keinen Grund mehr, ihn zu hören! Das Ding an Musik ist ja, dass es dir etwas gibt, was dir andere Dinge nicht geben können. Deshalb ist es schon ein sehr eigenartiger Prozess, über Songs zu sprechen.

Könnt ihr das genießen – Songs zu analysieren?

Paul: Es ist interessant. Wenn wir darüber reden, lernen wir ja auch was.

Andy: Es ist ein interessanter Teil der Reise, es ist ja Teil eines neuen Albums. Die Frage, warum wir unsere Band so genannt haben, gut, die haben wir tausende Male beantwortet. Warum habt ihr aber einen Song namens "Art Eats Art" geschrieben, die Frage ist interessant, weil sie neu ist.

"The Punishment of Luxury" ist nicht nur der Titel eures Albums sondern auch der eines Gemäldes.

Andy: Wir haben den Titel eines Gemäldes geborgt, das in der Walker Art Gallery in Liverpool hängt. Es ist ein misogynes Gemälde von schlechten Müttern, die im Fegefeuer sind, weil sie nicht die Art von Mütter waren, die sich die Viktorianer zu dieser Zeit vorgestellt haben. Frauen, die etwas anderes wollten, als ausschließlich Mutter oder Ehefrau zu sein. Ich bin mit einer Liebe zu Gemälden aufgewachsen, wollte immer Kunst und Skulpturen machen. Es gibt auf dem Album fünf oder sechs Referenzen zu Kunst. Es formt mein Gedankenmuster, es inspiriert mich. Wir haben den Titel genommen und ihm eine andere Bedeutung gegeben.

In der westlichen Welt geht es den meisten Menschen vom materiellen Standpunkt her so gut wie noch nie. Gleichzeitig sind sie aber unglücklicher als je zuvor, weil sie Jahrzehnte lang von Marketingmenschen eingehämmert bekommen haben, dass sie dies und das unbedingt brauchen, einen größeren TV, deine Sneakers sind alt, deine Freunde werden dich nicht mögen, weil dein Auto nicht neu genug ist, deine Frau ist nicht schön genug. Es gibt einfach eine Überkapazität an Produktion und man versucht, dir Sachen anzudrehen, die du gar nicht brauchst. Und wir glauben das mittlerweile, genau so wie die Menschen an Religion glauben, an den König oder die Königin. Nun glauben die Leute also, dass sie es nicht wert sind, geliebt zu werden, wenn sie nicht jene Scheiße besitzen, die sie in Wirklichkeit gar nicht brauchen. Und das ist "The Punishment of Luxury".

Wenn ihr die Produktion dieser Platte mit der letzten vergleicht – die ja gegen Ende hin ziemlich intensiv gewesen sein soll ...

Paul: Oh, es ist immer intensiv. (lacht)

Andy: Furchterregend intensiv sogar, das ist immer das Härteste.

Diesmal auch?

Andy: Weißt du, wenn man etwas macht, das noch in den Kinderschuhen steckt, hast du noch diese wundervollen Konzepte. Du projizierst, was es sein wird. Du stellst dir das fertige Produkt vor, wenn alles noch in Skizzenform ist. Wenn du dann aber sagst, so jetzt ist es fertig, dann kriegt man Panik und fragt sich: Ist es wirklich fertig? Soll es wirklich so klingen? Vielleicht kannst du es auch gar nicht mehr hören, weil du das letzte Jahr täglich zehn Stunden die Lieder gehört hast, ich weiß es nicht. Es wird einfach irgendwie beängstigend.

Paul: Man muss einen Punkt erreichen, an dem man loslässt.

Und das ist schwer für euch?

Andy: Ganz schrecklich sogar!

Paul: Für ihn noch viel mehr als für mich.

Andy: Ich bin ganz schlimm. Paul ist objektiver. Deswegen mixt er die Sachen. Mein Mixverständnis lautet eher: Ist es so laut wie alles andere? (lacht)

"Deswegen auch die gescheiterten Ehen!"

Wann könnt ihr euch das Album anhören?

Andy: Jahre später!

