laut.de-Kritik

Cobain rülpst in Punkrock-Tonqualität.

Review von

Zu Beginn ist man doch ein wenig irritiert: Da läuft der Werbespot einer Agentur, die Popkarrieren plant und durchführt. Man sieht schmierige Typen mit noch schmierigeren Frisuren. Schnitt. Krist Novoselic guckt in schlechter Homevideo-Qualität der frühen Neunziger in die Kamera und kommentier: "I say, kill 'em all!" Richtig, so etwas wie Nirvana passiert, planen kann das Niemand. Nach einem fast fünfminütigen Intro, das mit diversen Live-, Backstage- und sonstigen Touraufnahmen Geschmack auf den Film machen soll, gehts endlich los.

Und der Zuschauer bekommt hier mehr als einen Konzertmitschnitt vorgesetzt. Vielmehr ist "Live! Tonight! Sold Out!" die Zusammenschau von diversen Konzerten auf kleinen Bühnen, in großen Hallen oder bei Festivals. Das Ganze wird ergänzt durch selbst gemachte Videoschnipsel und Interviewausschnitte. Wie wichtig das gesprochene Wort über die wohl wichtigste Band der Neunziger ist, zeigt sich gegen Ende der DVD, wenn zahlreiche dieser Interviewschnipsel zu einem breiigen Mischmasch verfließen. Nirvana kann man nicht mit Worten erklären.

Leider lässt die Bildqualität einiger Livemitschnitte sehr zu wünschen übrig. Der Sound ist hörbar, wenn auch nicht berauschend. Das wäre vertretbar, wenn lediglich die Mitschnitte der frühen und kleinen Shows verhunzt wären, doch auch Auftritte auf großen Bühnen sind oft nur in unzureichender Bildgüte festgehalten. Zudem ist der Film bereits seit 1994 auf VHS erschienen.

Krass ist die Szene, in der ein scheinbar vom Club angestellter Bühnenhelfer Cobains Gitarre ins Gesicht geschlagen bekommt, als dieser versucht, sich nach einem Stagediving-Ausflug von den gierigen Händen des Publikums zu befreien. Der Bühnenhelfer verpasst dem Sänger eine und sofort ist eine kurze, aber derbe Rauferei im Gange. Ansonsten brauchen zartbesaitete Nirvana-Fans nichts befürchten, lediglich am Ende gibt es die Band-typische Zerstörungsorgie.

Gigtechnisch bietet die DVD nicht viel Neues: Krist spielt barfuß, Dave drummt mit nacktem Oberkörper und Kurt wirft sich auf der Bühne herum. Lediglich ein Fernsehauftritt, bei dem sich die drei über die Praxis des Playbacks lustig machen und Kurt in bester Chris Isaak-Manier croont, lässt schmunzeln.

Unter pophistorischen Aspekten hat diese Sammlung von Liveauftritten und Interviewausschnitten durchaus ihre Daseinsberechtigung, in der technischen Umsetzung fehlen auf jeden Fall Hinweise, welchen Auftritt der Zuschauer gerade sieht. Gelungen dagegen sind die Schnitte mitten in einigen Songs zu einem anderen Auftritt. Die Songteile gehen hier relativ fließend ineinander über, obwohl Performance und Sound ganz unterschiedlich sein können.

Etwas verwirrend sind die unterschiedlichen Untertitel zu den Interviewmomenten, die offensichtlich von den originalen Aufzeichnungen stammen. Deutschsprachige Untertitel? Fehlanzeige. So bleibt am Ende das Fazit: Die technische Qualität ist höchstens Punkrock, wer Nirvana im Hochglanzformat möchte, ist hier falsch. Wer allerdings jeden Rülpser von Cobain den Bayreuther Wagner-Festspielen vorzieht, braucht natürlich auch "Live! Tonight! Sold Out!" endlich auf einem zeitgemäßen Format.

Trackliste

  1. 1. Live! Tonight! Sold Out!!
  2. 2. Live In Amsterdam

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