Paul: Wir haben es uns noch gar nicht wirklich angehört, seit es fertig ist. Das Ding mit Orchestral Manoeuvres In The Dark ist ja: Wir haben einen großen Backkatalog, aber immer noch viele Ideen. Wir möchten die Band immer noch nach vorne treiben. Als wir 2006 wieder zusammengefunden haben war es toll, all die alten Sachen durchzuforsten. Schnell haben wir uns aber gefragt: Ist es das? Werden wir eine Persiflage unserer selbst?

Andy: Oder eine Tribute-Band?

Paul: Wir beschlossen also, dass wir als OMD auch neue Alben aufnehmen müssen. Nächste Frage: Haben wir Ideen? Es stellte sich heraus, dass wir welche hatten. Wir machten "History of Modern“ und "English Electric", worauf wir sehr stolz sind. Die neue Platte muss nun mindestens so gut werden wie "English Electric". Wir wollten uns einfach die Messlatte hochlegen. Das hat zum Druck natürlich beigetragen.

Andy: Es kann schon schwierig sein: Wenn du ein gewisses Alter erreicht und so viele Alben aufgenommen hast, ist es manchmal schwer, neue Ideen zu finden. Menschen sind auch sehr gut in kognitiver Verzerrung, die sie an Dinge glauben lässt, die nicht wirklich wahr sind. In unserem Alter wäre es sehr leicht, uns selbst zu überzeugen, dass wir ein gutes, interessantes Album gemacht haben, weil wir das ja auch glauben wollen ...

Paul: Und in Wirklichkeit wäre es nur eine Branding-Übung.

Andy: Man braucht ein Logo für die T-Shirts nächstes Jahr. Das ist schon schwer, wenn man lange etwas macht. Das ist jetzt unser 13. Studioalbum, wer braucht das? Es muss interessant sein. Es muss etwas Neues aufweisen, starke Emotionen.

Und abseits der künstlerischen Erwartungen ist OMD ja auch ein großer Name.

Andy: Ja, und da haben die Leute natürlich ihre Erwartungen.

Wie befreit man sich von diesen Erwartungen?

Andy: Manche Bands sinken und machen keine neue Platte. Weil sie das Gewicht fühlen.

Andy: Das ist okay, wir sagen ja nicht, dass es schlecht ist, wenn jemand alle vier oder fünf Jahre mit seinen Greatest Hits touren will. Das Publikum hat seinen Spaß, der Künstler wird bejubelt, das ist ja auch in Ordnung. Aber das Ding an OMD war eben, dass wir versuchen wollten, etwas Herausforderndes zu machen. Wir wissen auch, das die Leute sich ärgern würden wenn wir zum Beispiel "Electricity" nicht spielen würden. Das ist okay, diese Songs waren gut zu uns und wir spielen sie gerne.

Paul: Und wir sind stolz drauf.

Andy: Wir sind nicht eine von diesen Bands, die sagt: Wir spielen keine Hits, sondern nur unser neues Album. Und alle anderen dann: Wir gehen jetzt zur Bar! (lacht)

Paul: Es geht um die Balance. Wir umarmen unsere Vergangenheit. Wir sind stolz darauf. Wir haben ja auch schon auf Konzerten nur "Dazzle Ships" gespielt.

Andy: Konzerte, wo wir nichts Neueres spielen als Sachen aus dem Jahr 1983.

Genießt ihr solche Auftritte?

Paul: Ja, und "Dazzle Ships" war ja noch mal eine spezielle Sache. Eine sehr schwere Platte, kantig, ihrer Zeit voraus. Einige der Songs hatten wir nie live gespielt, das war eine interessante Aufgabe, die richtigen Sounds zu finden und sie zu spielen. Wenn man die Stücke dekonstruiert und versucht, wieder zusammenzufügen, lernt man, wo man damals stand. Die Einfachheit, wie wir das Album gemacht haben, war toll. Wir haben uns daran erinnert, dass weniger eben mehr ist, wenn die Komponenten stimmen. Das haben wir auch bei diesem Album zu berücksichtigen versucht. Das Wichtige herauszudestillieren. Wir haben also etwas wieder gelernt, was wir bereits vergessen hatten.

Wann wisst ihr, wenn es wieder Zeit für was Neues ist?

Andy: Wir wissen, dass es Zeit für eine neue Platte ist, wenn wir eine Sammlung an Songs beisammen haben, die es wert ist, von Leuten gehört zu werden.

Paul: Wir haben da große Freiheiten. Wir sind an kein Label gebunden, wir machen ein Album und suchen dann erst ein Label.

Andy: Wir haben diese Platte erst Labels angeboten, als sie ganz fertig war. Es kann uns niemand reinreden, das ist toll.

Paul: Es ist fast wie eine Rückkehr zu unseren Ursprüngen.

Andy: So wie damals, als wir Teenager waren. Einfach verdammt noch mal das tun, worauf man eben Lust hat. Kein Stress.

Keine Deadlines?

Andy: Keine Deadlines zu haben kann ganz schön gefährlich sein. Man fällt da leicht auf den Arsch – man glaubt, man macht etwas ganz Großartiges, weil keiner etwas Gegenteiliges behauptet und in Wirklichkeit ist es Müll (lacht). Es ist gefährlich, weil man sich selbst vertrauen muss. Wir wollen aber auch eine Balance haben. Wir sind älter, wir haben Familie und Kinder. Wir möchten nicht jeden Tag unseres Lebens mit OMD verbringen. Es gibt andere Dinge im Leben. Als wir jung waren, gab es nichts anderes. Das ist sehr egoistisch.

Paul: Deswegen auch die gescheiterten Ehen! (lacht)

Andy: Sprich nur für dich selbst!

Paul: Du bist also nicht geschieden?

Andy: War nicht meine Schuld!

(lautes Gelächter)

Andy: In den 80ern haben wir eine Platte gemacht, sind monatelang auf Tour gegangen und dann kam die Plattenfirma und fragte, wo die neue Platte sei. Jesus Christus, wir hatten nicht mal die Chance eine zu machen!

Paul: Wir sind auch nicht die Band, die im Bus schreiben kann. Wir brauchen unser Studio, unser Equipment. Wir kamen in den 80ern irgendwann an einen Punkt, an dem die ersten zehn Songs, die wir fertig hatten, gleich die neue Platte war. Weil wir nicht mehr Zeit hatten.

Andy: Dieses Album klingt zwar nach OMD, aber wir haben Beats verwendet, die anders sind, abgehackter, eckiger, muskulöser. Das hinzubekommen – und zwar auf eine musikalische und nicht rein experimentelle Art, braucht seine Zeit. Neun von zehn Experimenten scheitern schließlich.

Ihr betreibt also Laborarbeit.

Andy: Ja, sonst bleibst du immer bei einer Formel. Du weißt, dass das funktioniert und drehst dich im Kreis. Vielleicht würden es die Fans sogar noch mehr mögen, wenn man das Rezept nicht verändert – aber wir müssen es eben immer ein wenig variieren.

Fans sind manchmal eben konservativ.

Paul: Manche unserer eingefleischten Fans mögen es sogar, wenn wir sie herausfordern. Unsere Plattenfirma in Griechenland besteht aus zwei Typen, die große Fans sind. Nachdem ich ihnen das Album schickte, antworteten sie zwei Wochen lang nicht. Ich war schon besorgt – dann antworteten sie: "Okay, es hat ein wenig gedauert, bis ich die Platte verstanden habe, aber das ist großartig, besonders weil es mich am Anfang echt verstört hat und ich mich daran gewöhnen musste!"

Was hat sie denn beängstigt?

Paul: Es war eben nicht das, was sie sich erwartet haben. Das ist auch gut so. Wir wollen den Leuten nicht das geben, was sie sich erwarten.

Die neue Platte setzt mehr auf Geräusche.

Andy: Mehr Geräusche, mehr Fragmentierungen (fractions), aber immer noch viel Melodie und Emotion.

Paul: Nach und nach werden die Leute hören, dass es in Wahrheit doch typisch OMD ist. Die Melodien, die Stimmen, die Art, wie wir Songs schreiben.

"Allles außer Kraftwerk, Can und Bowie fanden wir scheiße"

Wie hat sich die Chemie bei euch seit der Reunion verändert? Habt ihr dort begonnen, wo ihr aufgehört habt?

Paul: In manchen Aspekten ist es so wie Fahrrad fahren. Du verlernst es nicht, auch wenn du Jahre nicht gefahren bist. Klar hatten wir anfangs beim Schreiben Bedenken. Schon bald hat sich aber die alte Vertrautheit eingestellt. Wir mussten nichts neu lernen. Was an der Reunion aufregend war: Wir hatten über zehn Jahre nicht miteinander gearbeitet, und in dieser Zeit hat sich die Technologie komplett verändert. Wir hatten also all diese neuen Tools – das war aufregend.

Andy: Wir hätten uns auch dafür entscheiden können, alle paar Jahre auf Tour zu gehen. Die alten Alben stehen ja immer noch gut da, letztes Jahr haben wir in Berlin "Architecture And Morality" und "Dazzle Ships" aufgeführt – eins davon war ein Riesenhit, das andere hätte uns fast die Karriere gekostet. Sie klingen immer noch modern. Trotzdem ist es wie vor dem Spiegel zu stehen und sein dreißig Jahre altes Spiegelbild zu sehen.

Immer nur den Backing-Katalog zu betouren wäre ja auch ein Widerspruch zum Wesenskern eines elektronischen Musikers, der Neues erforschen möchte.

Paul: Ja, es ging immer darum, nach vorne zu kommen, etwas neues zu erforschen.

Andy: Unsere Band ist eine eigenartige Dichotomie. Worauf wir sehr stolz sind: Wir hatten große Hits, die sich millionenfach verkauft haben. Diese Songs waren aber Experimente – und wir waren immer stolz auf diese Experimente. Die Leute mögen denken, oh, die wollten bewusst Hits schreiben, dabei waren wir auf etwas Irrsinniges aus. "Maid Of Orleans", 1982 der meistverkaufte Song in Deutschland, beginnt mit 40 Sekunden Verzerrung, er ist im 3/4-Takt, die Melodieführung übernimmt ein Melotron, das wie eine Katze klingt, die Dudelsack spielt - aber es hat funktioniert!

Paul: Weil die Songs stark waren.

Andy: Es ist ein total seltsamer Popsong, dabei sollte es gar keiner sein. Das finden wir großartig. Das neue Album wird nicht oft im Radio gespielt werden. Wir haben in England auch ein Radioproblem – eigentlich wäre Radio 2 unsere Heimat, die die alten Hits spielen. Die meisten der Songs, die als Single in Frage kämen, sind aber zu weird fürs Radio. Und das in unserem Alter! Radio 1 spielt uns nicht, weil wir zu alt sind. Wenn wir 25 Jahre wären, würde Radio 1 sagen, "Fuck, das ist fresh, neu, modern und melodisch, wir lieben es". Aber weil wir zu alt sind, spielen sie uns nicht.

Formatradios sind ja nicht gerade für ihren Innovationswillen bekannt.

Andy: BBC-Stationen sind in England ja staatlich und können spielen, was sie wollen. Das kommerzielle Stationen nichts riskieren wollen, verstehen wir. Sie spielen Musik wie McDonalds und Budweiser: Sie hat keinen großen Geschmack, aber stört auch nicht. Mich stört es, dass Musik so langweilig geworden ist. Es geht nur noch um Marketingmenschen, die dir Lifestyle-Statements verkaufen wollen – und das Produkt ist leer. Das ist unsere Meinung zur Popmusik, leider.

Wann habt ihr zum letzten Mal etwas entdeckt, das ihr aufregend fandet?

Andy: Hin und wieder gibt es das – aber leider nicht oft.

Paul: Uns gefiel immer schon viel Musik nicht. Als wir begonnen haben, haben wir nur Kraftwerk, Can, Neu!, Bowie, Roxy Music, Eno gehört. Alles andere fanden wir scheiße – schon als Kids. Das hat uns geprägt. Wenn unsere Geschmäcker etwas eklektischer wären, hätten wir OMD wahrscheinlich gar nicht machen können.

Andy: Seit mehr als 40 Jahren überrascht es uns, dass wir überhaupt Platten verkaufen. Weil wir Musik nur für uns machen und unser Musikgeschmack sehr eng ist. Der Grund, warum wir als Duo begonnen haben ist, weil all unsere Freunde fanden, dass unsere Musik völlige Scheiße sei. Sie wollten nichts mit uns machen. Sie mochten Genesis, Eagles, Pink Floyd.

Als wir "Electricity" bei Factory Records rausbrachten, sagte Tony Wilson: "Was ihr macht, ist die Zukunft der Popmusik. Wollt ihr ein Album bei uns machen?". Wir meinten nur: "Nenn uns nie fucking Pop! Wir sind eine experimentelle Band!" Wir wollten keine Popband sein, für uns war das ein schmutziges Wort. Heute sind wir milder geworden, Pop ist kein Schimpfwort. Vielleicht sind wir auch nur alte Männer, die mit dem Irrglauben herumlaufen, man kann etwas machen, das neu und interessant ist, das Persönlichkeit hat und sich trotzdem verkauft. Vielleicht sollten wir Verkäufer sein, die einfach Songs mit großen Melodien verkaufen – Melodien schreiben können wir ja. Damit könnten wir Millionen verkaufen.

Paul: Aber wir sind auch nicht wegen des Geldes da. Nicht mehr. Wir sind keine Multimillionäre, aber auch nicht arm. Wir lieben es einfach.

Martin Gore von Depeche Mode meinte ja, er hätte sich einen Synthesizer gekauft, als er "Electricity" gehört hat.

Andy: Ja, die Depeche-Mode-Jungs hörten "Electriticy" in einem Club und wollten auch so klingen. 1979 war der Song schon drei Jahre alt, wir haben ihn mit sechzehn geschrieben. Das war das erste Keyboard, das Paul hatte.

Ihr habt mit Depeche Mode sowie Wire und Thomas Dolby ja das legendäre Konzert in Pasadena gespielt. Was ist euch besonders in Erinnerung geblieben?

Paul: Das war unglaublich. Das war zu dem Zeitpunkt das größte Konzert, das wir je gespielt haben. 90.000 Leute in der Rose Bowl Arena. Meine Erinnerung ist, dass unser Equipment schlapp machte, als wir auf die Bühne kamen.

Andy: Wir hatten ein technisches Malheur. Die Sache an sich war interessant. Depeche Mode hatten sich einen guten Kurs zurechtgelegt, mit sehr gutem Management und sehr guter Plattenfirma. Sie wurden zu Stadion-Synthmusikern. Nachdem Vince Clarke die Band verließ, fand Martin Gores dunkle Seite Resonanz. Amerika ist so groß, dass dir sogar eine Minderheit wie dunkle, desillusionierte, unglückliche Goth-Kids Millionen verkaufte Alben und ausverkaufte Arenen bescheren können. Depeche Mode sind da reingetappt – und wir haben sie damals begleitet. 90.000 Kids, die nicht REO Speedwagon, Foreigner und Bruce Springsteen wollten, kamen zu uns. Sie wollten etwas anderes. Es war für beide Bands eine großartige Reise – sie machen immer noch Platten, spielen Riesenkonzerte.

Was macht ihr 2018 zum 40. Jubiläum?

Andy: Wir haben uns überlegt, nachdem "Dazzle Ships" so gut ankam, spielen wir ein ganzes Konzert nur abstrakte Töne, keine Keyboards. (lacht). Das, was wir damals mit 15 geschrieben haben, als alle Freunde von uns dachten, wir seien scheiße.

Und das am besten drei Stunden lang!

Andy: Ja! Drei Stunden, abstrakte Ambient-Noise-Musik!

Mit dem Rücken zum Publikum!

Andy: Genau! Wir haben keine Ahnung. Jetzt erscheint erstmal "The Punishment Of Luxury". Irgendwie ist es doch cool, dass wir im Jahr vor unserem 40. Jubiläum etwas machen, das für die Leute immer noch frisch und interessant ist.

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